9punkt - Die Debattenrundschau

Sintemal das Gebot muss erfüllt sein

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.10.2017. Spiegel online und politico.eu kritisieren den vorhersehbaren Clinch zwischen katalanischen Separatisten und Zentralregierung in Spanien. Der größte verbleibende Revolutionär in der arabischen Welt ist ein Mann von 91 Jahren, schreibt Kamel Daoud in der New York Times mit Blick auf den tunesischen Präsidenten Essebsi und sein Engagement für Frauenrechte. FAZ-Kolumnist Bülent Mumay geht der Hut hoch angesichts von Imamen, die Frauen in der Türkei verbieten wollen, in Hosen zu gehen. Und der neuerdings fromme Mark Zuckerberg entschuldigt sich, dass er die amerikanischen Wahlen vermasselt hat.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.10.2017 finden Sie hier

Europa

Claus Hecking schildert die Geschehnisse um das katalanische Referendum bei Spiegel online als vorhersehbaren Clinch. Die Mehrheit für das Ja, die jetzt prompt zustande kam, sei durch die Organisation der Sezessionisten vorprogrammiert. Aber auch die Zentralregierung habe die Eskalation vorangetrieben: "Der massive Einsatz von Polizeigewalt, das Traktieren von Wehrlosen mit Schlagstöcken, die Gummigeschosse - das war nicht nur überzogen. Es war unnötig. Denn keine halbwegs vernünftige Regierung in Europa hätte dieses Referendum anerkannt. Es war nicht nur verfassungswidrig, sondern verletzte auch diverse Prinzipien einer freien, geheimen, demokratischen Wahl."

Auch Diego Torres sieht die Ereignisse bei politico.eu als "PR-Sieg der Separatisten".

Entsetzt kommt der Observer-Kolumnist Nick Cohen vom Labour-Parteitag in Brighton zurück, wo der große Vorsitzende Jeremy Corbyn gefeiert und das Thema Brexit vermieden wurde: "Corbyn möchte die EU-Debatte nicht wieder eröffnen, weil er glaubt, dass der Brexit ihm erlaubt, sein Programm des Sozialismus in einem Land zu verwirklichen. (Es gibt keine Beschränkungen für  Staatsausgaben sagte er letzte Woche, als ob der Verlust des Gemeinsamen Marktes und die Kapitalflucht nicht Einschnitte förmlich erzwingen). Um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen, blockierte seine 'Momentum'-Bewegung jede Debatte über die EU."

Religion

In seiner FAZ-Kolumne schreibt Bülent Mumay über das deutsche Wahlergebnis, die Barzani-Krise, krude AKP-Warnungen vor westlicher Zahnpasta, die Muslime angeblich betäuben solle und eine Ermahnung des Theologen Ihsan Şenocak, Damenhosen zu verbieten: "'Zerspringt dir nicht das Herz, wenn deine Tochter in Hosen zur Schule geht? Du freust dich, wenn deine Tochter die Zulassungsprüfung für die Universität besteht. Sie soll Ärztin oder Ingenieurin werden. Da geht dann deine Tochter in Hosen unter den Blicken der Männer, junge Männer laufen ihr hinterher. So führst du deine Tochter in die Hölle!' Fanatiker, die schweigen, wenn kleine Kinder in Heimen einer religiösen Sekte vergewaltigt werden, wenn Kinder bei lebendigem Leib verbrennen, weil bei einem Korankurs Feuer ausbricht, erklären es nun zur Höllenschuld, Hosen zu tragen. Und unser Staat schaut schweigend zu."

