9punkt - Die Debattenrundschau

250, okay?

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.07.2026. Geschichte und Gegenwart lassen sich schwer trennen: Die NZZ beleuchtet den Geschichtsstreit zwischen Polen und der Ukraine, der die Gegenwart der beiden Länder vergiftet. Die FAZ forscht in der Vergangenheit des serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic, der sich einst seiner Verdienste um die Belagerung Sarajewos brüstete. Gewiss, Tucker Carlson ist rechts, konzediert die taz, aber hat er bei Israel nicht recht? 
Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.07.2026 finden Sie hier

Europa

Es hatte gute Ansätze zur Versöhnung zwischen Polen und der Ukraine im Geschichtsstreit um Wolhynien gegegeben, schreibt Ulrich M. Schmid in der NZZ - doch die liegen schon gut zwanzig Jahre zurück. Schon seit 2015 ist der Streit unter den Zeichen des Nationalismus immer wieder neu aufgeflammt. "Vor diesem Hintergrund nützte auch die Geste von Präsident Poroschenko nichts, der 2016 in Warschau vor dem Mahnmal für das Massaker von Wolhynien niederkniete - Willy Brandts berühmten Warschauer Kniefall im Jahr 1970 imitierend. Heute findet zwischen der Ukraine und Polen ein Schlagabtausch statt, in dem beide Seiten Verdienstorden zurückgeben und neue Denkmalprojekte ankündigen. In Kiew soll etwa ein 'Pantheon der ukrainischen Nationalhelden' gebaut werden. Noch steht nicht fest, wessen sterbliche Überreste in die geplante Gedenkstätte übergeführt werden. In Polen fürchtet man, dass Kommandanten der UPA wie Roman Schuchewitsch oder Klim Sawur Einzug halten werden."

FAZ-Korrespondent Michael Martens hat in der Nationalbibliothek von Belgrad ein wenig in alten Zeitungen und Magazinen aus den neunziger Jahren geblättert, die im Internet keine Spuren hinterlassen haben. In der Zeitschfti Duga stieß er auf ein Interview mit Serbiens heutigem Präsidenten Aleksandar Vučić, der sich seiner Taten in Sarajewo brüstete. In den Jahren 1992 bis 1995 beschossen serbische Milizen oft ausgerechnet vom jüdischen Friefhof aus, der hochgelegen war, die Bevölkerung der Stadt: "Wie die von Vučić beschworene Verteidigung des Serbentums in Sarajewo ablief, hat das Haager Tribunal später unter anderem in dem Prozess gegen den bosnisch-serbischen General Dragomir Milošević festgestellt. Der General wurde 2007 zu 33 Jahren Haft wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt: Terror gegen die Zivilbevölkerung, Einsatz von Scharfschützen, Beschuss von Marktplätzen und Menschenansammlungen durch Artillerie. Täglich, jahrelang. Viele Zeugen vor dem Haager Tribunal sagten aus, es habe in Sarajewo in den Jahren der Belagerung keinen sicheren Ort gegeben. Man konnte überall und jederzeit getötet oder verwundet werden." 1.425 Tage lang wurde Sarajewo beschossen, 11.000 Menschen kamen ums Leben.
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Kulturpolitik

Peter Laudenbach konstatiert in der SZ einen flagranten Niedergang der Kulturpolitik. Beispiele sind für ihn Berlin (CDU) und die Stadt München (Grün). Da Kulturpolitik auch auf Bundesebene offenbar als Klotz am Bein empfunden wird, engagiert man zudem immer häufiger Unternehmensberater für das so fremde Politikfeld: "Weil man in der Kulturmetropole München, in der einige der bedeutendsten Bühnen, Orchester und Museen der Welt teils begeistern, teils selig vor sich hin schlummern, nicht auf die Idee kommt, eine Stellenausschreibung öffentlich zu diskutieren und zu formulieren, darf sich eine Unternehmensberatung über einen lukrativen Auftrag freuen. In Berlin soll eine andere Beratung, angeblich für ein sechsstelliges Honorar, mögliche Sparpotenziale in den Theatern aufspüren."
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Stichwörter: Kulturpolitik

