9punkt - Die Debattenrundschau

Und scheiterten an Kabelanschlüssen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.12.2017. Die Debatte über das von Lamya Kaddor verfälschte Zitat Necla Keleks tobt auf vor allem auf Facebook: Die Kelek-Gegner Daniel Bax und Hilal Sezgin rücken nicht ab - Bax nennt die "notorische Lügnerin" Kelek in einem Atemzug mit "Elsässer oder Höcke". Der Tagesspiegel resümiert die Diskussionen um die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland, Österreich und Schweiz.  Die SZ fragt endlich mal: Warum spielt in der #MeToo-Debatte die so frauenfeindliche HipHop-Industrie keine Rolle? Bodo Mrozek erläutert in seinem Blog, wie die "Identitäre Bewegung" mit Popsymbolen spielt. Und in SZ online hält der Pater Tobias Zimmermann, Leiter des Berliner Canisius-Kollegs, das Berliner Neutralitätsgesetz für verfassungswidrig.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.12.2017 finden Sie hier

Europa

Die ärmsten Regionen Großbritanniens haben für "Leave" gestimmt. Sie könnten laut einer Studie, die Ginger Hervey and Mark Scott bei politico.eu vorstellen, auch am meisten unter dem Brexit leiden: "Einige der Regionen, die für 'Leave' stimmten hängen mit am stärksten vom Handel mit der EU ab. Besonders schaden könnte dies im Nordosten und in Yorkshire and Humber, wo 62 beziehungsweise 55 Prozent der Exporte in die EU gehen. Wales, wo die Exportrate 67 beträgt, stimmte ebenfalls für Leave." Diego Torres berichtet gleichzeitig in politico.eu, wie Verfechter der Union mit Spanien in Katalonien das ökonomische Argument einsetzen.

Die Rostocker Historikerin Ulrike von Hirschhausen findet in der SZ kaum gelungene Beispiele für Sezessionen in der Geschichte: "Es gibt Ausnahmen, in denen Sezession zur Win-win-Situation führt, zum Beispiel in Tschechien und der Slowakischen Republik. Doch sie lassen sich an einer Hand abzählen. Meist verlieren alle Akteure: Der Zentralstaat wird destabilisiert, die Abtrünnigen können die Unabhängigkeit kaum durchsetzen, mit der Wirtschaft geht es bergab."


Schwerpunkt Diskussion zu Kaddor und Kelek: 

In diesem von Tobias Rapp eröffneten Facebook-Thread haben inzwischen auch die Necla-Kelek-Kritiker Hilal Sezgin und Daniel Bax auf den Vorwurf geantwortet, sie würden Kelek mit einem falschen Zitat beziehungsweise mit einem konstruierten Vorwurf des Rassismus mobben (mehr hier und hier). Beide bleiben dabei. Bax muss Keleks angebliche Intention nun aber umständlich rekonstruieren: "Kelek legt in dem Interview nahe, dass Muslime Sodomie nicht nur tolerieren, sondern für normal halten würden. Und zwar, weil 'das Menschenbild und die Sexualmoral des Islam' den Männern per se unterstelle, dass sie ihre Sexualität nicht kontrollieren könnten." Insgesamt findet Bax die Debatte über eine Autorin, die er offenbar schon als Rechtsextreme erledigt wähnt, aber nervend: "Woher kommt eigentlich dieses plötzlich Bedürfnis, Kelek in Schutz zu nehmen? Eine notorische Lügnerin und Hetzerin? I don't get it. Bei Elsässer oder Höcke würden wir doch auch nicht fragen, wie er diesen einen Satz nun genau gemeint hat. Weil wir den Kontext kennen."

Und Sezgin fragt: "Aber jetzt noch mal nachgefragt an die, die 'uns' falsche zitate vorwerfen: wer von uns (lamya, daniel, mir) hat sie eigentlich zitiert? wir haben paraphrasiert, nein, nicht mal das, wir haben ihren inhalt 'mit eigenen worten' wiedergegeben. da gehört geradezu definitionsgemäß dazu, dass man eigene worte für das gesagte des anderen verwendet, ganz legitim." Auch sie muss aber ihrer rechtschaffenen Empörung Luft machen: "ich würde so gerne wissen in welcher welt tobias lebt, wo man witze über religionen machen kann, ohne dass rassismus involviert ist!" Im Perlentaucher hat "abhs" einen interessanten leserkommentar zu Sezgin und Bax geschrieben.

Zeit-Literaturchef Ijoma Mangold schließt aus diesem Thread bei Facebook: "Dieser Thread war ein einzigartiges Lehrstück. Er sollte an Journalistenschulen zum festen curriculum gehören."

