9punkt - Die Debattenrundschau

Zuwachs von vier Prozent

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.09.2023. In der NZZ berichtet Irina Rastorgujewa über den historischen Wahn, der jetzt zur offiziellen Geschichte in russischen Schulbüchern gemacht wird. Die New York Times bringt erste Informationen über den Angriff auf die Stadt Kostjantyniwka. Der Tagesspiegel spricht mit dem  israelisch-arabischen Stammzellforscher Jacob Hanna, dem es gelungen ist, ein menschliches Embryo zu züchten. Es wird weiter über die Folgen der Aiwanger-Affäre gestritten.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.09.2023 finden Sie hier

Europa

Aufwachen:

Das Video zeigt einen Bombenangriff auf eine Marktstraße der Kleinstadt Kostjantyniwka nahe der russischen Grenze. Wie sollte man sich bei einer Attacke auf einen Marktplatz nicht an Sarajewo erinnern? Auf Twitter wird berichtet, dass die Russen "Fléchettes" für den Angriff eingesetzt hätten, kleine pfeilförmige Geschosse, die alles durchdringen.

Die Medien brachten noch nicht allzuviel über den Angriff, bei dem 17 Menschen ums Leben gekommen sein sollen, vielleicht auch weil es noch nicht viel Informationen aus der Stadt gibt. In der New York Times berichtet eine Reportergruppe und bringt auch einige Bilder. "Es war einer der tödlichsten Angriffe auf die Ukraine in Monaten."

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Stichwörter: Kostjantyniwka

Ideen

Über die Polarisierung auch in der intellektuellen Öffentlichkeit spricht der Cheflektor des Verlags C.H. Beck, Detlef Felken, der jetzt in den Ruhestand geht, mit Alexander Cammann von der Zeit. Er vergleicht heutige Debatten mit dem Historikerstreit, der teilweise auch unter die Gürtellinie gegangen sei: "Aber es gab damals keinen Diskussionsabbruch, zumindest so lange nicht, bis Ernst Nolte sich selbst ins Abseits katapultiert hat mit Aussagen, die nur noch für Rechtsradikale anschlussfähig waren. Diese Debattenkultur wird zunehmend durch die moralische Delegitimierung des Gegenübers ersetzt. Ich sehe auch kritisch, wenn jemand an der Universität erklärt, ein Text solle besser gar nicht behandelt werden, weil er sich bei dessen Sprache unwohl fühlt - eine Zensur auf der Grundlage von Befindlichkeiten empfinde ich als geistigen Rückschritt. Wie soll ich Hitlers Weltanschauung wissenschaftlich erforschen, wenn ich die Lektüre von 'Mein Kampf' mit all seinen Widerwärtigkeiten ablehne?"

Jürg Altwegg porträtiert für die FAZ die in Frankreich höchst umstrittene Anthropologin Florence Bergeaud-Blackler, die zu den Muslimbrüdern forscht und für deren Diskurs und Expansionsdrang den Begriff des "Frérisme" prägte. Zuletzt erschien "Le Frérisme et ses réseaux" bei Odile Jacob. In Frankreich lebt sie unter Polizeischutz. Zu Beginn ihrer Forschung begleitete sie Mädchen, die Kopftuch trugen und von Muslimbrüden darin bestärkt wurden: "Sie beobachtete, wie sie die Jugendlichen mit schockierenden Bildern und Erzählungen aus Israel indoktrinierten, um sie für die Palästinenser zu mobilisieren. Mehr als die Hälfte der französischen Muslime sind heute gegen das damals von Schulleitern verordnete Kopftuchverbot. Erst nach systematischen Provokationen wurde es in einem Gesetz verankert. Auch dass der Feminismus zum islamkompatiblen Neofeminismus mutierte, führt Bergeaud-Blackler auf die Strategie der Muslimbrüder zurück."
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Internet

