Efeu - Die Kulturrundschau

Kein Techno ist auch keine Lösung

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15.07.2026. Geht Bayern bald besser mit NS-Raubkunst um? Die SZ ist angesichts des Vorschlags für eine neue unabhängige Expertenkommission vorsichtig optimistisch. Die nachtkritik plädiert mit Blick auf die Münchner Kammerspiele für ein Theater, das die Vielfalt gegen einen konservativen Backlash verteidigt. Eine Münchner Aufführung der Händel-Oper "Alcina" spaltet die Feuilletons: Die SZ bejubelt farbenprächtigen Barock-Sound, die Welt echauffiert sich über billige Kitsch-Kulissen. Der filmdienst fragt sich, warum Homers "Odyssee" so häufig verfilmt wird.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2026 finden Sie hier

Bühne

Münchner Opernfestspiele - Alcina. © Huanhuan Wang

Musikalisch hui, inszenatorisch pfui: So urteilen gleich zwei Kritiker über die "Alcina"-Aufführung bei den Münchner Opernfestspielen. Für den musikalischen Teil der Händel-Sause, die komplett mit historischen Instrumenten bestritten wird, ist Dirigent Stefano Montanari zuständig. Und der "im euphorischsten Sinn völlig verrückte" Montanari liefert laut Egbert Tholl (SZ) "gute Gründe, sich von keiner Sekunde Musik zu trennen, egal, was das für die Geschichte bedeutet. Er spielt auch im Continuo mit, Orgel und Geige, er zaubert mit dem grandiosen Staatsorchester einen umwerfend lebendigen, extrem farbenreichen Barocksound, auch unter Zuhilfenahme historischer Instrumente. Man erlebt eine Renaissance der legendären Barockphase des Staatsorchesters, eine Verheißung für die Zukunft."

Johanna Wehners Inszenierung hingegen beschränkt sich laut Tholl darauf, die Oper "brav zu Ende" zu erzählen. Manuel Brug schlägt in der Welt eine härtere Tonlage an: Johanna Wehner "samt Team, das hat mit Händel überhaupt nicht gematcht. Nach der ersten, wie sich herausstellt, konsequenzenlos sinnfreien Volte zur Ouvertüre passiert bis zur Pause nach zwei Stunden eigentlich gar nichts mehr. Die ostentativ billige Kulisse (von Benjamin Schönecker) aus Bauhausmöbeln und Dekokitsch sieht aus wie eine dieser sterilen Villen aus den üblichen Privat-TV-Reality-Formaten. Man wähnt sich im knatschgrünen Gemeinschaftsraum von 'Das Sommerhaus der Darmsaiten-Stars'. Das von Michael Bauer zudem dauernd anders südstaatenschwül ausgeleuchtet wird, als sei es 'Endstation Sehnsucht'."

Björn Bicker schreibt auf nachtkritik über die Situation an den Münchner Kammerspielen, wo die Intendanz Barbara Mundels nicht verlängert wurde. Bicker, der zwischen 2001 und 2010 selbst an den Kammerspielen als Dramaturg tätig war, befürchtet, dass ein konservativer Backlash wider eine Theaterinstitution, die sich als Speerspitze der offenen Gesellschaft versteht, in Vorbereitung ist: "Die Münchner Kammerspiele haben in den vergangenen Jahrzehnten vorgemacht, was ein Stadttheater im 21. Jahrhundert sein kann: ein Ort der Kunst, der Auseinandersetzung, der Vielfalt und der demokratischen Vorstellungskraft. Die nächste Intendanz darf nicht als Korrektur der vergangenen Jahre verstanden werden, sondern sollte deren Erfahrungen aufnehmen und weiterentwickeln."

Weiteres: In der FAZ porträtiert Gerald Felber Jelle Dierickx, der die Leitung der Musikkultur in Rheinsberg übernimmt. Im Standard schaut sich Margarete Affenzeller auf den Salzburger Festspielen um. Besprochen wird Rébecca Chaillons Stück "La Parabole du Seum", das beim Festival d'Avignon aufgeführt wird (Welt - "Nach zweieinhalb Stunden ist man als Zuschauer erschöpft").
Archiv: Bühne

Architektur

André Görke berichtet im Tagesspiegel von der Renovierung des Gutsparks Neukladow am Berliner Wannsee. Elke Buhr freut sich auf monopol über die aus Zechen und Hochöfen erwachsene Industriekultur im Ruhrgebiet. Ebenfalls für monopol besucht Juliane Herz das von Peter Zumthor entworfene, diesen April eröffnete Los Angeles County Museum of Arts (Lacma).
Archiv: Architektur

