9punkt - Die Debattenrundschau

Von der Erhabenheit in die Lächerlichkeit

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.03.2026. Der Rheinmetall-Chef hat ukrainische Drohnen verspottet. Er hat allerdings nicht mit den ukrainischen Hausfrauen gerechnet, stellen taz und FAZ fest. Der Historiker Martin Sabrow versucht in Zeit online zu ergründen, warum Honecker heute so gern verharmlost wird. Die SZ erklärt, warum es in der polnischen Stadt Zamość, der Geburtsstadt Rosa Luxemburgs, keine Gedenkplakette für sie gibt. Ist der Rechtspopulismus das Endstadium des Spätkapitalismus, fragt die taz mit Eva von Redecker.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.03.2026 finden Sie hier

Europa

Wer hätte sich mal einen solchen Artikel in der taz gedacht. Der Rheinmetall-CEO Armin Papperger hat die von der Ukraine eingesetzten Drohnen verspottet, die "von Hausfrauen" zusammengebastelt würden. Yelizaveta Landenberger berichtet über den amüsierten Ärger, den das in der Ukraine auslöst. "Sie sind nicht nur leicht zu fertigen - es handelt sich im Grunde um gepimpte Hobbyfluggeräte, die mit einem Sprengsatz ausgestattet werden -, sondern sind auch extrem billig. Eine 300 Euro teure Drohne kann so millionenteure Militärtechnik zerstören - auch Panzer von Rheinmetall." Papperger ist auf Twitter zurückgerudert. Und dazu kann Landenberger nur raten: "Wenn wir hier in Deutschland nämlich weiter stur Panzer bauen und auf die 'ukrainischen Hausfrauen' herabblicken, während Russland und seine Partner Iran und Nordkorea unter realen Kampfbedingungen ihre Drohnentechnologie perfektionieren, sind wir verloren. In dem Sinne: An die Lötkolben!"

Jonas Jansen zitiert im Wirtschaftsteil der FAZ eine Reaktion von Wolodimir Selenski: "Wenn jede Hausfrau in der Ukraine tatsächlich Drohnen herstellen kann, dann kann jede Hausfrau in der Ukraine Vorstandsvorsitzende von Rheinmetall sein." Jansen berichtet von einer Drohnenmesse in Düsseldorf, wo Rheinmetall zwar den größten Stand hatte - aber längst nicht so mit Innovation glänzte wie ukrainische Startups: "Auffällig auf der Drohnenmesse war allein der Frauenanteil bei den ukrainischen Unternehmen. Was Papperger abschätzig mit 'Hausfrauen' bezeichnete, ist in dem Land tatsächlich Standard: Krieg ist nicht nur Männersache."

Streng kommentiert Sven Astheimer, ebenfalls in der FAZ: "Die Kunst zur raschen Improvisation ist gefragter denn je. Diese Fähigkeit hat die Ukraine entwickelt, ebenso Iran trotz jahrelanger Sanktionen - oder gerade deswegen? Wenn etablierte Rüstungskonzerne diese Veränderungen auf die leichte Schulter nehmen, droht ihnen das Schicksal der Autoindustrie, die zu lange die Innovationskraft neuer Herausforderer belächelt hat."

Was ukrainische Hausfrauen leisten, zeigt zum Beispiel dieses Video:

Aber wie gesagt. Rheinmetall ist zerknirscht:

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Stichwörter: Drohnenkrieg, Rheinmetall

Digitalisierung

Vor ein paar Monaten, als wegen Trump-Äußerungen die Empörung mal wieder groß war, beschlossen europäische Regierungschefs mehr auf "digitale Souveränität" zu setzen, dringend nötig, da ein Großteil europäischer Verwaltungen Microsoft mästet. Eine Umfrage der europäischen Suchmaschine Ecosia zeigt aber, dass seitdem kaum etwas geschehen ist, berichtet Sophia Coper in der FAZ. Immerhin: Das Land Schleswig-Holstein stemmt sich tapfer gegen die Riesen, "setzt dabei auf Open-Source-Programme in der Verwaltung. Browser und Suchmaschinen stammen indes von US-Anbietern, so das Ergebnis der Erhebung von Ecosia. Man verfolge 'keine ausdrückliche 'buy european strategy', erklärt Digitalminister Dirk Schrödter auf Anfrage der FAZ, digitale Souveränität erreiche man nicht, wenn man sich statt von US-Unternehmen von europäischen Unternehmen abhängig mache. Aus Sicht der Landesregierung sei es wichtig 'auf Lösungen zu setzen, die in einer aktiven Developer Community entwickelt werden', sagt Schrödter."
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Politik

