Efeu - Die Kulturrundschau

Unwirkliche Wirklichkeit

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06.05.2014. Die Huffpo.fr fragt, welches Bild die Afrikaner selbst von ihrem Kino haben. Die NZZ feiert den Schriftsteller Georgi Gospodinov, der die bulgarische Literatur "hart ins Rampenlicht" rücke. Die SZ besichtigt Emre Arolats unterirdische Moschee in Istanbul. In der taz begreift Ulf Erdmann Ziegler die Ausstellung als Essay. Die Welt berichtet, dass Wuppertals Oper alle festangestellten Sänger und Dramaturgen entlassen hat.

Film

Für welches Publikum sollen afrikanische Filme eigentlich sein?, fragt der kongolesische Journalist Patrick Ndungidi in seinem Blog bei der französischen HuffPo wenige tage vor Cannes, auf dem nur ein Film aus Afrika zu sehen sein wird. „Das afrikanische Kino werde auf den unglücklichen Status des Exotischen reduziert“, zitiert er den kongolesischen Regisseur Rufin Mbou Mikima. Er fordert deshalb vor allem von Filmemachern im frankophonen Afrika, ihr „ewiges Assistentum“ endlich aufzugeben, und vom afrikanischen Kino, es müsse zunächst einmal den eigenen Markt erobern, bevor es an den internationalen denke: "'Viva Riva' von Regisseur Djo Munga (Filmstill) ist einer der revolutionärsten Filme der letzten Jahre. Dieser Thriller aus dem Jahr 2010 ist komplett in Kinshasa gedreht, allein mit kongolesischen oder afrikanischen Schauspielern. Trotzdem ist dieser Thriller niemals beim Fespaco gezeigt worden, das sich selbst als größtes afrikanischen Filmfestival sieht. Welches Bild haben die Afrikaner selbst von ihrem Kino?"

Als Interviewer hat Hanns-Georg Rodek bei Léa Seydoux auf Granit gebissen, weshalb er in der Welt vor der "neuen Königin des französischen Kinos" nur widerwillig in die Knie geht: "Wird sie angesprochen, hört sie aufmerksam zu und setzt ein Lächeln auf, das die Sphinx neidisch machen würde und irgendwo zwischen freundlichem Interesse, tiefer Genervtheit und weltmüdem Leiden oszilliert."

Für den Tagesspiegel wirft Frank Noack einen Blick ins Programm einer Filmreihe im Berliner Zeughaus zu den deutsch-brasilianischen Filmbeziehungen.
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Literatur

Andreas Breitenstein preist den bulgarischen Schriftsteller Georgi Gospodinov, der mit seiner "Physik der Schwermut" die bulgarische Literatur "hart ins Rampenlicht" gerückt und sich selbst in die erste Liga europäischer Autoren katapultiert habe: "Wenn Bulgarien ein tristes Halbleben zwischen Asien und Europa, Archaik und Moderne, Kollektivismus und Individualismus fristet, dann hat Gospodinow mit seiner kaleidoskopischen Anverwandlung des Mythos vom Minotaurus eine geniale Metapher für die unwirkliche Wirklichkeit seiner Heimat gefunden."

Als kleine Erinnerung daran, was wir großherzigen Lehrern zu verdanken haben, zitiert Open Culture noch einmal aus Albert Camus' Brief, den er nach der Verleihung des Nobelpreis an seinen Gundschullehrer schrieb: "Als ich die Nachricht hörte, ging mein erster Gedanke, nach dem an meine Mutter, zu Ihnen. Ohne Sie, ohne diese liebevolle Hand, die Sie dem armen kleinen Kind reichten, das ich war, ohne Ihren Unterricht und Ihr Beispiel wäre mir nichts von alledem widerfahren."

Auf Zeit Online fordert der Münchner Selfpublishing-Verleger Matthias Matting von den Buchhändlern, sich mehr um die E-Books von Selbstverlegern zu Kümmern. Außerdem meldet Zeit Online den Tod der Schriftstellerin Helga Königsdorf.

Besprochen werden Ilma Rakusas Erzählungen "Einsamkeit mit rollendem 'r'" (NZZ), Katja Eichingers Thriller "Amerikanisches Solo" (Tagesspiegel) und Vera Brosgols Comic "Anyas Geist" (Tagesspiegel).
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Musik

Nach dem Standard (mehr) widmet jetzt auch der Guardian der großartigen Musikerin Fatima Al Qadiri ein langes Porträt. Sukhdev Sandhu eröffnet ihren Text mit einem Zitat der im Senegal geborenen Kuwaiterin: "'I believe in djinns,' says Fatima Al Qadiri. 'I believe in evil spirits that haunt the earth. I don't smell or see them, but I feel them - especially in Kuwait: it's one of the most haunted places on earth. Even with all the concrete and highways and esplanades. It's very creepy. We have Greek ruins in Kuwait. Alexander the Great built sacrificial temples on one of our islands. I always feel some kind of dread there. Even inside my house. It takes me hours to get to sleep. And music is a kind of ghost too: it's about conjuring memories, apparitions, something that reminds you of your past.'"

