Angelika Klüssendorf: Trost2022. Angelika Klüssendorf erzählt von Liebe, Entzweiung und der Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Rita, Meisterin darin, sich in die falschen Männer zu verlieben, fällt plötzlich…
Dieser Artikel ist die Übersetzung des Artikel "From Historian to Polemicist: What Went Wrong with Omer Bartov", der zuerst im Israel Journal of Foreign Affairs erschien, online zuerst am 12. Juni 2026 hier auf der Website der Zeitschrift. Wir danken Jeffrey Herf und dem Israel Journal of Foreign Affairs für die Genehmigung zur Übersetzung. D.Red.
=====================

Schon ein paar Wochen nach dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 warnte der Historiker Omer Bartov gemeinsam mit mehreren anderen Holocaust-Forschern, dass Israel im Begriff sei, in Gaza einen Völkermord zu begehen. In den folgenden Monaten kam er in Artikeln in der New York Times, der New York Review of Books und dem Guardian, in Fernseh- und Radiointerviews sowie auf wissenschaftlichen Konferenzen und öffentlichen Vorträgen zu dem Schluss, dass Israel tatsächlich einen Völkermord in Gaza begehe.
Bartovs wichtigste Werke befassen sich mit der Wehrmacht an der Ostfront im Zweiten Weltkrieg sowie mit dem Schicksal der Juden im ostgalizischen Weiler Buczacz, aus dem seine Mutter Yehudit (geb. Szimer) stammte.1 Sein Vater, Hanoch Bartov, war einer der berühmtesten Schriftsteller Israels. Die Romane des Vaters über die Jüdische Brigade im Zweiten Weltkrieg und die prägenden Erlebnisse der "Palmach-Generation" waren Bestseller.
Omer Bartov wurde im Kibbuz Ein HaHoresh geboren und wuchs in Tel Aviv auf. In den 1980er Jahren beschloss er, in die Vereinigten Staaten zu gehen, wo er seit dem Jahr 2000 als Professor für Geschichte an der Brown University tätig ist. Seine bahnbrechenden Forschungen zur Rolle einfacher Soldaten, der lokalen Bevölkerung und sozialer Mechanismen von Gewalt im Holocaust waren prägend für das historische Verständnis des Zusammenspiels zwischen nationalsozialistischer Ideologie, militärischen Strukturen und persönlichem Handeln.
Im Laufe der Jahre hat Bartov auch Essays zum Thema Völkermord verfasst, doch diese Texte, die in der liberalen Presse positiv aufgenommen wurden, stützen sich nicht auf jene akribische Archivarbeit, die seine Schriften über die Ereignisse im Europa der Kriegszeit auszeichnet. Obwohl er nie historische Bücher über Israel veröffentlicht hat, die auf der für das historische Handwerk notwendigen Archivforschung basieren, ist es Bartov gelungen, sich als Autorität in Fragen der israelischen Politik und insbesondere des israelischen Krieges im Gazastreifen zu präsentieren. Es handelt sich eher um einen Transfer des Renommees seiner früheren akribischen historischen Forschung, der seinen Meinungen über Israel und den Krieg im Gazastreifen Glaubwürdigkeit zu verleihen schien. Ein solcher Prestigetransfer ist ein altes und bedauerliches Phänomen in der modernen Geistesgeschichte, bei dem Personen, die in einem Bereich Erfolge vorweisen können, behaupten, dass sie beispielsweise "als Historiker" (und in diesem Fall als Historiker des Holocaust) Einblicke in aktuelle Ereignisse hätten, die anderen verwehrt blieben.
Bartovs neuestes Buch, "Israel - What Went Wrong", erschienen im April, ist ein Musterbeispiel für dieses Problem. Wer eine so schwere Anschuldigung wie Völkermord erhebt - und das gilt erst recht für einen Wissenschaftler -, trägt eine hohe Beweislast und muss kausale Zusammenhänge darlegen. Doch Bartov liefert keine einzige Fußnote zur Untermauerung seiner Behauptungen und macht sich auch nicht die Mühe, auf Erkenntnisse und Argumente einzugehen, die diese in Frage stellen würden. Die Leser werden allein aufgrund des Prestiges des Autors und des Verlags - Farrar, Straus and Giroux ist eines der besten Häuser in Amerika - gedrängt, seine Behauptungen zu akzeptieren. Auf lästige Details wie Anmerkungen und Quellenangaben verzichtet er, da er zu glauben scheint, seine Behauptungen seien so offensichtlich wahr und moralisch unanfechtbar, dass, wer anderer Meinung ist, entweder die Tatsachen leugnet oder seinen moralischen Kompass verloren hat.
Das zentrale Argument des Buches lautet wie folgt: Unmittelbar nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober, den Bartov nur knapp und flüchtig beschreibt, "erklärte Israel seine Absicht, das in Gaza lebende palästinensische Volk als solches ganz oder teilweise zu vernichten und setzte sie dann in die Tat um, womit es die hohen Anforderungen der Völkermordkonvention erfüllte" (S. 22-23). Als Beleg für diese Behauptung dienen wütende - und selektiv zitierte - Äußerungen israelischer Politiker über die Unmenschlichkeit der Hamas-Mörder am 7. Oktober; Bartov kann jedoch keine offizielle Erklärung des Ministerpräsidenten oder eines offiziellen Regierungssprechers vorlegen, wonach die Absicht bestehe, "das palästinensische Volk zu vernichten", da es keine derartigen Erklärungen gibt. Israel erklärte der Hamas den Krieg, um sie zu besiegen - eine Tatsache, die Bartov ausblendet.
