9punkt - Die Debattenrundschau

Besonders erbärmlicher Zustand

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.03.2014. Düstere Zeiten. Nein, es gibt keine Parallele zwischen Kosovo und Krim, meint Daniel Vernet in Slate.fr. Götz Aly entsorgt in der Berliner Zeitung gleich das ganze Selbstbestimmungsrecht der Völker. Caroline Fourest analysiert in huffpo.fr die Erfolge des Front National. Roberto Saviano fasst sich in L'Espresso angesichts der italienischen Drogenpolitik an den Kopf. Hélène Cixous beklagt im Standard den allgemeinen Kulturverfall. Erdogan meint es ernst mit der Twitter-Sperre, stellt Netzpolitik fest. Frank Schirrmacher zieht schon den Kapuzenpulli ins Gesicht.

Europa

Die Franzosen in manchen Städten hassen die "etablierten" Politiker so sehr, dass sie lieber Front National wählen - vor allem, weil diese Partei noch nie an der Macht war, schreibt die Publizistin Caroline Fourest auf huffpo.fr: "Das ist keine Überraschung, es ist sogar banal, aber besorgniserregend, wenn man bedenkt, was den Front National tatsächlich von den anderen Parteien unterscheidet... Er hat alle Mängel der Politiker, die von Macht und Zynismus zerfressen sind, ohne jemals die geringste Verantwortung getragen zu haben. Schweigen wir von der Vetternwirtschaft in der Partei und ihrer autoritären und intransparenten Struktur. Und schweigen wir von der Unterstützung der Partei für Baschar El-Assad und Wladimir Putin. In all diesen Punkten hat Marine Le Pen gegenüber ihrem Vater nicht die geringsten 'Neuerungen' eingeführt."

Alle Putin-Freunde von ganz rechts bis ganz links (was vielleicht dasselbe ist) machen gern auf die Parallele zwischen Krim und Kosovo aufmerksam. Daniel Vernet (ehemals Le Monde) nimmt die Parallele in Slate.fr gründlich auseinander: "Die Unabhängigkeit des Kosovo wurde erst im Jahr 2008 ausgerufen, das heißt fast zehn Jahre nach der Intervention gegen Serbien und nachdem alle anderen Lösungsversuche gescheitert waren, und erst im Jahr 2012 hat der Kosvo seine volle Souveränität erlangt. Das hat mit den Blitzkriegen, die Wladimir Putin in Georgien und auf der Krim geführt hat, nichts zu tun."

Götz Aly, für den die Ukraine ein historisch fragwürdiges Gebilde ist, hält in der Berliner Zeitung auch das Selbstbestimmungsrecht der Völker, mit dem die Russen die Annexion der Krim begründen, für zweifelhaft, nämlich für eine "nationalistische Kampfparole": "Im Ersten Weltkrieg wurde sie propagandistisch benutzt. Das geschah auch von deutscher Seite, um die baltischen und die ukrainischen Nationalbewegungen gegen Russland aufzuwiegeln; an führender Stelle verfochten jedoch Lenin und US-Präsident Wilson dieses Prinzip. Wenige Wochen nach dem Ende 1918 geschlossenen Waffenstillstand machte sich US-Außenminister Robert Lansing Gedanken, welchen gefährlichen Geist sein Präsident aus der Flasche gelassen habe: 'Das ganze Wort Selbstbestimmung ist bis zum Rand mit Dynamit geladen. Welch ein Verhängnis, dass dies Wort je geprägt wurde! Welches Elend wird es über die Menschen bringen!'" Naja, das haben die Polen und baltischen Länder nach 1989 und die Kroaten vielleicht anders gesehen!

In The New Republic fürchtet Michael Kimmage, dass es zwischen Washington und Moskau bald überhaupt keine Gemeinsamkeiten mehr gibt. Früher haben sie wenigstens die Logik des Kalten Krieges geteilt: "Where Obama sees an international community, Putin sees a forest of colliding national interests in which the American national interest is the most aggressive. Russian prestige, Russian territory, and the status of Russians outside Russian borders are Putin's concerns, and there is no Cold War logic behind them."

Martin Meyer verfolgt in der NZZ Putins Entwicklung, dieses "eitlen Tarzans der Taiga", zu seiner jetzigen Kenntlichkeit. Daniel Bouhs erinnert in der taz daran, dass Zeit und Handelblatt im vorigen Jahr ihre Korrespondenten aus Moskau abgezogen haben.
Archiv: Europa

