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28.06.2025. In der Welt befürchtet der im Iran geborene Schriftsteller Amir Gudarzi eine Welle des Terrors des iranischen Regimes gegen die eigene Bevölkerung. Viele Menschen im Iran sind keineswegs so entsetzt über die israelischen Bombardierungen, wie es ein Teil der Diaspora behauptet, glaubt die taz. Trump als "Faschist" zu bezeichnen, hilft nicht - wir brauchen neue Geschichten, um Trump zu verstehen, schreibt der Historiker Christopher Clark in der SZ. Viel Aufsehen gibt es um eine von der Zeit depublizierte Kolumne von Maxim Biller. Und in der NZZ konstatiert Michel Houellebecq eine "Anpassung an den Islam".
In einem großen Essay in der SZ skizziert der HistorikerChristopher Clark zunächst, wie Donald Trump nicht nur zur "Verrohung der Diskurse" beigetragen hat, sondern das "Öffentliche überhaupt" angreift: Für die Rechten der USA, so Clark, "ist der Staat die absolute Negation der Freiheit, die vor allem als Autonomie des Einzelnen, des Privaten, verstanden wird." Es sei aber wenig hilfreich den Faschismus-Begriff auf Trump anzuwenden, vielmehr bedürfe es neuer Geschichten, um Trump zu verstehen, so Clark: "Wir benötigen ... eine Geschichte der politischen Nachwirkungen der globalen Finanzkrise und der Corona-Epidemie. Eine Geschichte, wie die Linke in den USA in ihrem Krieg um Pronomen ihre Verankerung in den unteren Einkommensschichten preisgab. ... Wir brauchen eine Geschichte, die zeigt, inwiefern Trumps Erfolg auf dem Scheitern eines technokratischen Managementstils beruht, und warum seine Art, die Menschen anzusprechen, die uns so anwidert, bei ihnen so gut ankommt. Was sind die Bedürfnisse, die Begierden, die er anspricht? Woher kommt dieser Durst nach Führergestalten? Und wir brauchen eine Geschichte der neuen Männlichkeit: Warum treten zum Beispiel so viele rechtsbewegte junge Männer in den USA der russisch-orthodoxen Kirche bei? Woher kommen der Frauenhass, das Selbstmitleid und die Ressentiments der jungen Männer?"
Viele Menschen im Iran sind keineswegs so entsetzt über die israelischen Bombardierungen, wie es ein Teil der Diaspora behauptet, schreibt Andreas Fanizadeh in der taz. Israel hat ja auch an die Freiheitsbewegung im Iran appelliert: "Die Bombardierung äußerer Bereiche des berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnisses ist ein deutliches Signal an die Menschen im Land. Das Regime karrt nun seine letzten Anhänger für Propagandabilder zusammen, Verhaftungs- und Hinrichtungswellen werden befürchtet. Dabei ist es so geschwächt wie noch nie. Galoppierende Inflation, Mangelwirtschaft, Korruption - zusammen mit der Niederlage könnte dies zum Kollaps des Regimes führen. Die israelischen Streitkräfte haben in Iran bislang jene Fehler vermieden, die sie im Gazastreifen begingen. Martialische Drohungen - 'Teheran wird brennen' (Verteidigungsminister Israel Katz) - bewahrheiteten sich nicht. Aber auch aus der Sackgasse im Gazakrieg muss Israel nun bald herausfinden."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der 2009 aus dem Iran geflohene SchriftstellerAmir Gudarzi, dessen Debütroman "Das Ende ist nah" 2009 erschien, erzählt im Welt-Gespräch indes, dass es trotz des Hasses auf das Regime im Iran derzeit einen Anstieg des Nationalismus im Iran gibt. Zugleich befürchtet er eine Welle von Terror des Regimes: "Wenn die Bombardements aufhören, wird das Regime sich an der eigenen Bevölkerung rächen. Das kennen wir auch aus dem Irak in der Zeit von Saddam Hussein. Das wird brutal für die iranische Bevölkerung." Zudem setze das Regime auf antisemitische Verschwörungstheorien: "Es wird erzählt, dass die Landkarte des Nahen Ostens jetzt geändert werden solle. Das mache Israel natürlich mit Unterstützung des Westens, Amerikas. Und so weiter. Aber wer hat den Grundstein gelegt, für den Konflikt mit Israel? Ein Regime, das Israel nicht anerkennt, sein Existenzrecht bestreitet und sogar die Shoah leugnet. Und dann wundern wir uns heute, dass Israel tatsächlich das iranische Regime angegriffen hat, nach dem, was am 7. Oktober geschehen ist? Natürlich kann man sehr viel an Israels rechter Regierung kritisieren. Man sieht, dass sie ihren Kompass in Gaza längst verloren hat."
