Universalismus
Weltherrschaft und Menschheitsethos

Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783518588277
Gebunden, 975 Seiten, 48,00
EUR
Klappentext
Das Wohl aller Menschen bei moralischen und politischen Entscheidungen zu berücksichtigen - das ist heute für viele zumindest als Ideal gerechtfertigt. Aber schon immer gegeben und universell verbreitet ist ein solches Menschheitsethos nicht. Wann und wo ist es also entstanden - und warum eigentlich? Ist es eine Besonderheit der jüdisch-christlichen oder der westlich-aufklärerischen Tradition? Und wie hängt seine Entstehung mit der Geschichte imperialer Weltherrschaft zusammen? In seinem faszinierenden Buch folgt Hans Joas diesem Menschheitsethos in globaler Perspektive. Von der sogenannten "Achsenzeit" ausgehend, zeichnet er dessen Entstehung in der griechischen Antike, in Judentum und Christentum, in Indien und China nach und betrachtet es im Zusammenhang mit imperialen Reichsbildungen bis hin zum Kolonialismus, Faschismus und Kommunismus. Kann es einen Universalismus ohne Imperialismus überhaupt geben? Und wie steht der Islam zu den achsenzeitlichen Entwürfen eines Menschheitsethos? Joas' Antworten auf diese großen Fragen fügen sich zu einem Opus Magnum, mit dem er seine vielbeachteten Arbeiten zur Geschichte von Religion und politischer Macht krönt.
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Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 08.09.2025
Ein umfassendes (regelrecht universalistisches) Buch über Universalismus hat Hans Joas laut Rezensent Jens Balzer geschrieben. Weit zurück reicht die Geschichte, die der Theologe und Soziologe hier entwirft, beschreibt Balzer, der Universalismus formiert sich in dieser Erzählung erstmals im ersten Jahrtausend vor Christus, maßgeblich sind Denker wie Konfuzius und vor allem Sokrates. Von dessen Entwurf eines Denkens, das sich keinen Tabus mehr unterwirft und auf allgemeine ethische Grundsätze hinaus will, verläuft eine Linie, zeichnet Balzer mit Joas nach, zu Kant und Habermas. Wobei die von letzterem vertretene Ansicht, dass ein liberal-demokratischer Universalismus sich vor allem auch gegen die Religion durchzusetzen hat, von Joas Balzer zufolge relativiert wird. Denn einerseits war universalistisches Denken, wie etwa der Kolonialismus zeigt, nicht immer herrschaftskritisch, sondern oft auch ausgrenzend, und andererseits wurde es immer wieder von religiösen Ideen befeuert, wie etwa das Denken Martin Luther Kings zeigt. Viel steckt drin in diesem Buch, fasst Balzer zusammen, auch außereuropäische Traditionen des Universalismus tauchen auf bei Joas. Fast erschlagen fühlt man sich von der Informationsfülle, ächzt der Rezensent, der freilich der Ansicht ist, dass sich die Lektüre unbedingt lohnt. Wie man gegen die gegenwärtigen Feinde des Universalismus zu Felde ziehen kann, sagt uns zwar auch Joas nicht, erläutert Balzer, aber er stellt uns die lohnende Aufgabe, herauszufinden, was die verschiedenen Universalismen verbinden könnte.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 22.08.2025
Für den Rezensenten Michael Köhler ist das neue Buch des Soziologen und Religionsphilosophen Hans Joas die gewichtige Krönung von Joas' Forschungsprojekt über die Entstehung der Werte. Gewichtig erscheint ihm das Buch seiner globalen Perspektive auf das "Menschheitsethos" und seiner Entstehung wegen und weil der Autor große intellektuelle Auseinandersetzungen zum Thema bei Augustinus, Weber, Troeltsch, Gandhi oder Martin Luther King nicht scheut. Köhler lernt unter anderem, dass der moralische Universalismus zwischen 800 und 200 v. Chr. in verschiedenen Kulturen in Absetzung zu imperialistischen Herrschaftsbestrebungen entstanden ist. Spannend! findet der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.07.2025
Viele interessante Gedanken finden sich laut Rezensent Otto Kallscheuer in diesem Buch: Hans Joas beschäftigt sich hier mit der Entstehung mehrerer Weltreligionen, wobei die sogenannte "Achsenzeit" eine Rolle spielt. Zwischen dem 8. und dem 2. Jahrhundert vor Christus entstehen in verschiedenen Weltregionen Systeme des Glaubens, die auf eine universalistische Perspektive zielen. Allerdings existiert kein diese Religionen übergreifender Konsens, er lässt sich höchstens im Rückblick behaupten. Joas' soziologische Gewährsleute sind Ernst Troeltsch und Max Weber und da fangen für den Rezensent die Probleme bereits an, denn die Perspektiven der beiden ergänzen sich nur mit Biegen und Brechen. Jedenfalls konstruiert Joas mithilfe seiner Rückgriffe auf Weber und Troeltsch eine Gegenüberstellung zweier Konzepte, eines "moralischen Universalismus" auf der einen und eines "politischen Universalismus" auf der anderen Seite. Insbesondere letzterer ist für Kallscheuer eine fragwürdige Kategorie, und zwar selbst dann, wenn Joas argumentiert, dass zwischen beidem, also zwischen den Weltreligionen und imperialistischen Bestrebungen in der Politik, keine Kausalbeziehungen besteht, sondern lediglich eine Art "kreativer" wechselseitiger Beeinflussung. Fazit: ein ambitioniertes Buch und eine beeindruckende Spannbreite an Gedanken, aber in der zentralen Argumentation nicht recht zu überzeugen vermag.