9punkt - Die Debattenrundschau
Kaum mehr als ein Scherbenhaufen
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.07.2026. Droht ein neuer Faschismus in Deutschland? Durs Grünbein will in der FAZ nicht über den Begriff diskutieren, sondern die Zeichen lesen - wie die jüngsten Attacken der AfD gegen das Bauhaus. Die FR findet Gemeinsamkeiten zwischen den Ideen der Tech-Giganten und denen des Futurismus. Marine Le Pen präsentiert sich als Jeanne d'Arc, ist aber nur eine Betrügerin, meint in der NZZ der Philosoph Pascal Bruckner. In der SZ analysiert Herfried Münkler die Strategie des Iran im Krieg mit den USA. In der taz warnt der Analyst Robin Yassin-Kassab davor, die Kriegsverbrechen in Syrien unaufgearbeitet zu lassen.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
15.07.2026
finden Sie hier
Kulturpolitik
In der FAZ will sich der Dichter Durs Grünbein nicht lange mit der Frage aufhalten, ob die AfD faschistisch ist oder nicht: Was mit einer AfD-Regierung blüht, sei auch so ersichtlich, meint er angesichts des AfD-Hashtags "deutschdenken" und der jüngsten Attacken gegen das eigentlich doch "mausetote" Bauhaus: "Warum ein Jahrhundert später die alte Vogelscheuche gerade jetzt wieder aufgestellt wird, lässt sich nur begreifen, wenn man den Zusammenhang zwischen Deutschsein und Antimodernsein als eine lange Traditionslinie sieht." Heute geht es wieder "gegen Flachdach und kubische Form", wird ein Kult gepflegt "um einen 'volksgemäßen' Wohnungsbau, um regionale Ästhetik in Zeiten eines seelenlosen 'globalen Einheitsbreis'. Es sind die alten Fluchformeln von Heimatverlust, Entfremdung und Entwurzelung, die es beim Umrühren des Hexenkessels braucht, um den trüben Aufguss, die nationalistische Brühe, zum Kochen zu bringen." In den "gezielten Attacken gegen die künstlerische Moderne, für die das Bauhaus als gemeinsamer Nenner steht", zeigen sich Grünbein "gut lesbar: die Zeichen an der Wand".
Ideen
In der taz zeichnet Georg Simmerl Michel Foucaults Überlegungen zum Faschismus nach, zu dem ihn vor allem die "Krisenstäbe, Rasterfahndung und Kontaktsperregesetze" der BRD in der Hochzeit der RAF-Fahndungen angeregt hatten. Faschismus wollte Foucault das am Ende nicht nennen: "Entlang von Foucaults Denkweg in den späten 1970ern lässt sich diese Debatte noch weiter öffnen. Denn die Skepsis gegenüber dem Begriff, zu der auch Foucault gelangte, schließt dessen analytische und strategische Brauchbarkeit in einer neuen Gegenwart nicht aus. Egal, ob man schon von 'Faschismus' sprechen will: Die Jagd auf illegalisierte Menschen in Trumps Amerika führt vor Augen, dass auch ihr Ausgangspunkt eine im weitesten Sinne liberale, den Schutz der Bevölkerung und bestimmter Freiheiten für sich reklamierende Notstandspolitik ist. Gleichzeitig zeigen amerikanischen Gerichte oder der Widerstand aus der Bevölkerung gegen ICE aber, dass selbst dort noch eine Begrenzung exzessiven Regierens gelingen kann, wo das, was es als 'gefährliche Umtriebe' bekämpft, immer weiter gefasst wird."
