Verwaltungsakt »Judenevakuierung« Die Geschichte eines frühen und grundlegenden Großwerks zum Holocaust. Von Götz AlyAchtzehn Angehörige wurden umgebracht. Aber das sage ich nicht als Anklage: Hass ist kein Programm. Das Böse ist in der ganzen Menschheit. Ich bin weder ein orthodoxer Jude noch ein orthodoxer Christ. Ich beanspruche für mich eine Orthodoxie des Herzens.H. G. Adler im Gespräch mit Jürgen Serke, 1985
Hans Günther Adler wurde 1910 in Prag als Sohn eines Buchbinders und einer in Berlin aufgewachsenen Tänzerin geboren. Nach dem Abitur studierte er Philosophie, Musik- und Literaturwissenschaft an der deutschen Karls-Universität seiner Ende 1918 tschechisch-national gewordenen Heimatstadt. Zudem weckten die erfahrungswissenschaftlichen, das Leben und Verhalten der Menschen ergründenden modernen Disziplinen Psychologie und Soziologie seine in viele Richtungen tendierende Wissensfreude. 1935 erwarb er als Günther Adler den Doktorgrad mit der Studie »Klopstock und die Musik. Ein Versuch lebendiger Deutung«. Nachdem Verfolgung und Krieg seine freigeistigen Lebenspläne gewaltsam gebrochen hatten, nannte er sich H. G. Adler.
Am 15. März 1939 waren deutsche Soldaten in Prag einmarschiert. Anschließend zerteilten die Berliner Kriegstreiber die von ihnen bereits 1938 mit der Abtrennung des Sudetenlandes amputierte Tschechoslowakei in das Reichsprotektorat Böhmen und Mähren und in den Vasallenstaat Slowakei. Damit begannen für Adler sieben Jahre der Demütigung, Entrechtung und Verfolgung. Erst jetzt wurde er zum Juden, genauer: zum Rassejuden gemacht. Denn seine Eltern, insbesondere seine Mutter, hatten ihn säkular erzogen.
Ende Oktober 1941 heirateten Hans Günther Adler und die 1905 ebenfalls in Prag geborene Ärztin Gertrud Klepetář, die er Geraldine nannte. In jede Faser ihrer Person verliebt, beschrieb er sie 1947 als »herrliche um fünf Jahre ältere Frau«, eine »Hämatologin, Bakteriologin, Internistin, meisterhafte Briefschreiberin«, zudem »Märchenforscherin, meisterhaft in verschiedenstem Kunstgewerbe, Chemikerin (namentlich Biochemie), Sportlerin ( ... ), Bridgemeisterin«. In der Zeit täglich gesteigerter Bedrückung und der Unmöglichkeit, aus dem von Deutschen beherrschten Prag herauszukommen, hatten beide schon seit Anfang 1940 zusammengelebt. Während sie in ihrem Beruf arbeitete, wurde er 1940/41 zur körperlichen Arbeit im Streckenbau der Eisenbahn gezwungen. Doch so oft sie konnten, unternahmen H. G. und Geraldine gemeinsame intellektuelle »Reisen in fast alle Provinzen des Geistes – tagelang, nächtelang«.
Drei Monate nach ihrer förmlichen Heirat wurden beide, wie auch Gertrud-Geraldines Eltern, ins Ghetto Theresienstadt gesperrt. Das geschah am 8. Februar 1942. Die Familie blieb lange von den üblichen Anschlussdeportationen nach Auschwitz verschont, weil Gertrud Adler-Klepetář im KZ als Ärztin und Laborleiterin eingesetzt wurde. Ihr Vater, der Kinderarzt David Klepetář (*1867), starb dort im Oktober 1943. Doch am 12. Oktober 1944 mussten auch Hans Günther Adler, Gertrud Adler-Klepetář und deren Mutter, Elsa Klepetář (*1880), den Zug nach Auschwitz besteigen. Dort wurden sie zunächst nach Geschlechtern getrennt. Weil die Tochter ihre Mutter nicht allein lassen wollte, endete der Lebensweg der beiden Frauen am Tag der Ankunft in der Gaskammer, während Hans Günther Adler nach einem kurzen Aufenthalt in das KZ Buchenwald bei Weimar transportiert wurde. Nachdem ihm die Lagerverwaltung dort die Häftlingsnummer 95714 verpasst hatte, dirigierten sie ihn in die KZ-Außenlager Niederorschel und dann nach Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt. Hier befreiten ihn am 11. April 1945 US-amerikanische Soldaten.
Nachdem er die Freiheit wiedererlangt hatte, legte Adler seine Vornamen Hans Günther ab. Denn er wollte nicht länger so heißen wie der in Prag ansässige, für die Erfassung, Ghettoisierung und Deportation der tschechischen Juden zuständige SS-Sturmbannführer Eichmanns – mit Vornamen Hans und Nachnamen Günther (1910 – 1945). Wie andere Überlebende brauchte auch H. G. Adler einige Monate, um sich zurechtzufinden und die zunächst noch bestehende Hoffnung zu begraben, wenigstens einige seiner engeren Verwandten, insbesondere Geraldine, lebend wiederzufinden.