Kern von Bartovs Polemik und wichtig für den großen Anklang in intellektuellen Kreisen ist seine Behauptung, dass Israel die Erinnerung an den Holocaust missbrauche und dass diese missbrauchte Erinnerung selbst zu einer Rechtfertigung für eine ungerechte, ja bösartige Politik geworden sei. Er schreibt: "Da das Massaker der Hamas immer wieder als Völkermord dargestellt und die Hamas in den israelischen Medien als Nazi-Organisation bezeichnet wurde … erforderten die aus dem Holocaust zu ziehenden Lehren einen rücksichtslosen Krieg" im Gazastreifen "als unvermeidliches Mittel, um ein neues Auschwitz zu verhindern" (S. 104). Er schreibt das, als wäre das völkermörderische Wesen des Angriffs vom 7. Oktober nicht bereits in zahlreichen Presseberichten und in Studien wie dem Bericht der parlamentarischen Untersuchungskommission vom 7. Oktober bis ins kleinste Detail beschrieben worden.2 Hinzukommt, dass jeder, der die Hamas-Charta oder die Erklärungen der Hamas in den letzten Jahren gelesen hat, sehr gut weiß, dass es tatsächlich Verbindungslinien zwischen der nationalsozialistischen und der islamistischen Ideologie gibt, sowohl während des Holocausts als auch im langen Krieg der Islamisten zur Zerstörung des Staates Israel. Es ist schlicht eine historische Tatsache, dass die Begeisterung für Hitler und antisemitische Verschwörungstheorien Nazi-Deutschlands einen Einfluss auf die Ideologie der Hamas hatten.
Als Historiker der Wehrmacht an der Ostfront im Zweiten Weltkrieg ist Bartov bestens mit den Aktionen der nationalsozialistischen Einsatzgruppen vertraut. Der israelische Wissenschaftler Michael Milshtein hat unter anderem auf der Grundlage von Interviews mit gefangenen Hamas-Terroristen die Ideologie und Organisation der von der Hamas gegründeten Nukhba-Einheiten untersucht und weist auf die Ähnlichkeiten zu den Einsatzgruppen hin. Dennoch erkennt Bartov den Zusammenhang zwischen dem ideologisch motivierten Massenmord in Nazi-Deutschland und dem Angriff der Hamas nicht an.3 Er weigert sich, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass die Hamas Israel existenziell bedrohte und dass Israel daher um sein bloßes Überleben kämpfte.
Bartov führt auch aus, dass Israel den Missbrauch der Erinnerung an den Holocaust bereits seit seiner Gründung Israels betreibe. Der Unabhängigkeitskrieg von 1948, also die Reaktion auf den vom Arabischen Hohen Komitee des Nazi-Kollaborateurs Amin al-Husseini ausgelösten Bürgerkrieg und auf die anschließende Invasion durch fünf arabische Länder, erscheint bei Bartov nur scheinbar als "Akt höchster Gerechtigkeit". Stattdessen schreibt er, sei der neu gegründete jüdische Staat "von Anfang an in einen Akt der Ungerechtigkeit verstrickt gewesen", nämlich "die Vertreibung von 750.000 Palästinensern aus dem Gebiet, das zum Staat Israel wurde, und die Weigerung, sie zurückkehren zu lassen" (S. 105-106). Da dies "von jüngst erst aus Europa vertriebenen Juden begangen wurde, waren diese beiden Ereignisse, die Shoah und die Nakba, von vornherein untrennbar verflochten". Doch "die Opfer beider Seiten … haben die Realität dieser Verflechtung stets geleugnet" (S. 106).
Bartov schreibt, als hätten israelische Historiker des Jahres 1948 - seien es Benny Morris, Ephraim Karsh oder andere - nicht überzeugend nachgewiesen, dass es keine "Vertreibung" von 750.000 Palästinensern gegeben hat. Vielmehr gab es einen Krieg, den die palästinensischen Führer auslösten, die arabischen Staaten eskalierten und den beide zusammen verloren. Im Verlauf der Kämpfe wurden zwar Tausende Palästinenser vertrieben, wie es in vielen Kriegen geschieht, doch das Ziel der Zionisten bestand nicht darin, "750.000 Menschen" zu vertreiben, sondern einen Staat auf der Grundlage der Resolution der Vereinten Nationen zu gründen, die sowohl einen jüdischen als auch einen arabischen Staat auf dem Gebiet des ehemaligen britischen Mandatsgebiets in Palästina forderte.
In Bartovs Polemik gibt es keine arabische oder palästinensische Eigenverantwortung, keinen Griff zur Waffe aus Ablehnung der UN-Resolution, keinen arabischen oder palästinensisch-arabischen Rassismus, keinen Antisemitismus und keine Zurückweisung von Einwanderern in einer Region, in der es bereits zahlreiche arabische Staaten gab. Also suggeriert er einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Holocaust - dem Massenmord an sechs Millionen Juden in Europa - und dem, was palästinensische Autoren als "Nakba" zu bezeichnen begannen - also der Niederlage in einem Krieg, aus dem die überwiegende Mehrheit der palästinensischen Araber zwar besiegt, aber lebendig hervorging. Es ist schrecklich, einen Krieg zu verlieren, aber die Niederlage der Palästinenser war in keiner Weise mit dem Holocaust vergleichbar, und die Niederlage in einem Krieg, den die eigenen Führer begonnen hatten, ist kein Akt der Ungerechtigkeit seitens des Siegers.
Bartovs Wut auf Israel erreicht ihren Höhepunkt, wenn er den angeblichen Missbrauch der Erinnerung an den Holocaust thematisiert: "Die Katastrophe des Holocaust wurde für die meisten Israelis zu einem gewaltigen Feigenblatt, zu einem kläglichen Versuch, Selbstviktimisierung und Selbstmitleid mit Selbstgerechtigkeit, Hybris und Macht-Euphorie zu verbinden, wobei die eine Seite der Gleichung die andere rechtfertigt … Ethische Bedenken und moralische Skrupel wischte man angesichts der ultimativen Katastrophe des Völkermords an den Juden als nebensächlich oder vom Eigentlichen ablenkend beiseite" (S. 106). Bartov findet "die meisten Israelis" abstoßend; anders lässt es sich nicht ausdrücken. Für ihn ist der angebliche Missbrauch der Erinnerung an den Holocaust Ausdruck einer nationalen Psychose, die die Hauptursache für die israelische Unmoral sei. Dem Historiker der Ostfront kann man hier nur hinterher winken. Auftritt Bartov als neuer Experte, der eine psychoanalytische Erklärung für das Abgleiten "der meisten Israelis" in eine niederträchtige Unmoral bietet.