In der FAZ widerspricht der Philosoph Dieter Schönecker Konrad Liessmann, der vor knapp zwei Wochen eine strikte Trennung von Wissenschaft und Politik gefordert hatte. Das ist, zumindest in den "normativen Disziplinen" wie Philosophie oder Rechtswissenschaften, die über das nachdenken, was sein soll, per se unmöglich, meint Schönecker. Denn "nichts ändert die Welt sosehr wie unsere Deutung. ... Daran ist nichts verkehrt, solange die epistemischen Tugenden eine regulative Funktion haben. Insbesondere müssen alternative Theorien zugelassen, wahrgenommen und diskutiert werden, ebenso wie die möglichen Schwächen und Nachteile der eigenen Theorie. Zu kritisieren ist also, anders als Liessmann denkt, nicht, dass es überhaupt normatives Engagement in den Wissenschaften gibt. Kritikwürdig sind der oft und zu Recht kritisierte Dogmatismus und die epistemische Arroganz mancher sogenannter Agendawissenschaftler, die aus der linken Orthodoxie erwachsen, wie sie in vielen Disziplinen vorherrscht. Homogenität und Intoleranz sind Gift für die Wissenschaft. Sie gilt es zu bekämpfen, nicht den angeblichen 'Aktivismus'."
In der FR stellt Björn Hayer die Ideologie der Tech-Giganten den Ideen des italienischen Futurismus gegenüber und findet viele Gemeinsamkeiten: "Elon Musks SpaceX-Projekt ist Inbegriff eines wiedererwachten, vorbehaltlosen Futurismus. Schneller, höher, weiter, lautet der Dreiklang des Raketenprojekts. Gewiss geht damit ein durch und durch chauvinistisches Männlichkeitsideal einher. Marinetti feierte den soldatischen Mann. Am besten sollte er ähnlich einem Cyborg aus Stahl gebaut sein. Der 'Tyrannei der Liebe', überhaupt allem Softem, womit er ebenso Homosexualität meint, setzt er die Härte entgegen. Mehr noch: Der zeitgemäße Herr soll umstandslos die 'Verachtung der Frau' praktizieren. Ausgesprochen wird das heute so nicht mehr. Dass jedoch ein Großteil der CEOs im kalifornischen Technologie-Mekka männlich ist, gehört zur Wahrheit."
Außerdem: Friedrich Wilhelm Graf schreibt den Nachruf auf den Politikwissenschaftler, Kirchenpolitiker und ehemaligen bayerischen Kultusminister Hans Maier.
In der FAZ widerspricht der Philosoph Dieter Schönecker Konrad Liessmann, der vor knapp zwei Wochen eine strikte Trennung von Wissenschaft und Politik gefordert hatte. Das ist, zumindest in den "normativen Disziplinen" wie Philosophie oder Rechtswissenschaften, die über das nachdenken, was sein soll, per se unmöglich, meint Schönecker. Denn "nichts ändert die Welt sosehr wie unsere Deutung. ... Daran ist nichts verkehrt, solange die epistemischen Tugenden eine regulative Funktion haben. Insbesondere müssen alternative Theorien zugelassen, wahrgenommen und diskutiert werden, ebenso wie die möglichen Schwächen und Nachteile der eigenen Theorie. Zu kritisieren ist also, anders als Liessmann denkt, nicht, dass es überhaupt normatives Engagement in den Wissenschaften gibt. Kritikwürdig sind der oft und zu Recht kritisierte Dogmatismus und die epistemische Arroganz mancher sogenannter Agendawissenschaftler, die aus der linken Orthodoxie erwachsen, wie sie in vielen Disziplinen vorherrscht. Homogenität und Intoleranz sind Gift für die Wissenschaft. Sie gilt es zu bekämpfen, nicht den angeblichen 'Aktivismus'."
In der FR stellt Björn Hayer die Ideologie der Tech-Giganten den Ideen des italienischen Futurismus gegenüber und findet viele Gemeinsamkeiten: "Elon Musks SpaceX-Projekt ist Inbegriff eines wiedererwachten, vorbehaltlosen Futurismus. Schneller, höher, weiter, lautet der Dreiklang des Raketenprojekts. Gewiss geht damit ein durch und durch chauvinistisches Männlichkeitsideal einher. Marinetti feierte den soldatischen Mann. Am besten sollte er ähnlich einem Cyborg aus Stahl gebaut sein. Der 'Tyrannei der Liebe', überhaupt allem Softem, womit er ebenso Homosexualität meint, setzt er die Härte entgegen. Mehr noch: Der zeitgemäße Herr soll umstandslos die 'Verachtung der Frau' praktizieren. Ausgesprochen wird das heute so nicht mehr. Dass jedoch ein Großteil der CEOs im kalifornischen Technologie-Mekka männlich ist, gehört zur Wahrheit."
