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13.03.2026. Mit 135 Ja-Stimmen, drei Enthaltungen und keiner Gegenstimme hat das senegalesische Parlament die Strafen für homosexuelle Beziehungen auf fünf bis zehn Jahre verdoppelt. Dafür werden "kulturelle" Gründe geltend gemacht. Dieses Gesetz tritt die senegalesische Verfassung mit Füßen, meint Ousseynou Nar Gueye in Seneweb. In der SZ lobt Güner Balci die Gelassenheit Cem Özdemirs und der baden-württembergischen Wähler in identitätspolitischen Fragen. Die FAZ wirft einen bangen Blick auf die Frankfurter Kommunalwahlen und die Kulturpolitik der Stadt.
Mit 135 Ja-Stimmen, drei Enthaltungen und keiner Gegenstimme nahm das senegalesische Parlament ein Gesetz an, das eine Verdoppelung der Strafen für homosexuelle Beziehungen vorsieht - das Strafmaß liegt jetzt bei fünf bis zehn Jahren Gefängnis, meldet unter anderem AFP. Begründet wird das begeistert angenommene Gesetz mit "kulturellen" Argumenten.
🇸🇳 L'Assemblée nationale sénégalaise a voté mercredi une loi qui double les peines réprimant les relations homosexuelles, punies désormais de cinq à dix ans de prison, sur fond de vague d'homophobie et d'arrestations pour homosexualité présumée ⤵️ pic.twitter.com/pyXd2XakOt
Der senegalesische Premierminister Ousmane Sonko hat die Initiative zu diesem Gesetz persönlich ergriffen, erläutert Jules Crétois in Le Monde Afrique. Das Gesetz stellt auch "Apologie" der Homosexualität unter Strafe. Die Verschärfung des Gesetzes ermögliche es Sonkos Partei, politische Entschlossenheit zu zeigen "und gleichzeitig weiterhin mit souveränistischer Rhetorik zu spielen... In den Augen vieler Senegalesen zeigt der Premierminister, der aufgrund seiner patriotischen, vom Antikolonialismus geprägten Reden gewählt wurde, durch die Verschärfung des Gesetzes zur Homosexualität, dass er sich dem Westen widersetzt und sich als Verteidiger der als senegalesisch dargestellten Werte versteht." Mehr als die Hälfte der afrikanischen Länder verbieten und bestrafen Homosexualität. In Uganda, Mauretanien oder Somalia droht dafür die Todesstrafe, so Crétois.
In der tazberichtetHelena Kreiensiek: "Stimmen, die sich öffentlich für LGBTQ-Rechte aussprechen, sind nicht zu finden. Selbst die drei Abgeordneten, die sich bei der Abstimmung lediglich enthielten - Thierno Alassane Sall, Abdou Mbow und Thérèse Faye - sehen sich heftiger Kritik ausgesetzt. Die Nachrichtenseite Seneweb titelte etwa: 'Die drei Abgeordneten, die nicht abgestimmt haben, sind bekannt.'"
Angesichts der überwältigenden Zustimmung zu dem Gesetz sticht der Mut des Kommentars von Ousseynou Nar Gueye im senegalesischen Online-Magazin Seneweb um so mehr hervor: "Unser Senegal hat gerade eine beunruhigende Schwelle überschritten. Unter dem Deckmantel des Schutzes 'nationaler Werte' greift eine neue legislative Offensive die Grundlagen unseres Rechtsstaats an. Indem sie die 'Apologie der Homosexualität' unter Strafe stellt, erlässt die derzeitige Regierung nicht nur Gesetze zur Regulierung der Sitten, sondern tritt auch die Verfassung mit Füßen und organisiert eine Hexenjagd, die unseren sozialen Zusammenhalt bedroht. Die Freiheit, seine Ideen zu äußern, ist das Fundament jeder Demokratie. Indem sie die bloße Diskussion über Fragen der sexuellen Orientierung unter dem vagen Begriff der 'Apologie' unter Strafe stellt, öffnet die Mehrheit eine Büchse der Pandora... Wer definiert, was Apologie ist? Eine akademische Debatte? Ein Presseartikel? Ein Facebook-Post? (...) Noch schwerer wiegt, dass die Verurteilung der 'Finanzierung von Homosexualität' ein gefährlicher Unsinn ist. Diese hetzerische Semantik soll verbergen, dass damit Organisationen gemeint sind, die gegen HIV und Aids kämpfen."