In ihrer FAS-Kolumne geht auch Ronya Othmann auf die Analogien zum Irakkrieg ein, die sie für falsch hält: Nie werde angesprochen, warum es nach der Militärintervention 2003 "so gründlich schief lief", meint sie: "Die Ursachen für Bürgerkrieg und Terror nach dem Sturz Saddams lassen sich ... nicht nur in der amerikanischen Intervention ausmachen, sondern auch in dessen brutaler Herrschaft, der Zerstörung der Zivilgesellschaft, der sunnitischen Dominanz über die Schiiten. Selbst der Abzug der US-Truppen 2011 war ein weiteres Scheitern. Die Islamisten übernahmen die Kontrolle, in Mossul wurde 2014 das Kalifat ausgerufen. Iran baute seinen Einfluss weiter aus. Teheran finanzierte Moscheen und Milizen, es gibt irantreue Fraktionen im Parlament. Manche nennen den Irak heute sogar iranischen Satellitenstaat."
Die SZ veröffentlicht derweil die Mails, die die iranische Autorin und Schauspielerin Lily Farhadpour aus Teheran an Navid Kermani während des Kriegs zwischen Israel und Iran geschrieben hat und in denen sie von ihr Panik, ihrer Wut auf Israel und ihren Ängsten vor der Zukunft berichtet: "Ein blonder Caligula irgendwo jenseits des Ozeans sagte einfach: Game over. Als hätte er die Pausetaste gedrückt. Hier in Iran hat das Regime den Sieg verkündet. In Israel sagen sie: 'Nein, wir haben gewonnen.' Das schlimmste Szenario ist eingetreten: der Beginn eines bewaffneten Friedens. (…) Das bedeutet bewaffneter Frieden: Mehr von uns werden zerquetscht. Mehr Repression. Die Sanktionen werden aufgehoben, damit China wieder unser Öl kaufen kann, und die Gewinne fließen zurück ins Militär. Die Zukunft sieht dunkler aus als die zwölf Tage Krieg, die wir gerade überstanden haben. Der Krieg ist nicht vorbei. Merke dir meine Worte, Navid jaan. Wie der Dichter sagte: 'Uns geht es gut - aber glaub es nicht.'"
Ein AutorInnenteam hat für den Spiegel indes mit iranischen Oppositionellen gesprochen - und so viel wird klar: "Die Opposition ist uneins und in mehrere Fraktionen gespalten. Royalisten, die dem 1979 gestürzten Schah nachtrauern, streiten mit säkularen Demokraten oder den schiitisch-marxistischen Volksmodschahedin. Es gibt derzeit keine Organisation, keine Partei, keine Führungsfigur, die die unterschiedlichen Strömungen zusammenbringt. Weder in Iran selbst noch in der Diaspora. 'Wer soll das Land führen?', fragt Fariborz Saremi, ein iranischer Oppositioneller, der in Deutschland im Exil lebt."
Die jüngste Kolumme von Maxim Biller hat das Qualitätsniveau der Zeit unterschritten, wie die Redaktion "leider" erst nach der Veröffentlichung feststelllen musste. Das Institut unter Monsignore di Lorenzo hat die Kolumne darum "depubliziert". An der Stelle der Kolumne steht nur noch ein trockener Hinweis, dass Billers Beitrag "mehrere Formulierungen enthielt, die nicht den Standards der Zeit" entsprechen. Die Kolumne handelte von der Israel-Obsession vieler Leistungsträger der deutschen Öffentlichkeit. Unter archive.org ließ sich die Kolumne gestern noch nachlesen. Biller attackiert unter anderem den Moderator Markus Lanz: "Er ging in seinem Moderatorenstuhl in eine raubtierhafte Angriffshocke, er zischte und fauchte, statt zu sprechen, und versuchte immer wieder, von seinen Gästen die Aussage zu erpressen, dass Israel im Gazastreifen der Al-Kassam-Brigaden 'Kriegsverbrechen' begehe." Schade ist die Löschung der Kolumne auch, weil Biller den Sendern einen wertvollen Programmtip gab: "Vielleicht, dachte ich, sollte sich die Lanz-Redaktion zum Beispiel einmal zu einer Sendung über die Hamas aufraffen, über die Hamas und nichts als die Hamas, die ja den ewigen Gazakrieg ganz allein angefangen hat und durch ihre bedingungslose Kapitulation und die Überstellung ihrer noch lebenden Führer nach Den Haag ganz allein beenden könnte. ... Außerdem könnten seine Redakteure noch ein paar andere leicht entflammbare Islamversteher wie Tilo Jung, Ralf Stegner, Kai Ambos, Kristin Hellberg und jemanden von Amnesty International einladen."
