9punkt - Die Debattenrundschau

Siegen mit dem Geist

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.08.2020. In der NZZ erkennt Peter Sloterdijk, dass der bon sens nicht ansteckend ist und fragt nach einem neuen Bewusstsein für nichtaristokratischen Abstand. Die Stadt darf kein Ort werden, meint die FAZ, an den sich Menschen ein Erlebnis gönnen dürfen, sondern in dem sie sie sich das Leben leisten können. In der SZ erklärt der Historiker Martin Schulze Wessel die Junta von Aleksandr Lukaschenko. Die taz erinnert an den Hohn, mit dem der Kreml seinen Kritker Alexej Nawalny von Anfang an belegte. Auf The Weekly Dish geißelt Andrew Sullivan die Radikalisierung der Demokraten.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.08.2020 finden Sie hier

Ideen

Auf nur einer Seite in der NZZ durchmisst der Groß-, Weit- und Vordenker Peter Sloterdijk die Geschichte der Zivilisation, des Zynismus und der geistigen Unfreiheit, um auf die Folgen der Pandemie für die Weltgesellschaft zu kommen: "Wir sind heute noch nicht in der Lage, über die gegenwärtige Pandemie hinauszublicken. Die Hoffnung auf Impfstoffe ist plausibel, aber sie enthält keine Antwort auf die Frage, wie das Leben danach aussehen wird. Viele warten nur auf die Rückkehr zur Normalität, das heißt zu den primären Sorgen, zur alltäglichen Frivolität des konsumistischen Way of Life. Ich glaube aber, dass die Corona-Krise auf Dauer zur Entwicklung eines veränderten Kollektivbewusstseins inmitten des Individualismus führt. Man wird mehr und mehr verstehen, dass Immunität keine Privatsache ist. Sekurität ebenso wenig. In Europa begann die Aufklärung unter anderem mit der Behauptung, der bon sens sei die am besten verteilte Sache der Welt. Man hat Gründe, an der Wahrheit der These zu zweifeln. Auch Immunitäten und Sekuritäten gehören durchaus nicht zu den am besten verteilten Sachen der Welt. Umso mehr muss man für ihre bessere Verteilung sorgen - und für ein neues Bewusstsein für humane Diskretion und nichtaristokratischen Abstand."

Als "bösartigen Unsinn" qualifiziert Thomas Schmid in der Welt Achille Mbembes nicht gehaltenen Vortrag zur westlichen Politik in der Pandemie ab (unser Resümee), und mindestens genauso rigoros kanzelt er ab, was Mbembe über den Kolonialismus als Nachtseite der Demokratie sagt: Er "ist ein intellektueller Verwirrer. Seinem überhitzten Werk fehlt der Ernst. Freihändig wirft er ständig mit absichtsvoll ungenauen, trennschwachen Begriffen aus der intellektuellen Küche der französischen dekonstruktivistischen Schule um sich - wie ein Foucault für Arme im Geiste. Sein Werk erregt Aufsehen, es fehlt ihm aber an Substanz und denkerischer Stringenz. Sein Geschäft ist die profitliche Publikumsbeschimpfung - insbesondere dann, wenn dieses Publikum aus westlichen Ländern stammt. Weiße Frauen und Männer haben angesichts der kolonialen Geschichte ihrer Länder oft ein schlechtes Gewissen. Dieses bewirtschaftet Achille Mbembe. Und je wüster und aggressiver seine Attacken ausfallen, umso mehr Beifall findet er."

Ebenfalls in der Welt beklagt der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht die frustrierenden Gedankenbewegungen einer Theorie, die der Stimme einen so ungewissen Platz einräumen und hebt zu einer philosophischen Neujustierung an, mit Kafka, Barthes und Wittgenstein: "Das muss die erste Dimension einer neuen Philosophie der Stimme sein. Jener raumschaffende Prozess, der einsetzt, indem wir uns spontan in gute Hörweite einfinden. Daraus entfaltet sich eine jeweils vielfältige Dynamik: aufgrund der erotischen Anziehungskraft von Stimmen etwa, die vom Appell schmerzgetriebener Stimmen eher noch überboten wird; aus dem Distanzsetzen mittels unfreundlicher oder schriller Stimmen; oder aus Stimmen, in denen wir uns gemeinsam aufgehoben fühlen."
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Europa