Bartov schreibt, als sei Israel keinerlei Bedrohung ausgesetzt, die nicht auf seine eigene ungerechte Politik zurückzuführen wäre. Die Leser seiner Polemik erfahren nichts über die Kriege der säkularen arabisch-nationalistischen Staaten in den Jahren 1967 und 1973, über den ebenso lang andauernden Kampf palästinensischer Terrororganisationen unter dem Dach der PLO Yassir Arafats und auch nichts über die religiös motivierte Feindseligkeit der Islamischen Republik Iran, der Hisbollah und der Hamas. Es gibt keine Erwähnung der Tausenden von Israelis, die in diesen Kriegen und Terroraktionen getötet und verwundet wurden, und somit auch nichts über die sehr begründete Angst um ihr Leben, eine Angst, die überhaupt nichts mit Erinnerungen an den Holocaust zu tun hat. Diese Angst ist keine Paranoia angesichts nicht existenter Bedrohungen, keine Folge der Erinnerungen an den Holocaust. Sie ist eine Reaktion auf echte Bomben und Kugeln sowie auf reale Bedrohungen durch reale Regierungen und Organisationen.
Bartov, der Historiker des Holocaust, hat seine eigenen Einsichten vergessen, die er 2004 in The New Republic festgehalten hatte. Dort benannte er die Bezüge zum Nationalsozialismus in der Hamas-Charta und dass die Führer dieser Organisation - genau wie Hitler - meinten, was sie sagten, als sie 1988 den Juden und dem Staat Israel den Krieg erklärten.4 Die Soldaten der IDF haben die Exemplare von "Mein Kampf" und der "Protokolle der Weisen von Zion" nicht erfunden, die sie in Häusern im Gazastreifen gefunden haben, und sie haben Küchen und Schlafzimmer, die nach dem Angriff vom 7. Oktober zurückblieben nicht selbst mit Kugeln durchsiebt; Bartov erwähnt diese Details lieber nicht.
Eine Folge der falschen und bedauerlichen Fixierung auf den Holocaust sei ein "anhaltendes Schweigen über die vom Staat Israel begangenen Verbrechen", behauptet Bartov. Er führt den Historiker Norman Goda und mich als Beispiele für diese gravierende Fehlleistung an und verweist auf einen Aufsatz, den wir im Juni 2025 für die Washington Post verfasst haben.5 Unsere Sicht auf die Dinge spiegelt für Bartov "einen größeren Trend wider, der die Marginalisierung dieses Forschungsfeldes zu beschleunigen droht und letztlich zu seinen Ursprüngen direkt nach 1945 zurückführt - als ein rein jüdisches Streben nach Erinnerung und Identität, das durch eigene Entscheidung und Fokussierung hermetisch vom Rest der Welt abgeschottet ist" (S. 114).
Das Problem an Bartovs Äußerungen ist, dass er nicht auf den Kern unseres Aufsatzes über Gebrauch und Missbrauch des Genozidvorwurfs eingeht - und ebenso wenig auf unsere Argumente und Belege über den Zusammenhang zwischen der Hamas-Ideologie und ihrer Politik des Massenmords, über die Schwierigkeit eines Krieges gegen den Terror, über die Notwendigkeit, den Toten- und Verwundetenzahlen der Hamas zu misstrauen, und über den Unterschied zwischen Israel, das im Kampf gegen die Hamas versuchte, zivile Opfer zu vermeiden, und der Hamas, deren Ziel es war, die Zahl der zivilen Todesopfer zu maximieren. Unser Bestreben, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Öffentlichkeit zu tragen, trägt nicht zur "Marginalisierung" eines Forschungsgebiets bei, sondern ermöglicht eine ernsthafte und fundierte Debatte vielmehr erst.
Professor Goda und ich, die beide zufällig jüdisch sind, sind sehr froh, Teil einer internationalen Community von Wissenschaftlern zu sein, zu der Juden und Nichtjuden gehören, und blicken voller Dankbarkeit auf jüdische und nichtjüdische Wissenschaftler der Jahrzehnte nach 1945 zurück, die mutig, brillant und eloquent grundlegende Forschungen zum Holocaust betrieben haben, lange bevor dies allgemein üblich war. Bartovs Bezeichnung ihrer Bemühungen als ein "rein jüdisches Streben nach Erinnerung und Identität, hermetisch abgeschottet vom Rest der Welt", ist eine Beleidigung dieser Mischung aus Partikularismus und Kosmopolitismus, die Generationen von Historikern auszeichnete und auf deren Schultern wir - und Bartov - stehen. Ob beabsichtigt oder nicht haben seine Aussagen zur Folge, dass sie Bartov zum "guten Juden" machen zu einem Mitglied der Weltgemeinschaft im Gegensatz zu den "schlechten Juden" Goda und Herf, die sich in Engstirnigkeit und gar in ein intellektuelles Ghetto zurückziehen. Da ärgert sich ein Polemiker, nicht ein historischer Fachmann.
