Angesichts solcher historiographischen Leistungen lud ihn das Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) 1958 ein, als Stipendiat des Hauses »eine Arbeit nach eigener Wahl« aus seinem deutsch-jüdischen »Themenkreis« zu verfassen. Der Inhalt blieb zunächst unbestimmt. Doch folgte Adler dem Hinweis von Isaac E. Wahler (1918 – 2016) auf die Akten der Geheimen Staatspolizei Würzburg. Wahler stammte aus Hörstein bei Aschaffenburg. Auch seine Eltern waren 1942 deportiert und ermordet worden, doch hatte ihn seine weitsichtige Mutter schon 1934 zu Verwandten nach New York geschickt. 1945 kehrte er als Soldat in seine alte Heimat zurück. Nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands wurde er als Angestellter der US-Armee zu Robert M. W. Kempner (1899 – 1993) abgeordnet. Dieser fungierte im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher und in den anschließend ebenfalls in Nürnberg verhandelten Prozessen gegen die zweite Führungsgarnitur Hitlerdeutschlands als Stellvertretender Hauptankläger der USA. Zu diesen Zwecken mussten Kempner und seine Mitarbeiter riesige Mengen sichergestellter Akten deutscher Ministerien und NS-Behörden durcharbeiten, die auf zentralstaatlicher und regionaler Ebene entstanden waren und in einem Dokumentendepot bei Frankfurt gesammelt wurden.
Bei dieser Tätigkeit stieß Wahler auf die Akten der Würzburger Gestapo. Der Fund fesselte seine Aufmerksamkeit sofort: Er hoffte, in dem Berg dieser Aktenkonvolute etwas über das Schicksal seiner Eltern Israel (*1875) und Bella (*1878) Wahler zu entdecken. Diese hatten zuletzt in Bad Neustadt a. d. Saale gewohnt, das zum Regierungsbezirk Unterfranken (damals: Mainfranken) gehört und folglich in den Zuständigkeitsbereich der Gestapo-Außendienststelle Würzburg fiel.
Wie alle anderen zur Evakuierung bestimmten Bad Neustädter Juden hatten sich auch Israel und Bella Wahler am 22. April 1942 am Marktbrunnen zu sammeln. Dort erhielten sie die Evakuierungsnummern 709 und 710 und mussten dann – von Ortspolizisten und wüst johlenden Schulkindern begleitet – zum Bahnhof marschieren. Von dort ging es nach Würzburg, wo sie in einer Sammelunterkunft landeten, die von der Gestapo für eine Woche angemietet worden war. Es handelte sich um den Platz’scher Garten, ein beliebtes Vergnügungslokal mit großem Gesellschaftssaal. Drei Tage später, am Samstag, dem 25. April 1942, wurden Israel und Bella Wahler zusammen mit weiteren 850 mainfränkischen jüdischen Männern, Frauen und Kindern am helllichten Tag in die Zugwaggons getrieben, die knapp zwei Kilometer entfernt am Güterbahnhof Aumühle bereitstanden.
Isaac Wahler wies Adler auch deshalb auf die umfangreichen Würzburger Dokumente hin, weil er damit die Hoffnung verband, der Historiker würde auch seinen Eltern ein literarisches Denkmal setzen. Wie sich aus dem Ortsregister des vorliegenden, nach nunmehr 52 Jahren neu herausgebrachten Buches unter dem Stichwort »Neustadt a. d. Saale« ergibt, kam Adler dieser Bitte in aller Ausführlichkeit nach. Eineinhalb Jahre vor seinem hundertsten Geburtstag verstarb Isaac Eddi Wahler im August 2016 in dem mittelhessischen Dorf Alten-Buseck.
Von Befehls wegen hätten die Schriftstücke, Listen, Karteien, Filme und Fotos der Würzburger Gestapo beim Anrücken alliierter Truppen verbrannt werden müssen, so wie es damals fast überall in Deutschland und zumeist vollständig geschah. Das aber unterblieb in Würzburg dank – ja, man muss es so sagen: dank des fürchterlichen, die alte Bischofsstadt weithin zerstörenden britischen Bombenangriffs vom 16. März 1945, bei dem mindestens 3500 Zivilisten starben. Nach der mehrtägigen, für die amerikanischen Truppen siegreichen Schlacht um Würzburg konnten US-Spezialkommandos die Gestapo-Akten sicherstellen. Sie enthalten die verwaltungstechnischen Abläufe der Judendiskriminierung und -deportation in der Region Mainfranken bis hinunter zum Verwaltungshandeln in einzelnen Dörfern und Städten einschließlich der zentralen Berliner Vorgaben. Das Beispiel des Ehepaars Wahler, der Bad Neustädter Juden und des Sammellagers in einem größeren Gebäude wiederholte sich andernorts – wie man heute weiß – in immer derselben Form, sei es in Berlin, Eisenach, Darmstadt oder Magdeburg.
So entstand Adlers um weitere Quellen ergänztes Werk »Der verwaltete Mensch. Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland«. Auch dieser Titel entsprach der Methode H. G. Adlers auf exemplarische Weise: Der einzelne Mensch wird von einer Apparatur namens Verwaltung ergriffen und ins Nirgendwo verschleppt. Mit dem absichtsvoll in den Plural gesetzten Begriff »Studien« verweist der Untertitel gerade nicht auf die Unfertigkeit des Werkes, sondern auf den häufigen Wechsel der Perspektiven, um die Hauptfrage des Buches so gründlich wie nur möglich zu beantworten: Wie können mehrere Hunderttausend Menschen mit Hilfe einer modernen staatlichen Verwaltungsapparatur reibungsarm in den Tod deportiert werden?
Manchmal wurde ihm die Arbeit zur Last. Vor allem weil die Bayerische Staatsregierung und die ihr unterstehenden Archive ihm Schwierigkeiten ohne Ende bereiteten. So klagte er 1961, dass eine deutsche Regierung –
die sich nicht schämt, einen Herrn Maunz als Mitglied zu dulden, einem Juden offenbar nicht gestatten kann, die Juden betreffenden Papiere aus dem Zweiten Weltkrieg zu gucken. Mag diesem Juden auch bloß am Wissen und nichts am Aufdecken von Lumpen gelegen sein, mag er dies auch schriftlich versichert haben, er bleibt ein Jude und soll erkennen, dass er sich in keine Angelegenheiten alter Nazis und ihrer Schutzherren zu mischen hat. Konzentrationslager- und Gestapo-Funktionäre opfert man vielleicht, aber »ehrenwerten« Beamten spart man um Gottes Willen mögliche Scherereien.Der von Adler erwähnte Theodor Maunz (1901 – 1993) war seinerzeit Mitglied der CSU, Professor für Staats- und Verwaltungsrecht und von 1957 bis 1964 bayerischer Kultusminister. In dieser Funktion unterstanden ihm auch die Staatsarchive. Der NSDAP war Maunz 1933 beigetreten. Unter den damaligen Juristen gehörte er zu den führenden Aktivisten, die das Staats- und Verwaltungsrecht, insbesondere das Polizeirecht für Hitler, Himmler und Heydrich in der erwünschten Weise zurechtbogen. 1937 definierte Maunz den Verwaltungsakt als »eine auf unmittelbare Gemeinschaftsgestaltung in einem Einzelfall gerichtete Verwaltungshandlung«. Mithin dienten die Einzelfälle Enteignung und Deportation der Juden »unmittelbarer Gemeinschaftsgestaltung«. Adler widmet dem Schreibtischverbrecher Professor Dr. Theodor Maunz die Seiten 1341 bis 1345 in diesem Buch.
