9punkt - Die Debattenrundschau

Gefährlich und verfrüht

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.07.2021. Genau jetzt, schon mitten in der Katastrophe, ist der Zeitpunkt um zu politisieren, meint spektrum.de - nicht nur über den Klimawandel, sondern auch über Katastrophenwarnungen, findet auch politico.eu. Und gewarnt wird auch in Britannien: vor Johnsons Politik der Öffnung trotz 50.000 Corona-Neuinfektionen am Tag. taz und FAS erinnern an die Attentate von München 2016 und Utoya vor zehn Jahren: Die Traumatisierungen bleiben. Die NZZ erzählt die Urgeschichte der plastischen Chirurgie.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.07.2021 finden Sie hier

Europa

Die Konsequenzen der Klimakatastrophe sind inzwischen völlig unabweisbar. Daniel Lingenhöhl zählt in einem viel retweeteten Artikel bei spektrum.de nochmal alle Horrormeldungen dieses Jahres - vom schmelzenden Grönland-Eis, den Hitzerekorden in Kanada bis zum Hochwasser in Deutschland - auf und schließt: "Deshalb ist genau jetzt der Moment gekommen, um zu politisieren. In wenigen Monaten ist Bundestagswahl, und die Bevölkerung hat das Recht, zu erfahren, wie die Politik zwei der größten Krisen der Menschheit national wie international konkret angehen möchte - das Artensterben und den Klimawandel. Wie positioniert man sich zu einem Handelsabkommen, das in Südamerika die Abholzung antreiben könnte? Was ist man gewillt zu tun, um das Artensterben zu stoppen? Welche Maßnahmen ergreift man, um den Klimawandel einzudämmen?"

Lingenhöhl kritisiert auch, dass Politik und Institutionen mit dem Klimawandel nicht Schritt halten - die Katastrophenwarnungen haben nicht ausreichend funktioniert. Karl Mathiesen und Hanne Cokelaere stimmen bei politico.eu zu: "So schwerwiegende Ereignisse, die sich über ein so großes Gebiet in Nordwesteuropa ausbreiten, geschehen nicht ohne Vorwarnung. Wissenschaftler verfolgten den Sturm auf seinem Weg nach Süden die ganze Woche über, und das 'European Flood Awareness System' (EFAS) gab Anfang der Woche Warnungen vor lebensbedrohlichen Überschwemmungen an die nationalen Behörden aus. Aber die Menschen wurden entweder zu spät oder gar nicht zur Evakuierung aufgefordert."

Großes Aufsehen hat dieser Tweet der britischen Wissenschaftlerin Deepti Gurdasani erregt:

Der Tweet steht im Zusammenhang mit einem offenen Brief von 1.200 Wissenschaftlern, der in der renommierten Zeitschrift Lancet veröffentlicht wurde. Die Autorinnen wenden sich darin gegen die von Boris Johnson geplante  Aufhebung der Corona-Maßnahmen trotz stark steigender Infektionszahlen: "Während die dritte Welle der Pandemie England überrollt, plant die britische Regierung, das Land weiter zu öffnen. Mit dieser Entscheidung wird implizit akzeptiert, dass die Zahl der Infektionen ansteigen wird, aber dass dies keine Rolle spielt, weil Impfstoffe 'die Verbindung zwischen Infektion und Sterblichkeit durchbrochen haben'. Am 19. Juli 2021 - dem 'Tag der Freiheit' - sollen fast alle Beschränkungen enden. Wir halten diese Entscheidung für gefährlich und verfrüht." Unter anderem befürchten die Autoren die Begünstigung impfresistenter Varianten durch diese offene Politik. In Britannien gibt es zur Zeit 50.000 Neuinfektionen täglich mit der Delta-Variante, berichtet Ben Quinn im Guardian, der weitere sehr kritische Stimmen zur britischen Corona-Politik sammelt. Johnson bleibt bei seinem Plan, berichtet der Guardian auch.

Viele Impfungen in unserem Leben waren verpflichtend - etwa gegen Pocken oder Polio - und haben die Krankheiten verschwinden lassen. Darum plädiert Frank Welker bei hpd.de auch bei Corona zu einer Impfpflicht. Denn schon jetzt führe die Situation zu einem unhaltbaren Paradox: "Völlig zu Recht hatten die GEW und die Berufsverbände immer wieder eingefordert, dass Lehrer und Erzieher vor dem Virus geschützt werden müssen. Nicht zuletzt deshalb waren viele Einrichtungen teils monatelang geschlossen oder liefen nur im Notbetrieb, mit dramatischen Folgen für die Kinder und Jugendlichen. Nun gibt es mit der Impfung den bestmöglichen Schutz für die Beschäftigten. Wer diesen jetzt aber ohne medizinisch nachvollziehbaren Grund nicht will und damit außerdem seine Schüler unnötig gefährdet, der sollte sich einen anderen Job suchen!"

