9punkt - Die Debattenrundschau

Die schrecklichen Bilder, die Panik

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.07.2026. Die Jüdische Allgemeine zitiert Bernard-Henri Lévy: Die fehlende Unterstützung für Israel wird als Schande in die Geschichte eingehen. In der FR bleibt Eva von Redecker dabei: Es droht Faschismus, und man kann sich nicht "Antifaschist" nennen, wenn man nicht Demos gegen Israel unterstützt. Was soll der Westen tun? Letztlich wird er Putin den Sieg gewähren, prognostiziert Viktor Jerofejew in der FAZ und scheint das ganz ok zu finden. Wie umgehen mit Traumata - fragen sich Deutsche fünf Jahre nach der Ahrtalflut und Franzosen zehn Jahre nach dem Attentat von Nizza.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.07.2026 finden Sie hier

Politik

Bernard-Henri Lévy hat in Haifa an einer Antisemitismuskonferenz teilgenommen. Die Jüdische Alllgemeine zitiert ihn: "Die fehlende Unterstützung für Israel wird von künftigen Historikern als ein Moment großer Schande für den Westen betrachtet werden. Es ist eine Niederlage der Menschlichkeit und eine moralische Niederlage. Es ist der Verlust jedes moralischen Kompasses." Ein Interview mit Lévy aus diesem Anlass findet sich auch auf der Seite ejewishphilanthropy.com: "Der Unterschied zu den 1930er Jahren besteht heute darin, dass ein Jude, der Verfolgung ausgesetzt ist, nicht mehr viele sichere Zufluchtsorte hat. In Israel ist man an sieben Fronten bedroht. In den Vereinigten Staaten nimmt der Antisemitismus zu - genau wie fast überall sonst auch. Europa bildet da natürlich keine Ausnahme; der gesamte Kontinent wird von dieser Welle erfasst. Und was den Globalen Süden betrifft, so ist die Lage dort möglicherweise sogar noch schlimmer. Zum ersten Mal nimmt der Antisemitismus überall gleichzeitig zu, im gleichen Tempo und mit derselben Intensität."

Die USA streiten sich heute über fast alles, also auch über das, was der 250. Geburtstag für das Land bedeutet, sagt der amerikanische Historiker Henry Brands im NZZ-Interview mit Christian Weisflog. Das war auch bei vorherigen Geburtstagen so. "Auch der 200. Unabhängigkeitstag im Jahr 1976 wurde in einem Moment tiefster Zerrissenheit begangen. Das Land hatte gerade den Vietnamkrieg verloren. Der Watergate-Skandal zwang einen Präsidenten zum Rücktritt. Wir entdeckten, dass die amerikanische Regierung in Mordkomplotte gegen ausländische Staatschefs verwickelt war. Das internationale Finanzsystem lag in Ruinen. Das Land war also bereits damals gespalten. Gibt es eine besondere Gemütslage an diesem 250-Jahre-Jubiläum? Ich denke nicht. Wenn dem so sein sollte, dann am ehesten dieses Gefühl: 'Meine Güte, 250 Jahre ist eine lange Zeit. Irgendetwas müssen wir richtig gemacht haben.'"
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Gesellschaft

Vom Umgang mit Katastrophen. In Deutschland jährt sich die Ahrtalüberflutung zum fünften Mal. Die ARD zeigt eine für das deutsche Fernsehen ziemlich ungewöhnliche Dokumentation, Susanne Jäger erzählt in "Allein in der Flut" vom Tod ihres Vaters, der sein Auto noch in Sicherheit bringen wollte - und vom Schmerz, dass das Versagen der Behörden nicht zu den geringsten Konsequenzen geführt hat: "Meine Fragen nach Verantwortung und Konsequenzen bleiben. Bis heute hat kein Gericht die Ereignisse öffentlich aufgearbeitet." Hier in der Mediathek. 

In Nizza jährt sich der Anschlag auf der Promenade des Anglais zum zehnten Mal. Auch drei Deutsche kamen bei diesem LKW-Attentat ums Leben. Sofia Fischer berichtet für Le Monde: "Kurz vor dem zehnten Jahrestag des Anschlags auf der Promenade des Anglais steht Nizza vor der Herausforderung, das Grauen zu veranschaulichen, das am Abend des 14. Juli 2016 86 Tote und mehr als 400 Verletzte forderte. Der Lärm der Sirenen, die schrecklichen Bilder, die Panik - nichts davon kommt zur Sprache. Auch nichts über das ständige Wiederauftauchen des Traumas im Alltag: schulische Misserfolge der Kinder, chronische Schlaflosigkeit, zerbrechende Familien, Phobien und Suchterkrankungen, von denen die Opfer berichten." Seltsame Koinzidenz: Macron feiert heute seinen letzten 14. Juli. Heute Abend ist für Nizza eine Gedenkveranstaltung zum Zeitpunkt des Attentats vorgesehen - genau parallel zum Spiel Frankreich gegen Spanien in der Weltmeisterschaft. Während das Attentat vom Bataclan intensiv aufgearbeitet wurde, werde Nizza als zweitrangiges Attentat behandelt, klagt eine Bewohnerin der Stadt in Fischers Reportage: "Wer wird in diesem Moment daran denken, was vor zehn Jahren passiert ist."