Nach sechsjähriger Arbeit hatte der Autor die Teile I (»Geschichtlicher Abriss«) und II (»Deportation besonderer Gruppen«) vollendet. 1965 legte er sein 400 Seiten langes Teilmanuskript den Auftraggebern im Münchner Institut vor und skizzierte seinen Plan für die Teile III (»Die Technik der Deportation«) und IV (»Materielle Auswertung der Deportation«). All das fand, wie Adler schrieb, »wenig Beifall«: »Weder wissenschaftlich noch stilistisch entsprach mein Elaborat den Auffassungen der zuständigen Herren.« Mit britischem Understatement resümierte er: »So trennten sich die Wege.« Zumindest in der Rückschau betrachtete er die herbe Ablehnung als wesentlichen Vorteil. Denn erst jetzt habe er »die wissenschaftliche Freiheit ( ... ) von jedem Auftraggeber erlangt«: »So öffnete sich mir der Weg für die endgültige Fassung meiner Arbeit«, die sich kaum in die Forschungsprogramme einer damals bestehenden deutschen »wissenschaftlichen Institution gefügt« hätte.
Wie dramatisch das Zerwürfnis verlaufen war, dokumentiert ein Vermerk des Mitarbeiters und späteren Direktors des IfZ Martin Broszat (1926 – 1989). Dieser hatte den Auftrag erhalten, die 400 Manuskriptseiten Adlers kritisch durchzusehen, und gelangte zu einem vernichtenden Ergebnis: Adler lasse jegliche »elementare Systematik« und »quellenkritisch präzise Behandlung der wichtigsten Fragen« vermissen; im Übrigen sei »die Basis des neuerschlos senen Quellenmaterials zu schmal«. Broszat, der 1944 NSDAP-Mitglied und Soldat geworden war, konzedierte dem mit knapper Not dem deutschen Terror entronnenen Juden »zum Teil durchaus kluge Gedanken«, befand jedoch, diese würden »im luftleeren Raum schweben«.
Weil dieses Verdikt im Beirat des Instituts nicht ohne weiteres akzeptiert wurde, erbat Direktor Helmut Krausnick (1905 – 1990) weitere Gutachten. Auch Krausnick hatte in den letzten acht Kriegsmonaten als Soldat der Wehrmacht gedient; der NSDAP war er am 1. Januar 1932 beigetreten. Zunächst beauftragte er Hans Herzfeld (1892 – 1982) und Ernst Fraenkel (1898 – 1975). Nach der Darstellung des IfZ-Mitarbeiters Hans Buchheim urteilten beide »sehr kritisch« und folgerten, Adlers Ergebnis entspreche nicht »den gehegten Erwartungen«. Man vermisse in dem »sehr persönlich gefärbten Produkt eine erkennbare Abtrennung von Analyse und Materialauswertung sowie eine systematische Auseinandersetzung mit der älteren Literatur«. Den Auftrag zu einer weiteren Stellungnahme erteilte Krausnick dem als historischem Sachverständigen in NS-Prozessen tätigen Wolfgang Scheffler (1929 – 2008). Dieser erkannte auf Ungenügend hinsichtlich »wissenschaftlicher Ansprüche«, dichtete Adlers Arbeit nicht näher erläuterte »schwere Mängel« an und befand, die Aufnahme des Werkes in die Buchreihe des Instituts werde »die wissenschaftliche Erforschung der Probleme ( ... ) in ein schiefes Licht bringen«. An Krausnick gewandt, endete Scheffler mit dem für die deutsche akademische Geheimgutachterei ziemlich unnötigen Hinweis: »Ich darf Sie noch einmal erinnern, meinen Namen Herrn Adler gegenüber nicht zu erwähnen. Es täte mir leid, wenn durch meine Stellungnahme eine Trübung unseres gegenseitigen Verhältnisses einträte.«
Damit war der Fall für das Institut und dessen Beirat erledigt. Schefflers wissenschaftliches Werk blieb extrem schmal. Seine 94 Seiten lange Dokumentation »Judenverfolgung im Dritten Reich« von 1960 ist längst veraltet, dagegen liest man H. G. Adlers Studie noch heute mit Gewinn und vielfältiger Erkenntnis über sehr menschliche Verhaltensweisen im Kontext der Unmenschlichkeit. Glänzend geschrieben, unterscheidet sich Adlers Werk von der holprigen Prosa seiner Kritiker. Jenseits der Einflusssphäre des Instituts für Zeitgeschichte konnte das Großwerk »Der verwaltete Mensch« 1974 endlich im Tübinger J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) Verlag erscheinen. Auf dem Weg dorthin hatten Adler vor allem jüdische, aber auch kirchliche sowie gewerkschaftliche Institutionen unterstützt, insbesondere aber Grete Fischer (1893 – 1977). Auch sie stammte aus Prag, hatte bis 1933 in Berlin als Verlagslektorin gearbeitet und war dann sehr bald Richtung London ausgewandert.
Bereits 1961 hatte das Institut für Zeitgeschichte die Übersetzung von Raul Hilbergs (1926 – 2007) Großwerk »The Extermination of the European Jews« per Gutachten für den Droemer Knaur Verlag mit ganz ähnlichen Argumenten abgeschmettert: Hilberg schildere lediglich »die technisch-organisatorische Seite der Judenausrottung« und behandle »die Frage, wie sich das Programm zur Endlösung durchsetzte, nur am Rande«. Es käme nicht auf die vielen Details an, sondern auf »eine moderne Sehweise, die die politischen Aspekte der Judenverfolgung hervorhebt«. Das Gutachten ist angeblich nur bruchstückhaft überliefert, könnte aber gut von Broszat zumindest mitverfasst worden sein. Denn dessen 1957 veröffentlichte Kritik an dem 540 Seiten starken Dokumentenband »Das Dritte Reich und seine Diener« (1956), erarbeitet von Léon Poliakov (1910 – 1997) und Joseph Wulf (1912 – 1974), bestand aus ganz ähnlichen, genauer gesagt, aus den immer gleichen Versatzstücken:
In den ersten Sätzen bemängelte Broszat fehlende Genauigkeit hinsichtlich »wissenschaftlicher Editionsmethoden«. Des Weiteren warf er den Editoren vor, sie vernachlässigten »überaus komplizierte in weite historische und soziologische Bereiche hineinreichende« Fragen. Fragen eben, die »sich mit Dokumenten meist staatlichen Charakters« nicht beantworten ließen. Und warum? »Weil solche Zeugnisse wirklich eindeutig nur eine sehr formale Teilhabe einzelner Personen und Personenkreise – durch Unterschriften etc. – zu erweisen vermögen.« Denn: »Ein ›gez. X‹ unter einem Schriftstück aus dem Bereich der Judenverfolgung beweist noch nichts.« So sprach man 1957 in Deutschland, wenn überhaupt. Wer hier aus einer Unterschrift in einem amtlichen, »vorschnell« ausgewählten Dokument – zumal, wenn diese Unterschrift aus dem »Bereich der Judenverfolgung« stammte – nicht die jeweils individuellen Voraussetzungen entwirre, dem müsse eine methodisch-historiographische »Unterlassung angerechnet werden«, erst recht, wenn das Dokument »als Beweis gegen eine bestimmte Person missverstanden werden kann«.
