9punkt - Die Debattenrundschau

Digitales Galapagos

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.03.2018. Wozu brauchten wir ein 1968, wenn es schon Horst Ehmke gab, fragt Heinz Bude in der Berliner Zeitung. Der polnische Antisemitismus ist keineswegs eine Erfindung der Kommunisten, insistiert Götz Aly in der Berliner Zeitung. Putin antwortet auf britische Sanktionsdrohungen mit einem Wahlkampfauftritt auf der Krim, notiert politico.eu. Der Grüne Sven Giegold fordert im NDR ein öffentlich-rechtliches Airbus-Projekt. Alle trauern um Stephen Hawking.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.03.2018 finden Sie hier

Wissenschaft

Feierlich hebt der Nachruf im Guardian an: "Stephen Hawking, der hellste Stern am Firmament der Wissenschaft, dessen Einsichten die moderne Astrophysik prägten und ein weltweites Publikum faszinierten, ist im Alter von 76 Jahren gestorben." Hier der Nachruf bei Spiegel online. Hier im FAZ.Net.


Das 40.000 Jahre alte Vogelherdpferd aus Mammutelfenbein im Museum der Universität Tübingen. Bild: Lipták, Uni Tübingen

Arno Widmann unterhält sich in der FR mit dem Archäologen Nicholas J. Conard, der mit seinem Team in vier Höhlen der Schwäbischen Alb die ältesten Musikinstrumente und figürlichen Kunstwerke der Menschheit gefunden hat. Das war zwar vor 40.000 Jahren, aber man hätte sich mit den Menschen damals verständigen können, glaubt Conrad: "Bei den Neandertalern oder gar beim Homo heidelbergensis würde Ihnen das sicher deutlich schwerer fallen. Bei denen gibt es kaum oder auch gar keine Funde, die auf eine symbolische Kommunikation schließen lassen. Also, so vermute ich, hat Sprache keine so wesentliche Rolle gespielt wie beim Homo sapiens. Bei dem gab es von Anfang an Rembrandts, Picassos und Jimi Hendrix'."

Geschichte

Wäre Deutschland ohne 1968 heute ein anderes Land? Nein, meint Heinz Bude im Interview mit dem Tagesspiegel: "Die evolutive Bedeutung von 1968 wird überschätzt. Ich glaube nicht, dass wir ohne Dutschke weniger freie Sitten hätten. Die Sex-Frage war schon vor 1968 gestellt worden, denken Sie an Oswalt Kolle, an Hildegard Knef, den ganzen lakonischen Sex der Flakhelfergeneration. 1968 war auch nicht das Jahr, das die Demokratie befestigt hat. Die Demokratie als Verfahrensdemokratie nach westlich-angelsächsischem Vorbild ist nicht das Werk dieser Generation, da ist Horst Ehmke wichtiger als Rudi Dutschke. Und über 'Unser Auschwitz' hat Martin Walser 1965 im Kursbuch geschrieben. Die Republik würde heute nicht anders aussehen".

Der polnische Antisemitismus ist nicht eine Erfindung böser Kommunisten, erinnert der Historiker Götz Aly die polnischen Politiker, die das neue Geschichtsgesetz (mehr hier) erlassen haben: "Der Gründungsvater der Nationaldemokratischen Partei, der höchst aktive Antisemit Roman Dmowski, auf den sich die heutige Regierung Polens beruft, zollte 1934 Hitlers Politik 'zur Ausmerzung des jüdischen Einflusses' Respekt. Die Zeitung des Bistums Kielce (Gazeta Tygodniowa) hatte 1933 einen ähnlichen Ton angeschlagen: 'Hitler ist der Feind Polens, aber im Kampf gegen die moralische Zersetzung durch die Juden müssen wir ihm recht geben.'"

Ideen

Eine Erosion der Öffentlichkeit qua Digitalisierung fürchtet der  Kultursoziologe Andreas Reckwitz  ("Die Gesellschaft der Singularitäten" ) im Gespräch mit Thorsten Jantschek von Dlf Kultur: "Tatsächlich würde ich sagen, auch was diese Entwicklung der Öffentlichkeiten angeht, besteht natürlich die Gefahr einer Postdemokratie. Zumindest, wenn wir davon ausgehen, dass Demokratie in diesem normativen Sinne, wie das Habermas zum Beispiel in Bezug auf die Öffentlichkeit 'deliberative' Demokratie genannt hat, einen gemeinsamen Kommunikationsraum voraussetzt, in dem dann natürlich auch Dissens artikuliert wird, aber zumindest dieser gemeinsame Kommunikationsraum da sein muss."
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Internet