In New York gibt es einen weiteren prominenten Fall von Vergewaltigungen und sexuellem Missbrauch in großem Umfang, berichtet Frauke Steffens in der FAZ. Die bekannten Luxusimmobilienmakler Tal und Oren Alexander sollen gemeinsam mit Bruder Alon einen ganzen Ring unterhalten haben und stehen vor Gericht. Diese Netze hätten sich gewissermaßen selbst als Gegenkraft zu woken linken Diskursen stilisiert, vermutet Steffens: "Epstein schrieb, er sei durch die MeToo-Bewegung zum gefragten Ratgeber beschuldigter Männer geworden. Nicht nur der Multimillionär bekämpfte die MeToo-Bewegung, auch viele Unterstützer von Trump lehnen sie ab. Trump hat es etwa auf die Gender Studies abgesehen, die unter anderem die Zusammenhänge von Macht, Frauenhass und sexueller Gewalt beleuchten."
Toxische Männlichkeit ist schuld an der Befürwortung von Kriegen, sagt der Soziologe Alexander Yendell im Gespräch mit Melanie Mühl von der FAZ. Er ist Autor einer Studie über "gewaltlegitimierende Männlichkeitsvorstellungen", die der "stärkste Einzelfaktor hinter Kriegsbefürwortung" seien. "Besonders Männlichkeitsvorstellungen, die stark mit Härte, Dominanz und Gewalt verbunden sind, hängen mit der Unterstützung von Krieg zusammen. Gewalt kann dabei eine Möglichkeit sein, Unsicherheit zu überdecken und Stärke zu demonstrieren. Interessant ist, dass dieser Zusammenhang bestätigt, was Klaus Theweleit schon vor rund fünfzig Jahren beschrieben hat. In 'Männerfantasien' argumentiert er, dass militarisierte Männlichkeit häufig eine Abwehr von Verletzlichkeit ist. Bedrohlich wirkt dabei das, was kulturell mit dem Weiblichen verbunden wird - etwa Emotionalität oder Ambivalenz -, weil manche Männer darin eine Gefahr für ihre eigene Kontrolle erleben."
"Kind von Gastarbeitern schafft es nach ganz oben" - in der SZ amüsiert sich die Neuköllner Integrationsbeauftragte und AutorinGüner Balcı über die Diskussionen um Cem Özdemir, den "völkische Rassisten und identitätspolitische Dogmatiker" gleichermaßen ablehnen: "Er hat gewonnen, weil eine Mehrheit der Menschen in Baden-Württemberg ihm eine gute Politik zutraut - Punkt. Viele von ihnen können seinen Namen nicht fehlerfrei aussprechen, möchten ihr Land aber von ihm regieren lassen. Ob sie ihn nun 'Kem', 'Schem' oder 'Tschem' nennen, ob 'Özdemir' mit hartem Ts oder weich ausgesprochenem Z verstümmelt wird, scheint ihnen egal oder mindestens drittrangig zu sein. Auch im gelassenen Umgang mit der eigenen Phonetik steckt eine Form von Souveränität. Man kann das als Assimilation geißeln oder als entspannte Vielfalt lesen. Am Ende entscheidet die Person, deren Name es ist. Wer nach einem halben Jahrhundert zu der Einsicht gekommen ist, dass die korrekte türkische Aussprache eines Nachnamens nicht mehr das Wichtigste auf der politischen Agenda ist, hält vermutlich andere Themen für wichtiger: Verkehr, Bildung, Energiepreise. Vielfalt heißt auch, aushalten zu können, dass nicht jede Biografie bereit ist, sich in die kuratierte Erzählung der einen oder anderen Gruppe einzupassen."