Die Klarheit und die gelegentlich sarkastischen oder ironischen Kommentare der beiden jüdischen Dokumentenfahnder und Herausgeber Poliakov und Wulf gingen Broszat deutlich zu weit. Vor allem störte ihn, dass sich diese überhaupt nicht auf Hitler konzentrierten, sondern auf die Mitverantwortlichen im Auswärtigen Amt, in der Justiz und in der Wehrmacht. Diese Männer verfügten nach deren Feststellungen »oft über außerordentlich große Handlungsfreiheit« und funktionierten aus eigenem Ermessen im Sinne ihres Führers. Derartige schwarz auf weiß dokumentierte Tatsachen samt der dazugehörenden Namen ertrugen die meisten Deutschen der beim Erscheinen des Buches gerade sieben Jahre alten Bundesrepublik noch lange nicht. Wie Broszat in seiner Rezension anmerkte, konnten sich die Deutschen erst langsam »auf die allmählich zum nationalen Trauma werdende Epoche des Nationalsozialismus« besinnen – ein »nationales Trauma« der Deutschen, wohlgemerkt.
Welche Gründe mögen den nachdenklichen, auch wandlungs- und einsichtsfähigen Historiker Martin Broszat bewogen haben, derart harsch auf die Arbeiten von Poliakov und Wulf und dann auch von Adler zu reagieren? Dass er wie die allermeisten seiner deutschen Generationsgenossen an erheblicher Befangenheit gegenüber Juden litt, ohne sich das selbst einzugestehen, erscheint ohne weiteres plausibel – insbesondere dann, wenn er jüdischen Kollegen gegenüberstand, die sich mit der erst zwei oder drei Jahrzehnte zurückliegenden deutschen Verbrechensgeschichte wissenschaftlich auseinandersetzten.
Diese den eigenen Blick trübende Befangenheit hielt sich bei Broszat zäh, wobei man ihm zugutehalten kann, dass er sich im Alter immer wieder ernsthaft mit dem Thema befasste. In seinem Brief vom 28. September 1987 schrieb er an seinen Historikerkollegen Saul Friedländer (*1932): »Mein Historisierungsbegriff gründet auf dem Prinzip kritischen, aufklärerischen Verstehens.« Auf dieser gedanklichen Grundlage unterstellte er den von Deutschland Verfolgten, »vor allem auch jüdischen Menschen«, sie würden, anders als er, der im Selbstbild vermeintlich Objektive, »auf einer mythischen Form des Erinnerns beharren«. Weshalb es nicht-jüdische Historiker immer wieder mit einer »gegenläufigen, geschichtsvergröbernden Erinnerung unter den Geschädigten und Verfolgten des NS-Regimes und ihren Nachkommen zu tun« bekommen würden. Der Briefwechsel zwischen Broszat und Friedländer war von vorneherein zur Veröffentlichung gedacht und erschien ein Jahr später in den
Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte.
Neben Friedländer meinte Broszat damit jüdische Kollegen wie Yehuda Bauer (1926 – 2024), H. G. Adler, Joseph Wulf, Léon Poliakov, Otto Dov Kulka (1933 – 2021), Raul Hilberg und andere. In derselben Tonlage hatte Broszat drei Jahre zuvor, 1984, auf der Stuttgarter Konferenz »Der Mord an den europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg – Entschlussbildung und Verwirklichung« argumentiert und den erstmals nach Deutschland eingeladenen Kollegen Hilberg, Bauer und Friedländer vorgehalten, sie brächten eine Leidenschaftlichkeit in die Debatte hinein, der »wesentliche außerwissenschaftliche Gründe« eigen seien. Im Klartext: Deutsche Historiker, die noch im Nationalsozialismus einen Teil ihrer Sozialisation und geistigen Prägung erfahren hatten, fühlten sich jüdischer Geschichtsvergröberung ausgesetzt und betrachteten die Interventionen der »Geschädigten und Verfolgten des NS-Regimes und ihrer Nachkommen« als Hemmnis für jegliche objektive Geschichtsschreibung.
Ich habe das als Beobachter und aus dem Publikum mitdiskutierender Teilnehmer während der Stuttgarter Konferenz ganz anders erlebt. Die dort von Eberhard Jäckel (1929 – 2017) eingeladenen jüdischen Kollegen – H. G. Adler gehörte nicht dazu – sprachen präzise und beispielhaft über einzelne Verbrechen und die daran beteiligten Personen. Hingegen redete Broszat wolkig vom »monströsen Automatismus der Barbarei« und vom »dynamischen Drive« des Verbrecherischen. Mit Hilfe derartiger Begriffspinsel entstand ein abstraktes Geschichtsgemälde aus dynamischen Linien und flächiger Hitler-Barbarei, versehen mit einem von Broszat feinziselierten Porträt von Rudolf Höß (1901 – 1947), des Kommandanten von Auschwitz, den Broszat als »befehlseifrigen Kleinbürger« stilisierte und als »Werkzeug für die Ausführung der Verbrechen des Regimes« vorstellte. Die vielen an dem durch und durch kriminellen Gesamtprozess des Beraubens und Mordens beteiligten und der Mitwisserschaft schuldigen Deutschen wurden in diesem Gemälde mit einem kräftigen geschichtspolitischen Quast übertüncht: die unzähligen Mitmacher, Zuschauer und Profiteure, die kleinen deutsch-nachbarlichen schadenfreudigen Neider oder Denunzianten, die Sekretärinnen, Dorfpolizisten, Finanzinspektoren, Fahrer und Karteiführerinnen in den Einwohnermeldeämtern, die Frauen von der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, die sich mit Hilfe der Hinterlassenschaften der Deportierten um das Wohl minderbemittelter Familien kümmerten, die antisemitisch herumgrölenden Hitlerjungen und die ausgebombten Familien, die händeringend auf eine Wohnung, auf Hausrat und Kleidung warteten, welche dank der Judendeportation verfügbar geworden waren.
