9punkt - Die Debattenrundschau

Ein großes, goldenes Kreuz

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.08.2018. Die katholische Kirche war stark im Missbrauch von Kindern, aber wird sie auch stark in der Aufarbeitung sein? Medien zweifeln nach den neuesten Nachrichten. Der Tagesspiegel fragt, warum der tschechische Staatspräsident Milos Zeman lieber nicht über den Prager Frühling reden möchte. Wo es in Deutschland verstärkte Facebook-Nutzung gab, gab es auch verstärkt Attacken auf Flüchtlingsheime, berichtet die New York Times. Warum tritt in Angela Merkels neuem "Digitalrat" niemand fürs offene Netz ein, fragt Netzpolitik.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.08.2018 finden Sie hier

Religion

Schlicht zum Kotzen zumute ist Hannes Stein in der Welt nach der Lektüre des 884 Seiten umfassenden Berichts über den Missbrauch an tausend Kindern durch 300 Priester in Pennsylvania, von denen Stein den Fall des Priesters George Zirwas herausgreift, dessen Taten der Diözese seit 1987 bekannt waren, der aber dennoch bis 1994 im Amt blieb: Zirwas lud einen 14-jährigen Jungen namens George gemeinsam mit anderen Priestern in eine Pfarrwohnung ein: "Sie befahlen George, sich auf ein Bett zu stellen, sein Hemd auszuziehen und die Pose von Jesus am Kreuz einzunehmen. Dann sagten sie dem Jungen, er solle seine Hose und Unterhose ausziehen. Dann machten sie mit einer Polaroidkamera Fotos von ihm - und legten sie auf einen Stapel mit Nacktfotos, die sie von anderen minderjährigen Jungen gemacht hatten. Dabei kicherten sie. Es handelte sich bei diesen kichernden Priestern um eine Bande von Pädophilen, die sich ihre Opfer sorgfältig heranzogen. Sie vergewaltigten, sie schlugen, sie höhnten, sie waren grausam. Und sie hatten sich etwas Besonderes ausgedacht: Um den anderen Mitgliedern der Bande zu signalisieren, dass ein Junge als Opfer zur Verfügung stand, schenkten sie ihm ein großes, goldenes Kreuz, das er sich um den Hals hängte. Auch George trug ein solches Kreuz."

Papst Franziskus hat zwar bereits Reue bekannt und um Vergebung gebeten, schreibt Friedhard Teuffel im Tagesspiegel - nun müssen Taten folgen, "indem er Akten zugänglich macht, die zur Aufklärung beitragen, die eigenen Untersuchungskommissionen personell aufrüstet und all jene suspendiert, die sich schuldig gemacht haben. Gerade weil es, wie er selbst geschrieben hat, nicht nur um die Täter geht, sondern auch um die Vertuscher. Er muss selbst mit dem Nachdruck handeln, den er von seiner ganzen Kirche einfordert." Und das Zölibat überdenken, meint Teuffel.
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Geschichte

Schützenhilfe in einer ganz anderen Sache bekommt die katholische Kirche indes von dem kanadischen Anthropologen Joseph Henrich, schreibt Markus Schär in der NZZ. Henrich stellt die These auf, dass das katholische "Ehe- und Familienprogramm" seit der Spätantike dazubeitrug, dass sich die Menschen nicht weiter inzestuös in Stämmen oder Clans mit ihren nächsten Verwandten organisierten, sondern durch das Inzestverbot auf Individualität setzten und "vertrauensvoll mit Fremden" zusammenarbeiteten: "Nach der Trennung von der östlich orthodoxen packte die westlich katholische Kirche eine Obsession mit diesem Problem: Von den siebzehn Synoden zwischen 511 und 627 verschärften dreizehn die Heiratsregeln immer weiter; im Jahr 1003 verbat schließlich König Heinrich II. im Heiligen Römischen Reich die Ehe bis hin zu Cousins sechsten Grades - also mit einem gemeinsamen Vorfahren unter ihren je 128 Urururururgroßeltern! 'Man durfte nicht mehr in der Familie, musste aber einen anderen Christen heiraten', stellt Joseph Henrich fest. 'Darum gibt es in Westeuropa keine Stämme.'"

