9punkt - Die Debattenrundschau

Allen war geholfen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.08.2018. In der taz plädiert der Anglistikprofessor Andrew James Johnston für pragmatische Unklarheit bei der Lösung des Brexit-Nordirland-Konflikts. Der Tagesspiegel untersucht das Verhältnis von Russland zu #aufstehen. Auch Papst Franziskus wird den Ruf der Katholischen Kirche - nach Missbrauchs- und Vertuschungsskandalen - bei seinem Besuch in Irland nicht retten können, meint der Guardian. Die NZZ fragt nach den Missbrauchsvorwürfen gegen Asia Argento: Wem soll man noch glauben? Die Welt plädiert dafür, das Thema übergriffige Frauen nicht zu tabuisieren.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.08.2018 finden Sie hier

Europa

Er kann ja verstehen, dass die EU den Briten bei den Brexit-Verhandlungen nur bis zu einem bestimmten Maß entgegenkommt, schreibt der Anglistikprofessor Andrew James Johnston in der taz. Aber in der Nordirland-Frage müsse die EU aus "gesamtpolitischer Verantwortung für Europa" nachgeben. Ihm schwebt eine Abmachung vor, die juristisch nicht eindeutig ist - wie das Viermächteabkommen von 1971. "Indem er juristisch unterschiedliche Interpretationen zuließ, bestätigte der auf Englisch, Französisch, Russisch, nicht aber Deutsch verfasste Vertrag politisch den friedenswahrenden Status quo. Nicht einmal das Wort 'Berlin' kam vor, es hieß lediglich 'relevant area', und das Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und Westberlin konnte völkerrechtlich stark als 'Bindungen' oder schwach als 'Verbindungen' gedeutet werden. Bonn konnte so tun, als gehöre Westberlin zu Westdeutschland, und die DDR, als sei 'Westberlin' völkerrechtlich ein dritter Staat. Die vier Mächte sahen zu, und allen war geholfen."

Die von Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht gegründete Sammlungsbewegung #Aufstehen wirbt stark für ein besseres Verhältnis zu Russland, berichtet Matthias Meisner im Tagesspiegel. "Russische Medien unternehmen derweil viel, um die Initiative von Lafontaine und Wagenknecht zu fördern. Der Propagandakanal RT Deutsch trommelt seit Monaten für das Projekt. 'Politisch vielversprechend' sei die Initiative, hieß es dort vor zwei Wochen in einem Kommentar. Beklagt wurde in dem Meinungsartikel, dass die Linkspartei ihren 'einzigen Superstar' - gemeint war Wagenknecht - 'öffentlich demontiert'. Und weiter hieß es: 'Das Beharren der Kritiker auf einem ,versteckten rechten Kern' der Sammlungsbewegung ist unseriös und unbelegt.' Eingebettet in den Beitrag ist ein 24 Minuten langes Youtube-Video. Dort erläutert die stellvertretende Linken-Fraktionsvorsitzende Sevim Dagdelen, eine der wichtigsten Vertrauten von Wagenknecht in der Linkspartei, im Interview mit dem russischen Staatssender, dass mit der Sammlungsbewegung AfD-Wähler erreicht und zurückgewonnen werden sollen. Dagdelen warb für eine klare Beschränkung der Migration nach Deutschland. Sie sagte, viele Menschen würden unter der ohnehin vorhandenen sozialen Schieflage in Deutschland 'noch mehr leiden, weil wir noch mehr Menschen aufnehmen in Deutschland'. RT (früher: Russia Today) kümmert sich auch um die internationale Verbreitung der Anliegen des Paares Lafontaine/Wagenknecht."
Archiv: Europa

Gesellschaft

Die Schauspielerin Asia Argento, die als eine der ersten Harvey Weinstein Vergewaltigung vorwarf, ist ihrerseits von einem jungen Schauspieler der sexuellen Übergriffigkeit an dem damals Minderjährigen beschuldigt worden. Sie beziehungsweise ihr damaliger Lebensgefährte Antoine Bourdain, hätten sogar Schweigegeld bezahlt. Argento gibt die Zahlung zu, nicht aber den Übergriff. In der NZZ ist Marc Neumann entsetzt: Wem soll man jetzt noch glauben? "Nach Argentos Dementi herrscht nur noch Unsicherheit: Sie insinuiert, der von der New York Times prima facie wasserfest dokumentierte sexuelle Übergriff auf einen Minderjährigen könnte fabriziert sein. Andererseits gibt die Gegenseite zu bedenken: Falls Argento lügt, ist vielleicht auch ihr Vergewaltigungsvorwurf an Weinsteins Adresse fingiert. So verkommt #MeToo nicht nur zu Boulevard-Material, sondern wird zu Fake-News."