Die "Depublikation" sorgt in den sozialen und den übrigen Medien für riesiges Aufsehen. Andreas Rosenfelder vermutet in der Welt, dass es "das reflexhafte Gebrüll in den sozialen Netzwerken und Leserkommentaren war, auf welches die Zeit mit der Löschung reagierte. 'Genozid-Apologetik' - so lautet ein typisches Urteil auf X."
Im großen SZ-Interview mit Daniel Brössler und Nicolas Richter bereut Friedrich Merz den Begriff der "Drecksarbeit" keineswegs, sondern erläutert, was er meinte: "Der Historiker Herfried Münkler sagt, dass das Völkerrecht in der realen Politik gegenwärtig praktisch keine Rolle mehr spiele. Solange es keinen Hüter gebe, sei es 'ins Feuilleton' verbannt. So weit gehe ich nicht. Natürlich gilt das Völkerrecht für uns. Ich will gar keine völkerrechtliche Einordnung vornehmen. Aber wir dürfen es uns in unseren Bewertungen auch nicht zu einfach machen. Mir stellen sich jedenfalls Fragen. Kann man ernsthaft behaupten, dass Israel gegen Iran einen Präventivschlag geführt hat? Oder wird seit dem 7. Oktober 2023 Krieg geführt gegen Israel mit einer Hamas, die von Iran finanziert wird? Ohne Iran hätte die Hamas diesen Angriff wohl nicht durchführen können. Ist das denn kein kriegerischer Akt gegen Israel?" Die Frage, ob Deutschland Israel wegen seiner Kriegsführung im Gazastreifen Waffenlieferungen vorenthalten werde und ob Netanjahu trotz des Haftbefehls des Internationalen Strafgerichtshofs Deutschland besuchen könne, lässt Merz unbeantwortet.
Weitere Artikel: In der FAZ schreibt Marc Zitzmann zu den Korruptionsvorwürfen um Frankreichs Kulturministerin Rachida Dati, die als EU-Abgeordnete gegen "(viel) Geld ihr Wahlmandat in den Dienst der Interessen von Unternehmen wie GDF Suez, Orange, Renault-Nissan, der Londoner Investmentgesellschaft AlphaOne Partners, aber auch der aserbaidschanischen Diktatorenfamilie Alijew gestellt haben" soll.
Die NZZ bringt das Interview, das die Literaturwissenschaftler Anders Ehlers Dam und Adam Paulsen für die dänische Zeitung Information mit Michel Houellebecq geführt haben. Der christliche Gott sei tot, nicht aber der Gott des Islam, sagt er, auch wenn die "Islamisierung Frankreichs" noch nicht so weit fortgeschritten sei, wie in seinem Roman "Unterwerfung": "Die Situation in Frankreich ist wohl mittlerweile wie am Anfang des Romans, also noch nicht so weit. Die ganze Entwicklung fing ja mit den dänischen Mohammed-Karikaturen an, die viele Muslime in Rage brachten. Heute gibt es keinen Franzosen mehr, der meint, es sei eine gute Idee, solche Karikaturen zu drucken. Besonders die jungen Leute sehen keinen Grund, den Islam zu kritisieren, und finden es direkt unsympathisch, wenn es jemand doch tut. In dieser Hinsicht haben die Attentäter gewonnen. Solche Karikaturen werden einfach nicht mehr gemacht. Es ist ein langsamer Prozess, aber die Entwicklung geht in diese Richtung. Es ist eine deutliche Bewegung in Richtung Anpassung an den Islam. Es ist natürlich schwer zu sagen, wie sich die Sache entwickeln wird und wie schnell. Aber die Richtung ist klar. Ich glaube nicht, dass das Christentum in Europa eine Zukunft hat."
