9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Sauber in zwei Blöcke

14.03.2026. Was wird aus der Islamkonferenz, fragt die FAZ und zitiert Kritik an Beratern, die nicht gegen Säkularismus sind. Nach wie vor große Aufregung in den Feuilletons über Wolfram Weimer: taz und SZ bleiben bei ihrer Kritik. In der FAS benennt Buchautor  Nicholas Potter die unguten Kontinuitäten zwischen dem einstigen Antiimperialismus und heutigem linken Antisemitismus. Erst wenn Philosophie sich aus ihrer Akademisierung löst, wird sie wieder relevant, meint Wolfram Eilenberger in der FR

Wer definiert, was Apologie ist?

13.03.2026. Mit 135 Ja-Stimmen, drei Enthaltungen und keiner Gegenstimme hat das senegalesische Parlament die Strafen für homosexuelle Beziehungen auf fünf bis zehn Jahre verdoppelt. Dafür werden "kulturelle" Gründe geltend gemacht. Dieses Gesetz tritt die senegalesische Verfassung mit Füßen, meint Ousseynou Nar Gueye in Seneweb. In der SZ lobt Güner Balci die Gelassenheit Cem Özdemirs und der baden-württembergischen Wähler in identitätspolitischen Fragen. Die FAZ wirft einen bangen Blick auf die Frankfurter Kommunalwahlen und die Kulturpolitik der Stadt.

Es ist eine erlernte Hilflosigkeit

12.03.2026. In der FR kritisiert Maryam Rajavi, vom in Paris sitzenden "Nationaler Widerstandsrat Iran", die Bombardierung des Irans: Das Volk müsse sich selbst erheben. In der taz hofft die iranische Filmemacherin Narges Kalhor hingegen, dass die Bomben genau dabei helfen. In der Zeit will die Menschenrechtsaktivistin Swetlana Gannuschkina die Russen nicht aus ihrer Verantwortung für den Ukrainekrieg entlassen. In der FAZ erinnert Volker Meyer-Guckel vor normativen Überformungen der Wissenschaften: Das kann bei neuen Machtverhältnissen nach hinten losgehen. Und: Die Wolfram-Weimer-Debatte geht weiter. Jetzt soll der Kulturstaatsminister in der Affäre um den Buchhandelspreis auch noch gelogen haben, stöhnen FAZ, SZ und taz.

Chaotische Desaster-Show

11.03.2026. In der Welt kritisiert der iranische Regisseur Ali Abassi das Versagen der islamischen Zivilisation im Nahen Osten. Im Tagesspiegel hofft der Dichter Ali Abdollahi auf einen Kollaps des ganzen islamistischen Diskurs- und Bedeutungssystems. In der FAZ widersprechen Hanna Radziejowska und Mateusz Fałkowski vom Pilecki-Institut in Berlin Grzegorz Rossoliński-Liebes These vom "transnationalen Völkermord" im besetzten Polen. Die Kritiker in FAZ, FR, SZ und taz fragen, wie Wolfram Weimer nach dem Desaster um den Deutschen Buchhandlungspreis als Kulturstaatsminister noch weitermachen will. Die Welt plädiert für eine Abschaffung des Preises - im Interesse der Unabhängigkeit des Buchhandels, versteht sich.

Irgendeine hegemoniale Geschichte

10.03.2026. Modschtaba Khamenei ist also zum neuen Führer der Islamischen Republik Iran ernannt worden - Gutes ist von ihm nicht zu erwarten, ist sich etwa die FAZ sicher. Von den Russen in Russland ist keine Opposition zu erwarten, fürchtet die NZZ. Ebendort versucht Katajun Amirpur zu erklären, warum so viele im Iran einst auf Khomeini setzten. Irland hat sich nach dem 7. Oktober als einer der europäischen Hotspots des israelbezogenen Antisemitismus entpuppt - ein Essay auf Twitter erzählt, wie es dazu kam. Die Debatte um die Buchhandlungspreise geht weiter.