Doch schon im Dezember 1945 verfasste er das postum veröffentlichte, knapp formulierte Manifest »Nach der Befreiung – ein Wort an die Mitwelt«. Darin schrieb er, es sei »ein psychologischer Missgriff zu glauben, dass Leid, hart angreifendes erlittenes Leid, den Menschen zu bessern vermag, es vermag ihn nur in seiner wahren Natur erkennbar zu machen«. Als einer der Überlebenden verbat er sich »sentimentale Schilderungen und ein uns gezolltes Mitleid«. Stattdessen forderte er, die Mitwelt solle den aus der Not der Lager geborenen Erfahrungen zuhören, und das zu nur einem Zweck – »dass unser Aufenthalt in dem Inferno der Lager nicht vergeblich gewesen ist für den Fortgang der Menschheit, dass sich sogar aus diesem letzten Dunkel etwas gestalten lässt, das Licht sein darf«. Damit war das Ziel für H. G. Adlers weiteres schriftstellerisches Schaffen definiert.
Als einer, der seine Familie und seine geistige deutsch-jüdisch-tschechische Heimat verloren hatte, sah sich Adler bei seiner Rückkehr nach Prag mit einer Stadt konfrontiert, die infolge des deutschen Rassenkriegs endgültig tschechisiert und ihm fremd geworden war. 1947 wich er nach London aus, wo er nach vier Jahrzehnten literarischer, wissenschaftlicher und aufklärerischer Arbeit am 20. August 1988 starb.
Doch blieb er auf traumatisch unterlegte wie auch zugewandte Weise seiner geistigen Heimat verbunden – dem deutschen Sprach- und Kulturraum, den so viele Deutsche in seiner einst grandiosen Vielfalt blindlings und dauerhaft zertrümmert hatten. Mehr noch – trotz aller Verfolgung und späterer Brüskierung hielt Adler seinem geistigen Vaterland und seiner Muttersprache über den Tod hinaus die Treue: Seinem Letzten Willen entsprechend liegt sein umfangreicher Nachlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach.
Halb Dichter und Romancier, halb Privatgelehrter und Historiker verarbeitete er bis zu seinem Tod die Erfahrungen aus der Zeit mörderischer Verfolgung sowohl subjektiv fiktional als auch historiographisch analysierend so objektiv wie nur möglich. Beides gehörte für ihn zusammen. Schon im KZ Theresienstadt hatte er die Lebens-, Sterbens- und Überlebenssituationen in Tagebuchnotizen und dichtend festgehalten. So heißt es, um ein Beispiel zu nennen, in seinem 1942 entstandenen Gedicht »Die Totenmühle«:
Und irres Kreischen, wahnzerschlißnes Treiben / Zerritzt den scharf gefleckten Tag in Stück und Bruch / Verkrümeln Hände klamm vor Gitterscheiben, / Und Hunger knistert in ein Tränentuch.Solche Zeilen halfen dem Verfasser zur Selbstvergewisserung, zum Durchhalten in der realen Welt von Stacheldraht, Appellplatz und Arbeitskommandos, Hunger, Gewalt und Tod. Rückblickend bemerkte er zu seiner KZ-Zeit: »So lebte ich im Lager gleichzeitig als zuschauender Beobachter und doch als anonymer Gefangener.«
Unter solchen lebensgeschichtlichen Vorzeichen entstand von 1958 an bis zur mehrfach erschwerten Drucklegung im Jahr 1974 H. G. Adlers monumentales Werk »Der verwaltete Mensch – Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland«. Innerlich widmete es der Autor seiner fast vollständig ermordeten weiteren Familie und den verfolgten und ermordeten deutschsprachigen Juden insgesamt, ausdrücklich jedoch dem Gedächtnis an seine Eltern: Emil Alfred Adler, geboren 1882 in Prag, umgekommen 1942 in Chelmno; Alice Adler-Fraenkel, geboren 1885 in Berlin, umgekommen 1942 in Trostinetz. (Letztere Stätte zehntausendfacher Morde hatten deutsche Gewalthaber 1942 nahe dem unterschiedlich transkribierten Dorf Maly Trostinez bei Minsk an einem etwas versteckt liegenden Bahnanschluss eingerichtet.)
Zuvor hatte Adler das knapp 900 Seiten starke Buch »Theresienstadt 1941 – 1945« verfasst. Es beruhte auf unmittelbar durchlittener Erfahrung und erschien 1955. In diesem fällt der Name des SS-Sturmbannführers Hans Günther dutzendfach. Den betont nüchternen Titel kontrastierte Adler mit dem subjektiv-objektiven Untertitel »Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft« und widmete das Werk seiner geliebten, für immer verlorenen Geraldine:
FÜR GERALDINE ALS TOTENFEIER
GERALDINE
DR. GERTRUD ADLER-KLEPETAR,
GEBOREN AM 9. 12. 1905 IN PRAG,
MIT IHRER MUTTER
DURCH GAS ERMORDET AM 14. 10. 1944
IN AUSCHWITZ-BIRKENAU
Drei Jahre später veröffentlichte Adler den Band »Die verheimlichte Wahrheit – Theresienstädter Dokumente«. Hier spannte er im Titel den Bogen von den subjektiven Verheimlichern hin zum Objektiven, den nun von ihm bekanntgemachten Dokumenten.
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