Eben das, die begriffliche Abstraktheit, genannt Strukturalismus, blieb H. G. Adler völlig fremd. Er weigerte sich, den Mord an sechs Millionen Menschen hinter irgendwelchen Begriffsfassaden verschwinden zu lassen. Das hätten die Münchner Historiker, die ihn 1958 zur Mitarbeit einluden, übrigens schon vorher wissen können. Dazu heißt es in der Einleitung zu Adlers schon zitiertem Buch »Die verheimlichte Wahrheit«, das eigentlich Neue am Nationalsozialismus seien weder der Hass noch die Unterdrückung noch die völkermörderischen Absichten gegen die Juden gewesen, sondern »die rücksichtslose, grundsätzliche und möglichst kompromisslose Durchführung der Vernichtung durch eine großzügige Organisation, wie sie bei der Ausrottung eines Volkes oder eines Versuchs hierzu noch nie in die Wege geleitet worden war«. Das geschah »unter Einschaltung des komplizierten Verwaltungsapparates eines modernen Großstaates unter Mitwirkung zahlreicher Institutionen und in Verbindung mit sozialen Vorgängen ursprünglich ganz anderer Bestimmung«.
Ermöglicht hatten das »viel zu weite Kreise« der deutschen Bevölkerung, die den nationalsozialistischen Ideen überhaupt und dem Programmpunkt Lösung der »jüdischen Frage« gefolgt waren. Diese Deutschen »verbargen sich dem Ernst« der »schroffsten Absichten« ihrer politischen Führung. Darüber hinaus verhielten sie sich weit überwiegend »lau und feige«, zumal sie sich »an dem Genuss der durch die ›Lösung‹ und ›Endlösung‹ freiwerdenden Werte in oft unersättlicher Weise beteiligen« wollten.
Wie fundamental sich Adlers Ansatz vom damals vorherrschenden strukturalistischen Reduktionismus unterschied, zeigt exemplarisch das Exposé für ein mehrbändiges Werk, das Martin Broszat und dessen Kollege Helmut Heiber (1924 – 2003) am 7. November 1962 dem S. Fischer Verlag vorstellten. Beide folgten damals der Illusion, mit einem wuchtigen Zehnbänder ließe sich die jüngste deutsche Vergangenheit, wie man damals sagte, wissenschaftlich abschließend bewältigen.
Die ersten vier Bände sollten von der Vorgeschichte handeln: vom »Ende des wilhelminischen Staates«, vom »europäischen Faschismus außerhalb Deutschlands«, vom »Nationalsozialismus in der Weimarer Republik« und von der »europäischen Außenpolitik von Versailles bis Kriegsausbruch«. Derart historisch eingebettet, sollten laut Exposé die Bände 5 bis 9 folgen, die sich mehr oder weniger konkret mit Hitlerdeutschland befassen würden:
5. Die Machtstruktur im nationalsozialistischen Deutschland (Broszat).
6. Das soziale Gefüge im Dritten Reich.
7. Kulturpolitik im Dritten Reich, Kunst, Hochschule etc.
8. Die SS im totalitären Herrschaftssystem des Dritten Reiches.
9. Bündnispolitik und Besatzungsgewalt, Kollaboration und Widerstand 1939 – 1945.
Mit dem zehnten Band wollten die beiden Historiker das Ganze unter dem Titel »Regionale und soziale Neugruppierung 1945 – 1950« abrunden.
Die Stichwörter Kriegsverbrechen, Raub, Hitlers Volk, Zwangsarbeit, »Euthanasie«-Morde, »Endlösung der Judenfrage«, millionenfache Morde (an nicht-jüdischen Gefangenen und Zivilisten) sucht man in dieser Konzeption vergeblich. Wahrscheinlich sollten sie irgendwo unter den Rubriken »Die SS im totalitären Herrschaftssystem« und »Besatzungsgewalt, Kollaboration und Widerstand« vom großen Rest der deutschen Bevölkerung isoliert erwähnt werden. Der von Anfang an als mörderisch geplante Aggressionskrieg Hitlerdeutschlands wurde zum Kriegsausbruch verniedlicht, der irgendwie mit dem Versailler Friedensvertrag zusammenhänge; blanker Terror wurde zur Besatzungsgewalt, die sowohl mit Kollaboration als auch mit Widerstand verbunden war. Vor allem sollten die deutschen Leser dieser auf Strukturen, soziale Gemengelagen sowie auf eine stark abstrahierte Gewalt- und Politikgeschichte angelegten Buchreihe im Unterbewussten befriedigt wahrnehmen, dass ihre eigene aktive oder passive Beteiligung und Mitverantwortung für die mit der NS-Herrschaft verbundenen Verbrechen nicht nur einvernehmlich beschwiegen wurde, sondern angesichts von SS und totalitärer Herrschaft in gemächlicher Weise verdunstete.
Aus diesem Plan entstand dann, die deutsche Verbrechensgeschichte im geschichtlich Allgemeinen weiter verwässernd, die von Broszat und Heiber gemeinsam herausgegebene »dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts«. Wobei die einzelnen Bände sukzessive und nicht in der numerischen Reihenfolge zwischen 1966 und 1970 erschienen.
Der Erste Weltkrieg, Bd. 1, 1968
Revolutionen und Friedensschlüsse 1917 – 1920, Bd. 2, 1967
Die Republik von Weimar, Bd. 3, 1966
Die faschistischen Bewegungen: Die Krise des liberalen Systems und die Entwicklung der Faschismen, Bd. 4, 1966
Europa zwischen den Kriegen, Bd. 5, 1969
Der Ferne Osten, Bd. 6, 1970
Die Vereinigten Staaten von Amerika, Bd. 7, 1966
Sowjetrussland: Struktur und Entfaltung einer Weltmacht, Bd. 8, 1967
Der Staat Hitlers, Bd. 9, 1969
Der Zweite Weltkrieg, Bd. 10, 1967
Das geteilte Deutschland, Bd. 11, 1966
Konflikte der Weltpolitik nach 1945, Bd. 12, 1970
Auflösung der Kolonialreiche, Bd. 13, 1966
Europa zwischen Aufbruch und Restauration, Bd. 14, 1968
Der 1969 erschienene, von Martin Broszat verfasste Band 9 der Serie war der einzige von 14 Bänden, der sich – bequem ins Allgemeine eingebettet – dezidiert mit Hitlerdeutschland befasste. Der vollständige Titel lautet: »Der Staat Hitlers – Grundlegung und Entwicklung seiner inneren Verfassung«.