"Freiheit: Das war für Luther die Freiheit von der Depression", die ihn befallen hatte, als er gegen den Willen seiner Eltern das Gelübde ablegte, erklärt der Philosoph Christoph Türcke in der NZZ. "Er konnte sie gar nicht darstellen, ohne sich selber darzustellen. Warum teilt er 'die ganze heilige Schrift' so holzschnitthaft 'in zweierlei Worte', nämlich in 'Gebote oder Gesetze Gottes und Verheißungen oder Zusagungen'? Und warum wird 'der Mensch' erst einmal durch die Gesetze 'recht gedemütigt und zunichte' gemacht, 'sintemal das Gebot muss erfüllt sein oder er muss verdammt sein', ehe 'das andere Wort, die göttliche Verheißung und Zusagung' ihn aus dem Sumpf der Verzweiflung zieht? Weil Luther es so erlebt hat. 'Der Mensch': Das ist er. Ecce homo. In seine Fußstapfen muss treten, wer Rettung will. Jeder muss erst einmal völlig am Ende sein, ehe ihm der Glaube zuteilwird."

Auch der Theologe Jan-Heiner Tück denkt in der NZZ über den Freiheitsbegriff Luthers nach: "Eine Freiheit, die sich von theologischen Vorgaben emanzipiert und das Projekt der Selbstverwirklichung ohne Gott in Angriff nimmt, ist seine Sache nicht. Wenn überhaupt, ist Luther darin modern, dass er auf die fragilen Konstitutionsbedingungen menschlicher Freiheit verweist."

Kulturpolitik

Die Documenta schließt bekanntlich mit einem erheblichen Defizit  von 5,4 Millionen Euro ab. Im Gespräch mit FAZ-Redakteur Kolja Reichert versichert die Geschäftsführerin Annette Kulenkampff: "Es gibt Dinge, die sollen noch mal geprüft werden. Es wird nichts geben, wo irgendjemand irgendwas nicht korrekt gemacht hätte. Es kann immer sein, dass wir irgendwo einen Fehler gemacht haben. Aber dass jemand Geld ausgegeben hätte und nicht mehr wüsste für was und wie, das wird es nicht geben."
Anzeige
Stichwörter: Documenta 14

Politik

Der größte verbleibende Revolutionär des arabischen Frühlings ist ein sehr alter und politisch umstrittener Mann, schreibt der algerische Autor Kamel Daoud in der New York Times. Er meint den tunesischen Präsidenten Béji Caïd Essebsi, der mit 91 Jahren zwei große Tabus angeht: Er will durchsetzen, dass Frauen bei Erbschaften nicht mehr nur die Hälfte des männlichen Erbes bekommen und dass Frauen Nicht-Muslime heiraten dürfen- religiöse Autoritäten haben ihn bereits als Apostaten beschimpft: "Die Verfassungen in Tunesien, Algerien und anderen Ländern mögen dem Wortlaut nach Gewissens- und Religionsfreiheit feiern, aber in Algerien, um nur ein Beispiel zu nennen, unterliegt die Entscheidung einer Frau, einen Nicht-Muslim zu heiraten extrem abschreckenden Einschränkungen. Ihr ausländischer Ehemann muss vor Zeugen zum Islam konvertieren und eine Bescheinigung vorlegen. Im umgekehrten Fall - wenn ein muslimischer Mann eine nicht muslimische Frau heiratet - wird von der glücklichen Dame gar nichts verlangt."

Ideen

Krawalldemos, Besetzungen, Steine werfen - alles Unsinn. Echte Umbrücke beginnen nicht mit Gewalt, sondern mit neuen Technologien, die dem alten System irgendwann "einfach den Stecker ziehen, meint der Jurist Milosz Matuschek in der NZZ: "Ebendiese Revolution des Denken könnte mithilfe der Blockchain-Technologie gerade erst begonnen haben. Diese bietet eine dezentrale, fast fälschungssichere, transparente und (im Idealfall) autoritätsfreie virtuelle Infrastruktur mit zahlreichen Anwendungsgebieten, von alternativen Währungs- und Zahlungssystemen über smarte Verträge, Buchführung, Dokumentation und Prognostik bis hin zu E-Voting oder Charity. Der Aufbau neuer Strukturen erfolgt dabei auf eher leisen Sohlen: Schon der Urtext der Kryptobewegung, das Paper des Bitcoin-Gründers Satoshi Nakamoto, rief nicht à la Marx dazu auf, dass sich alle Proletarier dieser Welt vereinigen sollten. Die Vereinigung der Kräfte ist bereits dezentral als stille Teilhabe an einer technisch überlegenen Neuerung integriert."