Kaum etwas ist in den Feuilletons so populär wie die Abwertung der Schwarmintelligenz. Eike Kühl (Zeit online) lernt auf der SXSW-Digitalkonferenz in Austin von dem Entrepreneur Brian Dear, warum das ein Fehler ist. Dear erinnerte in seinem Vortrag an Plato, ein Programm, das Anfang der sechziger Jahre an der Universität von Illinois als computergestützte Lernplattform entwickelt worden war. In den siebziger Jahren begannen Studenten, das Programm nach ihren Bedürfnissen umzuformen - zu einer Plattform für Onlinecommunity: "Schon 1974 waren auf dem Plato-System zahlreiche Funktionen zu finden, die heute zentrale Bestandteile der Onlinekultur sind: Plato enthielt Chatrooms und Instant Messaging (Term-Talk). Es bot Foren wie Plato Notes, dessen Entwickler später übrigens das bis heute erfolgreiche Lotus Notes schuf. ... Es sei ein 'digitales Galapagos' gewesen, das lange Zeit ohne kommerzielle Interessen auskam. Schließlich wurde das Projekt mit öffentlichen Geldern gefördert. Deshalb konnte es von einer Lernplattform zu einer komplexen Onlinecommunity wachsen. Plato war revolutionär - bis es zusammenbrach." Was in dem Moment geschah, als die Rechte an Plato von einer Firma erworben wurden, die gar nicht verstand, was sie da hatte und das ganze Ding an die Wand fuhr.

Medien

Der Grünen-Politiker Sven Giegold hat einen Weg gefunden, weitere, noch nicht existierende Gebührengelder auszugeben und fordert laut Daniel Bouhs im NDR-Medienmagazin "Zapp" einen öffentlich-rechtlichen Europakanal: "'Ich fände es gut, wenn wir eine Art 'Airbus-Projekt' für die europäische Öffentlichkeit hätten, also einen öffentlich-rechtlichen Sender und Internetkanal für eine kritische Europaberichterstattung', sagte der Europaabgeordnete dem NDR-Medienmagazin ZAPP. Für solch eine Plattform könnten Journalisten aus ganz Europa gemeinsam recherchieren. 'Das könnten wir auch mit einem Teil der Rundfunkbeiträge finanzieren.'"

Politik

Die Kriege und Menschenrechtsverletzungen im Kongo werden immer schlimmer.  Dominic Johnson zählt in der taz "13,1 Millionen Hilfsbedürftige. 670.000 Flüchtlinge in Nachbarländern, 4,5 Millionen Binnenflüchtlinge. 7,7 Millionen akut hungernde Menschen". Und er fordert humanitäre Hilfe und mehr Einsatz der UNO: "Wenn Kongo in die Luft fliegt, fliegt halb Afrika mit in die Luft. Mit seinen Rohstoffe könnte das 80-Millionen-Einwohner-Land von der Größe Westeuropas theoretisch Afrika industrialisieren, mit seinen fruchtbaren Agrarflächen den halben Kontinent ernähren. Tatsächlich ist Kongo Rückzugsgebiet für Kriminelle, was Einmischungen der Nachbarländer herausfordert, und ein Tummelplatz für illegale Geschäfte, die woanders nicht mehr gehen. Kongo wird zunehmend wieder zum rechtsfreien Raum im Herzen Afrikas."

Nach dem Mordanschlag auf einen Geheimdienstler hat Theresa May die Russen mit Sanktionen bedroht. Na und, meint David M. Herszenhorn in politico.eu: "Weit entfernt, irgendwelche Sorgen über die Antwort des Westens zu  zeigen, der jetzt schon eine Menge Sanktionen gegen Moskau aufrechterhält, plant Putin einen letzten großen Wahlkampfauftritt - auf der Krim, der Halbinsel, die er 2014 unter Bruch internationalen Rechts annektierte. Könnte die Botschaft, dass er London, Brüssel oder gar Washington nicht fürchtet, klarer sein?"
Stichwörter: Kongo, Russland, May, Theresa

Gesellschaft

Eine Sparkassenkundin, die vor Gericht gegen die Formularansprache "Lieber Kunde..." klagte, wurde vom Bundesgerichtshof abgewiesen. Heide Oestreich schimpft in der taz auf das Urteil: Es "postuliert schlicht, dass ein männlicher Sprachgebrauch keine Geringschätzung gegenüber Frauen ausdrücke. Das ist, gelinde gesagt, erstaunlich. Denn immerhin ist der gesamte deutsche Staat anderer Meinung und empfiehlt, wie auch fast alle gesellschaftlichen Institutionen, offiziell seit Längerem einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch." In der Berliner Zeitung sekundiert Annika Leister: Der BGH halte "fest an einer Zeit, als allein Männer Verträge machten, die Konten führten, die Wirtschaft lenkten. Dieser Pragmatismus geht nicht nur an der Gleichberechtigung vorbei, sondern vor allem: an der Realität."

In einem kleinen taz-Essay über Rassismus, Antirassismus und hysterisierte Debatte spricht Charlotte Wiedemann in der taz auch den wachsenden Rechtsextremismus in Gewerkschaften an: "Die wachsende Zahl von AfDlern unter den Mitgliedern wurde lange beschwiegen. Wie seltsam, dass es auch der IG Metall, mit all ihrer Erfahrung und ihren immer noch guten Gehältern, nicht gelingt, damit umzugehen. Sind die Verhältnisse wirklich zu kompliziert, um Solidarität buchstabieren zu können?"

Außerdem: Die Zeit hat ihre Reportage über rechtsextremistische Anschläge in Berlin-Neukölln online nachgereicht.