Buch zur Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!KI ist wie ein Spiegel, der uns zeigt wie wir sind und wie wir sein können, meint der Philosoph Markus Gabriel im Interview mit der Welt über sein Buch "Ethische Intelligenz", in dem er für einen "ethischen Kapitalismus" plädiert, der uns zum Guten zwingt: "Wenn der Spiegel gut gebaut ist - er ist noch suboptimal -, dann wird Freiheit verschoben. Wir haben dann keine Wahl mehr, außer dem Licht des Guten zu folgen. Wir können uns dagegen entscheiden, werden aber sanktioniert. Das bedroht ein Element des liberalen Rechtsstaates, nämlich das Bedürfnis nach einer gewissen Normübertretung, wie Graffiti, was viele schön finden, der Illegalität zum Trotz. Eine ethische KI könnte diese Freiheit tatsächlich reduzieren. Andererseits könnten wir Freiheitsgewinne verzeichnen. Warum soll uns das Tun des Guten unfrei machen?" Was genau dieses Gute sein soll und wer es definiert, sagt er nicht.
FAZ-Sachbuchredakteur Oliver Weber mokiert sich über Yascha Mounk, der eine KI-Produzierbarkeit von geisteswissenschaftlichen Texten prognostiziert hat: Er gehe ja mit seinen eigenen Texten kaum anders um: "Eine hübsche These hier, ein plausibles Argument dort, ein ansprechender Begriff obendrauf - und schon steht die nächste Publikation. Doch dass intellektuelle Erzeugnisse wie diese automatisierbar sind, spricht vielleicht weniger für die Automatisierbarkeit der Geisteswissenschaften insgesamt als dafür, dass in bestimmten Segmenten des akademischen Betriebs längst eine maschinenhafte Produktionsweise herrscht." Hmtja, nur kennen wir keine Geistesgröße in Deutschland, die so etwas wie Mounks Substack-BlogPersuasion zustande gebracht hat.
Außerdem: Der Schriftsteller Arnon Grünberg reist für die NZZ von Wien nach Jerusalem um zu sehen, was nach über hundert Jahren von Theodor Herzls Hoffnungen auf den Zionismus übrig geblieben ist: das Ergebnis seiner Reportage bleibt irgendwie vage.
Die Devise "Arbeit, Brot und Freiheit" ist in der Türkei nach wie vor populär. Aber unter Erdogan gibt es davon nichts, schreibt FAZ-Kolumnist Bülent Mumay: "Beginnen wir mit dem Arbeitsmarkt. Aber nicht mit den Zahlen von Opposition oder unabhängigen Meinungsforschungsinstituten. Nach Angaben des dem Palast unterstehenden Statistikinstituts TÜIK hat sich das Heer der Arbeitslosen im Januar um 516.000 Personen vergrößert. In der Türkei leben rund 66,7 Millionen erwerbsfähige Menschen. Nicht einmal die Hälfte von ihnen ist erwerbstätig. Die Beschäftigungsrate beträgt 47,9 Prozent. Jeder zweite Erwerbsfähige ist also arbeitslos."
In Frankfurt stehen die Kommunalwahlen an. An der SPD kommt niemand vorbei, erzählt Matthias Alexander im Feuilletonaufmacher der FAZ. Die Frage wird nur sein, ob die SPD unter Bürgermeister Mike Josef mit der CDU oder eher mit der Linkspartei koalieren wird. Ina Hartwig ist weiterhin als Kulturdezernentin gesetzt und hat anders als Kollegen aus anderen Städten auch richtig Geld zur Verfügung, denn Frankfurt geht es gut ("die Stadt rechnet 2026 allein mit Gewerbesteuereinnahmen in Höhe von 3,25 Milliarden Euro"). Alexander kritisiert, dass Hartwig in den letzten Jahren vor allem die Bürokratie in ihrem Amt gestärkt habe. Und nun dies: "Vor einigen Wochen präsentierte sie pünktlich zur Kommunalwahl den Kulturentwicklungsplan (für dessen Erstellung es trotz üppigen Zuwachses an Verwaltungsstellen externer Hilfe bedurfte, die offenbar 500.000 Euro verschlungen hat). Der Bericht legt den Schwerpunkt auf die Zukunft der freien Szene, auf Nachhaltigkeit und auf die Abbildung von Diversität. Das alles wird auf 255 Seiten in schönstem Kulturberaterdeutsch dargeboten, das sich vom Unternehmensberaterkauderwelsch nur durch den Einsatz von etwas mehr pseudosoziologischem Blattgold unterscheidet... Auffällig an dem Kulturbericht ist nicht zuletzt, wie wenig er zu den Museen, zu Schauspiel und Oper sagt. Von ihnen ist nur insofern die Rede, als sie ihre Bemühungen um den Umgang mit Diversität steigern sollen."
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