Efeu - Die Kulturrundschau

Der sonderbare Traum der Postmoderne

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05.05.2017. Auf epd-Film feiert Georg Seeßlen die rätselhafte Großartigkeit von David Lynchs "Twin Peaks". Die taz begegnet dem Posthumanen in der Musik von Jiin. Form wird formelhaft, stöhnen die Theaterkritiker nach Robert Wilsons "Der Sandmann" bei den Ruhrfestspielen. Nicht einmal der Sport ist sicher vor der Mystifizierung des literarischen Schreibens, stöhnt Tijan Sila auf ZeitOnline. Und alle nehmen Abschied vom Künstler A.R. Penck.

Bühne


Christian Friedel als Nathanael in Robert Wilsons "Der Sandmann" (Foto: Lucie Jansch)

Die Ruhrfestspiele Recklinghausen haben mit der Weltpremiere von Robert Wilsons "Der Sandmann" nach E.T.A. Hoffmann eröffnet, einem Stoff, der wie geschaffen scheint für Wilsons magisch-mechanische Bühnenmaschinistik. Aber diese Nähe birgt auch die Gefahr der Wiederholung, meint Andreas Wilink in der Nachtkritik: "Form wird formelhaft. Konfektionsware aus der Musterkollektion. Das Esperanto-ABC der Zeichen repräsentiert bei Wilson die Emotion, Gefühl hebt sich auf in der Geometrie. Die affektive Kälte seines asiatisch rituellen Theaters kann sich, hier jedenfalls, nicht zu erhöhter Temperatur erhitzen. Es bleibt Manier." Hubert Spiegel schreibt in der FAZ zwar wohlwollender, doch auch für ihn wurde an diesem Abend überwiegend "Bekanntes variiert, zum Teil in Vollendung und höchster Konzentration, mitunter beiläufig und manchmal auch schlicht albern". Maßlos enttäuscht zeigt sich hingegen Martin Krumbholz in der SZ: Wilson "erstickt eine zauberhafte Erzählung in Kitsch und Klamauk".

Weiteres: In der taz berichtet Jens Fiuscher, wie sich die Landesbühne Niedersachsen Nord unter ihrem Intendanten Olaf Strieb entwickelt hat. Besprochen werden Stefanie Sargnagels "Ja, eh!" im Wiener Rabenhof (FAZ) und und die Uraufführung von Annette Schlünz' Monteverdi-Oper "Tre Volti" bei den Schwetzinger Festspielen (NZZ).
Archiv: Bühne

Film

Kurz vor dem Auftakt von David Lynchs neuer, dritter "Twin Peaks"-Staffel, ruft uns Georg Seeßlen im großen Essay auf epdFilm die ersten beiden Staffeln ins Gedächtnis - und warum diese damals in den frühen Neunzigern so rätselhaft großartig waren: "Zur Wirkung der Serie gehört es, dass jede Folge einen Tag an Erzählzeit umfasst. Es gibt Dinge, die in der Handlung weiterlaufen, und andere, die sich gleichsam nur für diesen einen Tag ereignen. Es ist der sonderbare Traum der Postmoderne: Alle Medien der Erzählung, das Subjekt, der Raum und die Zeit, werden selber zum Thema."

Weiteres: Beim goEast-Festival in Wiesbaden befasste sich ein historischer Schwerpunkt mit Filmemacherinnen aus Osteuropa, berichtet Fabian Tietke in der taz: Dabei entfaltete sich "nicht weniger als einer Alternativgeschichte des osteuropäischen Films." Die dabei gezeigten Filme der ungarischen Regisseurin Márta Mészáros werden übrigens am 13. Mai im Berliner Kino Arsenal wiederholt. Im Standard berichtet Dominik Kamalzadeh von einer Konferenz, bei der über den künftigen, digitalen Distributionsmarkt audiovisueller Medien debattiert wurde. Im Tagesspiegel empfiehlt Esther Buss eine dem argentinischen Regisseur Matías Piñeiro gewidmete Werkschau in Berlin. Michael Pekler weist im Standard auf eine Germaine-Dulac-Retrospektive im Filmarchiv Austria hin. Chris Schinke wirft auf Artechock einen Blick ins Programm des Münchner Dokumentarfilmfests. Arne Koltermann berichtet ebenfalls auf Artechock vom 19. Far East Festival in Udine.