Svenja  Bergt fordert in der taz ein eigenes Ministerium für "digitale Transformation", das nicht mehr an Infrastrukturministerien angedockt ist und Digitalisierung als gesellschaftliche Herausforderung begreift: "Um nur ein paar Beispiele zu nennen, die über die notwendige Lösung der bereits genannten Missstände hinausgehen: Wie kann eine digitale Transformation dazu beitragen, uns als Gesellschaft einen großen Schritt weiter in Richtung Nachhaltigkeit zu bringen? Wie kriegen wir die Beschaffung der öffentlichen Hand mit ihren Millionen von Geräten grün? Welche Anreize können wir setzen für eine Programmierkultur, die schlanken, energiesparenden Code schreibt?"
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Medien

Der WDR ist wegen mangelhafter Berichterstattung in der Hochwasserkatastrophe scharf kritisiert worden (viel zitiert ein Kommentar von Thomas Lückenrat bei dem Branchendienst DWDL.de). Am Donnerstag hat sich der Sender die Kritik zu Herzen genommen und seine Berichterstattung erheblich ausgeweitet. Stefan Laurin kommentiert bei cicero.de: "Die aktuelle Kritik ist für den WDR besonders unangenehm, weil sie nicht ideologisch begründet ist. Anders als bei dem Streit um das 'Umweltsau-Video' Anfang vorigen Jahres, in dem Senioren wegen ihres Verhaltens angeblich ironisch aufs Korn genommen wurden, oder der den Grünen zugeneigten Berichterstattung des Senders, geht es nun um den Kern der Arbeit: die Berichterstattung in Krisenzeiten."
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Stichwörter: WDR, Laurin, Stefan

Ideen

Schuld und Beschämung können legitime Mittel in einer politischen Auseinandersetzung sein, schreibt die Philosophin Maria-Sibylla Lotter in der NZZ und nennt als Beispiel dafür die durch jahrelange Anklagen erkämpfte Anerkennung des Genozids an den Herero und Nama. Allerdings habe sich der Diskurs der Schuld verselbständigt und werde immer mehr zum Diskurs einer Erbsünde - hierfür nennt Lotter die Ideen des "strukturellen Rassimsus" und der "Critical Whtiness", die eine automatische Schuld behaupten: "Diese Wahrnehmung wird genährt durch eine selektive Geschichtsbetrachtung, die den Anschein erweckt, als seien Sklaverei, Kolonialismus und andere historische Ungerechtigkeiten allein eine von der westlichen Kultur ausgehende Praxis, während allen anderen die Rolle von Opfern zukomme. In anderen Teilen der Welt staunt man über diese Formen geschichtsvergessener Autoaggression. So diagnostizierte der indische Politiker Swapan Dasgupta in der Hindustan Times schon 2017, die Geschichtswissenschaft in Großbritannien sei mittlerweile von einem unkritischen Eurozentrismus in eine politisch ebenso unkritische Form der kulturellen Selbstverachtung umgeschlagen."

Ebenfalls in der NZZ denkt Robert Nef, Gründer des "Liberalen Instituts" in Zürich, über die Triftigkeit der Begriffe "Links" und "Rechts" zur Beschreibung des politischen Spektrums nach.
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Gesellschaft

Demnächst bricht das vierte Semester an, in dem Studenten über Zoom und Skype lernen und kommunizieren müssen. Viele haben die Uni noch nie von innen gesehen, viele sind deprimiert, oder brechen ab, schreibt Alex Rühle in der SZ. "Die Unis waren in Zeiten ohne Impfstoff schon deshalb zu schließen, weil sie ja nicht wie die Schulen in festen Klassenkohorten strukturiert sind, sondern sich alle eineinhalb Stunden alle neu mischen, was Idealbedingungen für die Virusverbreitung bietet. Jetzt aber ist genug Impfstoff da, auch für die Studierenden, die sich aufgrund ihrer Jugend lange brav hinten anstellen mussten."

Dominik Baur erinnert in einer ausführlichen taz-Reportage an das Attentat von München vor fünf Jahren. David Sonboly, ein 18-jähriger Deutsch-Iraner erschoss damals neun Menschen, die meisten türkischer Herkunft. Baur erzählt, wie lange die Münchner Polizei brauchte um anzuerkennen, dass es sich um ein rechtsextremes Attentat handelte, und welche Bedeutung diese Einordnung für die Überlebenden und Angehörigen hat. Und er erzählt von den Verletzten, deren Trauma bleibt: "Lumnije Azemi hat einige Monate nach dem Attentat einen Platz für eine Traumatherapie gefunden. Doch dann wechselte der Therapeut in eine Anstellung im Krankenhaus. Nach einer längeren Behandlungspause fand sie eine neue Psychologin. Dann kam Corona. Seit über einem Jahr hat sie nun keine Sitzung mehr gehabt. Die kleinen Fortschritte, die sie gemacht hatte, seien dahin, klagt Azemi. Die seelischen, aber auch die körperlichen Schmerzen werden wieder mehr. Sie kann nur noch mit Mühe gehen, auch langes Sitzen schmerzt sie. Die drei Kinder, mittlerweile elf, zehn und sieben Jahre alt, waren beziehungsweise sind ebenfalls in Therapie. Sie sind sehr schreckhaft, trauen sich nicht an die Tür, wenn es klingelt."

