9punkt - Die Debattenrundschau

Deutscher Verursachungsanteil

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.05.2014. Im Schweizer Blick erklärt Joschka Fischer, wie Putin Russland ruiniert. Der Guardian fragt sich, ob die vielen prorussischen Kommentare unter Artikeln zur Ukraine gesteuert sind. In der FAZ rechnet Hans-Ulrich Wehler mit Christopher Clark ab. Der Tagesspiegel erklärt, dass seine Easyjet-Berichte ganz allein  auf seinem Mist gewachsen sind. Ilpost.it fragt: Wer sind die entführten Mädchen in Nigeria und warum wird so wenig über sie berichtet? Der Standard streitet über den Freihandel. Und Thomas Piketty ist überall.

Europa

Nicht nur in deutschen Online-Medien, auch beim Guardian fallen extrem häufige und aggressive prorussische Kommentare zu Artikeln über die Ukraine auf. Die Kommentar-Moderatoren beim Guardian, die über 40.000 Kommentar täglich sichten, machen bestimmte Regelmäßigkeiten aus und vermuten, dass die Kommentare gesteuert sind, schreibt Chris Elliott in der Comment is Free-Sektion des Guardian: "Wir schauen auf den Ton der Posts bestimmter User und auf das Datum, wann sie sich registriert haben, auf die Zeiten, zu denen sie posten und die Themen, zu denen sie posten. Fanatische pro-separatistische Kommentare in gebrochenem Englisch, die so tun, als kämen sie aus westlichen Ländern, sind häufig, und es gibt eine Liste von Wendungen, auf die wir achten."

Ausgerechnet im Schweizer Boulevard-Blatt Blick will Joschka Fischer auf Gerhard Schröder zwar nichts kommen lassen, auf Wladimir Putin aber schon: "Er überschätzt Russland. Russland hat nicht mehr die Fähigkeiten, zurück zur Weltmacht zu kommen, ohne sich umfassend zu modernisieren. Ich sehe diese umfassende Modernisierung nicht. Ich fürchte sogar, dass das Ganze für Russland ein weiterer Rückschlag sein wird wie so oft in der Geschichte. Und dass das russische Volk eine weitere Modernisierungs- und Liberalisierungschance nicht nutzen kann. Insofern ist das ein großer Jammer."

Malte Lehming erinnert im Tagesspiegel an den Holodomor, den Soziozid an den angeblichen Großbauern der Region, der in den aktuellen Debatten über die Ukraine kaum erwähnt wird - und dennoch essenziell ist für das Verständnis der Krise: "Den höchsten Blutzoll zahlte im Winter 1932/33 vor allem die Dorf- und Landbevölkerung im Osten und Süden der damaligen Sowjetrepublik. Anschließend wurden in den entvölkerten Regionen gezielt russische Bauern angesiedelt. Auch diesen Teil der Vergangenheit sollte bedenken, wer über die Gegenwart ein Urteil fällt."
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Internet

Als erster deutscher Mailanbieter hat Posteo einen Transparenzbericht veröffentlicht und gibt Auskunft über staatliche Anfragen nach Daten, berichtet Anna Biselli bei Netzpolitik. Dabei stellt sich heraus: "Veröffentlichung von Auskunftsersuchen ist prinzipiell möglich, solange keine laufenden Ermittlungen in Gefahr gebracht werden. Daten, die über Statistiken hinaus gehen, dürfen jedoch nicht bekannt gegeben werden." 2013, erfahren wir, gab es insgesamt sieben Anfragen bei Posteo. Auch die Telekom will jetzt einen solchen Transparenzbericht veröffentlichen, meldet Biselli in einem zweiten Artikel.

(Via Neunetz) Der amerikanische Philosoph Benjamin Bratton reagiert auf Facebook auf Shoshana Zuboffs Anti-Google-Artikel, den die FAZ im Rahmen ihrer Kampagne gegen den Konzern auch auf Englisch veröffentlichte: "Es gibt buchstäblich eine Million Gründe, um die Geopolitik von Google ins Zentrum der Debatte zu stellen, und zwar unerbittlich. Aber Artikel wie dieser machen die Debatte mit Unkenntnis, schlurigen und ängstlichen Analogien und konventionellen Plattitüden, die sich selbst als 'Mut' etikettieren, nur billig."