Multikulti ist nichts, was man diskutieren kann, es ist einfach eine Tatsache, meint Arno Widmann in der Berliner Zeitung: "Wir kennen die Alternative zu Multikulti: Massenmord. Multikulti und Integration widersprechen einander. Aber sie gehören zusammen. Das ist mit vielem so. Männer und Frauen zum Beispiel. Alt und Jung. Die Möglichkeit, kulturelle Traditionen zu pflegen, heißt nicht, dass jede von ihnen auch bei uns gepflegt werden darf. ... Jede Gesellschaft besteht aus Parallelgesellschaften. Die Aufgabe der Politik ist nicht, sie abzuschaffen. Das geht nicht. Die Politik muss den Einzelnen die Möglichkeit schaffen, aus der einen in andere Nischen zu kommen. Multikulti ist das eine - die freie Entfaltung des Einzelnen ist das andere. Beides ist erforderlich."

"Die Türkei meiner Kindheit war ein Land des Anstands", schreibt Zafer Senocak in der Welt. Und jetzt? Lauter Neureiche und Parias, die das sagen haben. Doch die "feinen Türken" haben es nun mal verpasst, zwischen Tradition und Moderne zu vermitteln, klagt er. "Sie hätten ein vorbildhaftes Beispiel der hybriden Identität sein können, die bestens in unser 21. Jahrhundert passt. Eine komplexe Form der Identität, an die wir uns gewöhnen müssen, wenn wir nicht immer neue Bürgerkriege basierend auf identitärem Wahn erleben wollen. In der Türkei gibt es eben auch diesen muslimischen Bürger, dem sein Glaube Privatsache ist und der in einer freien Gesellschaft leben möchte. Und genau hier beginnt sowohl das türkische als auch das europäische Versagen. Viel zu viel Zeit verlor die türkische Elite mit der Pflege eines kruden Nationalismus. Unter dessen panzerfester Schale versteckte sie fast verschämt jene kulturelle Vielfalt, die ihr innewohnt."

Internet

Mark Zuckerberg nutzte den jüdischen Feiertag Jom Kippur, um Abbitte zu leisten,  dass Facebook während des amerikanischen Wahlkampfs gespalten habe, berichtet neben vielen anderen Josh Constine bei Techcrunch: "Zuckerberg musste jüngst harsche Kritik von Liberalen einstecken, weil Facebook Fake News und russische Einflussnahme nicht stoppen konnte, während Facebook selbst vom Präsidenten 'anti-Trump' genannt wurde. Das Statement traf auf gemischte Reaktionen, und einige merken an, dass sich Zuckerberg bis Ende 2016 als Atheisten bezeichnete, während er jetzt den jüdischen Glauben betont, in dem er aufgewachsen ist." Die markierte Frömmigkeit wird als Zeichen bewertet, dass Zuckerberg als Präsident kandidieren will.

Gestern trat das "Netzwerkdurchsetzungsgesetz" (NetzDG) in Kraft, das nach einiger Kritik zwar entschärft wurde, aber immer noch umstritten ist, schreibt Markus Reuter bei netzpolitik.org: "Noch ist nicht abzusehen, wie stark die befürchteten Auswirkungen des Gesetzes auf die Meinungsfreiheit sein werden. Das NetzDG hat keinen Mechanismus verankert, mit dem sich von fälschlichen Löschungen betroffene Personen effektiv wehren können. Deshalb ist es umso wichtiger, Löschungen beispielsweise auf onlinecensorship.org zu dokumentieren. Auch der Deutsche Journalistenverband ruft Medien und Journalisten auf, Löschungen ihrer Postings zu speichern."

Außerdem: Im Wirtschaftsteil berichtet die FAZ, dass Google den Zeitungen helfen will, Geld für ihre Artikel bei den Lesern lockerzumachen, indem der Registrierungsprozess auf einen Klick reduziert wird - Google kenne ja alle Daten der Nutzer schon. Und die Zeitungen sind von Googles Gnaden.