Außerdem: Friedrich Wilhelm Graf schreibt den Nachruf auf den Politikwissenschaftler, Kirchenpolitiker und ehemaligen bayerischen Kultusminister Hans Maier.
Europa
Auf der Seite 1 der FAZ blickt Alexander Haneke besorgt nach Ungarn, wo der neue Regierungschef Péter Magyar mit dem Erbe der Fidesz aufräumt und dabei vielleicht ein bisschen übers Ziel hinausschießt, wie Haneke findet: "Am Montagabend war das große Paket von Verfassungsänderungen dran, mit dem er nicht nur Präsident Tamás Sulyok per Gesetz aus dem Amt fegt, sondern wie nebenbei einen Großteil der Oppositionsabgeordneten von der nächsten Wahl ausschließt. Denn Parlamentarier dürfen künftig nur noch drei Wahlperioden im Hohen Haus sitzen. Für die meisten Fidesz-Leute ist ihre Zeit damit bald abgelaufen. Magyars Tisza-Fraktion, die fast nur aus Politikneulingen besteht, bleibt von der Einschränkung unberührt. ... Orbán hatte er schon kurz zuvor durch eine neue Amtszeitbegrenzung für den Regierungschef von einer Wiederwahl ausgeschlossen. Nun ging Magyar daran, auch den Rest der Fidesz-Fraktion durch die Mandatsbeschränkung politisch zu erledigen, obwohl von der Partei kaum mehr als ein Scherbenhaufen übrig ist. Was folgt, wenn alle Gegner aus dem Weg geräumt wurden, muss sich noch zeigen."
Marine Le Pen präsentiert sich als Jeanne d'Arc, ist aber schlicht und ergreifend eine Betrügerin, kommentiert der Philosoph Pascal Bruckner ihre wahrscheinliche Rückkehr in die Politik in der NZZ (unsere Resümees): "Das ist endemisch für das Verhältnis von Politik und Justiz: Unter der Oberfläche einer ausgefeilten Rechtsstaatlichkeit, insbesondere in Wahlkampfzeiten, treten die Brutalitäten willkürlicher Macht zutage. Und unter dem Deckmantel, dem 'Volk' eine Stimme zurückzugeben, erleben wir die Stärkung jener, die geschickt darin sind, das Gesetz zu umgehen. Überall wollen die Mächtigen wie Marine Le Pen den Status quo heimlich sichern und allen anderen das zweifelhafte Privileg überlassen, für ihre Fehler geradestehen zu müssen. Diese Perversion würde, sollte sie sich ausbreiten, das Ende des demokratischen Paktes bedeuten. So viel steht auf dem Spiel bei dieser dramatischen Wendung der Ereignisse im Juli, in der eine verurteilte Straftäterin, als wäre sie plötzlich von jedem Verdacht freigesprochen, sich ihren Wählern als Märtyrerin des Systems präsentiert."
Der serbische Schriftsteller Vladimir Arsenijević wurde in Belgrad am 11. Juli, dem internationalen Gedenktag für die Opfer von Srebrenica, von einer Gruppe Männer zusammengeschlagen, berichtet Doris Akrap in der taz. Und das nur, weil er an eben diesen Gedenktag erinnern wollte: "Die Männer hatten dem Schriftsteller an dem Ort aufgelauert, an dem der Schriftsteller mit einer kleinen Gruppe einige Stunden später mit Transparenten an das Massaker in der bosnischen Stadt erinnern wollte, bei dem über 8.300 bosnische Muslime, zumeist Männer, getötet wurden." So richtig wundern kann Akrap der Angriff nicht, denn "nicht nur die serbische Regierung schweigt zu Srebrenica. Auch in der Zivilgesellschaft wie unter den protestierenden Studenten ist die Erinnerung an das Massaker kein großes Thema."
