9punkt - Die Debattenrundschau

Leichter zu steuern - und leichter zu erpressen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.07.2019. Es stehen wichtige Wahlen an, aber Wahlwerbung bei Facebook ist nach wie vor intransparent, stellt politico.eu fest. Und die Parteien geben angeblich 80 Prozent ihrer Werbebudgets bei Facebook aus. Der Zölibat ist gar nicht so ehern, wie behauptet, sagt der Kirchenhistoriker Hubert Wolf in der Berliner Zeitung. Erst seit hundert Jahren gebe es ihn in der heutigen rigiden Form. In der taz erzählt Susanne Schröter, was der Fundamentalismus mit dem Islam anstellt. Vice enthüllt eine skandalöse Kooperation von Amazon mit der amerikanischen Polizei.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.07.2019 finden Sie hier

Politik

Politische Anzeigen bei Facebook sind nach wie vor intransparent, obwohl Faceboook versucht, solche Anzeigen durch Registrierung und eine Datenbank nachverfolgbar zu machen, schreibt Mark Scott bei politico.eu. Das Thema ist um so wichtiger als Parteien angeblich 80 Prozent ihrer Werbeausgaben bei Facebook ausgeben. "Und es stehen wichtige Wahlen in Kanada, den USA und womöglich Großbritannien an. "Trotz der groß angekündigten Einführung des Registers sagen Parlamentarier, Aktivisten und Wissenschaftler, dass es nach wie vor fast unmöglich ist, effektiv zu verfolgen, wie politische Anzeigen über die digitalen Plattformen von Facebook gekauft werden und wie das Targeting funktioniert. Sie argumentieren, dass der Social-Networking-Riese vor einer Reihe von bevorstehenden Wahlen mehr tun muss, um zu verhindern, dass die Wähler mit hochgradig politischen Inhalten bombardiert werden, deren Ursprung oft undurchsichtig ist - oder es liegt an dem Gesetzgeber, harte Regeln zu entwerfen."

Vor dem amerikanischen Kongress hat gerade Robert S. Mueller ausgesagt und eine Menge Kritisches Über Donald Trumps Wahlkampf berichtet. Zugleich erscheint ein Bericht des Senate Intelligence Committee, den David E. Sanger und Catie Edmondson in der New York Times resümieren, und der feststellt, dass Russland in sehr vielen Bundesstaaten der USA 2016 die Wahlmaschinerie gehackt hat und das wieder tun könnte. Die Republikaner blockieren einen Gesetzesvorschlag der Demokraten, die Software und Computer besser zu schützen. "Der Bericht äußert keine direkte Kritik an amerikanischen Geheimdiensten oder Staaten, er beschreibt eher ein vielfaches Versagen der Dienste, in denen der Umfang der russischen Bemühungen unterschätzt wurde und Warnungen an die Bundesstaaten zu zurückhaltend waren, während Beamte der Staaten entweder kaum reagierten oder sich in manchen Fällen Hilfsangeboten von Bundesseite widersetzten."

Ursprünglich war sie Professorin für  Südostasienwissenschaften, erzählt die Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter, die gerade ein Buch über den Politischen Islam herausgebrachte, im Interview mit Eva Berger und Edith Kresta von der taz. In Indonesien konnte sie sehen, was es für eine muslimische Gesellschaft bedeutet, wenn sich die Fundamentalisten durchsetzen: "Es kam zu gewalttätigen Angriffen auf religiöse Minderheiten und auf liberale Muslime. Und es kam zu neuen Bekleidungsvorschriften für Frauen. In vielen Regionen ist das Kopftuch jetzt gesetzlich vorgeschrieben. Der Islamismus ist eine organisierte Kraft, dessen Funktionäre mit allen Mitteln versuchen, die Freiheitsrechte des Individuums als unislamisch hinzustellen und eine normative Ordnung zu etablieren, die sich an islamistischen Vorstellungen orientiert. Was das konkret bedeutete, war für mich schockierend."
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Gesellschaft