Kunst

Vorsichtig optimistisch beobachtet Jörg Häntzschel in der SZ Bemühungen Bayerns, den zuletzt unter anderem aufgrund von SZ-Recherchen in die Kritik geratenen Umgang landeseigener Museen mit NS-Raubkunst (unsere Resümees) zu reformieren. Bayerns Kunstminister Markus Blume will eine von der Politik unabhängige Kommission einsetzen, die darüber urteilen soll, welche in Bayern gesammelten und ausgestellten Kunstwerke Raubkunst sind und welche nicht. Der Schweizer Historiker Raphael Gross "wird die achtköpfige Kommission leiten, die künftig die 'strategische Ausrichtung' der Provenienzforschung in Bayern entwickelt, die Prioritäten vorgibt, die Richtlinien definiert und gegenüber der Landesregierung Restitutionsempfehlungen ausspricht. Gross hat sich in einer ähnlichen Rolle schon einmal bewiesen: Er hat mit einem Team von Fachleuten die unzureichende Provenienzforschung der Zürcher Sammlung Bührle evaluiert und dazu 2024 einen vernichtenden Bericht veröffentlicht. Gross war außerdem neun Jahre lang Mitglied der 'Beratenden Kommission', die unter anderem von Blume selbst jahrelang für ihren zu restitutionsfreundlichen Kurs gescholten wurde." Das hört sich für Häntzschel erst einmal gut an, obwohl das letzte Wort in Sachen Restitution weiterhin bei Blume liegen werde.

Weiteres: Jeni Fulton besucht für monopol das Fotografiefestival "Les Rencontres de la Photographie", das an verschiedenen Orten im französischen Arles stattfindet. Kuhns Tagesspiegel-Kollegin Birgit Rieger unterhält sich mit Matthias Burba, einem Mikroskopiker, der Sandkörner fotografiert - seine Bilder werden derzeit in der Alfred Erhardt Stiftung, Berlin, ausgestellt. Besprochen wird die Schau "Pierre Huyghe" in der Fondation Beyerle bei Basel (taz).
Archiv: Kunst

Film

Szene aus "Die Abenteuer des Odysseus" (1954)

Anlässlich des Kinostarts von Christopher Nolans "Die Odyssee" denkt Patrick Holzapfel im Filmdienst über die Geschichte von Homers zweitem Epos im Kino nach. Kein anderer antiker Mythos wurde derart häufig verfilmt - und doch ähneln sich die meisten davon in der Motivlage, also im Zugriff aufs und in der Auswahl aus dem Material. "Die Götter sehen die Ereignisse vorher, Odysseus erzählt sie nach. Wirklich geschehen tun sie vor dem inneren Auge derer, die sie hören oder lesen. Das Kino aber tut sich schwer mit allem, was nicht gegenwärtig ist. Einzig beim Blick aufs Meer vermischen sich die Zeiten und Gezeiten. Es entstehen Flashbacks, als wären sie die einzige Möglichkeit, das eigene Leben zu begreifen. Kein Wunder, dass sich ein Regisseur wie Christopher Nolan für diese zugleich vorwärts- wie rückwärtstreibenden Zeitlichkeiten interessiert. Sein bisheriges Werk umschifft die ewige Heimkehr als unaufhaltsame Bewegung ins Ungewisse. 'Interstellar', 'Inception', 'Tenet', 'Memento': alles Odysseen, Filme über das Vergessen und das Erinnern des Zuhauses."

Weitere Artikel: Bert Rebhandl freut sich in der FAZ, dass die Filme von Jean Eustache restauriert erst in einer Retrospektive im Berliner Kino Arsenal (unser Resümee) und außerdem von Grandfilm wieder in den regulären Kinoverleih gebracht werden - eine "Gelegenheit für eine neue Generation, einen Filmemacher kennenzulernen, der in Frankreich als Brückenfigur von Godard, Truffaut, Resnais, Varda zu Olivier Assayas, Claire Denis oder Bertrand Bonello gesehen wird".