Auch Lamya Kaddor, die Urheberin des Gerüchts, äußert sich auf Facebook: "Auf welch absurde Ideen selbst Intellektuelle bei ihren Versuchen, mich zu diskreditieren, kommen?! Aber hört einfach selbst, ob Necla Kelek über muslimische Männer sagt, sie müssten sich ggf in einem Tier entleeren."
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Medien

Sowohl in Deutschland, als auch in Österreich und der Schweiz stehen die öffentlich-rechtlichen Sender unter Druck, wenn auch nicht immer aus den gleichen Gründen, die Joachim Huber im Tagesspiegel skizziert. Eines aber bleibt immer gleich: "Wenn Parteipolitiker neutralem und objektivem Journalismus das Wort reden, ist Alarm angesagt. Gemeint ist stets, dass die bisherige Berichterstattung die eigenen Positionen nicht ausreichend und fair berücksichtigt hat, nur mit neuer, vulgo: genehmer Besetzung werde die geforderte Balance gesichert."
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Gesellschaft

In der NZZ findet Marc Felix Serrao die Entschuldigungen von Merkel und Steinmeier gegenüber den Angehörigen der Opfer des Berliner Terroranschlags wenig überzeugend: "Niemand hat an diesem Jahrestag persönliche Verantwortung übernommen. Kein Vertreter des Staates hat gesagt: Ich habe Fehler gemacht. Wenn der Bundespräsident von 'den Verantwortlichen der Politik' spricht, dann ist das Kollektiv so groß, dass sich niemand angesprochen fühlen muss. Angela Merkel wird mit ihrer postideologischen Art des Regierens gerne als vernünftiger Gegenpol zu den Kraftmenschen der Politik gesehen. Im Umgang mit den Terroropfern vom Breitscheidplatz hat sich nun gezeigt, dass dieser Stil nicht nur die Kraftmenschen, sondern auch die Schwachen ins Leere laufen lässt."

Keine sehr gute Noten stellt auch Alexander Kissler bei cicero.de den Empathie- und Redefähigkeiten von Bundeskanzlerin Angela Merkel aus: "Auch ein Terrorakt ist eines von so vielen Dingen, mit denen eine Kanzlerin sich beschäftigen muss. Erkennbar ungern tut sie es, wofür nicht zuletzt das Wartejahr spricht, das sie verstreichen ließ, ehe sie sich aufmachte zu einem Treffen, 'das mir sehr wichtig ist'."

Während in Film und Politik reihenweise Männer geoutet werden, die Frauen sexuell belästigt oder missbraucht haben, tut sich in der Musik - nichts. Dabei ist gerade Hiphop eins der frauenfeindlichsten Genres überhaupt. Warum meldet sich hier kaum jemand zu Wort, fragt Jakob Biazza auf SZ online. "Wo in Hollywood zumindest langsam ein sexistisches System immer weiter offengelegt wird, wo man dort Machtstrukturen freigräbt, begafft man im Hip-Hop immer noch kuhäugig vermeintliche Einzelfälle. Nein, eigentlich schlimmer noch: Wo man in Hollywood zumindest angemessen fassungslos vor der institutionalisierten Gewalt von Männern steht und sich fragt, wie es nur so weit kommen konnte, wirkt Missbrauch, wirkt Vergewaltigung im Rap wie - man muss es wohl so zynisch sagen - eine Vollzugsmeldung. Alltagsgeschäft."

Im Gespräch mit dem Guardian wünschte sich die Schauspielerin Jessica Chastain, eine sehr aktive Unterstützerin der #metoo-Bewegung, dass sich der Fokus der Diskussion langsam verschiebt: "I really wish that focus would also be on men. I think there's a lot of focus on women, and I'm so happy that Time magazine's Person of the Year was the #MeToo movement. But when you're talking about statistics, and they say, this percentage of women are sexually harassed or raped, they don't actually put those percentages for men - this percentage of men sexually harass. I think we need to take that focus of victimisation off of the victims and actually look at the problem. Where does it stem from?"

Bodo Mrozek erklärt in seinem Blog, wie die Pop-Fraktion unter den Rechtsextremisten, die "Identitäre Bewegung" mit dem Lambda-Symbol sowohl auf das Blockbuster-Kino (Zack Snyders Film "300") als auch auf antike, bereits von den Nazis mobilisierte Episoden der antiken Schlachten-Geschichte (nämlich die Niederlage der Spartiaten sam Thermopylen-Pass im Jahr 480 vor Christus) zurückgreifen: "Besonders attraktiv ist die altgriechische Episode aber, weil sie im Gewand der bunten Popkultur daherkommt, mit der die Rechten ihre altbackene Ideologie als zeitgemäß und jugendlich ausgeben wollen. So haben die identitären Markenstrategen das Symbol bezeichnenderweise erst aufgegriffen und in ihrem Sinne politisiert, als es im Internet bereits als Meme bei einem Millionenpublikum populär war. Wenn ein für martialisches Gemetzel empfängliches Kinopublikum damit erreicht werden kann, so das Kalkül, warum dann nicht auch mal einen amerikanischen Blockbuster zum Vorbild nehmen?"