Mariam Lau versucht in der Zeit, den Widersprüchen des neumodischen Antirassismus auf die Spur zu kommen. Einer davon: "Für die neuen Netzfeministinnen ist es wichtiger, Alice Schwarzer anzugreifen als Publizistinnen wie Birgit Kelle, die den Feminismus an sich für Teufelszeug halten. Denn Schwarzer kritisiert Angehörige von Minderheiten, speziell Muslime, und sie spricht als Weiße. Anlass des erbitterten Streits mit Schwarzer ist die verblüffende Milde des Netzfeminismus gegenüber der Frauen- und Homosexuellenverachtung im Islam und im globalen Süden."

Ähnlich wie in den neunziger Jahren herrscht ein politisches Klima, das die Gesellschaft nach rechts rückt, schreibt Christian Fuchs auf Zeit Online mit Blick auf den erneuten Anstieg rechtsextremer Gewalttaten: "Systematisch arbeiten die Strategen der Neuen Rechten an einer Konsensverschiebung. Bundesminister der CSU nutzen heute einen Begriff wie 'Anti-Abschiebe-Industrie', der vor vier Jahren erst auf Pegida-Bühnen populär gemacht wurde. In einem Medien-Ökosystem aus mehr als 35 Zeitungen, Blogs, Magazinen, YouTube-Kanälen und einem Radiosender hetzt die Neue Rechte und wertet Menschen ab. Politiker der AfD bringen diese Sprache in die Parlamente, stellen rassistische Anfragen und teilen die menschenverachtenden Texte und Videos über die sozialen Medien."
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Medien

Karl-Heinz Ruch, der eigentliche Chef der taz, geht in den Ruhestand. Er war der Kopf hinter der Genossenschaftsgründung und hat der taz ein neues Haus gebaut. Im Interview mit Ulrike Simon bei Horizont antwortet er auf die Frage, ob er heute nicht mehr links sei: "Immer weniger. Die Linken gehen mir zunehmend auf die Nerven. Die fordern bloß, aber machen nichts. Das ist nicht meine Vorstellung von Gesellschaft. Die genossenschaftliche Idee der taz ist ja auch keine originär linke, sondern kommt aus dem Unternehmertum."

Immer öfter kommen gerade bei Kurzmeldungen Schreibprogramme, sogenannte "Roboterjournalisten", zum Einsatz, schreibt Adrian Lobe in der SZ und fragt sich: Wer haftet für die nicht selten folgenreichen Fehler, die den Programmen unterlaufen? Der Verlag, der Softwarehersteller oder der Datenlieferant? "Der US-Rechtswissenschaftler Seth Lewis kommt in einem aktuellen Gutachten zu dem Ergebnis, dass Verlage für Schreibprogramme prinzipiell haftbar sind. Sie könnten sich nicht auf das Argument von Google berufen, man sei lediglich ein Nachrichtenaggregator. Die Prüfpflichten nehmen angesichts der Komplexität der Nachrichtenkette demnach deutlich zu."
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Überwachung

Der Überwachungskapitalismus schlägt zu. Caroline Haskins berichtet bei Vice, was der Vice-Dienst Motherboard herausgefunden hat: "Ring, die Home-Security-Firma von Amazon hat lokale Polizeibehörden in den USA aufgefordert, ihre Überwachungskameras zu bewerben. Zum Austausch dafür soll es kostenlose Ring-Produkte und ein 'Portal' geben, das es der Polizei erlaubt, Daten aus diesen Kameras abzurufen. So lautet eine Geheimvereinbarung, die Motherboard vorliegt. Die Vereinbarung fordert die Polizei auch auf, 'die Regelungen dieses Programms geheimzuhalten'."

