9punkt - Die Debattenrundschau
Von der Erhabenheit in die Lächerlichkeit
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Europa
Jonas Jansen zitiert im Wirtschaftsteil der FAZ eine Reaktion von Wolodimir Selenski: "Wenn jede Hausfrau in der Ukraine tatsächlich Drohnen herstellen kann, dann kann jede Hausfrau in der Ukraine Vorstandsvorsitzende von Rheinmetall sein." Jansen berichtet von einer Drohnenmesse in Düsseldorf, wo Rheinmetall zwar den größten Stand hatte - aber längst nicht so mit Innovation glänzte wie ukrainische Startups: "Auffällig auf der Drohnenmesse war allein der Frauenanteil bei den ukrainischen Unternehmen. Was Papperger abschätzig mit 'Hausfrauen' bezeichnete, ist in dem Land tatsächlich Standard: Krieg ist nicht nur Männersache."
Streng kommentiert Sven Astheimer, ebenfalls in der FAZ: "Die Kunst zur raschen Improvisation ist gefragter denn je. Diese Fähigkeit hat die Ukraine entwickelt, ebenso Iran trotz jahrelanger Sanktionen - oder gerade deswegen? Wenn etablierte Rüstungskonzerne diese Veränderungen auf die leichte Schulter nehmen, droht ihnen das Schicksal der Autoindustrie, die zu lange die Innovationskraft neuer Herausforderer belächelt hat."
Was ukrainische Hausfrauen leisten, zeigt zum Beispiel dieses Video:
A Patriot missile costs four million dollars. A Ukrainian Sting interceptor drone costs two thousand. Both destroy the same Shahed kamikaze drone. One of them can be manufactured at a rate of 10,000 units per month. The other cannot. And the country that invented the cheap one is… pic.twitter.com/LLt1QrjpHK
- Shanaka Anslem Perera ⚡ (@shanaka86) March 30, 2026
Aber wie gesagt. Rheinmetall ist zerknirscht:
We have the utmost respect for the Ukrainian people's immense efforts in defending themselves against the Russian attack - now for more than four years. Every single woman and man in 🇺🇦 is making an immeasurable contribution. It is to Ukraine's particular credit that it is…
- Rheinmetall (@RheinmetallAG) March 29, 2026
Digitalisierung
Politik
Den Menschen in Kuba geht es dank des Castro-Regimes schon seit Jahren schlecht - deshalb setzen viele auf eine Intervention durch Donald Trump, konstatiert der in Kuba lebende Journalist Oscar Alba in der NZZ. Er bringt das Lebensgefühl der Kubaner, die keine Hilfslieferungen, sondern echte Hilfe erwarten, folgendermaßen auf den Punkt: "Wir brauchen hier schon lange Hilfe. Aber keine Almosen. Echte Hilfe. Doch jetzt schickt ihr eure milden Gaben - wegen Trump. Unsere Katastrophe, sagen die Menschen, sei nicht Trump, sondern unsere eigene Regierung, dieses System, das alles kaputtgemacht habe, uns unterdrücke und kein Leben in Würde erlaube. Immer mehr sagen offen, was sie denken: Wenn ihr uns wirklich helfen wollt, dann helft uns dabei, uns diese Diktatur vom Hals zu schaffen."
Medien
Geschichte
In der polnischen Stadt Zamość, der Geburtsstadt Rosa Luxemburgs, darf keine Gedenk-Plakette für Luxemburg angebracht werden, was nicht nur in Zamość hohe Wellen schlägt, sondern in ganz Polen, schreibt Viktoria Großmann in der SZ. "Das IPN", das durch PiS-Anhänger dominierte "polnische Institut für Nationales Gedenken", "erklärte der Stadt Zamość schriftlich, dass die Gedenktafel geltendes Recht breche. Jegliche Erinnerung an Luxemburg verstoße gegen ein Gesetz, das es verbiete, den 'Kommunismus als Ideologie oder Staatssystem' zu propagieren. Maßnahmen, die 'auf die Rehabilitierung kommunistischer Aktivisten abzielen', seien zu unterlassen. Ironischerweise umfasst das Gesetz, wie in der öffentlichen Stellungnahme zitiert, auch das Verbot von Hassaufrufen 'auf der Grundlage nationaler, ethnischer, rassischer oder religiöser Unterschiede'." Dabei habe es schon mal eine Gedenk-Plakette in der Stadt gegeben: Diese wurde 1979 angebracht und 2018 auf Drängen der IPN aus der Wand gerissen.
Gesellschaft
Ist Hamburg noch sicher?
Eine Frau ist im Hamburger Bezirk Altona von einem Wolf verletzt worden. Die Polizei rückte an - und holte das Tier am Abend aus dem Wasser der Binnenalster. Seine Zukunft ist noch ungewiss. https://t.co/YZTl2BSJos
- DER SPIEGEL (@derspiegel) March 30, 2026
Ideen
Weiteres: Michael Hesse kürt in der FR den Historiker Timothy Snyder zum Repräsentanten der "No Kings"-Proteste in den USA.