9punkt - Die Debattenrundschau

Es ist vielleicht nicht gut für Amerika

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.11.2020. Es gibt viele Probleme mit dem Humboldt-Forum, aber eines ganz besonders: Wir kriegt man die Kunstwerke rein, geschweige denn raus? Die Weltkulturen müssen durch ein Eigenheimgaragentor passen, fürchtet die SZ. Der Journalismusprofessor Jay Rosen fragt in seinem Blog: Was machen die amerikanischen Medien nach dem "Trump Bump", der sie so prächtig profitieren ließ? Die Zeit schildert, wie die AfD zunächst rudern musste, um eine Position zu Corona zu finden und wie sie sich jetzt an die Coronaleugner hängt. Es gibt keine "Religionen", meint der Religionshistoriker Daniel Dubuisson in Le Monde, schon der Begriff sei eine imperialistische Erfindung.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.11.2020 finden Sie hier

Kulturpolitik

Der Lienzo Seler. Foto: Ethnologisches Museum SPK SMB


Jörg Häntzschel erkundet für die SZ den Zustand des Humboldt Forums und sieht nichts als Pleiten, Pech und Pannen. Klimaanlage, Lüftung und Heizung funktionieren nicht, wie sie sollen, die Kälteanlage hat Lecks, die Rauchmelder über den Vitrinen sind kaum erreichbar, die Räume zu niedrig und die Durchgänge zu eng: "Die größten Exponate wie die Südseeboote und die berühmte 'Höhle der ringtragenden Tauben' wurden schon 2018 ins Schloss gebracht - durch Öffnungen in den Außenwänden, die anschließend zugemauert wurden. Sie können das Schloss nie mehr verlassen. Nur ging nicht alles, was groß ist, damals auch mit." Dazu gehört das 16 Quadratmeter große "Lienzo Seler", erfahren wir, ein piktografisches Dokument auf Baumwolle, gefertigt im 16. Jahrhundert in Mexiko. "Weil sich die Stiftung mit den Ausstellungsdesignern zerstritt, wurde der Auftrag für die Vitrine erst jetzt ausgeschrieben. Sie soll vier mal fünf Meter groß sein, aber muss durch Durchgänge passen, die nur 2,20 mal 2,40 Meter groß sind. Der Zugang zu Deutschlands Weltmuseum ist wenig größer als das Tor einer Reihenhausgarage."

Außerdem: Verena Lueken hofft in der FAZ, dass die Kulturwelt bei Joe Biden und Kamala Harris wieder aurf offenere Ohren stößt als noch unter ihren Amtsvorgängern.
Stichwörter: Humboldt Forum

Gesellschaft

In einem interessanten Hintergrund für die Zeit beschreibt Volker Weiß die zunächst ganz schön ratlose Reaktion der AfD und verwandter rechtsextremer Kreise auf Corona. Fast vergessen, dass die Partei anfangs härtere Maßnahmen forderte. In der Folge bekam sie die Krise nicht recht in den Griff und wirkte lange abgeschlagen. Das neue Spektrum der Coronaleugner bietet der AfD nun Chancen und Gefahren: "Tatsächlich haben die 'Querdenker' die extreme Rechte weiter aus dem eigenen Sud geführt. Wie sich bei den Protesten in Berlin und Leipzig gezeigt hat, umfassen die Teilnehmer ein Spektrum, das von QAnon-Freaks, 'Reichsbürgern', Hooligans und Neonazis bis zu Althippies, besorgten Eltern und der bürgerlichen Globuli-Fraktion reicht. In diesem Milieu finden nun Verschwörungstheorien, Antisemitismus und Esoterik zusammen mit Freiheitsrhetorik Verbreitung. Die Ausweitung des Milieus ist ein Erfolg, die gleichzeitige Verwischung der Konturen birgt für die bisherigen Wortführer der extremen Rechten aber auch Risiken. Alte Kader wie der Verleger Götz Kubitschek sehen angesichts der neuen Allianzen den eigenen elitären Nimbus in Gefahr und äußern Skepsis."

Wieder demonstrierten Tausende Coronaleugner in Berlin. Ingo Arzt setzt sich in der taz mit ihrem Argument auseinander, "viele Menschen stürben ja nicht an Corona, sondern mit. Stimmt. Gehört zum Allgemeinwissen über Corona. Die meisten Verstorbenen hatten auch noch andere Krankheiten. Diabetes. Haben chronische Lungenkrankheiten. HIV. Hepatitis. Krebs. Deren Tod zählt offenbar in den Augen vieler Demonstrierender nicht. Weil sie ohnehin bald gestorben wären? Die selbsternannten Querdenker, die mit dem Grundgesetz rumfuchteln: sie treten seinen Inhalt mit Füßen."

Michael Angele organisiert im Freitag ein Streitgespräch zwischen der Religionswissenschaftlerin Yasemin El-Menouar und dem Philosophen Roman Veressov, der zu den säkularen Linken in der Linkspartei gehört, über die Frage, auf wieviel Resonanz Islamismus und Dschihadismus in der muslimischen Bevölkerung stoßen. Auf viel, meint Veressov unter Bezug auf verschiedene Studien, was El-Menouar bestreitet, deren Studien für die Bertelsmann-Stiftung stets die Friedfertigkeit der großen muslimischen Mehrheit bestätigen. Veressov hofft auf eine Reform des Islams, aber da macht ihm El-Menouar keine Hoffnungen: "Der Gedanke, dem Islam fehle eine Reformation, und die damit verbundene Idee, der Islam stecke irgendwie im Mittelalter fest, ist irreführend. Islamismus und Dschihadismus sind keineswegs der Ausdruck historischer Rückständigkeit, sondern ganz und gar moderne Phänomene. Auch hinken die Vergleiche mit dem Christentum."