Nicht nur die automatische Gesichtserkennung, sondern auch die Stimme bietet perfekte Überwachungsmöglichkeiten, schreibt der Philosoph und Physiker Marco Wehr in der NZZ: "Sie verrät dem Computer zum Beispiel, ob der Observierte depressiv ist oder Gefahr läuft, an Parkinson zu erkranken. Es gibt bereits Algorithmen, die Probanden umfassend charakterisieren und säuberlich in Schubladen einordnen. Die deutsche Firma Precire will die gesamte Persönlichkeit auf der Grundlage von Sprachdaten entschlüsseln. Sie ordnet Probanden in Kategorien ein wie 'selbstorganisiert', 'ausgeglichen' oder 'autonomiebedürftig' und verteilt Punkte. Es gibt bereits Unternehmen, welche die Software verwenden, um Bewerber zu bewerten. Wann werden Krankenversicherungen solche Mittel für ihre Zwecke nutzen? Laut der Informatikerin Julia Hirschberg von der Columbia State University ist die Bewertung der Persönlichkeit auf der Basis von Sprachdaten seriöse Wissenschaft. Sie selbst hat ein Programm entwickelt, das Lügner besser enttarnt als jede andere Methode."
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Kulturpolitik

Der polnische Kulturminister Piotr Glinski hat eine nach 1989 nicht gekannte Machtfülle, berichtet Tomasz Kurianowicz in der FAZ, und er nutzt sie, um die Agenda der Kaczynski-Regierung durchzusetzen, etwa, indem er sich weigert, den Vertrag des Gründungsdirektors Dariusz Stola im Warschauer Museum 'Polin' zu verlängern: "In rechtsnationalen Kreisen ist das Polin-Museum als Brutstätte antipolnischen Gedankenguts verschrien. Vor allem eine Ausstellung über die Situation der polnischen Juden um 1968 sorgte für Proteste. Die Schau zeigte die Gründe für eine antisemitische Welle in Polen im Frühjahr 1968, die zum Exodus vieler jüdischer Intellektueller führte. Rechte Ideologen wie der Politiker Grzegorz Braun argumentieren, dass nicht die Polen als Volk, sondern kommunistische Funktionäre die antisemitische Kampagne zu verantworten gehabt hätten. Folglich würde die Ausstellung als Propagandainstrument antipolnischer Klischees dienen."

Man mag über die Forderungen der Hohenzollern den Kopf schütteln, eine Sache für das Gericht ist sie trotzdem nicht, meint Harry Nutt in der Berliner Zeitung: "Was Geschichte ist und wie sie bewertet wird, sollte vor allem aus den Deutungsangeboten einer Geschichtsschreibung erfolgen, die sich in der öffentlichen Debatte bewähren müssen."

Religion

Es gibt "weder einen Auftrag Christi noch ein göttliches Gebot noch eine apostolische Anordnung, die den Zölibat für Priester verbindlich vorschreibt", sagt im Interview mit Joachim Frank (Berliner Zeitung) der Kirchenhistoriker Hubert Wolf. Erst seit hundert Jahren gebe es den Zölibat als Kirchengesetz in der heutigen rigiden Form - aus dem Grund, Priester für kirchliche Autoritäten "verfügbarer" zu machen: "Zölibatäre Priester sind leichter zu dirigieren, leichter zu steuern - und leichter zu erpressen. Nicht zuletzt wegen des bekannt hohen Anteils an Zölibatsverstößen. Nach meiner These ist der gesamte Katholizismus mit seinem Machtapparat, wie wir ihn heute kennen, eine Erfindung des 19. Jahrhunderts." Und weiter: "Der Zölibat schafft quasi von selbst eine Priesterkaste mit klerikalem Korpsgeist und Standesdünkel. Er führt zu Milieuverengung und Selbsthermetisierung. Er ist der wichtigste Identitätsmarker des klerikalen Systems. Jenes Systems, das man neuerdings angeblich überwinden will. Das kann aber nur gelingen, wenn man den Zölibat abschafft oder zumindest Alternativen eröffnet."
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