Besprochen werden Leyla Bouzids "Mit leiser Stimme" (Jungle World, unsere Kritik), Eva Müllers und Isabel Schneiders Dokumentarfilm "Was haben wir gelacht" über Komikerinnen im Fernsehen der Neunziger und mit welchem Sexismus diese damals konfrontiert waren (taz), Jan Komasas Psychothriller "Good Boy" (Standard) und Markus Gollers von Netflix produzierter Film "23000 Leben" über die Fahrt der Iuventa aufs Mittelmeer, um dort Flüchtlinge zu retten, was in politische und juristische Konflikte mündete (SZ).
Archiv: Film

Literatur

Aldo Keel staunt in der NZZ über die Erwägungen in der katholischen Kirche, Sigrid Undset heiligzusprechen - wofür es am Ende allerdings ein durch den Vatikan beglaubigtes Wunder bräuchte, das der norwegischen Schriftstellerin hätte geglückt sein müssen: "Man darf gespannt sein, was sich Undsets Promotoren einfallen lassen." In der FAZ-Reihe zur Geschichte der USA im Spiegel ihrer Literatur beschäftigt sich Sandra Kegel mit Dorothy Parkers Kurzgeschichte "Eine starke Blondine", die auf Deutsch in den "New Yorker Geschichten" zu finden ist.

Besprochen werden unter anderem Lukáš Cabalas "Denkst du noch an Trencin?" (Perlentaucher), Dave Eggers' "Contrapposto" (Standard), Uta-Maria Heims Krimi "Wer zuletzt stirbt, lügt am längsten" (FR), Witold Gombrowiczs "Polnische Erinnerungen/Argentinische Streifzüge" (Welt), Szczepan Twardochs "Sehnsucht" (NZZ) und neue Sachbücher, darunter Raimund Schulz' "Odysseus. Mythos und Wahrheit" (FAZ).
Archiv: Literatur

Musik

Techno rettet die Klassik nicht, hat Karl Keller vor zwei Wochen auf Backstage Classical argumentiert (unser Resümee). Nun antwortet ihm dort Steven Walter, der mit seinen 40 Jahren zwischen jung und alt stehende Intendant des Beethovenfestes Bonn, und macht den Punkt stark, dass die Position eines zweiundzwanzigjährigen Musikstudenten nicht repräsentativ für die junge Generation schlechthin stehe. Es gebe eben nicht ein Publikum, sondern viele - und Musik "ist eine zutiefst sozialästhetische Angelegenheit. Sie ist mehr Anlass als Gegenstand, öffnet Kommunikationsräume und sozio-emotionale Projektionsflächen - und ist eben keine absolute, isolierbare Sache, die irgendwie zu 'vermitteln' sei. ... Dieses ganze Gewese um die ersatzreligiöse Institutionen der klassischen Musik und ihr quasi-sakrales Konzertwesen ist ein 150-jähriges abendländisches Missverständnis, das wir allmählich abschütteln müssen." Ja, "Techno wird die Konzerthäuser nicht retten. Aber Beethoven auch nicht. Er hat seinen Job getan - es liegt nun an uns, mit Selbstbewusstsein aus dem Vollen der Kunstmusik zu schöpfen und lebendige Orte des sozialen Musikerlebens zu schaffen. Da ist kein Techno auch keine Lösung. Aphex Twin ist ein Mozart unserer Zeit und wir müssen nicht so tun, als käme Musik als Kunst nur in unserer kleinen Ecke der Musikwelt vor."

Nach ihrem Konzert in der Berliner Waldbühne vor 22.000 Menschen haben die Pet Shop Boys nun auch zwei Berliner Clubkonzerte im etwas intimeren Rahmen gegeben - und Joachim Hentschel zeigt sich in der SZ einfach nur gerührt. Auch, weil das Duo ausschließlich B-Seiten und kaum einmal live gespielte Titel präsentierte, "'Two Divided By Zero' zum Beispiel (...) eine schwule, operettentaugliche Version des Düsseldorfer Kraftwerk-Prinzips." Hier "spürt man deutlicher als sonst die Dunkelheit, die tief in ihrem Werk liegt, aber meist vom Zirkus der Inszenierung an den Rand gedrängt wird. 'Let's not go home', singt Tennant: Lass uns aus diesem Club bloß nie nach Hause fahren, denn dort wartet das Elend. Die Fluchtfantasien der Achtziger wirken heute sehr zeitgemäß, wieder oder noch immer." Auf Youtube gibt es eine Aufnahme des Konzerts vom Sonntag.

Weiteres: Klaus Walter spricht für die FR mit dem Musikjournalisten und DJ Hans Nieswandt. Ebenfalls in der FR gratuliert Harry Nutt der Popsängerin Linda Ronstadt zum 80. Geburtstag. Besprochen werden eine Aufnahme von Heiner Goebbels' Oper "Walden" durch das Ensemble Modern Orchestra (FR).
Archiv: Musik
Stichwörter: Klassikbetrieb, Pet Shop Boys