Bartov tut die Absichten der Hamas als Kriegsursache einfach ab. Seit der Veröffentlichung ihrer Charta im Jahr 1988 und in zahllosen Erklärungen vor und nach dem 7. Oktober haben die Führer der Hamas ihre Entschlossenheit bekundet, den Staat Israel durch Krieg zu vernichten. Ihre Weltanschauung war öffentlich bekannt und Quelle des Stolzes und der politischen Identität. Zwar rechtfertigt er den Angriff nicht, aber er sagt, es sei "unmöglich, die Besatzung und Unterdrückung von Millionen Menschen seit 56 Jahren und die Belagerung des Gazastreifens seit 16 Jahren zu ignorieren" - am 7. Oktober sei dies "vor unseren Augen explodiert" (S. 34). Doch die Hamas hat seit 1988 immer wieder deutlich gemacht, dass sich ihr Widerstand nicht gegen die israelische Politik im Westjordanland oder im Gazastreifen richtet. Ihr Widerstand richtet sich gegen die bloße Existenz Israels als Ergebnis seines Sieges im Krieg von 1948. Bartov spricht von der "Belagerung" des Gazastreifens, als hätte die Hamas 2007 nicht eine kleine Diktatur errichtet und ihre Gegner von der Palästinensischen Autonomiebehörde vertrieben, und dennoch erhielt sie über Israel und die Vereinten Nationen wirtschaftliche Hilfe in Höhe von Hunderten von Millionen Dollar aus Katar. Die Belagerung war so durchlässig, dass die Hamas das wohl beeindruckendste unterirdische Tunnelsystem der modernen Militärgeschichte errichten und sich über Schmuggeltunnel an der Grenze zu Ägypten Waffen und Baumaterialien sichern konnte.
Was in Israel schiefgelaufen ist, liegt in Bartovs Augen vor allem an Israel selbst. Er wirft der israelischen Gesellschaft, vor, während der Wochen und Monate des israelischen Krieges gegen die Hamas, nicht "das leiseste Mitgefühl für die Bevölkerung im Gazastreifen" empfunden zu haben. "Die Mehrheit" der Israelis, "schien gar nicht wissen zu wollen, was im Gazastreifen geschah, dieser Wunsch spiegelte sich auch in der Fernsehberichterstattung wider" (S. 44). Als hätten sich nicht Tausende Israelis zu wöchentlichen Demonstrationen versammelt, um das Vorgehen der israelischen Regierung im Krieg zu kritisieren und gleichzeitig die Freilassung der von der Hamas entführten Geiseln zu fordern, und als wäre da nicht das entschieden linke Flaggschiff der israelischen Meinungsbildung, Haaretz, und dessen unerbittliche Kritik an der Netanjahu-Regierung. Die Demonstranten in Tel Aviv und anderen Städten, die sich jeden Samstag versammelten, hatten ihre unzensierten Presseberichte wohl von anderswo.
Wer wie Präsident Joe Biden nach dem 7. Oktober vor einer Welle des Antisemitismus warnte, wird von Bartov zurückgewiesen. Biden unterstützt laut Bartov eine "falsche Analogie zwischen der Kritik an Israels unvertretbarer Politik der wahllosen - und wie sich letztlich herausstellte, vorsätzlichen - Zerstörung von Leben und Eigentum im Gazastreifen und dem Antisemitismus, einer abscheulichen Gesinnung, die sich bei den Protesten von Studierenden und anderen Menschen weltweit nurn selten manifestiert" hätte (S. 59). Es würde einen Historiker (aber nicht einen Polemiker) eine Menge Seiten, Fußnoten und Denkarbeit kosten, um die Anklage einer wahllosen" und "vorsätzlichen Zerstörung von Menschenleben und Eigentum im Gazastreifen" zu erheben. Ein gewissenhafter Gelehrter aber würde sich mit der Frage, ob Aufrufe zur Zerstörung des Staates Israel eine Form von Antisemitismus darstellen, schon auseinandersetzen.
Nicht so Bartov. Er begnügt sich mit der Behauptung, die Vorwürfe des Antisemitismus seien übertrieben, und die der "wahllosen" Zerstörung eine offensichtliche Wahrheit, der nur moralisch begriffsstutzige oder politisch zynische Menschen widersprechen könnten. Dabei ignoriert er Israels Bemühungen, zwischen Kombattanten und Zivilisten zu unterscheiden. Er verschweigt die Tausende von Telefonanrufen und SMS-Nachrichten des israelischen Militärs an Zivilisten im Gazastreifen, in denen diese angewiesen wurden, Gebiete zu verlassen, wo Militäroperationen gegen die Hamas stattfinden sollten - auch wenn das Überraschungsmoment verlorenging, das für den Erfolg im Krieg so wichtig ist.6 Bartov hätte sich nur die syrische Regierung unter Bashar al-Assad ansehen müssen, um ein Beispiel dafür zu finden, wie ein wahlloser Krieg gegen Zivilisten aussieht, doch er erwähnt ihn nicht und verschleiert den Unterschied.