Auf den 472 Seiten widmete Broszat dem Thema »Endlösung der Judenfrage« auf den Seiten 401 und 402 genau 40 Zeilen. Zehn davon wandte er für seine schon damals unhaltbare Behauptung auf, dass »die an Gesetzmäßigkeit gebundenen Stellen der Staatsverwaltung« zwar an der Abwicklung des Gesamtprozesses der »Endlösung« beteiligt gewesen seien – das jedoch »bei nur ungenügender Kenntnis der vollen Absichten der Führung«. Für diese dem Selbstschutz der deutschen Beamtenschaft, des deutschen Militärs und der deutschen Justiz verpflichtete Schutzlegende gab Broszat nur eine einzige Quelle an: die im polnischen Gefängnis und im Angesicht des Galgens verfassten Lügengeschichten des zweimal in Auschwitz eingesetzten Lagerkommandanten Rudolf Höß (1901 – 1947). Während Broszat seinen jüdischen Kollegen ununterbrochen mangelnde Quellenkritik nachsagte, zitierte er die von ihm 1958 als vermeintliches Dokument edierten Höß’schen Märchen als einzige Stütze für seine Erfindung vom allgemeinen Nichtwissen über die Praktiken des Mordes an den europäischen Juden: Denn laut Höß habe »der Führer« die »Endlösung der Judenfrage« im Sommer 1941 »befohlen«; daraufhin habe Himmler Höß umgehend mitgeteilt, »wir – die SS – haben diesen Befehl durchzuführen« und im Übrigen »strengstes Stillschweigen, selbst Vorgesetzten gegenüber, zu bewahren«.
Einem derart verallgemeinernden Geschichtsbild widersprach H. G. Adler mit jeder Zeile seines Buches »Der verwaltete Mensch«. Er nannte Namen und Adressen, durchleuchtete die Verhältnisse zwischen übergeordneten und nachgeordneten Behörden. So hielt er den Beamten der Finanzverwaltung vor, dass sie sich »vom Schreibtisch aus nach Maßgabe ihrer amtlichen Kompetenzen in den Vernichtungsfeldzug gegen die Juden eingeschaltet haben«. Ihnen müsse »am Rechts- und Finanztod der deportierten Juden volle Mitschuld« zugeschrieben werden. Im internen Schriftwechsel wiesen die Spitzenbeamten des Finanzministeriums immer wieder auf »die Wegschaffung« der Juden »nach dem Osten« hin. Ihren Untergebenen teilten sie ohne jede Scheu mit, das geschehe »durch die Fürsorge der bei keinem Deutschen humanitäre Assoziationen hervorrufenden Gestapo«. Kaum war das geschehen, registrierten die Finanzbeamten den von ihnen mit herbeigeführten »Finanztod« eines jeden Juden. Nur sprachen sie nicht vom Finanztod, sondern vom »Verfall« des Vermögens zugunsten der deutschen Staatskasse aufgrund der Übersiedlung der jeweiligen Eigentümer ins Ausland. Um den Finanztod der Juden geschmeidig zu vollstrecken, belehrten die jeweiligen Vorgesetzten ihre untergebenen Beamten schriftlich und mündlich, »wie dieses Werk mit gehörigem Eifer in die Wirklichkeit umzusetzen war«. (S. 240, 261 f.)
Der für die Rüstungsproduktion im Bereich der damals noch ziemlich bombensicheren Stadt Würzburg zuständige Beauftragte des Rüstungsministeriums beschwerte sich im April 1942 über die Deportation einiger Juden, die im kriegswichtigen Gusswerk von Fichtel & Sachs gearbeitet hatten. Zur Untermauerung seiner Beschwerde zitierte er eine Passage aus dem als geheime Reichssache eingestuften Protokoll der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942: »Nach den zur Zeit geltenden Richtlinien ( ... ), die SS-Obergruppenführer Heydrich in einer Staatssekretärbesprechung am 20. Januar 1942 abgegeben hat, werden Juden, die in einem kriegswichtigen Betrieb beschäftigt sind, bis auf weiteres nicht mehr evakuiert.« (S. 309)
Generell bemerkte Adler zur Geheimhaltung, diese gelte vor allem gegenüber den Verwalteten, nicht im Amtsbetrieb der Verwalter: »Das Geheimnis oder ›Amtsgeheimnis‹, das jede entwickelte Verwaltung umgibt, besteht in ihrem unauffälligen und zumindest scheinbar unkontrollierbaren Wirken, das vom versteckten Sitz des Verwalters aus, oft unsichtbar und öfter noch anonym, über außenstehende Menschen verfügt.« (S. 1315)
Zu alledem und gewiss zum weiteren Missbehagen, wenn nicht zum Erschrecken seiner Münchner Auftraggeber dokumentierte Adler beispielhafte Einzelschicksale der Deportierten auf 200 Seiten. Hier sei zusammenfassend nur ein winziges Beispiel genannt, nämlich die Organisation der Judendeportation aus der Kleinstadt Bad Neustadt a. d. Saale, also aus jenem Städtchen, von dem aus auch die Eltern von Isaac E. Wahler deportiert worden waren. Am 28. März 1942 standen auf der »Evakuierungsliste« dieses Städtchens 45 Personen:
Sie waren zwischen dem 9. Mai 1875 und dem 19. Juni 1941 geboren, umspannten also die Altersstufen von neun Monaten bis nahezu 67 Jahren. ( ... ) Die Angestellte Adelheid Lutz vom Landratsamt Bad Neustadt hat 1962 ausgesagt: »Die zum Abtransport bestimmten Juden wären vormittags am 22. 4. 42 im Gesundheitsdienst amtsärztlich untersucht worden auf Transport- und Arbeitsfähigkeit, sodass Landrat (Konrad) Stümmer erwartete, dass der eine oder andere dadurch zurückbliebe, was jedoch nicht der Fall gewesen sei. Es habe sich wohl um eine Scheinuntersuchung gehandelt.« Am 23. April 1942 konnte der Polizeihauptwachtmeister Krach von der Gemeindeschutzpolizei Bad Neustadt pflichtgemäß melden: »Die für die Evakuierung bestimmten Juden in Bad Neustadt a. d. Saale wurden gestern nach Würzburg abtransportiert und dort vollzählig übergeben. ( ... ) Zur Zeit sind noch 9 Juden vorhanden, davon 2 männliche und 7 weibliche.«Diese über Fünfundsechzigjährigen sollten bald in Würzburg gesammelt und sodann von dort nach Theresienstadt abtransportiert werden. Diese Meldung hatte Krach an Bürgermeister (Georg Wolf ) Henning geschickt, der sie dann an den Landrat »zur Kenntnisnahme weitergeleitet« habe. Zur »materiellen Auswertung der Deportation« berichtet Adler:
Aus Bad Neustadt an der Saale liegen Beweisstücke vor, wie der Hausrat der dortigen Juden käuflich an die Stadtverwaltung übergegangen ist, wobei sich ein Dr. Esslinger zugleich als Beauftragter der Stadtverwaltung und auch als Leiter des Amtes für Volkswohlfahrt beim Kreisamtsleiter der NSDAP für den Kreis Neustadt-Mellrichstadt erweist. Am 17. Juli 1943 wurde zwischen Dr. Esslinger und dem Steuerinspektor (Josef ) Zeder vom Finanzamt (ein) Kaufvertrag geschlossen.