Auch Sebastian Balzter und Matthias Wyssuwa erinnern in der Sonntags-FAZ (die ja samstags erscheint) an ein rechtsextremes Attentat, das von Utoya vor zehn Jahren, und auch hier geht es um jene, über die sonst kaum gesprochen wird, die Überlebenden: "Vor ein paar Monaten konnte Tarjei Jensen Bech zum ersten Mal wieder joggen gehen. Zum ersten Mal seit dem 22. Juli 2011, als ihn eine Kugel aus dem Gewehr von Anders Behring Breivik ins linke Bein traf."
Archiv: Gesellschaft

Geschichte

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In der NZZ stellt uns Jean-Pierre Jenny den italienischen Arzt Gaspare Tagliacozzi vor, der im Bologna des 16. Jahrhundert die plastische Chirurgie mitbegründete. Dabei ging es zumeist um die Rekonstruktion von verstümmelten Gesichtern nach einem Krieg oder einem Duell. Abgeschlagene Nasen waren sein Spezialgebiet, die er mittels "Aufpfropfung", wie er in einem Traktat beschrieb, rekonstruierte. "Für seine Operation, führt Tagliacozzi aus, eigne sich ein wenig behaartes Hautstück, zum Beispiel eines vom Oberarm. Der Hautlappen, der auf den lädierten Nasenstummel transplantiert werden soll, lasse sich leicht vom tiefer liegenden Muskelfleisch ablösen. Die Schale, auf der die Instrumente bereitlagen, sollten die Patienten nach Tagliacozzis Meinung besser nicht zu sehen bekommen. Nach diesen Vorbereitungen könne der Chirurg dann mit der Operation beginnen - 'wohlgemut und zügig' ('jucunde et cum celeritate')." Nachdem die Haut (angeblich schmerzlos) abgenommen, angenäht und wieder durchblutet war, "fixierte er eine Schablone mit der gewünschten Form der Nase, und diese Schablone hatte der Patient fortan zu tragen - bis zur Ausheilung konnte es nach Tagliacozzis Erfahrung an die zwölf Monate dauern."

Mit unnachgiebigem Lobbydruck hat es eine Lesbengruppe geschafft, im KZ Ravensbrück ein Gedenkzeichen für verfolgte Lesben anbringen zu lassen, obwohl es keine systematische Verfolgung von Lesben im Dritten Reich gab, schreibt Alexander Zinn, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Frankfurter Fritz Bauer Institut, bei cicero.de. Zinn spricht mit einem Begriff der Historikerin Sandra Kostner von "Agendawissenschaft", dem nachträglichen Versuch, durch einen zielgerichteten Blick in die Geschichte eine aktuell genehmes Bild seiner Gruppenidentität zu rekonstruieren: "Klassische Beispiele aus den fünfziger Jahren sind die Versuche, die Katholische Kirche, die Jugendbewegung oder gar die Wehrmacht zu einem Hort der NS-Opposition zu stilisieren - Versuche, die einer differenzierten historischen Betrachtung nicht standhalten konnten. Heute sind entsprechende Bemühungen vor allem in den neuen sozialen Bewegungen, so etwa in der LGBTI-Bewegung zu verzeichnen."

Raquel Erdtmann erinnert in der Welt an 1700 Jahre Judentum in Deutschland. Eine wenig optimistisch stimmende Geschichte, die entsprechend auf einer pessimistischen Note endet: "Dass Überlebende des europaweiten Völkermords wieder Vertrauen fassten, im Land der Täter leben zu können, wurde Jahrzehnte als Geschenk und eine Art Chance begriffen, die ungeheuerliche Sache ein wenig zu heilen. Mit Kränzen, Gedenkstunden, Sich-auf-die- Brust-Schlagen und mit ehrlichem Entsetzen bei vielen darüber, wozu ein Volk fähig ist und einem 'Wehret den Anfängen'. All dies gilt den Toten, ist der Eindruck. Die lebenden Juden sind die neuen Nazis, eine Katharsis. Juden sind wieder die 'anderen', die Fremden, eine Projektionsfläche für links und rechts, für die Islamisten sowieso."

Außerdem: Der Gräzist Anton Bierl vertieft sich für die NZZ in Thukydides' Beschreibung des Peloponnesischen Krieges, der mit dem Ausbruch einer verheerende Epidemie in Athen einher ging. Und in der Welt schreibt Thomas Schmid zum Tod des polnischen Historikers Włodzimierz Borodziej.
Archiv: Geschichte