Bartov ignoriert auch die Analysen von Militär- und Sicherheitsexperten - sei es aus Israel oder dem Ausland -, die auf die enormen Schwierigkeiten im Kampf gegen eine Terrororganisation hinweisen, die von einer unterirdischen Festung aus operiert, Zivilisten als menschliche Schutzschilde einsetzt, keine Schutzräume für sie errichtet und Krieg in oder unter Krankenhäusern, Schulen, Moscheen und Privathäusern führt. Obwohl er sich auf seine früheren Arbeiten über die deutschen und Achsen-Armeen in Osteuropa im Zweiten Weltkrieg stützt, fehlt in seiner Polemik jegliche Auseinandersetzung mit den Realitäten des Krieges im städtischen Umfeld. Er ignoriert die von der Hamas selbst öffentlich diskutierte Kriegsstrategie, die die Wahrscheinlichkeit ziviler Todesopfer zynisch in Kauf nimmt, um einen Propagandakrieg gegen Israel zu gewinnen.7
Gewiss, Bartov streut am Rande einige Seiten über die Geschichte des Antisemitismus ein, doch bieten diese nichts, was nicht auch in vielen anderen Werken zu finden wäre. Er weist den Eindruck zurück, dass sich bei den Demonstrationen gegen Israel nach dem 7. Oktober Antisemitismus gezeigt habe. Die überwiegende Mehrheit der Demonstranten in den USA habe "die Verbrechen der Hamas nicht gebilligt, sondern vielmehr die anhaltende massive Zerstörung des Gazastreifens durch die IDF unter Einsatz von in den USA hergestellten Flugzeugen und Bomben verurteilt" (S. 60). Tatsächlich aber skandierte "die überwiegende Mehrheit" der Demonstranten in den Campus-Zeltlagern den Slogan "Befreit Palästina vom Fluss bis zum Meer!"8 Dieser Slogan in diesem Kontext war ein klarer Ausdruck der Unterstützung für die von der Hamas verkündeten Ziele - es ging nicht darum, Israel zu zwingen, seine Politik im Westjordanland zu beenden und Feindseligkeiten gegen die Hamas einzustellen, es ging darum, den Staat Israel mit Gewalt zu zerstören. Bei Erfolg hätte ein solcher Krieg zum Tod von Hunderttausenden Israelis geführt, nicht von 1.200. Wenn Gesänge, die einen solchen Krieg befeuern, kein Antisemitismus sind, dann hat der Begriff keine Bedeutung mehr.
Bartov lehnt die Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) ab. Sie sei "zutiefst falsch", da sie suggeriere, "die Ablehnung des Zionismus - selbst des zerstörerischen, rassistischen und auf jüdische Vorherrschaft ausgerichteten Zionismus, wie er von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und seiner extremistischen Regierung vertreten wird" - sei gleichbedeutend mit Antisemitismus (S. 60). Hauptverfasser der Definition war aber der verstorbene, angesehene und liberale Holocaust-Historiker Yehuda Bauer, nicht Benjamin Netanjahu.9 Bartov spricht abfällig von Israels "Bemühungen, anderen Regierungen die IHRA-Definition aufzuzwingen", und bringt dies mit Israels Neigung in Verbindung, mit rechten Regierungen in Ungarn, Russland und Indien sowie mit dem MAGA-Flügel der Republikanischen Partei, dem französischen
Rassemblement National, der deutschen Alternative für Deutschland (AfD) und Donald Trump "zu kollaborieren".
Bartov unterstellt Israel die Macht, anderen Regierung eine Definition aufzuzwingen. Dabei hatten sich lange vor der Veröffentlichung seines Buches vierzig Demokratien, darunter Australien, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, die Niederlande, Polen und die USA, darauf geeinigt, die IHRA-Definition zu übernehmen.10 Bestrebungen, den Juden das Recht auf Selbstbestimmung in Form der Existenz des Staates Israel abzusprechen, werden darin zu einer Form des Antisemitismus erklärt. Darüber dass viele gut informierte Politiker in liberalen Demokratien mit Bauer übereinstimmen, informiert Bartov seine Leser nicht.
Bartov lehnt die IHRA-Definition auch ab, weil ihm der jüdische Staat zuwider ist. Israel mag danach gestrebt haben, eine sichere Heimstatt für die Juden zu sein, doch sei es "zum unsichersten Ort für Juden weltweit geworden, der Wunsch der Palästinenser, in ihre Heimat zurückzukehren, und Israels unnachgiebige Weigerung, das Land zu teilen, bilden den Kern der Gewalt."11 Israel sei "heute der beste Vorwand für Antisemiten in aller Welt, seine Sucht nach Gewalt und Unterdrückung, seine Abhängigkeit vom Großmachtstatus und finanziellem Einfluss, sein ständiges Herumreiten auf den Schrecken des Holocaust als Rechtfertigung für Gewalt gegen Palästinenser bringen sogar ehemalige Unterstützer dazu, sich voller Unbehagen, Entsetzen und Abscheu von ihm abzuwenden" (S. 78).
Manche Leser könnten diese Sätze als Rechtfertigung für Antisemitismus auffassen, manche Juden mögen glauben, ein Leben ohne Israel würde ihnen antisemitische Drohungen ersparen. In diesen Passagen akzeptiert Bartov implizit den Wunsch der Palästinenser nach einer "Rückkehr in ihre Heimat" als legitim, als hätten sie Angebote für einen eigenen Staat nicht immer wieder abgelehnt und als gäbe es keine Konsequenzen dafür, und als hätte der Angriffskrieg gegen den neuen Staat Israel im Jahr 1948 ohne Konsequenzen bleiben können. Zu diesen komplexen Themen haben viele Historiker wichtige Werke verfasst. Wer wie Bartov den "Kern der Gewalt" in Israels "unbeugsamer Weigerung, das Land zu teilen", sieht, könnte am Ende von Antisemiten zitiert werden, die sich darüber freuen, einen weiteren in Israel geborenen Professor gefunden zu haben, der bereit ist, solche Dinge zu sagen, und einen renommierten New Yorker Verlag, der bereit ist, seinen Namen darunter zu setzen.
