Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.06.2026. Der heutige 30. Juni wird in Südafrika zum "Tag der Angst", berichtet die taz - denn für heute sind in dem Land ausländerfeindliche Ausschreitungen angesagt. Die Welt blickt auf dreißig Jahre Rechtschreibreform zurück. In der FAZ beleuchtet der Osteuropahistoriker Martin Schulze Wessel die polnisch-ukrainische Geschichtskontroverse. Im Israel Journal of Foreign Affairs nimmt Jeffrey Herf die Israelkritik Omer Bartovs auseinander.
"Zugezogene werden schikaniert und verjagt, Verkaufsstände und Hütten gehen in Flammen auf. Nun haben es die selbst organisierten 'Bürgerwehren' geschafft, den 30. Juni zum Tag der Angst zu machen, einem landesweiten Ausländer-raus-Tag", erzählt in der taz Dominic Johnson - die Rede ist von Südafrika, alle vermeintlich illegal eingereisten Nichtsüdafrikaner sollen bis zum heutigen Tag ausgereist sein. Es ist eine Schande für die "Regenbogennation" Südafrika, so Johnson.
"Der 30. Juni wird einer der angespanntesten Tage in Südafrikas neuerer Geschichte", schreiben Tintswalo Baloyi und Savious Kwinika in der dazugehörigen taz-Reportage. Die Organisation "March and March" (unsere Resümees) hat gefälschte offizielle Deklarationen in Umlauf gebracht, in denen sie illegal Zugereiste auffordert, bis heute das Land zu verlassen. "Während die ausländerfeindlichen Gruppen selbst behaupten, sie würden danach ausschließlich mit friedlichen Mitteln vorgehen, hat es in den vergangenen Wochen zahlreiche Gewaltakte mit Toten und Plünderungen gegeben. Die Gruppen rufen für Dienstag zu einem 'nationalen Shutdown' auf. Sie machen Einwanderung für Südafrikas sehr hohe Arbeitslosen- und Kriminalitätsraten verantwortlich und fordern die Entfernung der Einwanderer als Lösung dieser Probleme... Am Montag wandte sich Präsident Cyril Ramaphosa direkt an die Nation und kündigte an, dass Gewaltakte nicht toleriert werden. Es gebe berechtigte Sorgen über die Auswirkungen illegaler Zuwanderung - 'Druck auf öffentliche Dienste, Verbrecherbanden, die unser Einwanderungssystem ausnutzen, die Auswirkung dieser Herausforderungen auf unsere Gemeinden' - aber die Regierung sei im Begriff, diese Probleme zu lösen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Jeffrey Herf gehört zu den Historikern, die die für die heutige Debatte so entscheidende Schnittstelle zwischen Islamismus, Nationalsozialismus und Kommunismus offengelegt haben. Im Israel Journal of Foreign Affairsnimmt er sich das Buch "Israel - What Went Wrong" des renommierten Holocaust-HistorikersOmer Bartov vor - Bartov gehört heute zu den beliebtesten israelischen Gewährsleuten einer radikalen Israelkritik. Nur vergisst er in seinem Buch, die Gegenspieler Israels wirklich zu benennen, so Herf: Wie viele andere israelkritische Autoren misst "Bartov den Absichten der Hamas als Ursache des Krieges kaum Bedeutung bei. Seit der Veröffentlichung ihres Grundsatzprogramms im Jahr 1988 sowie in zahlreichen Erklärungen vor und nach dem 7. Oktober haben die Führer der Hamas ihre Absicht bekundet, den Staat Israel durch Krieg zu vernichten. Ihre Überzeugungen waren öffentlich bekannt und eine Quelle des Stolzes sowie der politischen Identität. Zwar rechtfertigt Bartov den Angriff nicht, doch sagt er, dass 'es unmöglich wäre, die Besatzung und Unterdrückung von Millionen Menschen seit 56 Jahren und die Belagerung des Gazastreifens seit 16 Jahren ohne Konsequenzen zu ignorieren' - dies sei 'uns am 7. Oktober um die Ohren geflogen' (S. 34). Doch seit 1988 hat die Hamas immer wieder deutlich gemacht, dass sich ihr Widerstand nicht gegen die israelische Politik im Westjordanland oder im Gazastreifen richtet. Ihr Widerstand richtet sich gegen die bloße Existenz Israels als Ergebnis seines Sieges im Krieg von 1948. Er spricht von der 'Besetzung' des Gazastreifens, als hätte die Hamas 2007 nicht eine kleine Diktatur errichtet und ihre Gegner in der Palästinensischen Autonomiebehörde zerschlagen, und trotzdem von Katar via Israel und die Vereinten Nationen wirtschaftliche Hilfe in Höhe von Hunderten Millionen Dollar aus Katar erhielt."