Die USA haben mit ihrem Angriff die nukleare Schlagfertigkeit des Iran zunichte gemacht, was auch die Sicherheit Europas vor dem Regime erhöht, konstatiert Springer-Chef Mathias Döpfner in der Welt. Deshalb komme die Kritik an diesem Angriff jetzt wohlfeil daher, obwohl die USA mal wieder Europas "Kohlen aus dem Ofen" geholt hätten. "'Dies ist nicht unser Krieg' ist als Satz ebenso falsch wie strategisch unklug. Denn es ist natürlich unser Krieg. Es ist weit mehr unser Krieg als der Krieg der Amerikaner." Die USA haben nämlich ein Druckmittel gegen Europa in der Hand. "Deren Logik ist nämlich ebenso simpel wie nachvollziehbar. Wenn der Krieg im Iran keine europäische Angelegenheit ist, dann ist der Krieg in der Ukraine keine amerikanische. Dann sollen das die Europäer bitte künftig selbst und allein lösen. Die Ukraine und der russische Aggressor in Moskau sind von Washington deutlich weiter entfernt - mental und geografisch - als die Mullahs und ihr Terror von Berlin oder Paris."

Den Menschen in Kuba geht es dank des Castro-Regimes schon seit Jahren schlecht - deshalb setzen viele auf eine Intervention durch Donald Trump, konstatiert der in Kuba lebende Journalist Oscar Alba in der NZZ. Er bringt das Lebensgefühl der Kubaner, die keine Hilfslieferungen, sondern echte Hilfe erwarten, folgendermaßen auf den Punkt: "Wir brauchen hier schon lange Hilfe. Aber keine Almosen. Echte Hilfe. Doch jetzt schickt ihr eure milden Gaben - wegen Trump. Unsere Katastrophe, sagen die Menschen, sei nicht Trump, sondern unsere eigene Regierung, dieses System, das alles kaputtgemacht habe, uns unterdrücke und kein Leben in Würde erlaube. Immer mehr sagen offen, was sie denken: Wenn ihr uns wirklich helfen wollt, dann helft uns dabei, uns diese Diktatur vom Hals zu schaffen."
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Medien

Das ZDF legt Gästen und Experten seit Kurzem "Mitwirkendenverträge" vor, mit denen diese bestätigen, nicht mit einer Person auf einer nationalen oder internationalen Sanktionsliste zusammenzuarbeiten, schreibt Stefan Niggemeier in der SZ. Dabei geht es auch um die OFAC-Sanktionsliste, auf die Donald Trump die Richter des internationalen Gerichtshof gepackt hat. Rechtswissenschaftler Kilian Wegner "kann das einerseits nachvollziehen: 'Aus Sicht eines Mediums, das auch in den USA operiert, ergibt es durchaus Sinn, mit grobem Pinsel die Einhaltung von OFAC-Sanktionen sicherzustellen, da die extraterritoriale Anwendbarkeit des US-Sanktionsrechts prinzipiell weit reicht und sich im Einzelfall schwer vorhersehen lässt.'" Es sei aber sehr problematisch blind außenpolitischen Vorgaben zu folgen. "Die Vorgaben des ZDF sind so weitreichend formuliert, dass sie allem Anschein nach nicht nur die problematischen US-Listen, sondern sämtliche internationale Sanktions- oder 'Terrorlisten' umfassen, also im Zweifel auch solche etwa von Staaten wie Russland oder China."
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Geschichte