Gesellschaft

Alle schreiben über Testosteron, das von der viel beschworenen "Manosphere" als nachhaltiges Doping für eine schwach empfundene Männlichkeit empfohlen Wird. "Es liegt aber auch an Donald Trump", schreibt Claudius Seidl in der SZ, "über den schon während seiner ersten Amtszeit viele Ärzte und Psychologen sagten, dass diese eigenartige Mischung aus Vergreisung und Zorn, Streitlust, Rüpelhaftigkeit am plausibelsten damit zu erklären sei, dass Trump gedopt sei mit hohe Dosen von Testosteron. Beweise gibt es dafür keine, aber im vergangenen Winter erzählte der amerikanische Gesundheitsminister Robert F. Kennedy in einem Podcast, dass Trump den höchsten Testosteronspiegel habe, der je bei einem Mann seines Alters gemessen worden sei. "

Sinem Kılıç berichtet auf Zeit online von einem neuen Trend in den sozialen Medien Chinas: Dreamcore. Gepostet werden völlig ereignislose Bilder von Rolltreppen, Wohnanlagen, Hotellobbys etc., meist menschenleer, aber nicht verfallen. "Im Gegenteil: Sie sehen aus, als stünden sie noch immer kurz vor dem Beginn von etwas. ... Innerhalb weniger Jahrzehnte hat China einen Modernisierungsschub erlebt, für den andere Gesellschaften ein Jahrhundert brauchten. Neue Wohnviertel, U-Bahn-Linien, Einkaufszentren und Bürotürme entstanden in atemberaubendem Tempo. Für viele aus der chinesischen Gen Z war Zukunft deshalb lange eine alltägliche Erfahrung. Seit einigen Jahren hat sich dieses Lebensgefühl verändert. Die Bilder kehren deshalb immer wieder zu den Symbolen jener Jahre zurück, in denen dieses Versprechen noch glaubhaft schien. Für diese Erfahrung hat der britische Kulturtheoretiker Mark Fisher den Begriff der 'lost futures' geprägt. Gemeint sind nicht Zukunftsentwürfe, die sich als Irrtum erwiesen haben. Verloren gegangen ist vielmehr das Gefühl, dass Zukunft überhaupt noch etwas grundlegend Neues bereithalten könnte. Die Gegenwart produziert unablässig Neuerungen: neue Technologien, neue Gebäude, neue Konsumwelten. Doch immer seltener entsteht der Eindruck, dass mit ihnen auch eine andere Zeit beginnt. Zukunft erscheint nicht mehr als Aufbruch, sondern als Fortschreibung des Bestehenden."
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Stichwörter: Testosteron, China, Dreamcore

Kulturmarkt

Zu den traurigsten Artikeln gehören solche, in denen Gelehrte erzählen, wie sie ihre Bibliothek auflösen. Diesmal ist in der (auch nur virtuellen) Tiefdruckbeilage der FAZ der Historiker Valentin Groebner dran: "'Schöne Bücher', hatte der Antiquar auf meine Anfrage geantwortet, 'interessieren mich immer.' Er kam morgens in mein Büro zu Besuch, ein freundlicher älterer Herr mit scharfem, schnellem Auge. Zu meinen vielen dicken Bänden zur Schweizer Geschichte zuckte er nur die Schultern. 'Will niemand', sagt er knapp, 'habe ich schon.' Englisch lese seine Kundschaft nicht, für Wissenschaftsgeschichte interessierten die sich auch nicht; sehr wohl aber für die schönen Bücher, es müsse nicht unbedingt Geschichte sein, auch über Architektur, Theorie, Gegenwartsliteratur und Lyrik in gut erhaltenen Taschenbuchausgaben. Am Schluss packte er vierzehn große Papiertüten voll - '250, okay?' Ich nickte ergeben. Wahrscheinlich hätte ich 300 sagen sollen, aber ich war irgendwie eingeschüchtert von so viel rasantem professionellen Geschäftssinn." Es dürfte sich immerhin um Schweizer Franken handeln.
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Geschichte