Donald Trump gibt Entwürfe zu einem neuen Reisepass anlässlich des 250. Geburtstags der USA heraus, wo neben den Gründervätern Trump zu sehen ist, schreibt Hilmar Klute in der SZ. "Es ist schwer zu sagen, was die Geschichte für Donald Trump vorgesehen hat. Ob sie ihn als Fußnote mitschleppen wird oder ihm Kränze flicht, wird vielleicht auch davon abhängen, wer in Zukunft noch an der Geschichtsschreibung beteiligt sein wird - ob auch hier ein entfesseltes textbasiertes Dialogsystem die Chronistenpflichten erfüllt. Wer heute Amerikaner ist und mit dem neuen Pass durch die Welt reisen muss, hat nun gewissermaßen das Dokument seiner eigenen Schande an jedem Flughafenschalter der Welt vorzuzeigen." In der FR schreibt Michael Hesse über den Historiker Timothy Snyder, der Marc Aurel mit Donald Trump vergleicht.
Dass Trump so stark ist, hat auch mit der Schwäche der Opposition und der Zivilgesellschaft zu tun, sagt die zur Zeit allseits befragte HistorikerinJill Lepore im Interview mit Majid Sattar von der FAZ: "Die Bürgerrechtsproteste und die Anti-Kriegs-Demos in den sechziger Jahren wurden von jungen Leuten getragen. Bei den 'No-Kings'-Protesten, die wir heute sehen, gibt es nicht massenweise junge Leute. Es fehlt an Organisation. Außerdem gab es in den sechziger Jahren klare Ziele: das Ende der Rassentrennung, das Ende des Krieges. 'No Kings' ist eher mit der 'Occupy Wall Street'-Bewegung zu vergleichen. Sie haben keine Führung und keine klaren Ziele." Allerdings beginnt Trumps Macht zu bröckeln, konstatiert Sattar selbst im Leitartikel der FAZ - nach den Zwischenwahlen im November könnte er zur "lahmen Ente" werden.
Zum wiederholten Male beleuchtet Andreas Speit in der taz Nord die Frage, warum es einzig im Bundesland Hamburg keinen Untersuchungsausschuss zum NSU gab - in Hamburg hatten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt den 31-jährigen Süleyman Taşköprü umgebracht. Die Polizei ermittelte gegen seine Familie und nahm Hinweise auf deutsche Täter nicht ernst. In Hamburg verhinderte der rot-grüne Senat einen Untersuchungsausschuss. Stattdessen sollte die Tat wissenschaftlich aufgearbeitet werden, aber da macht der Generalbundesanwalt nicht mit und gab die Akten nicht frei. Irgendwie sind diese Akten aber an Aktivisten gelangt und werden heute der Bürgerschaft übergeben. "Taşköprüs Familie betrachtet die wissenschaftliche Aufarbeitung eher als 'Trostpreis', wie Okan Taşköprü, der Neffe des Ermordeten sagt. Er selbst war am Tag der Tat zwar noch ein Baby, weiß aber dennoch, wie belastend die jahrelangen Ermittlungen gegen die Familie waren."