Bartov zeigt, auch, wie man über Holocaust und Völkermord schreibt, ohne mit der wissenschaftlichen Literatur zum Antisemitismus vertraut zu sein. Seine Unkenntnis zeigt sich in seinen Äußerungen zu diesem Thema. Er schreibt etwa, dass der Aufstieg von Parteien wie der AfD in Deutschland "die Behauptung widerlegt, der Anstieg des Antisemitismus gehe in erster Linie von Einwanderern, insbesondere aus arabischen und muslimischen Ländern, sowie von der Linken aus. Die Wurzeln des Antisemitismus lagen schon immer bei der Rechten … in erster Linie bei rechtsextremen, rassistischen und weiß-supremazistischen Elementen" (S. 102). Hier setzt Bartov auf die Unwissenheit seiner Leser. Die "Wurzeln des Antisemitismus" lagen natürlich bei der Rechten, aber nicht "immer" und schon gar nicht ausschließlich dort. Tatsächlich gibt es eine Tradition des linken Antisemitismus von Voltaire und Marx bis hin zu Stalin, die die Juden abwertend mit dem verachteten Kapitalismus in Verbindung brachte. In Stalins "antikosmopolitischen" Säuberungen während des Kalten Krieges wurden "Zionisten" beschuldigt, Teil einer amerikanisch-imperialistischen Verschwörung zum Sturz kommunistischer Regierungen zu sein. Diese Anschuldigungen führten zur Verhaftung und Hinrichtung von Juden, gefolgt von jahrzehntelanger antizionistischer und antisemitischer Propaganda des Sowjetblocks, die sich weltweit verbreitete.12 Bartov schweigt auch über das kurze Kapitel der sowjetischen und kommunistischen Unterstützung für die Gründung des Staates Israel.13
Es gibt heute umfangreiche wissenschaftliche Arbeiten zu antisemitischen Ansichten muslimischer Flüchtlinge in Europa,14, die Bartov ignoriert. Er ignoriert auch die äußerst umfangreiche Forschung zu islamischen und islamistischen Formen des Antisemitismus, die in Ägypten mit der Gründung der Muslimbruderschaft in den 1930er Jahren entstanden sind. Berühmte Judenhasser wie Haj Amin al-Husseini, Sayyid Qutb, Ayatollah Khomeini, Yussef Qaradawi und Ayatollah Khamenei sowie die zahlreichen Äußerungen der Hamas, der Hisbollah und der Islamischen Republik Iran kommen bei ihm gar nicht vor.15 Alle seriösen Historiker, die sich mit Antisemitismus befassen, wissen heute, dass dieser Hass in rechter, linker und islamistischer Form auftritt; und wer das nicht weiß, hat den Anschluss an sein Fachgebiet verpasst. Bartov ignoriert diese Forschungsergebnisse.
Stellt Bartov falsche Behauptungen über das Handwerk des Historikers auf? Allerdings! In einem Kapitel mit dem Titel "Das 'Nie wieder'-Syndrom" behauptet er, es gebe einen "wissenschaftlichen Konsens" (S. 91), der "den Massenmord der Nazis an den Juden in den Kontext einer Reihe moderner Völkermorde stellt, die möglicherweise bereits mit der Ausrottung der Herero- und Nama-Bevölkerung in Deutsch-Südwestafrika begann", womit erwiesen sei, dass der Holocaust nicht einzigartig sei, sondern im "größeren historischen Kontext" des Kolonialismus und der antikolonialen Geschichte betrachtet werden müsse.
Einen solchen wissenschaftlichen Konsens gibt es nicht. Zwar stellen manche solche Behauptungen seit Jahrzehnten auf, doch die meisten Historiker des Holocaust bestreiten die Hypothese, dass die Ursprünge des Plans zur Vernichtung der europäischen Juden im Kolonialismus zu suchen seien. Gewiss war die Politik der Nazis in Osteuropa während des Zweiten Weltkriegs eine Form des rassistischen, kontinentalen Imperialismus, der darauf abzielte, die Völker Osteuropas durch deutsche Kolonisten zu ersetzen. Aber der überwältigende Konsens der Historiker des Holocaust - der "Endlösung der Judenfrage in Europa" - lautet, dass diese das Ergebnis der Radikalisierung eines jahrhundertelangen antijüdischen Hasses in Deutschland und anderswo in Europa war, verbunden mit dessen Säkularisierung in Form rassistischer Theorien des Antisemitismus seit dem 19. Jahrhundert sowie des politischen Extremismus, der in der politischen und wirtschaftlichen Krise des Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg entstand. Auch wenden sich die Historiker des Holocaust einhellig gegen die sowohl in der extremen Rechten als auch in der extremen Linken weit verbreiteten Bestrebungen, die Wurzeln des Holocaust in der deutschen und europäischen Geschichte zu verschleiern. Doch viele, wahrscheinlich die meisten, von Bartovs Lesern sowie die ihm wohlgesonnenen Journalisten, die seine Behauptungen weitertragen, sind mit dieser Forschungslage nicht vertraut.
In einem Kapitel mit dem vielsagenden Titel "Über das Abschlachten von Kindern" prangert Bartov "die unglaubliche Gleichgültigkeit der israelischen Bürger gegenüber dem monatelangen Massenmord an palästinensischen Zivilisten, darunter Tausende von Kindern, im Gazastreifen" an - eine Gleichgültigkeit, die seiner Meinung nach auf "ständige Rufe nach Rache zurückzuführen ist, die von Regierungsvertretern und Armeegenerälen gefördert und von den Medien angeheizt werden" (S. 120). Ich kann mich nicht zum Inhalt der wichtigsten hebräischsprachigen Presse und Medien äußern, doch eine solche Gleichgültigkeit ist auf den Seiten der englischen Ausgaben von Haaretz, The Jerusalem Post oder The Times of Israel nicht erkennbar. Auch hier liefert der Polemiker unzureichende und anekdotische Belege, um seine pauschalisierende Anschuldigung der "unglaublichen Gleichgültigkeit" israelischer Bürger zu untermauern. Ein Historiker, der "amerikanischen", "britischen", "deutschen" oder irgendeiner anderen nationalen Gruppe von Bürgern irgendeine Art von Kollektivschuld zuschreibt, wäre sehr vorsichtig; Bartov wirft alle Vorsicht über Bord. Israelische Führer haben den Krieg erklärt, mit dem Ziel, die Hamas zu besiegen und ihre Fähigkeit zu stoppen, Israel erneut anzugreifen, wie es ihre Führer angekündigt hatten. Das ist jedoch kein Aufruf zur Rache. Der richtige Begriff lautet Selbstverteidigung - eine Politik, die jeder Staat, dem das Leben seiner Bürger am Herzen liegt, verfolgen muss.