Warum fällt es heute so leicht über den ehemaligen DDR-Potentaten Erich Honecker zu lachen, obwohl er eine Diktatur repräsentierte, fragt Nils Markwardt den Historiker Martin Sabrow auf Zeit Online. "Unter Honecker wandelte sich die Erziehungsdiktatur in eine Fürsorgediktatur, die Zustimmung materiell statt ideell zu erwerben suchte. Soziale Wohltaten gingen Hand in Hand mit einer begrenzten Entideologisierung und einem Rückzug der Repression in eine relative Latenz. Die kurze dritte Schlussphase bildete dann die Verfallsdiktatur. Sie war durch die wachsende Verbindung von Greisentum und Lächerlichkeit gekennzeichnet, die das in jeder Amtsstube hängende Honecker-Bild nicht mehr als Ausdruck ruhiger Machtgewissheit erscheinen ließ, sondern als vergilbendes Relikt einer überlebten Epoche. Den Sturz von der Erhabenheit in die Lächerlichkeit teilt Honecker mit anderen entmachteten Potentaten."

In der polnischen Stadt Zamość, der Geburtsstadt Rosa Luxemburgs, darf keine Gedenk-Plakette für Luxemburg angebracht werden, was nicht nur in Zamość hohe Wellen schlägt, sondern in ganz Polen, schreibt Viktoria Großmann in der SZ. "Das IPN", das durch PiS-Anhänger dominierte "polnische Institut für Nationales Gedenken", "erklärte der Stadt Zamość schriftlich, dass die Gedenktafel geltendes Recht breche. Jegliche Erinnerung an Luxemburg verstoße gegen ein Gesetz, das es verbiete, den 'Kommunismus als Ideologie oder Staatssystem' zu propagieren. Maßnahmen, die 'auf die Rehabilitierung kommunistischer Aktivisten abzielen', seien zu unterlassen. Ironischerweise umfasst das Gesetz, wie in der öffentlichen Stellungnahme zitiert, auch das Verbot von Hassaufrufen 'auf der Grundlage nationaler, ethnischer, rassischer oder religiöser Unterschiede'." Dabei habe es schon mal eine Gedenk-Plakette in der Stadt gegeben: Diese wurde 1979 angebracht und 2018 auf Drängen der IPN aus der Wand gerissen.
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Gesellschaft

Der Iran-Krieg bringt den Tourismus mindestens so stark durcheinander wie vor ein paar Jahren die Corona-Pandemie, erzählt Jakob Strobel y Serra im Aufmacher des FAZ-Feuilletons: "Qatar Airways parkt Dutzende von Flugzeugen in Spanien, weil ein schnelles Ende des Konflikts nicht in Sicht ist. Fast alle Luftlinien erheben Kerosinzuschläge, denn der Preis für das Flugbenzin hat sich seit Kriegsbeginn auf 200 Dollar pro Barrel verdoppelt - ein Desaster für die Unternehmen, da Kerosin durchschnittlich ein Viertel der Betriebskosten ausmacht. Air France und KLM schlagen auf jede Langstrecke pauschal 50 Euro auf, Thai Airways erhöht die Ticketpreise um bis zu 15 Prozent, Direktflüge von Europa nach Asien sind dreimal teurer als vor dem Krieg."

Ist Hamburg noch sicher?

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Stichwörter: Tourismus

Ideen

Stefan Reinecke lauschte für die taz einer prominent besetzten Tagung zur Frage, ob angesichts des Siegeszugs der populistischen bis extremen Rechten in der ganzen Welt der Faschismusbegriff taugt. Laut Jan Philipp Reemtsma nein, aber viele sind dafür. In der Version von Eva von Redecker wäre der Faschismus so etwas wie Endstadium des Spätkapitalismus: "Eva von Redeckers Schlüsselwort, um die rechten Energien zu begreifen, lautet Phantombesitz. In der Fantasie der Rechten herrsche 'bereits Plünderung und deswegen kann Eigentum qua Notwehr verteidigt werden'. Der aktuelle Faschismus ist somit als radikalisierter Kapitalismus zu begreifen. Für von Redecker treibt 'verschobener Eigentumsrausch' die Wut weißer Männer auf Gendern, Migranten und emanzipierte Frauen an."

Weiteres: Michael Hesse kürt in der FR den Historiker Timothy Snyder zum Repräsentanten der "No Kings"-Proteste in den USA.
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