In der Welt plädiert Sarah Pines dafür, das Thema übergriffige Frauen nicht zu tabuisieren: "Frauen können (sexuelle) Gewalt wollen, aktiv und nicht bloß als passiv daliegende Masodummies. Es ist eine der größten und verquersten Verworrenheiten des Feminismus, Männer und Frauen einerseits für absolut gleich zu erklären, gleichzeitig die Biologie, den Trieb als determinierenden Faktor zu verneinen und Sexualität auf das sozial Konstruierte zu reduzieren - ein Fauxpas, den sich nicht einmal Judith Butler erlaubt hat. Ein Feminismus, der überall das Patriarchat wittert und Frauen wie Argento als Opfer vorangegangener Chauvinismen sieht, ist naiv wie Rousseau."
Archiv: Gesellschaft

Internet

Google täte gut daran, nicht nach China zurückzukehren, meint Xifan Yang in der Zeit: "Peking zensiert heute deutlich schärfer als vor acht Jahren. Kein westlicher Konzern hat bisher etwas dagegen ausrichten können und wird es auch in absehbarer Zeit nicht schaffen. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass nicht der chinesische Staat sich unter dem Druck des Silicon Valley wandelt, sondern das Silicon Valley unter Druck des chinesischen Staates. Wenn nun auch Google umfällt, bedeutet das einen weiteren Rückschlag für das freie Internet in einer Zeit, in der es ohnehin weltweit in Bedrängnis gerät."
Anzeige
Archiv: Internet
Stichwörter: Google, China

Religion

Wenn Papst Franziskus am Wochenende nach Irland reist, wird er stark dezimierte Gemeinde finden und eine völlig diskreditierte Priesterschaft. Das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen durch Geistliche und der verlogene Umgang damit, haben die Katholische Kirche in Irland stark beschädigt, schreibt Finlan O'Toole im Guardian. "Diese Horrorgeschichte, die in den 1990er Jahren begann, wurde seither durch drei Faktoren verstärkt. Erstens ist Kindesmissbrauch durch Priester in Pfarreien nur ein Teil einer breiteren Geschichte des institutionellen Missbrauchs, in der Frauen und Kinder in Industrieschulen, Wäschereien und Mutter-und-Baby-Häusern eingesperrt wurden. Diese noch im Entstehen begriffene Geschichte wirft einen krank machenden Rückblick auf das heilige katholische Irland - es wird immer deutlicher, dass es seine 'Reinheit' durch systematischen Terror bewahrt hat. Zweitens hat sich, was viele irische Katholiken für ein lokales Problem hielten, als internationales Phänomen herausgestellt und ist somit implizit in der Natur der institutionellen Kirche selbst enthalten. Das wurde vom Vatikan global vertuscht. Drittens, die Antwort des Vatikans war erbärmlich."

Auf ihrer Glauben und Zweifeln Seite bringt die Zeit die wichtigsten Passagen aus dem 884-Seiten-Bericht über den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche in Pennsylvania. Um die Vertuschungsstrategien der Bistümer, die stets nach dem gleichen Muster handelten, aufzudecken, bedurfte es FBI-Experten des National Center for the Analysis of Violent Crime, lesen wir: "Ein Diözesanpriester wurde erst verhaftet und angeklagt, nachdem die Kirche jahrzehntelang Missbrauchsberichte ignoriert hatte. Als der Schuldspruch bevorstand, handelte der Bischof endlich. Er schrieb einen Brief an den Richter, mit der Bitte, den Angeklagten an ein katholisches Behandlungszentrum zu überstellen. Er betonte die Kosten einer Inhaftierung. In einem anderen Fall vergewaltigte ein Priester ein Mädchen, und als sie schwanger wurde, organisierte er die Abtreibung. Der Bischof drückte per Brief sein Mitgefühl aus: 'Dies ist eine schwere Phase in Ihrem Leben, und ich verstehe Ihre Enttäuschung. Ich teile auch Ihren Schmerz.' Leider war der Brief nicht an das Mädchen adressiert, sondern an ihren Vergewaltiger."
Archiv: Religion