Der Preis betrug 6939 Reichsmark, im Übrigen war der Kauf mit der Bedingung verbunden, dass die Gemeindeverwaltung die Sachen »an die minderbemittelte Bevölkerung weitergeben« werde.
Unter vielen anderen nennt Adler den Gendarmeriewachtmeister Klüpfel aus Steinach im Kreis Bad Neustadt a. d. Saale, der den seiner Berufsmöglichkeiten als Viehhändler längst beraubten Juden Markus Sternfeld wegen eines Pfunds Landbutter 1939 bei der Gestapo in Würzburg anzeigte und die Familie dann systematisch und monatelang weiter terrorisierte. Das ging bis zum 25. April 1942 ohne Unterlass. An diesem Tag wurden die Eheleute Sternfeld »nach Osten« deportiert, zusammen »mit ihren drei damals im Alter von fünf bis zwölf Jahren stehenden Kindern« – zurück blieb Sternfelds »hilflose Mutter« Janne Sternfeld, »bis auch sie im September 1942 nach Theresienstadt musste« und dort alsbald starb. (S. 1063 – 1074)
Wegen der Auflagen der bayerischen Archivverwaltungen und Gerichte musste Adler »wiederholt Namen von Personen und gelegentlich auch von Orten durch Decknamen« ersetzen oder gänzlich verschweigen (siehe Adlers Vorbemerkung S. 872). Das betrifft auch die hinter dem Kryptonym »Sternfeld« versteckte Familie – allerdings nicht hinsichtlich des Ortes und der aus den Dokumenten bekannten Geburtsjahre des Vaters und der Großmutter.
Da inzwischen eine von Herbert Schultheis erstellte Liste der »emigrierten und deportierten Juden aus Steinach a. d. Saale« vorliegt, lässt sich leicht feststellen, dass es sich bei der Familie »Sternfeld« in Wahrheit um die Familie Strauß handelte: Viehhändler Justin Strauß (*1902), Paula Strauß, geb. Frei (*1899) und die drei Kinder Herbert (*30. 7. 1930), Kurt (*19. 12. 1934) und Sofie Susanne (*29. 3. 1937). Sie alle wurden entweder in den Gaskammern von Sobibor oder Belzec ermordet.
Die Mutter, Schwiegermutter und Großmutter Fanny Strauß, geb. Geßner (*13. 10. 1871), wurde am 10. September 1942 in das sogenannte Altersghetto Theresienstadt transportiert. Dort angekommen war sie mit der »Überfüllung« dieses Sterbelagers konfrontiert, sodass sie wie Tausende andere Insassen »unter dem Gesichtspunkt der Überalterung« alsbald in eines der deutschen Vernichtungszentren im besetzten Polen und in Weißrussland abtransportiert wurde. Fanny Strauß musste nach gut zwei Wochen, am 29. September 1942, Theresienstadt verlassen. Die dort zuständigen Mitarbeiter von Adolf Eichmann (1906 – 1962) verfrachteten sie in die Massenmordstätte Treblinka, wo sie am Tag ihrer Ankunft in einer der dortigen Gaskammern starb.
Die Psychoanalyse kennt die Phänomene der Übertragung und der Projektion. So gesehen stellen sich die naheliegenden an Martin Broszat und viele andere damals aktive, im Sinne der Nürnberger Gesetze von 1935 gewissermaßen volldeutsche Historiker (und deren spätere Verteidiger) zu richtenden Fragen: Wer ließ denn hier »außerwissenschaftliche« Befangenheiten und »mythische« beziehungsweise mythologisierende »Formen des Erinnerns« in seine Arbeit als Unterströmungen einfließen? Wer versuchte denn, die im Stillen ständig präsente eigene geschichtliche Last hinter Begriffen wie »aufklärerisches Verstehen«, »elementare Systematik«, »quellenkritisch präzise Behandlung«, »wissenschaftliche Erforschung der Probleme« zu verbergen? Noch in dem als systematisch verstandenen Sammelwerk »Ploetz – Das Dritte Reich: Ursprünge, Ereignisse, Wirkungen«, 1983 herausgegeben von Martin Broszat und Norbert Frei, hatte Broszat in seinem einleitenden Aufsatz »Das Dritte Reich als Gegenstand historischen Fragens« die Wörter »Jude«, »Rassenpolitik«, »Massenmord«, »Endlösung« und »Holocaust« vermieden, so als seien sie für ihn nicht Gegenstand historischen Fragens – dagegen räumte er der Widerstandsforschung beträchtlichen Raum ein.
Dass Broszat im Frühjahr 1944 die Mitgliedschaft in der NSDAP beantragt hatte und dann zum 20. April formell aufgenommen wurde, sollte dem damals knapp Achtzehnjährigen niemand vorwerfen. Schließlich war er seit seinem achten Lebensjahr dem nationalsozialistisch geprägten Kollektivismus ausgesetzt und hatte 1943 an der nach dem gefallenen Seekriegshelden umbenannten Leipziger Günther-Prien-Schule das Abitur abgelegt. Dass er dem NS-Staat einiges abgewinnen konnte und gerne Mitglied der Hitlerjugend gewesen ist, hat er, der Sohn eines Postinspektors, nicht öffentlich geäußert, in codierter Form sehr wohl. Dazu lese man seinen 1970 publizierten Aufsatz »Soziale Motivation und Führerbindung«:
»Das Millionen von Menschen umfassende, vielgliedrige System der Partei«, heißt es dort, die neugeschaffenen Verbände und Selbstverwaltungsorgane wie etwa der Reichsnährstand oder die Deutsche Arbeitsfront, habe parallel zur »alten Sozialschichtung« eine neue politische Gesellschaftsstruktur geschaffen. So entstanden »neue Wege des Aufstiegs und der Elitebildung«, bislang unbekannte »Einfluss- und Karrieremöglichkeiten«, und zwar »weitgehend unabhängig von sozialer Herkunft und materieller Lage«. Broszat arbeitet die beschleunigte Egalisierung in der deutschen Gesellschaft heraus, die zunehmende »horizontale und vertikale Mobilität, aber auch die psychologische Emanzipation bisher unpolitischer Volksschichten«. Aus der für so viele spürbaren Nivellierung der Klassengegensätze schließt Broszat auf eine »unverkennbare soziale Wirkung des Hitler-Regimes«: »Trotz geistiger und politischer Unfreiheit« erschien das Hitler-Regime vielen als »sozial offenere Gesellschaft ( ... ), als es sie vordem in Deutschland gegeben hatte«. Nicht zuletzt habe das Verlangen einer kraftvollen politischen Repräsentanz »derjenigen Schichten und Gruppen der Bevölkerung (Bauern, neuer Mittelstand, Jugend), die sich von den bestehenden bürgerlichen Interessenparteien ( ... ) vernachlässigt« sahen, dazu geführt, sich für Hitler zu entscheiden – wenn auch nicht vollen Herzens.
