9punkt - Die Debattenrundschau

Diese erbärmliche Rauferei

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.05.2017. Le Monde erkundet, woher Marine Le Pen die Energie für ihren Tiefschlag gegen Emmanuel Macron holte: Die Behauptung von Marcrons angeblichem Konto auf den Bahamas zirkulierte zuerst in rechtsextremen amerikanischen Twitterkonten, dann im Umkreis russischer Medien. Slavoj Zizek schließt sich im Independent den linken Defätisten an, die sich trotz allem nicht für Macron aussprechen wollen. Im Freitag fordert der Germanist Christoph May mehr Männerforschung. Und die taz hat Post von Deniz Yücel erhalten.

Europa

Schwerpunkt französische Wahlen

Nach der Fernsehdebatte Le Pen-Macron haben viele französische Medien von einer "Schlammschlacht" gesprochen. Laurent Joffrin, Chefredakteur von Libération, wehrt sich gegen solche Begriffe: "Macron ist Opfer eines Orkans von Beleidigungen, angeblicher Schuldiger für alle Übel dieser Welt und wird von einer Kandidatin, die in dieser Debatte alle Lügenrekorde gebrochen hat, permanent unter der Gürtellinie angegriffen. Und am nächsten Tag muss er sich von den Zeitungen sagen lassen, er habe bei einer unwürdigen Debatte ohne jeden Höhenflug, an einem kathodischen Höllenfeuer mitgemacht, das die Ehre der Republik schände. Der uninformierte Leser muss daraus schließen, er sei für diese erbärmliche Rauferei mit verantwortlich."

(Via taz) Slavoj Zizek reiht sich im Independent in die Phalanx der linken Defätisten ein, die sich weigern, sich für Emmanuel Macron auszusprechen: "Sollen wir die Frage nicht mehr stellen dürfen? Ja, Macron ist Proeuropäer - aber welche Art Europa verkörpert er? Genau das Europa, dessen Scheitern Le Pens Populismus nährt, das anonyme Europa im Dienste des Neolibealismus. Das ist die Krux der Affäre: Ja, Le Pen ist eine Bedrohung, aber wenn wir Macron all unsere Unterstützung geben - geraten wir dann nicht in einen Zirkel und bekämpfen den Effekt, indem wir die Ursache unterstützten?"

Morgane Tual zeichnet in einem Blog bei Le Monde nochmal nach, wie es zum Tiefpunkt der Debatte zwischen Marine Le Pen und Emmanuel Macron kam, als Le Pen - in eine Frage verkleidet - unterstellte, dass Macron ein heimliches Konto auf den Bahamas habe. "Einige Stunden zuvor hatte ein anonymer Surfer in der Sektion 'pol' des Internetforums 4chan, Treffpunkt der Suprematisten und rechtsextremer Amerikaner, zwei Dokumente gepostet, die nach seinen Angaben Emmanuel Macron überführen. 'Wenn wir erreichen, dass #MacronCacheCash in Frankreich in der Fernsehdebatte vorkommt, könnte das die Wähler abhalten, für Macron zu stimmen."

Macron hat wegen der Verleumdung Klage gegen unbekannt erstattet, berichtet Le Point mit AFP. "Das Macron-Team hat schnell auf die Verbreitung dieser 'Fake News' reagiert und betont, dass der 4chan-Artikel... in den sozialen Netzen verbreitet worden sei, vor allem auf Twitter, verstärkt zunächst durch Unterstützerkreise um Donald Trump, bevor er sich in Konten im Umkreis von Sputnik und Russia today wiederfand, sagt die Macron-Bewegung En marche."

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Populistische Versuchungen bei der SPD? Sigmar Gabriel hat neulich behauptet, dass "Sozialdemokraten wie Juden die ersten Opfer des Holocaustes" waren (mehr hier und unsere Resümees), ein Satz, von dem sich dann nicht er selbst, sonden nur sein Amt per Twitter distanzierte. Gabriel sorgte dann für Ärger in Israel, weil er regierungskritische NGOs besuchte, woraufhin Benjamin Netanjahu seinen Gesprächstermin absagte. Gabriel legt nun einen Tag vor dem Israel-Besuch von Bundespräsident Steinmeier noch mal nach, berichtet Spiegel online: "'Unter Demokraten muss es möglich sein, sich auch mit regierungskritischen Organisationen zu treffen', sagte Gabriel der Bild-Zeitung. Er würde wieder genauso handeln. 'Unter Demokraten stellt man sich keine Ultimaten.'"