Frieden hat der NSU-Prozess den Angehörigen der Ermordeten nicht gebracht, notiert bedrückt Gisela Friedrich in der Welt. Sie können sich vor allem nicht vorstellen, dass nur vier Täter verantwortlich sein sollen. Damit stehen sie nicht allein, auch die Ermittler finden das schwer zu glauben, schreibt Friedrichsen. "Sie konnten es sich auch nicht vorstellen, dass hinter den unterschiedlichen Verbrechen ein und dieselben Terroristen stecken sollten. Schüsse auf einen Blumenhändler. Eine explodierende Keksdose. Ein Nagelbombenattentat. Morde in Nord und Süd, mal in diesem Bundesland, mal in jenem. Ein Gemüsehändler, ein Kioskbetreiber, ein Helfer im Dönerimbiss, ein Änderungsschneider. Eine erschossene Polizistin. Oder galten die Kugeln ihrem Kollegen, der nur durch ein Wunder am Leben blieb? Die Opfer hatten nichts miteinander und nichts mit den Mördern zu tun. Kein Bekennerschreiben, keine 'Handschrift' der Täter." Und Beate Zschäpe schweigt nach wie vor.
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Kulturpolitik

Gianna Niewel schildert auf einer Seite 3 in der SZ die Schwierigkeiten der Kölner mit Renovierung von Oper und Theater. Einziger Trost - sie sind nicht allein: "Als Nächstes redete einer über die Stimmung im Land. Die Berliner bauten am Flughafen BER. Und bauten. Und bauten. In Stuttgart mussten sie einsehen, dass 3,1 Milliarden Euro für den Bahnhof nicht reichen würden. Die Deutschen versuchten sich an Großprojekten und scheiterten an Kabelanschlüssen. Die Kölner würden nicht wollen, dass irgendwann auf ihre Kabelanschlüsse geschaut wird."
Stichwörter: Köln

Religion

Pater Tobias Zimmermann, Leiter des Berliner Canisius-Kollegs in Berlin, erklärt im Interview mit SZ online (in dem nicht einmal das Wort "Mädchen" fällt), warum er eine muslimische Lehrerin mit Kopftuch für den Matheunterricht einstellte: "Schule ist für mich auch Versuchslabor. Hier haben wir die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Und wenn die Gesellschaft wie hier in Berlin von unterschiedlichen Weltanschauungen geprägt ist, muss sich das in der Lehrerschaft wiederspiegeln." Das Berliner Neutralitätsgesetz, das staatlichen Schulen strikte Neutralität verordnet, hält er für verfassungswidrig: "Religion und Staat komplett zu trennen, das ist französischer Laizismus - und der funktioniert nicht, weil er für den öffentlichen Raum eine Säkularität propagiert, die selbst eine Weltanschauung ist."
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Ideen

Wo man hinguckt, überall Retro. Und besonders pflegen die Jungen ihren inneren Nostalgiker, meint Simona Pfister in der NZZ. Leider meinen sie es nicht wirklich ernst damit: "Man konsumiert eifrig teure Retro-Produkte aus dem Supermarkt und will damit stolz an eine Zeit erinnern, als man noch nicht in Massen in Supermärkten konsumierte. Mit Phrasen ruft man nach Qualitäten, sagt aber gleichzeitig, es gehe nicht, sie durchzusetzen; man kritisiert die Welt, sagt aber gleichzeitig, die Umstände müssten halt so sein; man fordert Handeln, sagt aber gleichzeitig, jedes konkrete Engagement sei lächerlich. Mit dieser Art von Nostalgie mögen sich die Einzelnen vielleicht stabiler fühlen, vor allem aber wollen sie sich von der Verantwortung befreien, für irgendetwas konkret einzustehen und danach zu handeln. Folge: keine. Nichts hält stand, nichts wird durchgesetzt, nichts ändert sich."

Und übrigens: "Ta-Nehisi Coates löscht sein Twitter-Konto nach Streit mit Cornel West", meldet die New York Times über einen Streit der prominenten schwarzen Intellektuellen. Die beiden hatten sich auf Twitter gestritten, nachdem Cornel West Coates im Guardian als das "neoliberale Gesicht des schwarzen Freiheitskampfes" bezeichnet hatte.
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Internet

Markus Reuter hofft in Netzpolitik, dass die Kartellämter die marktbeherrschende Stellung von Facebook begrenzen - vor allem wegen der Daten, die der Konzern nicht nur auf seiner Seite, sondern im ganzen Netz abgreifen, weil ihm die Nutzer mit der Facebook-Anmeldung dafür die Vollmacht erteilen: "Dieser Datenfluss ist so dermaßen unüberschaubar, dass das Kartellamt der Ansicht ist, dass die Nutzer hier beim Erstellen eines Accounts keine wirksame Einwilligung gegeben haben können. Sie sehen darin eine Verletzung des europäischen Datenschutzes. Die 'Generalvollmacht' ist also ungültig. Dabei ist das noch nicht alles: Die Kartellwächter haben bislang nicht einmal die Daten berücksichtigt, die Facebook auf seiner eigenen Plattform sammelt. Jede Vorliebe, jedes Teilen, jeder Like fließen in die Schattenprofile ein, welche die Werbeindustrie nutzen kann."
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