Der deutsche Fußballer Bastian Schweinsteiger steht in mehreren Ländern, die ehemals französische Kolonien waren, in der Kritik, weil er die Spielweise der ivorischen Nationalmannschaft als "wild" - auf Französisch übersetzt "sauvage" - bezeichnete, konstatiert Felix Stephan in der SZ. "Die gesamte französische Kultur - sofern sie sich nicht als weiß und rechtsradikal begreift, aber in gewisser Weise selbst dann - geht aus der begrifflichen Oppositionvon 'wild' und 'zivilisiert' hervor." Und in dieses Wespenest habe Schweinsteiger unbedacht reingestochen. "Indem er die Spielweise der Ivorer vermeintlich 'sauvage' nannte, sprach er ihnen nach französischem Verständnis quasi das Menschsein ab. Rassistischer kann man sich in Françafrique, dem Imperium, das einfach nicht sterben will, im Grunde kaum äußern."
Schuld am Antisemitismus sind jene, die ihn bekämpfen, scheinen die Aktivisten Alon Sahar, Anne Gräfe und Ralf Michaels in einem Debattenbeitrag für die taz zu denken. Das eigentliche Problem sei darum der "Antiantisemitismus", der den Antisemitismus durch ein Herumreiten auf der "Staatsräson" überhaupt erst hervorbringe. Ihr Beispiel für ein falsches Verständnis der Antisemitismusbekämpfung ist die Berliner "Fördergeldaffäre", wo Organisationen unterstützt worden seien, die anders als die sonst von der taz stets veteidigten "Organiationen der Zivilgesellschaft" keine Förderung verdient gehabt hätten, etwa das Zera Institute von Maral Salmassi. "Darin zeigt sich das tiefere Problem, das sich derzeit in Deutschland herausbildet: Antisemitismusbekämpfung im Sinne der Staatsräson ist zu einer Form politischen Kapitals geworden. Dadurch hat Antiantisemitismus an Legitimität verloren und damit auch an Wirksamkeit. Wenn Standards selektiv angewandt werden und Förderverfahren so intransparent sind, verschwindet das öffentliche Vertrauen in den Kampf gegen Judenfeindlichkeit." Schlimm seien auch "offizielle jüdische Institutionen", die selbst entscheiden wollen, was sie als Antisemitismus betrachten.
Ebenfalls in der tazerklärt die freie Journalistin Rameza Monir, warum sie Kopftuch trägt.
Vor dreißig Jahren wurde die deutsche Rechtschreibreform eingeführt. Ein Hauptargument war damals, dass die Reform den Schulunterricht einfacher machen sollte, schreibt der Sprachwissenschaftler Horst Haider Munske, der damals im Expertenrat zur Reform saß, in der Welt. "Es war von Anfang an ein Fehler, Rechtschreibung als ein reines Schulproblem anzusehen. Die Schreibnorm einer Sprache ist gleichsam ein Symbol der Sprache selbst. Wer sie verletzt, beschädigt auch die Sprache. Das hat diese lange öffentliche Kulturdebatte gezeigt. Ein weiterer Fehler der Reform war ihre lächerlich geringe Finanzierung." Außerdem gab es keine parlamentarische Mitbestimmung, die Reform wurde ohne große demokratische und gesellschaftliche Beteiligung durch die Kultusminister verordnet.
Die Landesanstalt für Medien hat den Podcaster Ben Berndt (bekannt als "ben ungeskriptet") aufgefordert, sein stundenlanges Interview mit dem Rechtsextremisten und Faschisten Björn Höcke nachträglich mit Hinweisen auf dessen Falschbehauptungen zu versehen, schreibt Sebastian Lange in der NZZ. Das sei unverhältnismäßig und das Interview von der Pressefreiheit gedeckt. "Denn eine freie Gesellschaft muss auch Lügen oder Unsinn aushalten können. Dass die Landesmedienanstalten seit dem Jahr 2020 nicht mehr nur die Aufsicht über den privaten Rundfunk, sondern über alle 'Telemedien' führen und dabei die 'Einhaltung journalistischer Sorgfaltspflichten kontrollieren' sollen, ist verfassungsrechtlich heikel und wurde vom Bundesverfassungsgericht noch nicht überprüft. In der Tat stellt sich die Frage, warum der Staat publizistische Qualität überwachen sollte. Das tut er bei der etablierten Presse auch nicht."
