9punkt - Die Debattenrundschau

Unter Ausschluss der Welt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.05.2017. "Ich bin nicht pessimistisch", sagt Orhan Pamuk in der SZ über die Lage in der Türkei und beschreibt, wie er selbst die Zensur als motivierende Widrigkeit wahrnimmt. Museen sollten ihre Bilddateien möglichst gemeinfrei ins Internet stellen, meint Kathrin Passig bei irights.info. In der FAZ schlägt der Historiker Caspar Hirschi die Warnungen vor Automatisierung in den Wind. Und in der FR kritisiert Thea Dorn pünktlich zum Kirchentag Martin Luthers unfrohe Botschaft.

Politik

Aus Asien kommen nicht nur deprimierende Meldungen!

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Stichwörter: Taiwan

Urheberrecht

Museen sollten Bilddateien ihrer Bestände möglichst gemeinfrei und in guter Qualität ins Netz stellen - sonst verhindern sie die Auseinandersetzung mit den Werken, meint Kathrin Passig bei irights.info. Einen der schwerwiegendsten Gründe gegen restriktive Handhabung der Rechte nennt sie auch: "Bei einer Tagung in der Schweiz berichtete mir ein deutscher Kunsthistoriker vor ein paar Jahren, dass er seine Forschungsschwerpunkte um hundert Jahre nach hinten verschoben hat - aus Urheberrechtsgründen. Man kommt einfach viel leichter an das Material heran und kann besser damit arbeiten. Ein Bericht der College Art Association, einem Verband von US-Kunsthistorikern, zeigt, dass das kein Einzelfall ist. Im Sinne der Institutionen kann es aber nicht sein, wenn Leute nicht mit ihrem Material arbeiten, sondern sich halt ein anderes Thema suchen."
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Europa

"Ich bin nicht pessimistisch", versichert Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk gleich mehrfach trotzig im Gespräch mit Thomas Steinfeld (SZ) über die politische Lage in der Türkei. So gewinnt er sogar dem Umstand, dass mittlerweile zwölf der vierzehn großen Tageszeitungen strikt regierungstreu berichten, etwas Positives ab: "Man weiß nicht mehr, was geschieht, zum Beispiel im Krieg in Syrien. Man versucht dann, sich Nachrichten über das Internet oder über internationale Quellen zu besorgen. Deswegen sind auch die Zugänge zu diesen gelegentlich gesperrt. Doch nicht alles, was schlecht ist, hat ausschließlich schlechte Folgen. Weil es in der Türkei keine wirklichen Nachrichten mehr gibt, steigen die Buchverkäufe. Das sagen die Verleger."
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Ideen

Der Schweizer Historiker Caspar Hirschi kann die Warnungen vor den Folgen der digitalen Revolution nicht mehr hören. Bald werden Roboter unsere Arbeit machen und wir deprimiert und arbeitslos zu Hause sitzen? Also bitte! "Die Rede von der vollautomatisierten Zukunft lenkt von Fehlern in der deindustrialisierten Vergangenheit ab", schreibt Hirschi in der FAZ. "Sie präsentiert die strukturelle Arbeitslosigkeit in ehemaligen Industrieregionen als Vorgeschmack auf eine unabwendbare Verlierergesellschaft, anstatt sie als Ergebnis einer verfehlten Wettbewerbs-, Handels- und Bildungspolitik zu kritisieren. Ist von Automatisierung die Rede, zeigt man gerne Fotografien von Fertigungshallen in westlichen Ländern, auf denen zahlreiche Roboter, aber kaum Angestellte zu sehen sind. Auf keinen Fall aber bringt man Bilder aus Fabriken in China oder Bangladesch, wo Millionen Menschen in überfüllten Räumen Produkte für den globalen Markt herstellen. Im Automatisierungsdiskurs sehen wir den Westen unter Ausschluss der Welt."
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Kulturmarkt

Die Ebook-Dienstleister und Verleger Hans und Nina Kreutzfeldt weigern sich im Gespräch mit Daniel Lenz von buchreport.de, von einem Niedergang des Ebooks zu sprechen. Hans Kreutzfeldt macht nebenbei darauf aufmerksam, dass das Wissen nicht immer mehr die Form des Buchs annimmt: "Das Medium E-Book hat sich schon seit Längerem weiter ausgefächert. Nicht jeder digital verfügbare Buchinhalt heißt heute noch E-Book - auch viele Apps, Fachdatenbanken und digitale Lernmedien sind ausgehend vom gedruckten Buch entstanden und entwickeln sich ebenfalls fortwährend weiter. Sie alle tragen nicht - mehr - den Namen E-Book, entstammen aber derselben Familie."
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Stichwörter: Ebooks

Internet

Wie mächtig sind eigentlich Algorithmen? Einerseits will die Datenfirma Cambridge Analytica mit subtil zugeschnittenen Nutzerprofilen unbemerkt die US-Präsidentschaftswahl entschieden haben, andererseits wird jeder Internetnutzer täglich Zeuge von absurden personalisierten Werbeanzeigen. Im Tages-Anzeiger denkt Christoph Fellmann über diesen Widerspruch nach: "Das wirft die Frage auf, was uns mehr beunruhigen sollte: dass uns die Datenkonzerne, wie oft behauptet wird, schon sehr viel besser kennen, als uns das geheuer sein kann? Oder doch, wie falsch unsere Profile sind, als die wir im Netz gehandelt werden? Immerhin sind unsere Onlinedaten ja das, was von uns zugänglich ist für die überwiegende Mehrheit der Menschen und Geschäftemacher da draußen. Und: Was ist, wenn wir mit unseren Daten nicht übereinstimmen? Sind wir dann noch wir selbst, oder sind wir dann unser Profil? Die Frage ist weniger abwegig, als sie klingt. Denn das, was die Daten aus uns machen, bestimmt zunehmend unser Leben."
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Stichwörter: Algorithmen

Religion

Dass Martin Luther allenthalben als erbaulicher Tröster, als Befreier und Ermächtiger gefeiert wird, geht der Schriftstellerin Thea Dorn gehörig auf die Nerven, wie sie im Gespräch mit Joachim Frank in der FR bekennt: "Schon vor unserer Geburt hat Gott entschieden, ob wir zur Schar der Erlösten oder zur Masse der Verdammten gehören. Ohne irgendeinen einsichtigen Grund sagt Gott zu dem einen Menschen: Dich liebe ich, zu einem anderen: Dich hasse ich. Eine beängstigendere, unfrohere Botschaft kann es doch gar nicht geben, oder? Auf jeden Fall ist es eine Kriegserklärung an den Humanismus."
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