Dass die sozialen Medien zur Polarisierung der Öffentlichkeit und durch das perfide Wirken der Algorithmen zur Radikalisierung der Nutzer beitragen, ist inzwischen ein Topos in allen soziologischen Analysen. "Genau diese Kaninchenloch-Theorie wird nun von der Studie in Science Advance entkräftet", schreibt Maximilian Probst in der Zeit: "Die Forscher haben dafür Ende 2020 mehrere Monate lang die YouTube-Nutzung von 1181 Personen mit einer eigens installierten Browser-Erweiterung ausgewertet. Das Resultat: Nur sechs Prozent der Teilnehmer hatten Videos mit extremistischen Inhalten gesehen. Ihren Weg zu diesen Videos fanden sie vorwiegend über Links von anderen Websites oder weil sie die entsprechenden Videokanäle gezielt abonniert hatten - also gerade nicht über einen radikalisierenden Empfehlungsalgorithmus. 'In dem von uns beobachteten Zeitraum waren solche Empfehlungen sehr selten und stark auf Personen konzentriert, die bereits Videos von extremistischen Kanälen anschauten', sagt der Studienleiter Brendan Nyhan, der am Dartmouth College Politik lehrt."  Probst zitiert weitere Studien, die die Radikalisierungsthese entkräften.
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Gesellschaft

Hannes Stein hat sich für die Salonkolumnisten die Rede ausgedacht, die ein Hubert Aiwanger, der zu Einkehr nicht nur in Bierzelten fähig wäre, vielleicht hätte halten können: "Vor ein paar Tagen hat die Süddeutsche Zeitung die schmachvolle Episode von damals ausgegraben. Am Anfang war ich natürlich wütend, weil mir diese Enthüllung so kurz vor dem Wahlkampf überhaupt nicht ins Konzept passte. Heute bin ich dankbar dafür. Die Enthüllungen der Süddeutschen Zeitung haben mich gezwungen, mich endlich wieder mit dem Hubert Aiwanger von damals zu beschäftigen."

In der Zeit streiten der deutsch-jüdische Historiker Michael Wolffsohn und die CDU-Politikerin Karin Prien, die laut Zeit "jüdische Vorfahren" hat, nochmal über den Fall Aiwanger. Während Wolffsohn dabei bleibt, dass Aiwanger nichts nachgewiesen wurde und dass er Opfer einer Kampagne sei, fordert Prien von Aiwanger ein anderes Verhalten: "Herr Aiwanger sollte sich als Politiker so verhalten, dass die junge Generation sich an ihm orientieren kann. Warum besucht er nicht seine alte Schule und diskutiert mit Schülern? Der Kampf gegen Antisemitismus ist ein Grundwert unserer Gesellschaft, das ergibt sich aus Artikel 1 des Grundgesetzes. Das können Sie doch nicht als eine im politischen Meinungskampf diskutierbare Frage darstellen."

In der SZ kann Kia Vahland kaum glauben, wie unernst Aiwanger auf die Fragen der CSU (und der Öffentlichkeit) geantwortet hat: "Er hat sich an vieles angeblich nicht erinnert, hat sich widersprochen, ist ausgewichen. Wie er damals offenbar dachte und was ihn dann angeblich davon abbrachte: Das meinte er, nicht erklären zu müssen. Damit hat er Prinzipien der Wahrheitsfindung, Erinnerung und Empathie infrage gestellt, die im Umgang mit dem Nationalsozialismus und späterem Rechtsextremismus fundamental sind."

Thomas Schmid erinnert in der Welt an den nicht unsympathischen Ursprung der Freien Wähler in der Lokalpolitik. Die Flugblattaffäre aber habe die Partei nun endgültig zu einer rechtspopulistischen gemacht - weil sich Aiwanger skrupellos als verfolgte Unschuld ausgab. So ist er der erste Politiker, "dem es zu gelingen scheint, die legitimen Fragen nach einem Fleck in seiner Jugend pauschal in eine 'Schmutzkampagne' umzudeuten, mit der er 'politisch vernichtet werden' solle. Das ist ein Tabubruch. Doch einer, der erfolgreich sein könnte. Wie neueste Umfragen zeigen, können die Freien Wähler Bayerns bei der Wahl am 8. Oktober mit einem Zuwachs von vier Prozent rechnen und zweitstärkste Kraft im Land werden."

