Kinder zwischen Harmoniebedürftigkeit und Radikalisierung. Die Journalistin Manuela Müller zeichnet das Bild einer ostdeutschen Region, die geprägt ist von kollektiven Traumata, fehlender politischer Bildung und einer Jugend, die Rechtssein als Lebensgefühl entdeckt. Sie fragt, ob wir die Kontrolle über eine Generation verloren haben und fordert konkrete Maßnahmen, bevor sich die Mauern in den Köpfen weiter verfestigen.Rechtsextreme Symbole und Haltungen normalisieren sich zunehmend im Alltag. Wo Manuela Müller lebt, tauchen plötzlich immer mehr Hakenkreuze im öffentlichen Raum auf - und scheinen kaum jemanden zu stören. Das ehemals harmlose Simsontreffen hat sich mittlerweile zum beliebten Nazi-Treff für junge Leute entwickelt und das Moped wird von der AfD als Symbol ostdeutscher Identität instrumentalisiert. Jugendliche inszenieren Rechtssein als Lifestyle - mit bestimmten Frisuren, Marken und Gesten. Dabei geht es um Provokation und Gruppenzugehörigkeit, während Schulen und Eltern oft überfordert sind. Wie konnte es so weit kommen, warum bleibt die Empörung aus und vor allem: Was machen wir jetzt?
Rezensentin Rosa Budde attestiert Manuela Müller eine wichtige und überwiegend hellsichtige Arbeit: mit Blick auf den grassierenden Rechtsradikalismus gerade unter Jugendlichen hat sich die Lokaljournalistin im Chemnitzer Umland auf die Suche nach Erklärungen gemacht; hat mit zahlreichen jungen Menschen über die NS-Anleihen gesprochen, die ihren Teenager-Alltag durchziehen: der gutaussehende Crush aus der Parallelklasse ist auf Insta offener AfD-Anhänger; als einziger linker Junge des Dorfs trinkt man halt mit den Nazi-Jungs Bier, weil man sonst sozial abgehängt würde. Gelungen findet Budde, wie sich aus Müllers "geduldigen" und zugewandten Gesprächen "strukturelle Missstände im Umgang mit Kindern und Jugendlichen" als Ursache hervortun; es gibt kaum Freizeitangebote auf dem Dorf, in den Schulen haben viele Lehrer "aufgegeben" oder sind selbst rechts. Auch die ergänzenden Einordnungen des Soziologen Ulf Bohmann hält sie für eine gute Idee. Was der Kritikerin allerdings aufstößt, ist, das nichtweiße Menschen in Müllers Panorama gar nicht berücksichtigt werden, was manche Aussagen der Autorin schief wirken lasse. Mehr Schärfe in der Differenzierung der beiden "Extreme" links und rechts hätte sie sich auch gewünscht.
Manuela Müller, Lokalreporterin der Freien Presse in Chemnitz, möchte wissen, seit wann und warum wieder überall Hakenkreuze auftauchen und was das für die Radikalisierung Jugendlicher nicht nur im Osten bedeutet, erklärt Kritikerin Claudia Fuchs. Dafür trifft sie sich mit Jugendlichen und deren Eltern, zum Beispiel mit der alleinerziehenden Judith und ihrem 13-jährigen Sohn Kurt, in deren Dorf nur die AfD Wahlkampfauftritte macht, lesen wir. Ein "Tauchgang in die Unterwelt", wie Fuchs festhält, die Jugendlichen benutzen Codes wie Frisuren oder bestimmte Kleidungsmarken und provozieren im Internet mit Hitlergrüßen und Rechtsrock. Der (mangelnde) Einfluss von Lehrern, die oft selbst in der Szene steckten, werde ebenso thematisiert wie die schwierige Position, die Lokaljournalisten einnehmen, die oft nicht gehört würden, aber auch, wie groß der Bedarf an Präventionsmaßnahmen sei, denen jetzt Gelder fehlten. Für die Rezensentin ein eindringlicher Band, der viel darüber verrät, wie Radikalisierung funktioniert.
Die Autorin Manuela Müller, die ein Buch über den Aufschwung des Rechtsextremismus in Ostdeutschland geschrieben hat, teilt im Tagesspiegel-Interview mit Gunda Bartels ihre Beobachtungen über eine Jugend in Sachsen, bei der rechte Tendenzen in Mode sind. Woran liegt es? "Ich bin keine Soziologin, die die Gründe für Radikalisierung theoretisch erklärt. Ich kann nur über die Menschen sprechen, die ich während meiner Recherchen getroffen habe, und da ist Bildung schon ein Schlüssel. Wir haben in Sachsen ein Schulsystem - und das halte ich für fatal -, das Schüler nach der vierten Klasse in gute und schlechte trennt. Die einen gehen auf das Gymnasium, die anderen in die Oberschule. Damit trennen wir auch Milieus. Wir trennen gesellschaftliche Gruppen, die eigentlich zusammengehören. Wir wollen Integration und Vielfalt, aber die Oberschulen liegen in bestimmten Wohngebieten und die Gymnasien in anderen. Dadurch fehlt ein Korrektiv." Unser Resümee
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