Besprochen werden Lykke Lis neues Album "I Never Learn" (von Pitchfork in den Pantheon der "Best New Music" gewählt), das neue, posthum veröffentliche Album von Amy Winehouse (Tagesspiegel), das neue Album des aus Musikern des Rundfunk-Sinfonieorchester Berlins zusammengesetzten East Side Quartetts (Tagesspiegel) und ein Konzert der Black Keys (Berliner Zeitung, Tagesspiegel).
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Bühne

Stefan Keim berichtet in der Welt, dass Wuppertals neuer Opernintendant Toshiyuki Kamioka alle Sänger und Dramaturgen entlassen hat, um künftig mit Freien nach einem Stagione-Spielplan sichere Nummern von "Tosca" bis "Parsifal" zu produzieren: "Gut, könnte man denken, wenn die Stadt kein Geld mehr hat, kann sie froh sein, dass überhaupt noch Oper gespielt wird. Doch in die Zukunft führt diese These nicht. In Wuppertal hatte eine Rarität wie Martinus 'Griechische Passion' ähnliche Zuschauerzahlen wie eine Wagner-Oper.

Weiteres: Für die taz unterhält sich Uwe Mattheiss mit Frie Leysen, Kuratorin der Wiener Festwochen. In der Berliner Zeitung vergleicht Harald Jähner die Theateraufführung von Gotscheffs Heiner-Müller-Inszenierung "Zement" mit ihrer TV-Ausstrahlung und stellt fest: Von Vorteil im Fernsehen sind zwar die Großaufnahmen, doch fehlt ihm sehr die "Berliner Premierenmischpoke" aus dem Publikum.

Besprochen werden ein Pina-Bausch-Bildband (taz), eine Salzburger Aufführung von Mozarts "La Clemenza di Tito", deren Dirigent Leo Hussain Michael Stallknecht in der SZ ganz besonders für seine Leistungen lobt, und ein Theaterabend mit der fiktiven Techno-Pionierband Fraktus im Hamburger Thalia (SZ).
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Kunst

Die taz bringt einen kleinen Essay von Ulf Erdmann Ziegler, der nach dem Besuch diverser Kunstausstellungen zum Loblied auf das Konzept der diskursiven Ausstellung anhebt: "Entscheidend ist in der Konzeption diskursiver Ausstellungen heute, dass es nicht mehr in erster Linie um den Transfer von kanonischem Wissen geht. Im Gegenteil, es handelt sich um eine Form von visuell-taktilem Essayismus, dessen Ergebnisse keineswegs von vornherein feststehen."

Für die SZ ist Christiane Schlötzer nach Istanbul gereist, um sich eine neue, von Emre Arolat als unterirdischer Bau konzipierte Moschee anzusehen: "Die gebaute Botschaft lautet: So zurückhaltend wie dieses Gotteshaus, so bescheiden soll auch der Mensch vor Allah werden." Auf Spiegel Online berichtete Hasnain Kazim von der minimalistischen Moschee. (Foto: Bünyamin Salman)

Weiteres: Nicht ganz glücklich ist Paul Andreas in der NZZ mit dem monumentalen Justizgebäude, das der Berliner Architekt Jürgen Mayer H im belgischen Hasselt entworfen hat und dessen Fassade dem Haselnussbaum des Stadtwappens nachbildet. Für die FAZ hat Gina Thomas das neue Terminal 2 am Londoner Großflughafen Heathrow besucht. Beate Söntgen besucht die Ulrike Grossarth gewidmete Retrospektive in der Generali Foundation in Wien.

Besprochen werden zudem eine Ausstellung mit Fotografien von Heinrich Heidersberger in der Petra Rietz Salon Galerie ("Diese Bilder passten in ihrer referenzlosen Abstraktion in eine westdeutsche Nachkriegsgesellschaft, die sich bemühte, an die von den Nazis unterdrückte Vorkriegsavantgarde anzuknüpfen", meint Tilman Baumgärtel in der taz), die Max-Slevogt-Ausstellung im Landesmuseum Mainz (FR), eine neue Doku über Ai Weiwei (Berliner Zeitung), die Frankfurter Ausstellung zu Fritz Bauer (Welt), die Ausstellung "Die Welt in Leipzig. Bugra 1914" im Deutschen Buch- und Schriftmuseum in Leipzig (SZ) und eine Ausstellung im Schloss Rochlitz über die Rolle der Frau in der Reformation (FAZ).
Archiv: Kunst