Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.07.2025. Auch heute erscheinen wichtige Texte über Srebrenica: Das Thema hat Aktualität, denn bis heute werden serbische Verbrechen relativiert und geleugnet, merken etwa Erich Rathfelder in der taz, Monty Ott in der FAZ oder Richard Herzinger in seinem Blog an. In der FAZ kommt die Literaturwissenschaflerin Susanne Klingenstein auf die antisemitischen Ausschreitungen in Harvard zurück, die für sie in einer mindestens fünfzigjährigen Tradition stehen. In der taz staunt Nicholas Potter über Holger Friedrich und die Potentaten. Im Spiegel annonciert Daniel Kokotajlo: Die KI schafft uns ab.
Erich Rathfelder war schon in den Neunzigern taz-Korrespondent im ehemaligen Jugoslawien und prangerte seinerzeit unermüdlich und bis zur Genervtheit der Redaktion die Massaker und Mordtaten an. In der heutigen tazresümiert er, wie "die Opfer von Srebrenica vor, während und nach dem Genozid von der Welt allein gelassen" wurden. Und er benennt die in diesen Tagen zu selten thematisierten Verantwortlichkeiten in der westlichen Öffentlichkeit: "Ein einziges Mitglied der Regierungskoalition unter Helmut Kohl: Christian Schwarz-Schilling trat aus Protest gegen die Untätigkeit des Westens zurück. Er könne das 'Nichtstun' der Regierung im Bosnienkonflikt nicht mehr ertragen, so verabschiedete sich der damalige Postminister. Man wollte der Wahrheit nicht ins Auge blicken, parteiübergreifend von links nach rechts, von Berlin nach London, Washington und Paris. In Deutschland bildeten sich ähnliche ideologische Fronten wie heute beim Krieg in der Ukraine, die der Realisten und der Pazifisten. Schmerzhaft war, dass es damals auch bei den Grünen Leute gab, die den 'Frieden' für wichtiger ansahen, als eine Empathie für die Opfer."
In der FAZ kommt der jüdische Publizist Monty Ott auf den Bericht des "Dinah Projects" zurück, der die systematische sexuelle Gewalt gegen Frauen am 7. Oktober dokumentiert (unser Resümee) - und zieht eine Verbindungslinie zu Srebrenica und zu Berichten über sexuelle Gewalt, die es auch im Bosnien-Krieg gab. Hier wie dort, so Ott, hat die europäische Linke versagt und tendierte zum Leugnen: "Das Leugnen der systematischen Dimension der Verbrechen, das Verklären zu Einzelfällen und Täter-Opfer-Umkehr sind nicht nur bei nationalistischen Politikern in Serbien und der Republik Srpska zu beobachten, sondern auch bei den verbliebenen Hamas-Anführern und ihren Unterstützern in aller Welt, die bestreiten, dass Israelis missbraucht, gefoltert und vergewaltigt wurden - oder meinen, dass diese es gar 'verdient' hätten."
Eine ganz andere Verbindungslinie zu Srebrenica zieht dagegen Chefredakteur Florian Harms bei t-online.de: "Die deutsche Schuld am Holocaust darf keine Ausrede sein, die Verbrechen der israelischen Regierung zu decken", schreibt er: "Dreißig Jahre nach dem Tiefpunkt auf dem Balkan, wo die Menschenwürde mit den Füßen getreten wurde, das Töten von Zivilisten kein Ende nahm und der Westen zusah, haben wir Europäer nichts gelernt. Für diese Erkenntnis genügt ein Blick in die aktuellen Nachrichten. Menschen, die beim Essenholen im Kugelhagel sterben: werden auch heute mit einer wohlfeilen Protestnote abgehakt. Ein Verteidigungsminister, der ausspricht, was er vorhat, nämlich Zigtausende Zivilisten im Operationsgebiet seiner Armee auf einem kleinen Areal zusammenzupferchen." Harms verkennt allerdings, dass dieselbe Fraktion der Öffentlichkeit, die heute "propalästinensisch" ist, bei Sarajewo und Srebrenica gegen die Intervention des Westens agitierte.
Heute gibt es neben Strategien der Leugnung und Relativierung in Bezug auf diesen Krieg auch eine unheimliche Aktualität, merkt Richard Herzinger in seinem Blog an: Häufig würden die Verbrechen der serbischen Seite "mit der nivellierenden Suggestion verbunden, es habe doch damals auf allen Seiten Gräueltaten gegeben. In Wahrheit wurden im Bosnienkrieg Kriegsverbrechen zwar tatsächlich von allen Seiten begangen, also auch von bosnisch-muslimischer und noch mehr von kroatischer Seite. Doch gingen 80 bis 90 Prozent davon auf das Konto des serbischen Regimes und den von ihm gestützten Freischärlern. Eindeutig war die militärische Aggression zudem von Serbien ausgegangen. Mit der Rückendeckung seines Verbündeten Russland agierte das serbische Regime damals gemäß eines Prinzips, dem der Kreml später selbst folgen sollte: Unter dem Vorwand, vermeintlich eigene Volkszugehörige außerhalb der eigenen Grenzen schützen zu müssen, einen Angriffskrieg zu beginnen."