Harald Welzer ist zurück in den deutschen Talk-Studios - Nele Pollatschek ist in der SZ davon weniger begeistert. "Denn Welzer hat die herzzerreißende Eigenschaft, alles, was man selbst im Kern für richtig hält, auf genau die Art zu vertreten, dass man es am Ende nicht mal mehr selber glaubt." Dies sei ihm bei der letzten Talk-Sendung allerdings nicht gelungen: Es ging um das Wirtschaftswachstum, Welzer hatte sein Buch "Zeitenende" mit "ausnahmsweise ausschließlich Twitter-taugliche Thesen: er Klimawandel ist ein Problem; uneingeschränktes Wachstum keine gute Idee; Boomer sind schuld." Am Ende kommen sie mit Welzer auf einen gemeinsamen Nenner: "Es kann nicht der Sinn unseres Lebens sein, die Wirtschaft noch mal ordentlich angekurbelt zu haben."

"Wie lebten Juden in der DDR, einem Staat, der Israel zu einem seiner schlimmsten Feinde erklärte?" Dieser Frage geht eine neue Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin auf den Grund, berichtet Wiebke Hollersen in der Berliner Zeitung. Zuerst war die Erinnerung an das Leid der Juden in Deutschland groß, doch "es blieb kompliziert, bis zum Ende der DDR. Es gab Jahre, in denen es für viele Juden kaum auszuhalten war. Nach dem Slánsky-Prozess etwa. Ende 1952 gab es in Prag einen stalinistischen Schauprozess gegen 14 Mitglieder der Kommunistischen Partei, darunter elf Juden. Die meisten der Angeklagten wurden hingerichtet. Die antisemitische Hetze, die den Prozess begleitete, war enorm, auch in der DDR. Eine große Fluchtwelle unter Juden setzte ein." Stella Leder hatte über dieses Thema vor einigen Monaten einen sehr erhellenden Essay geschrieben, unser Resümee.

In der Welt erinnert die FDP-Bundestagsabgeordnete Renata Alt an den russischen Oppositionellen Kara-Mursa, der seinen 42. Geburtstag in einer russischen Strafkolonie feiern muss. Kara-Mursa setzte sich "erfolgreich für die Magnitski-Gesetze ein, mit denen die Verantwortlichen erstmals für Menschenrechtsverletzungen persönlich sanktioniert und bestraft werden können. Zuvor waren solche Maßnahmen nur gegen Staaten möglich, nicht gegen Individuen. Der Richter, der Kara-Mursa im April dieses Jahres des Hochverrats schuldig gesprochen hat, steht aufbesagter Sanktionsliste".
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Medien

In eigener Sache: Uns erreichen immer wieder Anfragen von Lesern, die enttäuscht sind, dass sie Artikel, die wir erwähnen oder auf die wir verlinken, nicht lesen können: Sehr oft legen die Medien heute Zahlschranken vor die Artikel. Das heißt nicht, dass man die Artikel nicht lesen kann, schreibt uns Rainer Glaap, der auf seinem Blog eine nützliche Anleitung präsentiert: "Viele Leser:innen wissen gar nicht, dass sie möglicherweise schon Zugang zu einer großen Zahl von Medien haben über ihre Bibliotheksausweise. Und wenn keine vorhanden sind: Ausweise für die Stadt- oder Uni-Bibliothek sind für jedermann/frau zugänglich und immer günstiger als die Abonnements der einzelnen Zeitungen und Zeitschriften " Auf Glaaps Website findet sich eine Liste mit Medien, deren Artikel sich so aufrufen lassen.
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Stichwörter: Jedermann