Welt-Autor Thomas Schmid schreibt den Nachruf auf den Historiker und späteren Publizisten Michael Stürmer. Er erzählt zunächst, wie Stürmer eine konservative Position in der Geschichtsschreibung erobern wollte und nach einer Überbrückung des NS-Schandmals in nationalen und europäischen Kontinuitäten suchte. Dann wurde er Berater von Helmut Kohl: "Dass er für Helmut Kohl arbeitete, war dem Ansehen Michael Stürmers in den letzten Jahren der Bonner Republik abträglich. Dann kam 1986/87 der Historikerstreit. In ihm griff Jürgen Habermas Stürmer frontal an. Und unterstellte ihm, er sei ein Revisionist, der - unter Umgehung von NS-Zeit und Shoah - die Nation wieder zum deutschen Ein und Alles machen wolle. Habermas' Angriff auf Stürmer war bösartig und verkannte dessen Deutung des neueren, supranationalen deutschen Selbstverständnisses." Seine späteren Jahre fristete Stürmer als Chefkorrespondent der Welt, wo er leicht peinliche russophile Positionen vertrat. In der FAZ schreibt Patrick Bahners.
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Medien

Fast schon begeistert porträtiert in der taz der in New York lebende Journalist Lukas Hermsmeier (Autor des Buchs "Uprising - Amerikas neue Linke") den einstigen Maga-Propagandisten Tucker Carlson, der aber Israel hasst und sich darum von Trump abgewandt hat. Selbst "Pogressive", wie man heute so sagt, fangen an Carlson zu schätzen, notiert Hermsmeier. "Manche der Fragen, die Carlson diesbezüglich stellt, haben nämlich zweifellos eine Berechtigung. Woran liegt es, fragt Carlson etwa, dass der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu einen solchen Einfluss auf Trump zu haben scheint, dass er diesen - wie die New York Times und andere große Medien berichteten - von der Richtigkeit eines Kriegs mit dem Iran überzeugen konnte? Auch Carlsons Beschäftigung mit der israelischen Lobbyorganisation AIPAC, die regelmäßig mit großen Kampagnen in US-Wahlkämpfe eingreift, um Erfolge israelkritischer Kandidaten zu verhindern, ist legitim. Genauso wie seine scharfe Kritik am israelischen Vorgehen in Gaza."
Archiv: Medien
Stichwörter: Carlson, Tucker

Ideen

Der Philosoph Jason Stanley machte vor einigen Monaten von sich reden, weil er wegen des aufkommenden "Faschismus" in den USA nach Toronto emigrierte (unsere Resümees). Im Gespräch mit der FR erzählt er, dass er sich wegen der deutsch-jüdischen Geschichte seiner Familie viel mehr als Deutscher empfinde, aber dennoch nicht nach Deutschland emigrieren würde. Denn die Deutschen bleiben für ihn weiter Antisemiten. Sein Beispiel: "Judith Butler ist eine der weltweit bedeutendsten Intellektuellen und eine führende Forscherin zur deutsch-jüdischen Philosophie. Trotzdem wird sie in Deutschland angegriffen und kann hier kaum auftreten. Naomi Klein hat einmal sinngemäß geschrieben, Deutschland gingen langsam die jüdischen Intellektuellen aus, die es noch ausladen könne. Ich sehe ganz deutlich, dass der Antisemitismusvorwurf auch hier gegen Demokratie und Meinungsfreiheit benutzt wird. Wir Juden streiten untereinander. Das gehört zu einer pluralistischen Gesellschaft. Deutschland kann nicht entscheiden, welche jüdischen Stimmen legitim sind. Diese Entscheidung darf man nicht den Enkeln der Nazis überlassen."
Archiv: Ideen