Armand Valdes zitiert auf Mashable einen angeblichen Google-Insider, der behauptet, dass Google Netzdienste, die mit Google-Anzeigen zu viel Geld verdienten, im Rang zurückstutzte: "Man sagte uns, dass wir die Konten dieser Dienste einsehen sollten, und wenn ein Dienst mehr als 5.000 Dollar verdient hatte und kurz vor der Ausschüttung stand, sollten wir das Konto sperren..." Valdes' Kommentar: "Wenn diese Anschuldigung stimmt, heißt das, dass Google absichtlich Internet- und Youtube-Diensten Zahlungen vorenthalten hat und die Gewinne selbst einsteckte." Google hat allerdings in aller Form dementiert.

Weitere Internetthemen: Im Tagesspiegel stellt Marie Rövekamp das Programm der heute in Berlin beginnenden Social-Media-Konferenz re:publica vor. Christoph Engemann und Stefan Schulz berichten in der FAZ, dass sich Facebook der amerikanischen Regierung als eine Art Personenstandsregister anbietet: "Aber dürfen wir das einem kommerziellen Unternehmen überlassen?"
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Geschichte

Ziemlich kurios liest sich Hans-Ulrich Wehlers Besprechung von Jörn Leonhards monumentaler WK I-Studie "Die Büchse der Pandora" in der FAZ. Wehler nutzt sie vor allem um mit Chistopher Clarks "Schlafwandlern" abzurechnen: "Durch sein Vorgehen verwischt Clark verblüffend einseitig den massiven deutschen Verursachungsanteil an der fatalen Konstellation, die zum Krieg geführt hat. Dem beschönigenden Kommentar des englischen Politikers Lloyd George aus den zwanziger Jahren, alle Staaten seien letztlich in das Unheil 'hineingeschlittert', wird zielstrebig zu neuer Geltung verholfen." Zu Leonhards Buch sagt Wehler eigentlicht weiter nichts als dass es glänzend sei.
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Medien

Mit harten Bandagen kämpft der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon, eine Mischung zwischen Oskar Lafontaine und Beppe Grillo, der stark über sein Blog kommuniziert, gegen die französische Presse, schreibt Elisabeth Denys im Medienblog Arrêt sur images. Auf seinem Blog hat er dazu aufgerufen, die Journalisten von Le Monde und Libération, deren Berichterstattung ihm nicht gefällt, zu boykottieren und "die Journalisten eng und aufmerksam zu überwachen und, wenn möglich, ihr Verhalten zu filmen, sobald sie irgendwo auftauchen." Le Monde zeigt sich in einem Statement empört und wirft Mélenchon Lügenpropaganda vor.

Markus Hesselmann antwortet auf die Vermutung Stefan Niggemeiers, der Tagesspiegel habe sich für seine ausführlichen Easyjetberichte kaufen lassen: "Unsere Redaktion lässt sich nicht kaufen und wir haben bewusst einen redaktionellen Schwerpunkt produziert. 'Wie Billigflieger und Massentourismus in den vergangenen zehn Jahren Berlin verändert haben', stand auf der Titelseite des gedruckten Tagesspiegels. Das halten wir für ein relevantes Thema in unserer Stadt, das einen solchen Schwerpunkt rechtfertigt." Online hätte das allerdings nicht ganz so seriös ausgesehen, gibt er zu und verspricht auch, "ein ausführliches Stück zur Klimabilanz der Billigfliegerei" nachzureichen.
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Gesellschaft

Hier nochmal Cristiano Ronaldos Tor gegen Valencia.