Der tschechische Staatspräsident Milos Zeman möchte lieber nicht über den Prager Frühling reden, berichtet Frank Herold im Tagesspiegel. Er wolle Putin nicht verärgern, glauben seine Kritiker, so Herold weiter. Und auch "die tschechischen Schulen tun faktisch nichts, um den Prager Frühling in der Erinnerung zu halten. Erschreckend sind die Ergebnisse einer Umfrage, die die Organisation Post Bellum im Frühsommer unter 18- bis 65-Jährigen durchführte. Rund die Hälfte der Befragten konnte mit dem Prager Frühling nicht mehr viel anfangen. Ein Viertel konnte gar nicht mehr sagen, was vor der Invasion gewesen war."

Hannes Stein empfiehlt bei den Salonkolumnisten einen kleinen Band über Heinrich Böll 1968 in Prag - aus Zufall war Böll in den entscheidenen Tagen in der CSSR. Die Ereignisse prägten ihn und ließen ihn für den Rest seines Lebens mit den Dissidenten solidarisch sein: "Ein paar Wochen vor Böll war beispielsweise der Westberliner Studentenführer Rudi Dutschke nach Prag gereist, um seinen erstaunten tschechischen Kommilitonen in herrischer Diktion mitzuteilen, dass 'die repräsentative Demokratie westlichen Musters keine Alternative zur Alleinherrschaft der Kommunistischen Partei' sei. Eine Überheblichkeit, vor der Böll, der skrupulöse Beobachter, gefeit war. Mehr noch: Sofort macht er sich Gedanken, welche konkrete Hilfe er leisten könnte."

"Big History" ist das neue große Ding in der Geschichtsforschung, schreibt Claudia Mäder in der NZZ mit Blick auf Bücher von Yuval Noah Harari Emmanuel Todd oder David Christian, die bis ins All oder mindestens in die Steinzeit ausgreifen, um die Menschheit zu verorten. Abgesehen davon, dass Mäder den Studien wissenschaftlich wenig abgewinnen kann, versucht sie deren Erfolg zu erklären: "Mit der fortschreitenden Globalisierung und der Abwendung vom Nationalstaat rückten in den letzten Jahrzehnten zunächst transnational gefasste Welt-, Verflechtungs- und Transfergeschichten vor - immer mehr Geschichtsbücher untersuchten immer größere geografische Räume. Heute nun, da künstliche Intelligenzen durch jede Diskussion geistern und Maschinen den Menschen zu entthronen drohen, sofern sich dieser zusammen mit seiner natürlichen Umwelt nicht vorher in den Abgrund reitet - in dieser allenthalben alarmistisch beschworenen Situation also dehnen findige Historiker nebst dem Raum auch die Zeit ihrer Untersuchungen aus."
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Internet

Angela Merkel gründet einen zehnköpfigen "Digitalrat", weil auch sie die Dynamik der Digitalisierung nicht mehr ignorieren kann. Ingo Dachwitz sieht sich die Liste der vier Expertinnen und sechs Experten für Netzpolitik an und ist enttäuscht, dass zwar Wissenschaftler und Wirtschaftlsleute dabei sind, aber niemand, der die Idee eines offenen Internets vertritt: "Zwar hatte Kanzleramtsminister Helge Braun bereits angekündigt, dass bei der Besetzung des Beratungskreises auf den üblichen Proporz verzichtet werden solle. Dass dies nun dazu führt, dass dezidiert zivilgesellschaftliche Perspektiven komplett unter den Tisch fallen, ist aber doch enttäuschend. Angela Merkel bleibt sich und ihrem auf Wirtschafts- und Sicherheitsinteressieren beschränktem Digitalisierungsverständnis damit jedoch treu."