Mit diesem Text lieferte Broszat eine wichtige Begründung dafür, warum sich so viele Deutsche angesichts der vor aller Augen vollzogenen Entrechtung, Enteignung und Deportation der Juden »lau und feige« verhielten, um es mit H. G. Adler zu sagen. Eben deshalb war die erste Generation der deutschen Nachkriegshistoriker – aus Gründen, die man verstehen, aber heute niemandem mehr vorwerfen muss – einfach noch nicht in der Lage, über ihre eigenen Erinnerungen, ihre Gedanken und Erlebnisse bei der Hitlerjugend, in der Schule, als Flakhelfer und junge Soldaten zu sprechen. Sie schwiegen. In ihrer Not, die auch eine Gewissensnot gewesen sein dürfte, betrachteten sie sich als geschichtlich Unbeteiligte. Sie bildeten sich ein, sie könnten dank ihrer historistischen Methoden, ihrer abstrahierenden Begriffe und ihrer über alle Zweifel erhabenen Fußnoten objektiv urteilen. Wohingegen diejenigen, die dem massenbasierten Verfolgungs- und Mordsystem mit knapper Not entronnen waren, in den Augen ihrer deutschen Kollegen nur zu sogenannten »Zeugenberichten« befähigt seien, die dann von »richtigen Historikern« als Material genutzt, quellenkritisch durchleuchtet und geschichtswissenschaftlich eingeordnet werden müssten. Dem deutschen Schweigen entsprach die von Berührungsängsten gesteuerte Abwehr gegenüber den jüdischen Überlebenden, die – wie H. G. Adler und viele andere – ununterbrochen und in aller Freiheit individuelle Geschichten erzählten, in denen sich nicht nur die große Staatsgeschichte, sondern auch – durchaus repräsentativ – das Verhalten der vielen Einzelnen spiegelte, die die damalige deutsche Gesellschaft gebildet hatten.
So berichtete H. G. Adler mehrfach, wie er im Winter 1944/45 das letzte »fürchterliche« Lager Langenstein, einen Stollen im Harz zur bombensicheren Flugzeugproduktion, »nur durch die seltsamsten Glückszufälle überlebt« habe. Auch dort hatte er Gedichte geschrieben, 56 insgesamt, und diese in einer kleinen selbstgefertigten Aluminiumschachtel versteckt. Bei einer Kontrolle fiel diese Schachtel »einem gefürchteten SS-Mann in die Hände« und Adler das Herz in die Hose. Der SS-Mann »faltete die Blätter auseinander«, las und stellte fest: »Das ist Sabotage, das ist Verschwörung! Du hast dein Leben verwirkt.« Adler erwiderte straff: »Jawohl, Herr Scharführer, das weiß ich!« Am Abend musste sich Adler dann beim Lagerkommando melden: »Ich hielt meine letzte Stunde für gekommen, hielt mich aber gut und erhielt nebst der Verwarnung ›nächstens lässt du dich nicht mehr erwischen!‹ von dem gestrengen Mann sogar meine Schreibereien zurück! Knapp darauf kam ich in die Lagerhierarchie, ich wurde Hallenschreiber und konnte so auch anderen ein wenig helfen.«
Vielleicht, sogar wahrscheinlich, hatten die mittlerweile schnell heranrückenden alliierten Armeen den SS-Scharführer gegenüber dem Häftling Adler gnädig gestimmt. Wie die Gedichte, die er aus dienstlichen Gründen lesen musste und dann dem Autor zurückgab, auf ihn gewirkt haben, wissen wir nicht. Immerhin verraten der Verzicht auf weitere, womöglich tödliche Maßnahmen und die lasche Ermahnung »Nächstens lässt du dich nicht mehr erwischen!« einen Anflug von Milde. Nicht auszuschließen, dass Adlers Gedichte den gefürchteten SS-Mann dazu bewogen, über sich selbst und die täglich zunehmende Gefährdung seiner eigenen Existenz nachzudenken – zum Beispiel nach der Lektüre dieser Strophe aus dem Gedicht »Unter gemordeten Seelen«:
Hörst du es? / Immer gewaltiger / Wird die Fluchfackel des Zornes / Dröhnend geschwungen; / Wen sie trifft, / Der ist gelöscht / Aus dem Gedächtnis, / Den schlürft das Vergessen / Hinab!, hinab / In Verwesung und Schlamm!Zeitlebens beschäftigte sich Adler mit Literatur, Dichtung, Musik und vor allem Sprache. Sein Buch über Theresienstadt beginnt kommentarlos mit einem zwanzig Seiten langen Wörterverzeichnis der dort verwendeten deutschen Verwaltungssprache und des Lagerjargons. Es reicht von
Abfertigung (= »Transporte werden abgefertigt«) über
betreuen (= »Die ›Zentralstelle‹ in Prag ›betreute‹ die Juden«, »in letzter Konsequenz ein Euphemismus für morden und Mord«), bis
restlose Erfassung (= »Für den Totalitätsanspruch des mechanischen Materialismus muss alles ›restlos‹ geschehen.«) bis
Transportteilnehmer (= »jeder Deportierte«).