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Politik

Wer sind die entführten Mädchen in Nigeria, und warum wird so wenig über sie gesprochen?, fragt das italienische Blog ilpost.it, das einige Hintergrundinformationen zusammenträgt und über die bloßen Berichte hinausgeht, dass Boko Haram die Mädchen entführt hat und jetzt verkaufen will. Zum Beispiel erzählt das Blog, wie die Eltern nach den Mädchen suchen und von der Regierung keinerlei Hilfe bekommen: "Angesichts der allgemeinen Desorganisierthiet haben die Eltern das Heft in die Hand genommen. Sie haben Geld gesammelt um Benzin zu kaufen und die Männer sind in die Wälder aufgebrochen, um nach den Mädchen zu suchen. Viele Personen, denen sie begegneten, sagen, dass sie keinerlei Regierungstruppen in den Wäldern angetroffen haben."

Für die taz berichtet Mirco Keilberth in einer Reportage aus Libyen über islamistische Milizen, die sich im allgemeinen Chaos als Tugendwächter präsentieren und in Derna bereits eine Art Kalifat eingerichtet haben: "'Ich werde Ihnen keine Details erzählen', sagt sein Bekannter. Er war selbst lange bei der Miliz '17. Februar' und sympathisierte mit den Zielen der Islamisten. 'Weil in Tripolis immer noch viele Gaddafi-Anhänger das Sagen haben.' Nach den ersten Morden an Polizisten und politischen Aktivisten hat er sich abgesetzt. 'Das Vorbild dieser Leute ist der Irak. In Falludscha hat al-Qaida eine Zone für sich freigebombt, um von dort aus in der Hauptstadt zu operieren. Genau das wird hier auch passieren.'"

Im Standard streiten sich Attac-Österreich-Mitbegründerin Karin Küblböck und Franz Schellhorn, Leiter der wirtschaftsliberalen Denkfabrik Agenda Austria um das geplante Freihandelsabkommen zwischen den USA und Europa (TTIP, mehr dazu im Tagesspiegel). Für Küblböck geht es bei dem Abkommen nur um eins: Die Standards abzusenken. "Es ist wichtig, dass in Europa bestimmte Chemikalien und Zusatzstoffe verboten sind. Der Widerstand richtet sich dagegen, solche Regulierungen aufzuweichen."

Franz Schellhorn erinnert daran, dass Österreich bisher von Deregulierung immer profitiert habe: "Wir gehören zu den größten Profiteuren der EU-Osterweiterung, haben im Osten die Banken aufgekauft. Die bulgarischen und rumänischen Arbeitnehmer wollten wir aber nicht haben. Auch bei TTIP will Österreich nur Rosinen. Das wird nicht gehen."
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Ideen

Wie kommt es, dass ein 42-jähriger französischer Ökonom mit der nicht ganz frischen These, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer, in den USA zum absoluten Superstar wird, überlegt Andrea Köhler in der NZZ. Thomas Piketty, meint sie, verkörpert einfach perfekt den Zeitgeist: "Wie der französische Star-Philosoph Bernard Henry Levy trägt er das Hemd weit offen, doch anders als BHL ist der jungenhaft attraktive Wirtschaftsguru sympathisch uneitel. Seine Botschaft trifft die Occupy-Wall-Street-Stimmung der Menge, sein Faible für Big Data passt in unsere statistikbesessene Zeit. ... Und trifft der aktivistische Grundzug des Manifests nicht einen Nerv?"

In der New Republic spricht Isaac Chotiner mit Piketty, der unter anderem sein Desinteresse für Karl Marx bekundet: "Das 'Kommunistische Manifest' von 1848 ist ein kurzes und starkes Stück. Das 'Kapital' ist sehr kompliziert zu lesen und für mich nicht sehr einflussreich.
Chotiner: Aber Ihr Buch ('Capital in the Twenty-First Century') scheint doch durch den Titel auf Marx anzuspielen?
Piketty: Ganz und gar nicht! Der große Unterschied ist, dass mein Buch von der Geschichte des Kapitals handelt. In den Büchern von Marx gibt es überhaupt keine Daten."
Archiv: Ideen