De KI wird die Menschen demnächst übertreffen und abschaffen, falls sie sich nicht aufraffen, Maßnahmen dagegen zu treffen, warnt der 33-jährige ehemalige OpenAI-Mitarbeiter und Gründer des Thinktanks "AI Futures Project" Daniel Kokotajlo im Gespräch mit René Pfister vom Spiegel. Zum Beispiel wird sich Reichtum dort konzentrieren, wo die KI ist, prognostiziert er - aber Millionen von Menschen werden zugleich arbeitslos. "Ein staatlich garantiertes Grundeinkommen wäre vielleicht die Antwort auf dieses Problem. Wir können nur hoffen, dass zumindest in einigen Demokratien der Wille und die Kraft da sind, die KI zu kontrollieren und ihre Folgen zu managen. Aber auch hier werden wir vom 'Intelligenzfluch' verfolgt. Gibt es erst einmal eine künstliche Superintelligenz, leitet sich aus ihr alle Macht ab - und nicht mehr aus dem Volk." In dem vieldiskutierten Text "AI 2027" führt Kokotajlo seine Thesen ausführlicher aus.
Die Verfassungsrichterwahl hat nun also wegen der umstrittenen Positionen der Professorin Frauke Brosius-Gersdorf nicht geklappt, die "große" Koalition hat ihren ersten Eklat. Interessant ist, dass nur Brosius-Gersdorfs Positionen zu Abtreibung umstritten sind, nicht die zum Kopftuch: "Die Stimmung in der Unionsfraktion war schon seit Tagen aufgeladen", berichtet Eckart Lohse in der FAZ. "Die ablehnende Haltung vieler Abgeordneter gegen die Wahl von Brosius-Gersdorf hatte sich immer mehr aufgebaut. Groß war die Verärgerung vor allem über die Äußerungen der Richterin zum Umgang mit dem ungeborenen Leben. Unionsabgeordnete sträubten sich dagegen, eine Frau nach Karlsruhe zu schicken, die eine deutlich liberalere Haltung als viele von ihnen zu diesem Thema zu haben schien."
Bei Zeit online macht Lenz Jacobsen auf einen wichtigen prozeduralen Aspekt aufmerksam, der das Tohuwabohu um die Richterwahl miterklärt. Früher liefen solche Wahlen im Richterwahlausschuss hinter der großen Bühne ab: "Im vergangenen Herbst dann änderte der Bundestag die Regeln. Seitdem müssen die Richter im Plenum, auf der großen Bühne, gewählt werden. Das ist der Bedeutung dieser Personalien völlig angemessen. Aber es trägt zu einer Entwicklung bei, an der auch Vertreter des Gerichts ihren Anteil haben: Einzelne Richterinnen und Richter nehmen mittlerweile mit einer Selbstverständlichkeit öffentliche Rollen ein, wie das früher undenkbar gewesen wäre."
Die deutsch-amerikanische LiteraturwissenschaftlerinSusanne Klingenstein, die lange in Harvard lehrte und heute in Boston lebt, kommt in der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ auf die antisemitischen Ausschreitungen in Harvard nach dem 7. Oktober zurück: "Es ist essenziell, intellektuell zu durchdringen, was sich an den amerikanischen Eliteuniversitäten abgespielt hat", schreibt sie und verweist auf den 300-seitigen Bericht des neuen Uni-Präsidenten Alan Garber zu diesen Ausschreitungen (hier als pdf-Dokument). Für Klingenstein handelte es sich um "stringente Handlungen entlang einer spezifischen ideologischen Schiene, die vor fünfzig Jahren in Amerika ihren Anfang nahm". Denn der antiisraelische Diskurs, der später in den postkolonialen Theorien kodifiziert wurde, etablierte sich für Klingenstein spätestens in den Sechzigern, nach dem radikale Black-Power-Aktivisten das bis dahin existierende schwarz-jüdische Bündnis der Bürgerrechtsbewegung gesprengt hatten: "Schon 1966 begann Stokely Carmichael, der neue Führer des SNCC (Student Nonviolent Coordinating Committee), weiße, insbesondere jüdische Aktivisten auszuschließen. Im Jahr 1964 wurde die PLO gegründet und schuf für die Palästinenser ein politisches Profil als Unterdrückte. Der Sechstagekrieg von 1967 löste die Allianz dann endgültig, weil für Afroamerikaner Israelis jetzt zum Lager der Unterdrücker gehörten - Weiße und Europäer wurden Kolonialisten und Besatzern gleichgesetzt. Afroamerikaner und Afrikaner nahmen das arabische Angebot einer Allianzbildung an."