Inna Hartwich erinnert in der taz daran, mit welchem Hohn und welchem Zynismus der Kreml von Anfang an den Oppositionspolitiker Alexej Nawalny belegte und weiß: " Wie kaum ein anderer Oppositioneller mobilisiert er Anhänger*innen im ganzen Land. Seit 2017, als Vorbereitung auf die Präsidentschaftswahl 2018, hat er ein immer größer werdendes Netzwerk von enthusiastischen Mitarbeiter*innen in vielen Regionen aufgebaut. Allein das macht ihn in den Augen der Mächtigen gefährlich. Noch mehr aber ist es das sogenannte kluge Wählen, eine Strategie Nawalnys, um der Regierungspartei Einiges Russland die Stimmen zu nehmen."

In der SZ befragt Sonja Zekri den Osteuropa-Historiker Martin Schulze Wessel zu den Protesten in Belarus, die Präsident Lukaschenko seiner Ansicht auch deshalb nicht niederschlagen kann, weil er so geeint auftritt und so viel Rückhalt in der Bevölkerung genießt: "Dem Protest des Volkes steht ein Diktator gegenüber, der in seinem martialischen Auftreten - mit Kalaschnikow! - und mit seinen Machtressourcen eher an einen südamerikanischen Junta-Führer erinnert. Anders etwa als bei dem polnischen General Jaruzelski, der 1989 nicht nur Staatschef, sondern auch Vorsitzender der Vereinigten Arbeiterpartei war und damit sozialen Rückhalt hatte, stützt sich Lukaschenko nur auf die schiere militärische und polizeiliche Macht. Dass sich die Revolution als so grundsätzlicher Konflikt zwischen Macht und Volk darstellt, verleiht den Protesten Legitimation, macht aber eine Lösung so schwierig. Es bräuchte entweder eine Flügelbildung, sodass die Kompromissbereiten auf beiden Seiten verhandeln könnten, oder anerkannte Institutionen. Die Kirche könnte ein solcher Vermittler sein, aber die Orthodoxie in Belarus ist dazu weniger in der Lage als etwa die Katholische Kirche 1989 in Polen."

Zekri würdigt auch die Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, die literarische Stimme des Aufbegehrens in Belarus, und in der taz erklärt Barbara Oertel ihre Verehrung für die beharrlich sanftmütige Kämpferin: "Eine Frau steht etwas abseits von dem Tross, der Alexijewitsch begleitet. In der Hand hält sie ein Schild. 'Swetlana = Gewissen' steht darauf in großen Lettern. Vielleicht ist das die zutreffendste Beschreibung dessen, was Swetlana Alexijewitsch für viele Menschen in Belarus ist: das Gewissen einer Nation, die sich dieser Tage wieder einmal neu erfindet. 'Siegen mit dem Geist, mit der Kraft unserer Überzeugungen', sagt Alexijewitsch noch. Zumindest diesen Sieg haben sie und ihre Mitstreiter*innen bereits errungen."
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Politik

Andrew Sullivan, der heimatlos gewordene Konservative, bloggt jetzt wieder, und zwar auf The Weekly Dish. Nach den Parteitagen in den USA sieht er die Demokraten in die Falle der Radikalisierung laufen: Warum distanzieren sie sich nicht von den Plünderungen, Besetzungen und Brandstiftungen in Portland oder Kenosha? "Als ich auf dem Parteitag der Demokraten so gut wie nichts darüber hörte, wie diese Gesetzlosigkeit beendet werden soll, fiel mir dieses Schweigen auf. Und ich war nicht der einzige, was den Demokraten jetzt zu dämmern scheint. Wenn eine politische Partei sich einer derart neuen und mächtigen Ideologie verpflichtet, dass sie Gewalt nicht mehr so benennt, wenn sie sie sieht, dann läuft sie geradewegs in eine Falle. Wenn sich im Diskurs der Linken Akademiker, Autoren und Twitterer darin überbieten, die Vergangenheit umzuschreiben und zu erklären, wie böse Amerika in seinem Inneren immer gewesen sei, das Land als reine Sklavenhaltergesellschaft zu beschreiben und die rassistischsten Bücher zu bejubeln, die haarsträubenden Stereotypen über 'Whiteness' verbreiten, werden die meisten durchschnittlichen Menschen, die ihr Land lieben und meist stolz auf seine Geschichte sind, zurückscheuen. Einer der vernichtendsten Sätze in der Rede von Präsident Trump war: 'Ich habe nur eine einfache Frage: Wie kann die Demokratische Partei das Land führen wollen, wenn sie so viel Zeit darauf verwendet, es runterzumachen?'"
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Stichwörter: Sullivan, Andrew