Im Sommer 2025 veröffentlichte das Begin-Sadat-Zentrum für Strategische Studien an der Bar-Ilan-Universität eine 300-seitige Studie mit dem Titel "Debunking the Genocide Allegations: A Reexamination of the Israel-Hamas War from October 7, 2023 to June 1, 2025", verfasst von Wissenschaftlern der Hebräischen Universität, der Universität Tel Aviv, des Shalem College sowie einem auf internationales Menschenrechtsrecht spezialisierten Rechtsanwalt.16 Die Autoren stellten den Vorwurf des Völkermords sowie die Anschuldigungen bezüglich Aushungerung und unverhältnismäßiger Gewaltanwendung in Zweifel und warfen die Frage nach der Glaubwürdigkeit der vom Gesundheitsministerium der Hamas vorgelegten Fakten und Statistiken auf. Ein Historiker, der den Vorwurf des Völkermords erhebt, wäre verpflichtet, auf eine Studie wie diese einzugehen. Ein solcher Historiker wäre zudem verpflichtet, auf die Argumente einzugehen, die Israels Anwälte vor dem Internationalen Strafgerichtshof als Antwort auf die von Südafrika erhobenen Vorwürfe vorgebracht haben.17 Bartov tut beides nicht.
Doch wenn es darum geht, Israelis anzugreifen, greift Bartov zur schweren Artillerie. Die "Unfähigkeit israelischer Kommentatoren, Journalisten und der Öffentlichkeit im Allgemeinen, sich vorzustellen, wie palästinensische Kinder von in den USA hergestellten Bomben in Stücke gerissen werden", erinnert an Hannah Arendts Bemerkungen zu Adolf Eichmann, dass "der moderne Völkermord letztlich das Ergebnis eines Versagens der Vorstellungskraft ist" (S. 131). Laut Bartov "konzentrierte sich die israelische Vorstellungskraft weiterhin ausschließlich auf das Massaker vom 7. Oktober und dessen eingebildete Verbindung zum Holocaust, während die Grausamkeiten, die Gaza zugefügt wurden, von den Medien buchstäblich zensiert und bewusst aus der öffentlichen Vorstellungskraft ausgeblendet wurden. In diesem Sinne ist die israelische Gleichgültigkeit gegenüber der Tötung palästinensischer Kinder auch das Ergebnis einer überstrapazierten, selbstgefälligen, pornografischen Beschäftigung mit dem eigenen Schmerz und Leiden" (S. 131). Diese Worte stammen von jemandem, der weder die Schwere des unterbrochenen Völkermords vom 7. Oktober begreift noch das Ausmaß, in dem die Kriegsführung in Gaza innerhalb Israels zu einer heftigen Debatte führte.
Bartov behauptet, Einblick "die israelische Vorstellungswelt" zu haben - eine stereotype, einheitliche Denkweise, die angeblich auf alle oder die meisten Israelis zutrifft. Er spricht gar von der "überdrehten, selbstgefälligen, pornografischen Besessenheit" der Israelis (S. 131).
Nur ein Polemiker, der sich weigert, das Ausmaß dessen zu begreifen, was die Hamas den Israelis angetan hat - den intimen Sadismus, ganze Familien in ihren Häusern zu ermorden, oft Kinder und Eltern vor den Augen der anderen, ein lustvolles Gangstertum, das stolz Videos ihrer eigenen abscheulichen Verbrechen verbreitet -, kann solch herzlose und gefühllose Zeilen schreiben. Aber Bartov ist ja nicht der Erste, der Juden dafür kritisiert, dass sie den Morden an ihren jüdischen Mitmenschen zu viel Aufmerksamkeit schenken.
Bartovs Verrat am historischen Handwerk zeigt sich in einem Mangel an Belegen und kausalen Argumentationen. Er bezieht sich auf die "von israelischen Politikern und hochrangigen Militärs offen geäußerten Völkermordabsichten", als handele es sich dabei um bewiesene Tatsachen. An keiner Stelle dieses Buches werden die Details der israelischen Militäroperationen, die Kämpfe um bestimmte Städte oder Gebiete im Gazastreifen oder das Verhalten verschiedener israelischer Einheiten erörtert. Dennoch behauptet Bartov, dass "das Muster der Operationen der IDF" im Gazastreifen, das er gar nicht untersucht hat, ihn zu dem Schluss kommen lässt, "dass diese [genozidalen] Absichten in die Tat umgesetzt wurden". Angriffe auf zivile Infrastruktur, Krankenhäuser, Schulen, Wasserversorgung und Stromnetze "gingen weit über das militärisch Notwendige hinaus … All dies war kein Zufall, sondern Teil einer Strategie, den Gazastreifen als lebenswerten Raum für Palästinenser zu zerstören. Selbst wenn es keinen formellen Befehl zum Völkermord gab, zeigt die militärische Logik, dass Völkermord die Folge war." Dabei handele es sich "nicht mehr um einen Zufall", sondern um "eine bewusst verfolgte Politik" (S. 193-194).
Bartov gelingt es weder zu belegen, dass ein Völkermord stattgefunden hat, noch kann er - selbst unter dieser Annahme - Beweise oder eine kausale Erklärung für eine "bewusst verfolgte Politik" liefern. Dies ist eine schockierende Schlussfolgerung für einen Historiker des nationalsozialistischen Deutschland. Wie Leser, die mit den Werken von Yehuda Bauer, Richard Breitman, Christopher Browning, Lucy Dawidowicz, Raul Hilberg, Saul Friedländer, Ian Kershaw, Peter Longerich und vielen anderen sehr gut wissen, hat das Bestreben, die kausalen Zusammenhänge zwischen Hitlers Ideologie und den Entscheidungsprozessen, die zur "Endlösung" führten, aufzuzeigen, Tausende von Seiten, Zehntausende von Fußnoten, jahrelange Archivforschung, sorgfältige Untersuchung von Daten und Abläufen von Äußerungen, Sitzungen und Befehlen an die Einsatzgruppen sowie den Aufbau und Betrieb der Vernichtungslager in Anspruch genommen. Dennoch behauptet Bartov - ohne Zugang zu israelischen Archiven und ohne ernsthafte Auseinandersetzung mit den öffentlich zugänglichen Unterlagen zur israelischen Entscheidungsfindung - voller Überzeugung, dass es eine "bewusst verfolgte Politik" gegeben habe. Es gibt keinen Grund, diese Schlussfolgerung ernst zu nehmen. Auch hier hat Bartov das Handwerk des Historikers zugunsten der Polemik aufgegeben.