Der OsteuropahistorikerMartin Schulze Wessel, dem die deutsche Öffentlichkeit viel Aufklärung über die Geschichte der Ukraine zu verdanken hat, geht in der FAZ mit merklichem Unbehagen auf die polnisch-ukrainische Geschichtskontroverse ein - Wolodomir Selenski hätte keine heutige Armeeeinheit nach der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) benennen sollen, das ist schon klar, meint er. Die UPA hat in Wolhynien Zehntausende Polen umgebracht, auch antisemitische Massaker gehen auf ihr Konto, aber Schulze Wessel will einer überforderten Präsidialbürokratie den Faux pas nicht übelnehmen. "Wenn der Vorfall etwas Positives hat, dann ist dies die Besonnenheit und Solidarität, mit der viele wichtige Stimmen in Polen und der Ukraine reagierten." Und dann begibt sich Schulze Wessel doch noch in den Abgrund des Jahres 1943. "Es ist eine verwickelte Geschichte: Als die UPA-Führung im Februar 1943 befahl, deutsche Stellungen in Wolhynien anzugreifen, und die ukrainischen Hilfspolizisten in deutschen Diensten aufforderte zu desertieren, schlossen sich vermutlich mehrere Tausend ehemalige Polizisten der UPA an. Die Deutschen ersetzen die desertierten Ukrainer teilweise durch polnische Polizeieinheiten. Die jetzt mit der UPA kämpfenden Ukrainer hatten unter deutscher Besatzung hohe Gewalterfahrung. Vorher in die Organisation des Holocaust einbezogen, beteiligten sie sich jetzt an den mörderischen Ausschreitungen gegen polnische Zivilisten."
1831 reiste Alexis de Tocqueville durch die USA und schrieb danach über die Stärken und Schwächen der amerikanischen Demokratie. Da sich das politische System der USA nicht groß verändert hat, können wir immer noch viel von Tocqueville lernen, meint der Politologe Oliver Hidalgo im NZZ-Interview mit Leon Igel. "Als Tocqueville 1831 nach Amerika reiste, war das Land in weiten Teilen eine liberale Demokratie. Heute würde er wohl sagen: Amerika hat sich in eine versteckte despotische Demokratie verwandelt. Tocquevilles Befürchtungen sind damit eingetreten, dass die destruktiven Kräfte stärker sind als die liberalen.(…) Tocqueville befürchtete, dass sich in einer Demokratie am Ende nicht jene Politiker durchsetzen werden, welche die besten Fähigkeiten haben. Sondern diejenigen, die am lautesten brüllen."
Spiegel, Zeit und SZ haben alle eine Datenbank der NSDAP-Mitgliederkartei gebaut, in der Deutsche herausfinden können, ob ihre Großeltern in der Partei waren, konstatiert Elena Panagiotidis in der NZZ. "Mittlerweile sind es drei große Verlagshäuser, die diese Suchfunktion anbieten. Sollten in Zukunft weitere Medien eine solche Datenbank führen, wird die Exklusivität weiter schwinden. Es dürfte dann noch stärker darauf ankommen, wie die Journalisten das Angebot einordnen und mit welchen anderen Recherchemöglichkeiten sie die Datenbank verknüpfen, um einen Mehrwert zu schaffen. Der Spiegel beispielsweise hat das Recherchetool erweitert, indem man auch nach einer SS-Mitgliedschaft suchen kann." Ob eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der (Ur-)Großeltern stattfinde, sei bei diesen Datenbanken dennoch fraglich.
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