Facebook will laut eines Berichtes in der Washington Post künftig die "Glaubwürdigkeit" seiner Nutzer bewerten, indem es ihnen eine Punktezahl für die eigene Reputation zuordnet, schreibt Tanja Banner in der FR: "Welche Kriterien Facebook anlegt, um den 'Glaubwürdigkeits-Wert' eines Nutzers zu ermitteln, ob jedem Nutzer ein solcher Wert zugeordnet wird und an welchen Stellen der Wert sonst noch genutzt wird - das alles ist unklar."
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Gesellschaft

Wo es in Deutschland verstärkte Facebook-Nutzung gab, gab es auch verstärkt Attacken auf Flüchtlingsheime, behauptet eine Studie von Karsten Müller und Carlo Schwarz von der Uni Warwick. Amanda Taubs und Max Fishers New-York-Times-Bericht über die Studie gehört heute zu den am meisten retweeteten Artikeln: "Die Taten der Forscher führen zu einer atemberaubenden Statistik: Wo immer die Facebook-Nutzung pro Person um eine Standardabweichung über dem nationalen Schnitt lag, stiegen die Attacken auf Flüchtlinge um 50 Prozent. Bundesweit schätzten die Forscher in einem Interview, dass dieser Effekt ein Zehntel aller Anti-Flüchtlingsgewalt auslöste. Die höhere Gewalttätigkeit korrelierte nicht mit eine höheren Netznutzung im allgemeinen. Es hat nichts mit dem Internet als offene Plattform für Mobilisierung oder Kommunikation zu tun, sondern speziell mit Facebook."
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Stichwörter: Facebook

Medien

Schon als die AfD noch die "Anti-Euro-Partei" war, stürzten sich die Medien in "vorsorglichem Beißreflex" auf die Partei und machten sie groß - jetzt ist die linke Sammlungsbewegung "Aufstehen" dran, ärgert sich der Schriftsteller Bodo Morshäuser im Dlf-Kultur: "Es sind Stimmen, die in aller Eile ihre eigenen Grenzlinien markieren, bevor eine andere Seite, die bisher nur Luft geholt hat, überhaupt spricht. Offenbar wird eine erhebliche Störung der Ruhe befürchtet. Als wollten sie sagen: Okay, es fehlen Zehntausende Schullehrer, Hunderttausende Kitaplätze und Zehntausende Pflegekräfte. Die Aufstiegschancen für Kinder aus der Unterschicht sind im europäischen Vergleich mit die schlechtesten. Ein paar Millionen Vollbeschäftigte können nicht von ihrer Arbeit leben. Aber es ging uns doch noch nie so gut!"
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Stichwörter: Aufstehen, AfD, #aufstehen

Europa

Die ungarische Regierung hat Gender Studies verboten, die an zwei Unis, darunter George Soros' Central-European University (CEU) gelehrt werden, schreibt Gergely Marton, ehemals Redakteur der aufgelösten Zeitung Nepszabadsag, in der taz und zitiert den Kanzleramtschef Gergely Gulyas: "Es sei eine politische Entscheidung. Die ungarische Regierungspartei sei überzeugt, Geschlechter seien biologischer Natur und keine gesellschaftlichen Konstrukte, deswegen dürfe man über sie nicht reden oder lehren."

Robert Menasse lässt auch im  Gespräch mit FAZ-Redakteur Paul Ingendaay nicht von seiner EU-Begeisterung ab: "Eine Bürokratie wie die europäische in Brüssel hat es noch nie gegeben: Hier arbeiten Menschen, die keinen Eid auf einen Staat, sondern auf eine Idee geleistet haben! Überlegen Sie, was das bedeutet! Menschen, die drei bis fünf Sprachen können, hochqualifizierte Absolventen von Top-Universitäten sind, ganz unterschiedliche kulturelle Prägungen haben und sehr viel aufgeben - Heimat, Familie, sozialen Kontext, das Leben in der eigenen Sprache und Kultur. Und es hat mich erstaunt, wie spartanisch die Büros sind, in denen sie sitzen, und wie schlank diese Brüsseler Bürokratie ist."
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