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Ideen

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Es gibt Anzeichen, dass ein neuer Faschismus am Horizont erscheint, erklärt die Publizistin Eva von Redecker im FR-Interview mit Selma Hornbacher-Schönleber. Gerade deshalb brauche es eine konkrete Definition des neuen "Antifaschismus". "Antifaschismus braucht zwei Säulen: Erstens eine wirkliche solidarische Sozialpolitik, die die Verlusterfahrung mindert und so materiell gegen den Drang vorgeht, auf Phantombesitz" - beispielsweise Privilegien oder Vorherrschaft - "zu beharren und ihn mit allen Mitteln zu verteidigen. Zweitens eine Verweigerung der faschistischen Feindbilder. Man muss alle verteidigen, die zu Phantasmen erklärt werden, unabhängig davon, ob man mit ihnen übereinstimmt. Das hieße etwa, auf dem Demonstrationsrecht der Palästina-solidarischen Bewegung zu bestehen oder konsequent den Vergewaltigungsmythen zu widersprechen, mit denen Argumente gegen Immigration und Transidentität oft verquickt werden."
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Religion

König Charles III. ist jetzt Oberhaupt einer Kirche, die Israel Genozid vorwirft. Die Church of England empfiehlt ihren Gemeinden ein Papier palästinensischer Christen, das diesen Genozid-Vorwurf vorbringt, berichtet unter anderem die Times of Israel. "Das Dokument trägt den Titel 'Moment der Wahrheit: Glaube in Zeiten des Völkermords' und ist auch als 'Kairos II' bekannt, benannt nach der palästinensisch-christlichen Bewegung 'Kairos Palästina', die es verfasst hat. Es beschreibt Israels Militäroperation im Gazastreifen nach dem von der Hamas angeführten Angriff vom 7. Oktober 2023 als Völkermord, bezeichnet Israel als 'auf Rassismus gegründetes Kolonialprojekt' und stellt fest, dass jahrzehntelange 'Besatzung', 'Apartheid' und 'Siedlerkolonialismus' den Kern des israelisch-palästinensischen Konflikts bilden."
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Europa

Die Ukraine hat noch lange nicht gewonnen, aber Russland zumindest einen großen Vorteil weggenommen, schreibt Walerij Saluschnyj, von 2021 bis 2024 Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, in der Welt. Russlands Größe wird nämlich aktuell zu seiner Schwäche (mehr dazu hier). "Der Begriff 'Territorium' ist heute komplexer als noch in der Anfangsphase der Invasion. Der Landkorridor, der Russland mit der Krim verbindet, schien einst einer der bedeutendsten strategischen Gewinne Moskaus zu sein. Doch die Entwicklung von Fernkampfkapazitäten und der Drohnenkrieg haben seinen Wert stetig untergraben. Anhaltende Angriffe auf Versorgungswege entlang des Asowschen Meeres haben den logistischen Druck auf die Krim erhöht und ernsthafte Fragen hinsichtlich der langfristigen Nachhaltigkeit der russischen Kontrolle aufgeworfen. Treibstoffengpässe und Versorgungsunterbrechungen für die Zivilbevölkerung verdeutlichen, dass eine physische Besetzung keine strategische Sicherheit mehr garantiert."

Viktor Jerofejew schickt der FAZ eine seiner mäandernden Diagnosen über die russische Seele im Krieg - aber wie nach Jahren Krieg wirkt auch er ermattet, verlangt von Europa Kompromissbereitschaft, lobt Trump für seine "besonnene Haltung" und glaubt an einen Sieg, äh, Putins. "Was aber den Krieg und Friedensverhandlungen betrifft: nur zu seinen Bedingungen. Nur wenn man ihm Respekt zollt und sich seine Weltsicht klarmacht, können Verhandlungen möglich werden. Doch diese Bedingung ist für den Westen unannehmbar. Also geht der Krieg weiter. So lange, bis der Westen (auch Amerika) den russischen Donbass anerkennt. Und was soll der Westen tun? Letzten Endes wird er die Kröte schlucken und sich darauf einlassen."

Der deutsche Militärblogger U.M. zeigt unterdessen ein in den sozialen Netzen kursierendes Video. Russische Soldaten haben das Geschütz leider asymmetrisch auf einen Drehteller montiert, das kann zu leichten Rotationen führen:

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Stichwörter: Jerofejew, Viktor