Frühestens zur übernächsten Amtszeit

09.03.2026. Modschtaba Khamenei, der Sohn, ist zum neuen geistlichen Führer Irans ernannt, meldet unter anderem die New York Times - wird er nun noch den schönen Blick auf die israelische Botschaft aus seinem Londoner Luxusappartment genießen können, fragt die Daily Mail. Die deutschen Feuilletons sind noch sehr stark mit den linken Buchhandlungen und Wolfram Weimer befasst. In der FAZ schreibt Ute Frevert über die "soft exclusion" israelischer Wissenschaftler, die fast schlimmer ist als der offene Boykott. Der Wahlsieg Cem Özdemirs in Baden-Württemberg ist eine dreifache Sensation, freut sich die taz.

Wem diene ich da?

07.03.2026. In der FAS macht sich die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev Sorgen um Israel, das nicht nur von außen, sondern auch von innen bedroht wird. Morgen ist Internationaler Frauentag: Die taz macht sich Gedanken über weibliche Solidarität. Sie hofft außerdem, dass die iranischen Frauen nach dem Sturz des Regimes die politische Zukunft des Landes mitgestalten. Die NZZ blickt auf den Kampf der VAE gegen Islamismus. Europa ist out, meint im FR-Gespräch der Historiker Peter Frankopan.  

Diese Doppelmoral ist schwer zu ignorieren

06.03.2026. Die Beschwörungen des Völkerrechts sind ja rührend, schreibt der iranische Künstler Saleh Rozati im Standard, aber wo waren die sorgenvollen Experten, als der Iran seine Bevölkerung massakrierte? Die taz verabschiedet sich liebevoll vom Stuttgarter Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, obwohl dieser Rostbraten liebt. Für die Zeit besteht Hoffnung für eine europäische Konkurrenz zu Tiktok und Instagram: Da ist das Start-up Crags, das Kletterer zusammenbringt. Alle Feuilletons kritisieren die Überprüfung linker Buchhandlungen durch den Verfassungsschutz. 

Unsere Wut ist stärker als unsere Angst

05.03.2026. Der Angriff auf den Iran ist in jeder Hinsicht eine Verletzung des Völkerrechts, erklärt der ehemalige Verfassungsrichter Andreas Paulus in der FAZ. "Wo war eure Sorge um das Recht, als die Islamische Republik ihr eigenes Volk massakrierte?", fragt in der NZZ die im Exil lebende iranische Aktivistin Masih Alinejad zurück, die außerdem daran erinnert, dass die UNO die Islamische Republik in beratende Positionen im Menschenrechtsrat berufen hat. In der Welt hat der Reporter Scott Anderson wenig Hoffnung auf einen regime change - das sei durch Luftangriffe allein noch nie gelungen. Vergesst die Politik, Ingenieure, Chemiker und Physiker werden die Menschheit retten, verkündet frohgemut der Wirtschaftsnobelpreisträger Joel Mokyr in der Zeit. Die taz freut sich schon auf ihren Pflegeroboter.

In einer grauenhaften Welt

04.03.2026. Wer beim Angriff auf den Iran die Verletzung des Völkerrechts beklagt, muss auch erklären, warum die Welt jahrzehntelang zu den Verbrechen der Mullahs geschwiegen hat, meint in der Zeit der Philosoph Reza Mosayeb. Das ist eine andere Rechtsfrage, hält in der FR Nicole Deitelhoff dagegen. In der SZ glaubt Timothy Snyder, dass Trump sich mit dem Angriff nur bereichern will. Vergesst die Ukraine nicht, ruft in der SZ Francis Fukuyama. In der Jüdischen Allgemeinen streiten die Historiker Jan Grabowski und Stephan Lehnstaedt über Grzegorz Rossoliński-Liebes Buch "Polnische Bürgermeister und der Holocaust" und die Frage der Kollaboration - auch in der FAZ geht die Debatte weiter.