Klaus Walter unterhält sich für die SZ mit der Kulturwissenschaftlerin Madita Oeming über Pornografie, die ihrer Meinung nach befreiend wirken kann, weil dort nicht nur ein Schönheitsideal vorherrsche: "Genau genommen ist der Porno in der Mainstream-Kultur der einzige Ort, wo wir eine große Vielfalt an Vulven sehen können. Grundsätzlich denke ich, dass Pornos unsere Körperbilder, und auch unsere Vorstellungen von Geschlechterrollen, weniger drastisch beeinflussen als Mainstream-Medien wie Werbung und Hollywood. Aber Pornos sind eben der bessere Sündenbock."
Archiv: Gesellschaft

Europa

Die größte rechtsextreme Organisation in Deutschland sind die "Grauen Wölfe", deren Geschichte auch eng mit der türkischen Diaspora in Deutschland verwoben ist, schreibt Ali Celikkan in der taz, der ihre Anhängerschaft in Deutschland auf mindestens 11.000 schätzt: Dabei "gibt es einen Unterschied zwischen den Konstitutionsbedingungen der Bewegung in Deutschland und in der Türkei: Während sich die Ideologie in der Türkei aus einer antiwestlichen Paranoia speiste, wurde sie in Deutschland von tatsächlich erfahrener Feindseligkeit befeuert: Mölln, Solingen und die NSU-Morde waren nur die Spitze der rassistischen Angriffe auf türkischstämmige Migrant:innen in Deutschland. Sie politisierten diese Menschen, verstärkten türkisch-nationalistische Gefühle und die Erzählung des 'Alle gegen uns'."

FAZ-Korrespondentin Michaela Wiegel liest den inzwischen veröffentlichten E-Mail-Verkehr zwischen Samuel Paty, seiner Schulleitung und KollegInnen, die ihn teilsoffen bekämpften und das Thema Meinungsfreiheit lieber vermeiden wollten. "Gegen den Vater, der die Hetzkampagne begann, erstattete Paty Anzeige. Auch die Schulleitung erstattete Anzeige. Doch Paty reagierte auch bitter: 'Nächstes Schuljahr arbeitete ich über die Freizügigkeitsregeln oder vielleicht die Internetzensur in China.' 'Ich werde die Unterrichtseinheit nicht mehr der Pressefreiheit widmen. Ich wähle ein anderes Thema zur Freiheit', schrieb er."
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Archiv: Europa
Stichwörter: Graue Wölfe, Paty, Samuel

Religion

Der Begriff der Religion selbst ist schon eine westliche und imperialistische Konstruktion, sagt der Religionshistoriker Daniel Dubuisson ("L'Invention des Religion") im Gespräch mit Youness Bousenna von Le Monde. Er nimmt damit Bezug auf die kritische Schule der "Religious Studies" in den USA und beschreibt, wie die Kolonialherren etwa in Indien die Bevölkerungsgruppen nach "Religionen" kategorisierten, wobei das Christentum immer ganz oben in der darwinistischen Kette stand. Was  Dubuisson allerdings als Ersatz für den Begriff der Religion vorschlägt, klingt komplett relativistisch: "Was der Begriff Religion auf problematische Weise benennt, ist eine einfache Realität, nämlich die Art und Weise, wie Kulturen Vorstellungen von der Welt und dem Menschen konstruieren. Ich behaupte, dass 'Religion', wie wir sie im Westen vestehen, nur eine Vision ist, eine bestimmte Konstruktion der Welt, jene der Christen, so wie Kommunisten, Nazis, Epikuräer, Animisten eine hatten."
Archiv: Religion

Medien

Nicht viele thematisierten die konflktuelle Komplizenschaft zwischen Donald Trump und den amerikanischen Medien, die dank Trump prächtig profitierten. Jay Rosen kommt in seinem Blog PressThink auf den "berüchtigten Ausspruch"  von CBS-Chairman Les Moonves zurück: "Es ist vielleicht nicht gut für Amerika. Aber es ist verdammt gut für CBS." Und nun die bange Frage: "Die Industrie nennt es den 'Trump Bump'. Meine Sorge ist es nicht, was damit passiert, wenn er abtritt. Als Teil eines größeren Unternehmens (heute At&T) hat CNN in den letzten Jahren eine Milliarde Dollar Gewinn geschrieben. Falls die Profite schrumpfen, weil Joe Biden weniger aufregend ist als Donald Trump, werden die Analysten an der Wall Street schon ein Interpretationsmuster finden."
Archiv: Medien

Internet

Die sozialen Medien müssen dringend stärker reguliert werden, fordern die Rechtsprofessoren Jürgen Kühling und Rolf Schwartmann in der FAZ: "Dass es in einem weiteren Schritt eines der ausgestaltungsbedürftigen Rundfunkordnung vergleichbaren staatlichen Regulierungsrahmens jenseits des bereits im jüngst novellierten Medienstaatsvertrag aufgenommenen Diskriminierungsverbots bedarf, sagt die Datenethikkommission. Damit ist man bei der 'härtesten Nuss' angelangt. Das ist die Pluralismussicherung im Zeitalter personalisierter und algorithmengetriebener Informationen." Na, wenn die Herren ausreichend Forschungsmittel und Personal bekommen, wird das schon klappen.
Archiv: Internet
Stichwörter: Soziale Medien