Politik

Die Schriftstellerin Irina Rastorgujewa schickt der NZZ eine Presseschau aus Russland, die verblüffende Meldungen dokumentiert: So soll die wirtschaftliche Lage Deutschlands schlimmer als im Zweiten Weltkrieg sein und die Menschen sich nach Kapitulation gegenüber Russland sehnen. In Russland selbst steht alles zum Besten: "Die Schulbildung wird generell immer politischer. Geschichtslehrbücher werden umgeschrieben, und in der einheitlichen Staatsprüfung (11. Klasse) wird vorgeschlagen, Blöcke mit Werken von Puschkin und Lermontow durch Abschnitte über 'Stolz auf die Gegenwart des multinationalen Volkes Russland' zu übersetzen. Zudem sind 'ideologische Überzeugung, Bereitschaft zum Dienst und zur Verteidigung des Vaterlandes' gefragt. Im Rahmen der militärischen Grundausbildung müssen Schüler lernen, mit Handfeuerwaffen, einschließlich scharfer Munition, zu schießen, Handgranaten zu werfen, Gräben auszuheben, Drohnen zu bedienen und die verschiedenen Arten von Nuklearexplosionen zu klassifizieren. Offenbar im Rahmen der bereits erwähnten traditionellen Werte erhielt der neugewählte Bürgermeister Sosein in Perm bei der Amtseinführung einen Vorschlaghammer vom Gouverneur der Region, um damit 'den Unsinn aus den menschlichen Köpfen zu schlagen'."
Archiv: Politik
Stichwörter: Rastorgujewa, Irina

Wissenschaft

Dem israelisch-arabischen Stammzellforscher Jacob Hanna ist es gelungen, eine Art 14-Tage altes menschliches Embryo zu züchten: "Hanna nennt es ein 'Synthetisches Embryo-Modell' (SEM), doch es sei einem 14 Tage alten menschlichen Embryo 'frappierend ähnlich'. Erstmals hat damit ein Laborkeim all jene Strukturen, die ein menschlicher Embryo dieses Stadiums haben sollte", berichtet Sascha Karberg im Tagesspiegel. Dadurch könnten neue Arten der Therapie ermöglicht werden, "Vorläuferzellen für die Gewebe oder Organe gewinnen, die für Transplantationen genutzt werden können", erklärt Hanna dem Reporter. Mit "echten" Embryonen darf nicht geforscht werden. Doch wann wird das Modell zum Original? Außerdem könnte man doch einfach nur Stammzellen züchten, wozu ganze Embryos, geben Kritiker zu bedenken? "Das würde voraussetzen, dass das Züchten funktionaler, transplantierbarer Zellen aus Stammzellen in der Petrischale mit künstlich hinzugefügten Botenstoffen und Wachstumsfaktoren tatsächlich funktioniert. Aber das tut es seit dreißig Jahren nicht. Der Grund, warum sich im Labor, in sich ständig drehenden Flaschen mit Kulturmedium, aus Stammzellen spontan ein Embryo bildet, ist: Stammzellen können sich selbst organisieren. Die benachbarten Zellen beeinflussen sich gegenseitig und formieren, selten, aber mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, selbstständig einen Embryo, der dann funktionale Zelltypen hervorbringt. Ich denke, dass die synthetischen Embryo-Modelle die authentischste Differenzierungsmethode für menschliche Zellen sind, die es derzeit gibt."
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Stichwörter: Stammzellforschung

Geschichte

Das Olympia-Attentat von München ist mittlerweile 51 Jahre her - und noch immer gibt es kaum Aufklärung zu diesem düsteren Kapitel der alten Bundesrepublik. Aus Anlass des fünfzigsten Jahrestags wurde letztes Jahr ein achtköpfiges Forscherteam zusammengestellt, vier deutsche, drei israelische und ein britischer Historiker, berichtet der Journalist Joachim Mölter in der SZ. Die Historiker haben sich jetzt in München getroffen. Zur Aufarbeitung "sei der Zugang zu vielen bislang unter Verschluss gehaltenen Akten, Asservaten und Dokumenten nötig," die bisher noch aufwendige Klassifizierungen erfordern. Die Forscher wollten vor allem "den Austausch der Nachrichtendienste vor den Spielen, die Netzwerke und Unterstützer der Terroristen, die Auswirkungen des Anschlags auf die politischen Beziehungen der Bundesrepublik zu Israel und zu arabischen Ländern. Auch die ablehnende Haltung von Bundesrepublik und Freistaat Bayern, was Anliegen der Hinterbliebenen betraf, 'verdient eine eigene Analyse'". "Was gibt's da noch zu verheimlichen?", fragt der Forscher Shpiro abschließend.
Archiv: Geschichte