Es hat einen Grund, dass selbst die israelische Opposition sich nicht für Sigmar Gabriel stark machte. Die von Gabriel besuchten regierungskritischen Organisationen sind nach einigen Recherchen israelischer Medien in der Öffentlichkeit einigermaßen gerupft, berichtet Ralf Balke in der Jüdischen Allgemeinen. Das gilt etwa für die NGO "Breaking the Silence", die Kriegsverbrechen der israelischen Armee aufklären will: "So verfügt die Organisation nach eigenen Angaben über 60 Augenzeugenberichte zu israelischen Gräueltaten aus dem Gaza-Krieg im Sommer 2014. Angesichts der mehr als 30.000 während der Militäroperation eingesetzten Soldaten klingt schon das bereits marginal. Und Raviv Drucker, ein investigativer TV-Journalist, der alles andere als ein Freund Netanjahus ist, hat zehn davon näher unter die Lupe genommen. Am Ende ließen sich gerade einmal zwei bestätigen."

Weiteres: In der NZZ stellt Marc Zitzmann die Kaderschmiede der französischen Elite vor, die ENA. In der SZ geißelt der britische Dichter Jeremy Adler den "Brexit-Wahn" seiner Landsleute.
Archiv: Europa

Gesellschaft

Wenn wir wirklich Gleichberechtigung der Geschlechter wollen, dann brauchen wir mehr Männerforschung, meint im Interview mit dem Freitag der Germanist Christoph May, der selbst Workshops für Männer zum Thema "Feindbild Frau" anbietet: "Ich komme aus der Berliner Graffiti-Szene, die hypermaskulin ist. Da hatte ich viel mit Gewalt und Autoritäten zu tun. Rückwirkend hat mich dann interessiert, warum ich so begeistert davon war. Und wieso keine Frauen dabei waren. Im Studium war ich dann in der Popliteratur zu Hause und irgendwann fiel mir auf: Ich lese ja nur Männer. Zusätzlich bin ich dann noch in eine persönliche Krise geraten."

Dass die Frauenfrage nach Jahrhunderten Diskussion auch nicht viel weiter ist, kann man dem Interview von Zeit online mit der "Differenzfeministin" Antje Schrupp entnehmen: "Wir als Gesellschaft müssen uns das ins Hausaufgabenheft schreiben: Wie wollen wir in Zukunft Familie, Geschlechterverhältnisse, Betreuung und Erwerbsarbeit organisieren, und welche politischen Maßnahmen wären dafür notwendig? Dieser Prozess wird nicht diskutiert, stattdessen macht jeder Lobbyarbeit für seine eigenen Interessen."

Weiteres: Auf Zeit online spricht sich Azade Pesmen strikt gegen die Homoehe aus, die eh nur ein Anliegen weißer Homosexueller aus der Mittelschicht sei.
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Kulturpolitik

Gabi Dolff-Bonekämper, Professorin für Denkmalpflege an der TU Berlin, plädiert in der FAZ gegen die "Einheitswippe" vor der Berliner Schlossattrappe: "Eine Denkmalanlage als Ort für spielerischen Freizeitspaß: vielleicht ein bisschen zu locker und albern für ein deutsches Freiheits- und Einheitsdenkmal, aber, als programmatischer Pathosverzicht verstanden, beinahe schon wieder sympathisch - wäre da nicht diese überdimensionierte Schrift: WIR SIND DAS VOLK. WIR SIND EIN VOLK.  (...) Wer ruft da? Und wer bleibt stumm? Wer will heute 'das Volk' oder gar 'ein Volk' sein, und wer wird sich als nicht zugehörig empfinden?"
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Ideen

2005 machte der britische Soziologe Colin Crouch noch die Globalisierung dafür verantwortlich, dass wir schnurstracks in die "Postdemokratie" steuern. Heute, wo sich die Rechte die Antiglobalisierungsrhetorik zu eigen gemacht hat, rudert er zurück. Jetzt brauchen wir nicht weniger, sondern mehr Globalisierung, erklärt er im Interview mit der Welt: "In der transnationalen Demokratie spielen globale politische Institutionen wie etwa die Welthandelsorganisation, die Weltbank, der Internationale Währungsfonds und auch die Europäische Union eine größere Rolle als bislang und besitzen mehr Macht. Heute kümmern sie sich fast ausschließlich um die Stärkung und Verteidigung freier Märkte. In Zukunft muss es um viel mehr gehen. Globale Institutionen müssen auch für Sozialpolitik und Umverteilung verantwortlich sein."
Archiv: Ideen

Medien

Die taz hat Post von Deniz Yücel erhalten, der nun seit über achtzig Tagen inhaftiert ist: "Sie haben über 150 Journalisten und Tausende andere mit absonderlichen Vorwürfen belegt und verhaftet. Aber sie haben uns eigentlich nicht verhaftet. Sie haben uns als Geiseln genommen. Ihr Ziel war, über uns die Gesellschaft einzuschüchtern. Doch in den letzten Wochen haben wir gesehen: Es ist ihnen nicht gelungen." Ebenfalls in der taz attackiert René Martens den ARD-Chefredakteur Rainald Becker, der eine Solidaritätsaktion der Sender für Deniz Yücel zum "Tage der Pressefreiheit" verhinderte.
Archiv: Medien