Gesellschaft

Man wird nicht leugnen können, dass Roberto Saviano beim Thema Mafia, Kriminalität und Drogen eine gewisse Qualifikation zuzuschreiben ist. In seiner jüngsten Kolumne für den Espresso kritisiert er die neue italienische Regierung, die die Kriminalisierung von Drogen verschärfen will. Saviano plädiert genau für das Gegenteil. Eine Legalisierung der Drogen würde schon mal die Gefängnisse leeren, wo in Italien apokalyptisch Zustände herrschten: "Und überdies zeigen die Ergebnisse prohibitionitischer Politik ganz klar ihr Nutzlosigkeit, oder sclimmer, ihr katastrophales Versagen auf. In der ganzen Welt geht die Tendenz ohne jeden Zweifel in Richtung Legalisierung und Entkriminalisierung. Das passiert überall, von Kanada bis Australien, von Brasilien bis Chile. Bis hin zu Uruguay, ein Land, das heute die Avantgarde bei diesem Thema darstellt." Wäre vielleicht auch eine Debatte in Deutschland wert, oder?
Archiv: Gesellschaft

Ideen

Beredte Klage über unseren allgemeinen Geisteszustand führt die französische Autorin Hélène Cixous im Interview mit Ronald Pohl im Standard: "Die Menschen lesen immer weniger und wissen immer weniger. Sie besitzen keine Erinnerung und kehren der unmittelbaren Vergangenheit den Rücken. 15 Jahre sind für sie ein Jahrhundert! Sie verlieren, was wir erworben haben. 'Armut' existiert. Frankreich befindet sich in einem besonders erbärmlichen Zustand. Niemand in der Regierung hat jemals ein Buch gelesen."

Heideggers
"Schwarze Hefte" waren zur Veröffentlichung gedacht, so der Philosoph Thomas Meyer in der SZ. Darum sind die antisemitischen Passagen auch als konstitutiv zu betrachten: "Nicht nur der Rezeptionsgeschichte gegenüber, nicht nur der grundsätzlichen Ebene dieses deutschen Falles wegen, nämlich der Selbstüberhöhung des Denkens ins Totalitäre, sind wir dazu verpflichtet, seine Überlegungen genauestens zu prüfen. Eine erste Prüfung kann sich aber im Moment kaum dem Fazit entziehen, dass Heidegger das Denken entscheidend geschwächt hat."
Anzeige
Archiv: Ideen

Internet

Der türkische Premier Tayyip Erdogan meint es durchaus ernst mit seiner Twitter-Sperre, schreibt Kilian Froitzhuber in Netzpolitik: "Nachdem die zunächst eingesetzte DNS-Sperre auf verschiedene Arten umgangen wurde und der Dienst weiteren Zulauf erhielt, wurden auch verschiedene Umgehungsmöglichkeiten ausgeschaltet. Unter anderem wurde der Google-DNS-Dienst und der URL-Shortener t.co gesperrt, außerdem sind mittlerweile auch IP-Sperren in Kraft."

Burning down the web! Im Guardian träumt David Byrne von einem neuen Internet, das nicht überwacht werden kann und alle glücklich macht.
Archiv: Internet

Medien

Der österreichische Journalist Stephan Templ ist zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden, weil er in einem Erbverfahren (es ging um ein jüdisches Vermögen, von dem ihm ein Vierundzwanzigstel zugestanden hätte) ein Formular fehlerhaft ausgefüllt hatte und die Richter ihm Betrugsabsichten unterstellen. Im Gespräch mit der FAZ sagt er: "Natürlich wusste ich immer, dass einige Leute die Artikel nicht mögen, die ich schreibe, und auch mein Buch 'Unser Wien - Arisierung auf Österreichisch' von manchen als Affront wahrgenommen wurde. Aber dass all das solche Konsequenzen haben würde, das habe ich nicht für möglich gehalten."

(Via Die Presse und Lousypennies) "Klassenkämpfe" toben seit einigen Tagen in und zwischen Print- und Online-Journalisten in der SZ und anderswo, weil die Herren vom Print der SZ den Online-Chef Stefan Plöchinger nicht in die Chefredaktion aufnehmen wollen (dafür muss man in der SZ nämlich eine ausreichend große Zahl gut abgehangener Seite 4-Artikel geschrieben haben). In der Rubrik "Die lieben Kollegen" in der FAS konnte Harald Staun die Printkollegen verstehen. Er schrieb: "Wobei ja vielleicht wirklich nichts dagegen spricht, einen Internetexperten in die Führungsriege der Zeitung aufzunehmen. Wäre es aber dann nicht sinnvoll, auch einen Journalisten in die Chefredaktion von Süddeutsche.de zu holen?" Plöchinger ist für ihn also kein "Journalist"! Wovon sich Stauns Boss mit einem Tweet distanzierte:

Archiv: Medien

Weiteres

Isolde Charim findet in der taz private Wohnungsvermittlungen wie Airbnb für Reisen schon ziemlich super, fürchtet aber, dass das Petzen dadurch wieder salonfähig wird: "Bist du sauber, zuverlässig, kommunikativ? Easy-going, auch wenn der Strom ausfällt? Freundlich auch ohne heißes Wasser? Wenn nicht, leidet deine Reputation, werden dir Punkte für die nächste Buchung abgezogen."
Archiv: Weiteres
Stichwörter: Airbnb, Isolde Charim, Wasser