Bartov, der Polemiker, schließt mit einem Vorwurf der Kollektivschuld gegen die Israelis. "Wie", fragt er, "sollen wir mit der Auslöschung Gazas ins Reine kommen? Wird Israel jemals für seine völkermörderischen Handlungen zur Rechenschaft gezogen werden?" (S. 201). Als langfristige Folge "dieser Farce" stellt er in Aussicht dass der Genozid in Gaza Israel endlich von seinem Status als einem einzigartigen Staat befreit, der in einem einzigartigen Holocaust verwurzelt ist." Der "Freibrief, den Israel als Land der Opfer lange Zeit genoss und missbrauchte, könnte bald auslaufen. Die Söhne und Töchter der nächsten Generation haben die Freiheit, ihr eigenes Leben und ihre Zukunft jenseits der Erinnerung an den Holocaust neu zu entwerfen; sie werden auch für die Sünden ihrer Eltern bezahlen und die Last des in ihrem Namen begangenen Völkermords tragen müssen" (S. 203).
Nach einem Buch voller unbegründeter Anschuldigungen spielt Bartov den Richter und die Geschworenen-Jury zugleich und erklärt den Angeklagten für schuldig. Israel werde so "nicht überleben", zu einem "Paria-Staat" werden, "isoliert von seinen Verbündeten und der jüdischen Diaspora", und schließlich werde auch "die israelische Apartheid zusammenbrechen, wie es in Südafrika unter dem Druck von Massenprotesten, Gewalt, einem Waffenembargo und Wirtschaftssanktionen der internationalen Gemeinschaft geschehen ist" (206). Eine Alternative dazu sei die Ablösung des bestehenden Staates Israel durch eine Art Konföderation aus Israelis und Palästinensern, die das zionistische Projekt ablöst.
Bartovs Buch kombiniert einen Mangel an Belegen und einer überzeugenden Kausalargumentation mit einem Schreibstil, der Journalisten, politische Aktivisten und sogar Wissenschaftler ansprechen mag, die ihre zunehmend feindseligen Ansichten gegenüber dem Staat Israel und den Israelis als Volk von einem israelischen Historiker eloquent untermauert sehen wollen. Die Frage ist nicht, ob Bartov ein Antisemit ist, obwohl klar ist, dass er den Zionismus rundweg ablehnt. Es geht vielmehr darum, ob er in "Israel: What Went Wrong" Argumente vorbringt, die wahr oder falsch sind - und, falls sie falsch sind, ob das Buch den ältesten und beständigsten Vorwurf, der den Kern der antisemitischen Ideologie bildet, aufgreift und geschickt neu verpackt: nämlich, dass die Juden seit der Zeit der Kreuzigung - über die koranischen Erzählungen von Juden, die Propheten ermordeten, bis hin zu den Ritualmordlegenden und modernen Verschwörungstheorien, die ihnen die Schuld an Kriegen geben - ein Volk sind, das aus Gewohnheit, Tradition und Charakter zum Mord an Unschuldigen neigt. Diese Verleumdung stand im Zentrum jahrhundertelanger antijüdischer Verfolgung und gipfelte im Holocaust, als die Nazis die Vorstellung vom internationalen Judentum verbreiteten, das auf die "Ausrottung" des deutschen Volkes aus sei.
Der Genozidvorwurf gegen den Staat Israel sollte vor dem Hintergrund dieser langen Geschichte antisemitischer Verleumdungen verstanden werden. Wie die Verleumdungen zuvor verwandelt er Behauptungen, die kaum oder gar nicht durch Beweise gestützt sind, in Glaubenssätze und leidenschaftlich vertretene Überzeugungen. Das Problem mit Bartovs Argumentation ist nicht, dass sie falsch ist, weil sie antisemitisch ist; sie ist falsch, weil sie unwahr ist. Doch die wiederholte Verbreitung solcher Unwahrheiten gegen die Juden - und nun gegen Israel - schürt unweigerlich den Antisemitismus, verstärkt den Hass auf Juden weltweit und vertieft die wachsende Feindseligkeit gegenüber Israel.
Bartovs Werk dürfte zu den fortwährenden Bemühungen beitragen, den Hass auf Israel in den Fakultätsstuben, den Redaktionen, Think Tanks und politischen Parteien salonfähig zu machen. Ich hoffe, dass in diesem Fall die Strategie des Prestigetransfers scheitert und dass kritischere Leser sich die Frage stellen: "Was lief schief mit Omer Bartov?" Das Buch entspricht weder den Standards, die man von professionellen Historikern, noch dem, was man von einem renommierten Verlag wie Farrar, Straus und Giroux erwarten sollte. Dennoch deuten erste Reaktionen darauf hin, dass die Polemik einschlägt und das Buch sich gut verkauft. Trotz mangelnder Wissenschaftlichkeit wird es die weltweite Kampagne zur Untergrabung der Legitimität des Staates Israel bestärken. Nun, es wäre nicht das erste Mal, dass ein sehr schlechtes Buch einen überproportionalen Einfluss auf die öffentliche Meinung und die der Medien hat.
Jeffrey Herf