Gesellschaft

Wenn Unternehmensberatungen der Politik jetzt empfehlen, die Stadt zum Erlebnisraum zu machen, kann Niklas Maak in der FAZ nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Denn mit solchen Konzepten - und nicht erst mit dem Onlinehandel - fing das Elend der Innenstädte ja an: "Die Umwandlung der Stadtzentren in hochpreisige 'Erlebnisräume' für Touristen und all diejenigen, die sich ein Leben dort längst nicht mehr leisten können, ist bei genauem Hinsehen der eigentliche Grund der Misere, die mit gesteigertem Erlebnischarakter abgemildert werden soll. Kleine Läden, Bäckereien, Werkstätten und andere lebendige Stadtorte starben ja schon vor der Digitalen Revolution - an den explodierenden Ladenmieten. In den sieben größten Einkaufsstädten Deutschlands hat sich der Quadratmeterpreis in den vergangenen zwei Jahrzehnten im Schnitt verdoppelt und in begehrten Lagen teilweise verzehnfacht, was zur Verdrängung der kleinen Läden durch die immergleichen öden Filialen großer Konzerne führte." Maaks Mantra: "Wenn mehr Leute im Zentrum leben, wächst dort auch der Bedarf an Gemeinschaftsorten wie Bars, Restaurants, Bibliotheken, Parks, Schwimmbädern - und an Läden, wo man lokal herstellbare Dinge wie Brot, Essen, Kleidung kauft."
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Kulturmarkt

Vermutlich liegt der aktuelle Erfolg des Sachbuchs daran, dass die lesefreudige Generation der Babyboomer in den Ruhestand geht, glaubt C.H. Beck-Verleger Jonathan Beck im Welt-Gespräch mit Marc Reichwein. Konkurrenz durch die Wikipedia für seine von anderen Verlagen kopierte, kompakte Reihe "C.H. Beck Wissen" sieht er nicht: "Für eine besondere Zugangsweise und einen methodischen roten Faden steht ein einzelner Autor besser ein, als es eine Faktensammlung je könnte, zumal sich die kollektive Autorschaft manchmal in Gefechten verliert. Bei Wikipedia habe ich Deutungskämpfe, bei einem 'Wissen'-Buch die Deutung und die Fakten, die eine führende Expertin oder ein führender Experte für ein Thema für relevant hält - und die er oder sie mir verbindlich präsentiert."
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Kulturpolitik

Auch wenn der Eintritt ins Humboldt-Forum frei sein wird - ein Volksbau wird diese Replik einer Herrscherresidenz niemals werden, antwortet der Historiker Yves Müller in der taz seiner Kollegin Hedwig Richter, die ebenda angeregt hatte, die Empörung einzustellen und sich an der Schönheit zu erfreuen: " Unter Friedrich Wilhelm IV. wurde das Schloss zum Monument der Gegenrevolution. Hier gingen sie ein, die Angehörigen der Kamarilla, des Königs privates Regierungskabinett. Dieser erlauchte Kreis von einem Dutzend Männern strebte nach einer Rückkehr zum vorrevolutionären Ancien Régime. Die Französische Revolution und ihre Idee wollte man rückgängig machen und eine Theokratie, ein 'Reich Gottes' errichten. Dazu brachte man Armee und Geheimpolizei, Zensur und romantische Literatur in Stellung. Die Barrikadenkämpfe vom März 1848 gaben einen Vorgeschmack auf das Gespenst, das da umherging. Noch konnte der schöngeistige König die demokratischen Forderungen abweisen, indem er die Einigkeit des Volkes anrief und das Bürgertum gegen die Arbeiter:innen einsetzte. Weder Revolution noch Gottesstaat kamen, stattdessen ein Kaiserreich. Richter sagt, dass die Monarchie 'ja grundsätzlich kein dubioses Unrechtsregime' gewesen sei. Ja was denn sonst?"