Es mag eine "eine Handvoll unbestreitbarer Antisemiten in Harvard geben", aber "die Behauptung, Harvard hege eine systematische Feindseligkeit gegenüber Juden, ist … schlichtweg absurd", schreibt in der FAZ der jüdische, in Harvard lehrende KunsthistorikerJeffrey Hamburger: "Der Vorwurf des institutionellen Antisemitismus ist nichts weiter als ein Vorwand, um die autoritäre Kampagne der Trump-Administration gegen alle Zentren unabhängigen Denkens (Anwaltskanzleien, Medien, die Intelligenz) außerhalb ihrer unmittelbaren Kontrolle zu verfolgen. Meinungsumfragen haben ergeben, dass mehr als die Hälfte der amerikanischen Juden den Präsidenten selbst als antisemitisch ansehen. Und das aus gutem Grund: Er und sein Umfeld haben behauptet, dass jüdische Demokraten illoyal sind und Israel verachten und dass die Juden schuld daran seien, wenn er die Wahl verloren hätte. Außerdem ist dies der Mann, der berüchtigte Antisemiten im Oval Office beherbergt hat und einmal sagte, er habe immer gewollt, dass Juden sein Geld zählen."
Offizielles Plakat der Pariser Gay Pride William Marx ist Professor für Literaturwissenschaft am ehrwürdigen Collège de France und steht ganz gewiss nicht unter Verdacht, politisch rechts zu stehen. In Le Mondenimmt er das Plakat der Pariser queeren Initiative auseinander, die heute (gesponsort von der Stadt Paris, Durex und Paypal) ihre Gay Pride veranstaltet. Marx wundert sich, wer da inzwischen alles als "queer" eingemeindet ist, nicht nur eine Frau mit Kopftuch und die palästinensische Fahne (falls sie es ist), aber dafür kein einziges homosexuelles Paar. Alle zusammen murksen sie einen Fascho ab. "In Paris hat die ehemalige Gay Pride, heute 'Marche des fiertés' schon vor langer Zeit die Begriffe 'schwul' und 'lesbisch' abgeschafft. Mit diesem Plakat geht sie noch einen Schritt weiter: Alle sind queer, außer den Faschisten... Aber indem sie die Frage nach den Körpern und der Liebe unsichtbar macht, verwirklicht sie objektiv den Traum der Homophoben, obwohl sie behauptet, sich ihnen zu widersetzen, und spielt letztlich deren Spiel mit. Das ist die einzige und traurige Gemeinsamkeit, die die Organisatoren der Pride erreicht haben."
Der in Harvard lehrende schwarze Philosoph Tommie Shelby entwickelte eine "politische Ethik der Unterdrückten" - im taz-Gespräch fordert er, auch angesichts des wachsenden Rassismus unter Trump, ein neues Verständnis von Solidarität: "Viele solidarisieren sich abstrakt mit sozialen Bewegungen oder mit von Unterdrückung betroffenen Menschen. Aber mir geht es um mehr. Mir geht es um Solidarität als moralische Selbstverpflichtung zum Handeln, zur gegenseitigen Unterstützung zwischen den Mitgliedern unterdrückter Gruppen. Wenn Einzelne sich darauf verlassen können, dass andere ihnen solidarisch beistehen, sie im Ernstfall unterstützten, stärkt das ihre individuelle und kollektive Widerstandskraft."
Patricia Hecht greift in der taz einen Bericht des Europäischen Parlamentarischen Forums für sexuelle und reproduktive Rechte (EPF) auf, der zeigt, wie eine internationale "neue Allianz" von Aristokraten, religiösenExtremisten, extrem rechter Populisten und Oligarchen gegen Rechte von Frauen und LGBTIQ mobil macht: "So wurden und werden in vielen Ländern Europas, darunter Deutschland, 'Desinformationssysteme' aufgebaut, wie EPF schreibt, die Frauen durch 'Krisenzentren' und Hotlines davon abhalten, Zugang zu legalen und sicheren Abbrüchen zu finden. Organisiert wird das unter anderem von der Organisation 'Heartbeat International'. Es führt dazu, dass in 13 europäischen Ländern 'Mahnwachen' vor gynäkologischen Praxen, die Abbrüche anbieten, gehalten werden. Mit Plakaten, auf denen zerstückelte Föten zu sehen sind - vor dem Verbot sogenannter Gehsteigbelästigungen 2024 hierzulande etwa in München, Pforzheim und Frankfurt am Main, organisiert etwa von '40 Days for Life'."
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