Dirk Knipphals hofft in der taz, dass sich woke Ideologien und universalistische Ideen irgendwie vereinbaren lassen und freut sich, "dass aus dem Bereich der Philosophie derzeit interessante Ansätze kommen, den Universalismus nicht mehr als abstraktes Prinzip zu begründen, was von Vertretern der Identitätspolitik oft als Trick kritisiert worden ist, in dieses Prinzip in Wahrheit den weißen westlichen Mann einzuschreiben. Jule Govrin leitet ihren 'Universalismus von unten' (Suhrkamp-Verlag) aus der Verletzlichkeit menschlicher Körper ab. Hans Joas kommt in seiner großen historischen Rekonstruktion der Entstehung des Universalismus (auch Suhrkamp) auch auf die Sklavenaufstände im Haiti des 18. Jahrhunderts zu sprechen. Der strikte Gegensatz zwischen dem Westen und dem globalen Süden, auf dem manche Vertreter der Identitätspolitik aufsitzen, weicht so auf." Knipphals empfiehlt auch eine mehrteilige Debatte in der Jungle World, in der man versucht, die "Wokeness" aus linker Perspektive zu retten.
Fast verzweifelt klingt, was der chinesische, in Berlin lebende Autor Yang Lian in "Bilder und Zeiten" (FAZ) in Reminiszenz an George Orwell schreibt: "Osten oder Westen, links oder rechts, Sozialismus oder Kapitalismus und selbst Demokratie oder Autokratie - diese Klischees des Kalten Kriegs sind vollkommen gescheitert. Nach der Schaffung einer weltweiten Allianz der Oligarchen muss aus 'Er liebte den Großen Bruder' heute 'Wir lieben den Großen Bruder' werden. Wenn diese Stimme aus tiefstem Herzen kommt, gelangt '1984' zu seinem hinreichend absurden und grausamen Schluss."
Außerdem: Der Autor Necati Öziri denkt in seiner Dankrede für den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis, die in der FAZ abgedruckt ist, über den Begriff der "wehrhaften Demokratie" nach.
Nicholas Potter hat für die taz mit vielen ehemaligen Mitarbeitern Holger Friedrichs bei der Berliner Zeitung gesprochen und arbeitet auf, was man im Grunde schon wusste und was in dieser Konzentration doch schockierend ist. Nur eins: "Mehrere Mitarbeiter, die unter Friedrich zur Berliner Zeitung wechselten, haben in der Vergangenheit für russische Staatsmedien gearbeitet. Thomas Fasbender ist das prominenteste Beispiel: Er leitete ab Anfang 2024 das damals neugegründete Geopolitik-Ressort, bevor er dieses Jahr Mitherausgeber der Weltbühne wurde. Neben seiner langjährigen Mitarbeit als Autor der neurechten Zeitung Junge Freiheit hatte Fasbender bis zum Großüberfall Russlands auf die Ukraine mehrere Formate beim Propagandasender RT... Im Juli 2022 fing auch Katerina Alexandridi bei der Berliner Zeitung an, nachdem sie acht Jahre lang bei der Nachrichtenagentur Ruptly, die zu RT gehört, Planungschefin war. Sie stieg im Oktober 2023 zur stellvertretenden Chefredakteurin der Berliner Zeitung auf, seit Januar ist sie "Head of International News". Und Potter nennt noch weitere Beispiele. Auch mit China und mit Aserbaidschan (unser Resümee) pflegt Friedrich beste Beziehungen. Viele Journalisten haben die Zeitung inzwischen verlassen, so Potter, und "eine vergleichsweise gute Bezahlung lockt vor allem Nachwuchs-Journalisten an".
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der Artenschwund ist größtenteils nicht durch den Klimawandel zu erklären, sagt der Biologe Matthias Glaubrecht, Autor des Buchs "Das stille Sterben der Natur", im Gespräch mit dem Ellen Daniel und Michael Miersch auf miersch.media. Ursachen seien eher Rodungen und landwirtschaftliche Nutzung. Aber das Thema des Artenschwunds habe leider eine sehr viel schwächere Lobby als der Klimaschutz: "Viele glauben, dass der Klimawandel das alles bestimmende Umweltproblem ist. Sie nehmen an, dass der Artenschwund ein Effekt der Klimaerwärmung sei. Nach Vorträgen haben mir Zuhörer schon vorgeworfen, dass ich die Erderwärmung verharmlosen würde, wenn ich auf das Artensterben aufmerksam mache. Dabei sage ich jedes Mal, dass die menschengemachte Erwärmung zu gigantischen Veränderungen der Umwelt führen wird - aber nicht die Ursache des Artenschwundes ist."
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