Bemerkenswert auch Adlers schon zitierte Wortschöpfung »Finanztod«. Abgesehen davon, dass in den 1960er- und 1970er-Jahren das Thema »Enteignung der Juden« von deutschen Historikern nicht oder nur oberflächlich gestreift wurde, benutzten und benutzen sie bis heute – den Autor dieses Vorworts eingeschlossen – blasse Wörter wie Raub, Enteignung, Arisierung. Im Unterschied dazu erweist sich der Begriff Finanztod, der millionenfach dem physischen Tod vorausging, als sehr viel kraftvoller – als präzise, als durch und durch angemessen. Statt der Wörter Deportation / deportieren nutzt Adler auf den folgenden Seiten 172-mal die Wörter Verschleppung / verschleppen, in denen sich die verbrecherische Gewalt des Vorgangs, die Härte der Verschlepper und die Schrecken der Verschleppten unmittelbar mitteilen. Hier sei noch auf ein weiteres Beispiel hingewiesen, um die immer wieder hervorstechenden sprach- und wortkritischen Bemerkungen Adlers zur weiteren Lektüre zu empfehlen: Auf den Seiten 1174 bis 1191 dieses Buchs beschäftigt sich der Autor mehrfach mit dem Wortstamm »walten«:
Außer »walten« selbst ist im modernen Deutsch neben den verschiedenen Ableitungen von der Grundform wie etwa »verwalten«, »Verwaltung«, »Gewalt« samt den zugehörigen Fortbildungen, ferner »Anwalt«, »obwalten«, »bewältigen« und »überwältigen« kein stammverwandtes Wort bekannt. ( ... ) »Walten«, so gleichlautend schon mittelhochdeutsch, hat die »walt« in sich, wie es einst auch für »Gewalt« hieß. (S. 1175)
Allerdings beließ es Adler nie bei abstrakten Wortklaubereien, sondern untersuchte auch den entsprechenden nationalsozialistischen Sprachgebrauch, im Fall des Wortstammes »walten« demonstrierte er das am Beispiel des hochgestellten SS-Obergruppenführers Dr. Werner Best (1903 – 1989). Dieser hatte 1941 den Aufsatz »Grundfragen einer deutschen Großraumverwaltung« veröffentlicht, und zwar in dem Buch »Festgabe für Heinrich Himmler«. Adler zitiert die darin niedergelegten Strategien ausführlich und fasst zusammen: »Die Fremden werden verwaltet, die Deutschen walten.« (S. 1328 – 1379, Zitat S. 1340)
Auf komplexen Forschungen und Studien, auf Verfolgungs- und Lebenserfahrungen aufbauend, arbeitete H. G. Adler 14 Jahre lang an dem nunmehr nach 52 Jahren neu herausgebrachten Buch »Der verwaltete Mensch«. Mit diesem Werk schuf er eine in jeder Weise moderne, multiperspektivische, glänzend geschriebene, quellengenaue Untersuchung zu dem Thema, das er mit guten Gründen für zentral erachtete: »die Vorgänge rund um den Akt der Verschickung« als den Dreh- und Angelpunkt zwischen Leben und Tod der seit neun Jahren zunehmend diskriminierten, zunehmend isolierten, bald schon dem gesellschaftlichen Tod und dann seit 1938 dem Finanztod ausgesetzten Juden. An diesem, in so vielen Städten und Dörfern mit großer Systematik durchgeführten »Akt der Verschickung« erwies sich auch, wie sich viele Millionen daran mitarbeitende, bürokratisch involvierte, zuschauende und bald schon den Hinterlassenschaften der Deportierten hinterherjagende Deutsche beteiligt haben. »Was sonst noch zu berücksichtigen war«, fügte Adler erklärend hinzu, »sollte zur Abrundung des Ganzen oder als nähere Erklärung dienen, um der Darbietung des zentralen Themas möglichst viel Leben zu verleihen.« (S. 4) All das beschrieb und analysierte Adler »streng und unemotionell«.
H. G. Adlers Buch »Der verwaltete Mensch« gehört zu den wenigen für die Holocaustforschung grundlegenden Büchern. Gleichrangig steht es neben Raul Hilbergs Großwerk »Die Vernichtung der europäischen Juden«, neben Saul Friedländers Zweibänder (»Das Dritte Reich und die Juden 1933 – 1939« und »Die Jahre der Vernichtung«), neben den drei Bände umfassenden Dokumentationen von León Poliakov und Joseph Wulf (»Das Dritte Reich und die Juden«, »Das Dritte Reich und seine Diener«, »Das Dritte Reich und seine Denker«), neben dem umfassenden Tagebuch Victor Klemperers »Ich will Zeugnis ablegen bis zum Letzten« und neben dem sehr früh, 1951, in Frankreich erschienenen Buch von Léon Poliakov »Bréviaire de la haine – Le III e Reich et les Juifs«. Dieses Buch erschien erst 2021 in der hervorragenden Übersetzung von Ahlrich Meyer in einer deutschen Ausgabe unter dem Titel »Vom Hass zum Genozid – Das Dritte Reich und die Juden«.
Bis zu Beginn der 1980er Jahre fehlte vielen deutschen Historikern und der deutschen Gesellschaft insgesamt der notwendige Abstand und die innere Souveränität, um die Bedeutung dieser Werke zu erkennen – sie waren ausnahmslos von Juden geschrieben, die der mörderischen Verfolgung mehr oder weniger knapp hatten entrinnen können. Damals verkauften sich in der alten Bundesrepublik vor allem die Memoiren – besser gesagt: Lügen – von Hitlers Rüstungsminister Albert Speer (1905 – 1981), erschienen 1969, und der Hitler-Wälzer von Joachim Fest (1926 – 2006), erschienen 1973. Es handelte sich um marktgängige Mystifikationen.
Noch herrschte unter deutschen Historikern die Meinung vor, sie hätten es »bei dem nationalsozialistischen Massenmord an den Juden eigentlich mit einem metahistorischen Ereignis zu tun« (Broszat 1984). Ganz anders der nüchterne, still vor sich hinarbeitende H. G. Adler. Er schrieb 1973:
Aufgabe der Geschichte ist, jedes durch Quellen im weitesten Begriff auffassbare Geschehen zu registrieren. Selbst grenzenloses Grauen, die durch verwerflichstes Tun eröffneten Abgründe eines kaum mehr als menschlich zu begreifenden Daseins, so vernichtend auch das Urteil über die Verbrechen ausfällt, stellen für die Geschichtsschreibung ein Humanum dar, dem sie nicht ausweichen darf.Langsam und vom zeitlichen Abstand begünstigt, näherte sich auch die deutsche Zeitgeschichtsschreibung Adlers Prinzipien an. Dieser Prozess begann schon bei Martin Broszat. Fast gequält rief er 1984 auf der erwähnten Stuttgarter Konferenz aus: »Wir haben keine adäquate Form der Darstellung, um das Geschehen von Auschwitz angemessen zur Sprache zu bringen.« Er sei sich dessen bewusst, deshalb würde man immer wieder auf »Scheinerklärungen des unfasslichen Geschehens« zurückgreifen, und natürlich käme es darauf an, die komplexen Ursachen und geschichtlichen Zusammenhänge darzustellen.
Egal wie man das für die gesamte damalige deutsche Gesellschaft zeittypische Verhalten der dieser Gesellschaft angehörenden Historiker gegenüber H. G. Adler beurteilt, unleugbar gilt: Am Anfang stand die Aufforderung des Instituts für Zeitgeschichte an den jüdischen Autor H. G. Adler, ein Buch seiner Wahl zu einem deutsch-jüdischen Thema im Kontext des Nationalsozialismus zu schreiben. Ohne diese sehr lockere thematische Vorgabe und die damit verbundene materielle Beihilfe für die ersten Jahre gäbe es dieses Buch nicht. Die Initialzündung kam aus München. Bücher entstehen häufig auf krummen, oft von Zufällen abhängigen Wegen. So auch »Der verwaltete Mensch«.
In der Einführung zu seinem Buch »Die verheimlichte Wahrheit« wünschte sich H. G. Adler, was erst recht für sein späteres Werk »Der verwaltete Mensch« gesagt werden kann: »Wenn dies alles«, die Dokumente, die Beschreibung der vielen Einzelschicksale und die Darstellung insgesamt, »zum Herzen und Verstand die Enthüllung der Wahrheit wünschender Menschen sprechen sollte, dann wäre die Arbeit an diesem Buch gesegnet«.
Mit freundlicher Genehmigung des S. Fischer Verlagszurück zu Leseprobe 1Infos zu Buch und Autor