Marine Le Pen präsentiert sich als Jeanne d'Arc, ist aber schlicht und ergreifend eine Betrügerin, kommentiert der Philosoph Pascal Bruckner ihre wahrscheinliche Rückkehr in die Politik in der NZZ (unsere Resümees): "Das ist endemisch für das Verhältnis von Politik und Justiz: Unter der Oberfläche einer ausgefeilten Rechtsstaatlichkeit, insbesondere in Wahlkampfzeiten, treten die Brutalitäten willkürlicher Macht zutage. Und unter dem Deckmantel, dem 'Volk' eine Stimme zurückzugeben, erleben wir die Stärkung jener, die geschickt darin sind, das Gesetz zu umgehen. Überall wollen die Mächtigen wie Marine Le Pen den Status quo heimlich sichern und allen anderen das zweifelhafte Privileg überlassen, für ihre Fehler geradestehen zu müssen. Diese Perversion würde, sollte sie sich ausbreiten, das Ende des demokratischen Paktes bedeuten. So viel steht auf dem Spiel bei dieser dramatischen Wendung der Ereignisse im Juli, in der eine verurteilte Straftäterin, als wäre sie plötzlich von jedem Verdacht freigesprochen, sich ihren Wählern als Märtyrerin des Systems präsentiert."
Der serbische Schriftsteller Vladimir Arsenijević wurde in Belgrad am 11. Juli, dem internationalen Gedenktag für die Opfer von Srebrenica, von einer Gruppe Männer zusammengeschlagen, berichtet Doris Akrap in der taz. Und das nur, weil er an eben diesen Gedenktag erinnern wollte: "Die Männer hatten dem Schriftsteller an dem Ort aufgelauert, an dem der Schriftsteller mit einer kleinen Gruppe einige Stunden später mit Transparenten an das Massaker in der bosnischen Stadt erinnern wollte, bei dem über 8.300 bosnische Muslime, zumeist Männer, getötet wurden." So richtig wundern kann Akrap der Angriff nicht, denn "nicht nur die serbische Regierung schweigt zu Srebrenica. Auch in der Zivilgesellschaft wie unter den protestierenden Studenten ist die Erinnerung an das Massaker kein großes Thema."
Politik

"Die Islamische Republik steht an einem Scheideweg", meint der Politikwissenschaftler Mehrzad Boroujerdi im Zeit Online Interview. Die wirtschaftliche Lage im Iran ist schlecht, die Bevölkerung psychisch erschöpft: Jetzt kann die Regierung entweder weitermachen wie bisher und alle Proteste niederknüppeln oder "eine Form nationaler Versöhnung" einleiten. "Die Führung könnte erklären, sie habe aus den Ereignissen gelernt und ernsthafte Veränderungen vornehmen - von der Frauen- und Verschleierungspolitik bis zu anderen gesellschaftlichen Fragen. Sie müsste das nicht aus Menschenfreundlichkeit tun, sondern könnte es als Maßnahme zum Erhalt des Systems verstehen. ... Aber bislang deutet alles darauf hin, dass es den ersten Weg wählen wird."
In der SZ analysiert der Politikwissenschaftler Herfried Münkler die Strategie der Islamischen Republik im Krieg mit den USA. Denn Trump hat die iranische Regierung unterschätzt, diese wisse ganz genau, welche Schwächen der Präsident hat: "Trump sitzt in einer Zwickmühle: Eskaliert er den Krieg, um ihn zu einem für ihn politisch akzeptablen Ergebnis zu bringen, steigert er damit die Lebenshaltungskosten in den USA und entfremdet sich der Maga-Bewegung, auf deren Unterstützung er bei den Wahlen angewiesen ist. Lässt er sich hingegen auf ein weiteres Iran begünstigendes Abkommen ein, verärgert er die Falken in der Republikanischen Partei, die ihm dann die Gefolgschaft aufkündigen. Der einzige Ausweg, der ihm aus der Zwickmühle helfen kann, ist eine weitere Eskalation des Krieges und die Suspendierung der Herbstwahlen unter Verweis darauf, dass sich die USA im Krieg befinden. Doch das wäre ein Schritt mit für Trump unabsehbaren Folgen. Und wenn es ernst und für ihn gefährlich wird, ist er ein Zauderer, für den in den USA das Akronym Taco kursiert: 'Trump always chickens out', in etwa: Am Ende zieht Trump immer den Schwanz ein."

Kommentieren