Besprochen werden Jordan Peeles Erfolgs-Horrorfilm "Get Out" (Tagesspiegel, Standard, mehr dazu hier und hier), Lars Montags Gesellschaftssatire "Einsamkeit und Sex und Mitleid" (Tagesspiegel, FR, Welt), J.A. Bayonas "Sieben Minuten nach Mitternacht" (Artechock), Justine Triets "Victoria" (Tagesspiegel), Warren Beattys "Regeln spielen keine Rolle" (Welt), die neue Serie "American Gods" nach Neil Gaimans gleichnamigem Fantasyroman (FAZ) und Eva Gesine Bauers Biografie über Marlene Dietrich (FAZ).
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Kunst

Bereits gestern gab es erste Stimmen zum Tod des Malers, Bildhauers, Schriftstellers und Free-Jazzers A.R. Penck, heute folgen nun die großen Nachrufe. Als einen "Sprengmeister mit System" beschreibt Kolja Reichert den Künstler in der FAZ, der in der DDR ein Star war, aber nach seiner Ausbürgerung 1980 nie richtig in Westdeutschland angekommen ist: "Penck war Systematiker und Theoretiker, auch wenn er in jedem Medium, ob in Malerei, Skulptur, Film, Musik oder Dichtung, eine brachiale Unbändigkeit pflegte, ein Auseinanderreißen, Schneiden und Durchmischen."

"Hätte es ein paar Menschen mehr mit der Courage des Künstlers und Menschen Ralf Winkler [so Pencks bürgerlicher Name, d.Red.] gegeben, die DDR wäre weniger grau gewesen oder früher zusammengebrochen", schreibt Claus Löser in der taz: "Er hat Plattenhüllen für Wolf Biermann entworfen und an Defa-Filmen mitgewirkt. Er hat gemalt und musiziert, hat Gedichte geschrieben, Bücher und Skulpturen hergestellt, hat mit allen erdenkbaren Materialien gearbeitet und eine Reihe von Super-8-Filmen gedreht. Vor allem aber war er nie auf sich allein fokussiert, sondern fühlte sich verantwortlich für Freunde und Kollegen wie Helge Leiberg, Lothar Fiedler oder Ralf Kerbach." Weitere Nachrufe in FR, NZZ, Tages-Anzeiger, Welt und SZ.

Besprochen werden Damien Hirsts Monumentalausstellung "Treasures from the Wreck of the Unbelievable" in der Punta della Dogana und im Palazzo Grassi in Venedig (FAZ), eine Ausstellung mit frühen Gemälden des Fotografen Thomas Struth im Münchner Haus der Kunst (SZ) und eine Schau mit Gemälden von Karen Kilimnik in der Galerie Eva Presenhuber in Zürich (NZZ).
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Literatur

Nachdem Dmitrij Kapitelman in Bautzen eine Hetzjagd von Nazis auf Flüchtlinge beobachtet hat, fühlt sich der ukrainisch-jüdische Schriftsteller in der ostdeutschen Kleinstadt ziemlich unwohl, wie er in seiner Artikelserie auf ZeitOnline berichtet: "Was ist definitiv an dieser Stadt? Ganz definitiv ist mein Misstrauen gegenüber der schweigenden Masse, die sich keine Definition zutraut, außer: 'Ist eigentlich ganz anders.' Wobei auch dieses Misstrauen gar nicht so leicht praktizierbar ist. Die pummelige Frau am Nordsee-Stand, die verträumt mit den Fingern auf der Fischtheke trommelt: Ist sie die schweigende Masse?"

Im Freitext-Blog auf ZeitOnline befasst sich Autor Tijan Sila mit Sport treibenden Schriftstellern. Ein Zwischenfazit: "Nicht einmal der Sport ist sicher vor der Mystifizierung des literarischen Schreibens. Der SchriftstellerInnenkörper mag nur gewöhnliche Bedürfnisse äußern - nach Schwimmen, nach Laufen, nach Kraftsport, nach Rangeln -, aber offenbar muss das Schreiben als ein Zustand derartiger Entrückung gelten, dass dem Gewöhnlichen kein Raum mehr bleibt."

Weiteres: Der Bayerische Rundfunk bringt "Unseres", eine Lesung von Elfriede Jelinek.

Besprochen werden Hanns Dieter Hüschs "Das literarische Werk in acht Bänden" (Freitag), Heinz Strunks "Jürgen" (online nachgereicht von der FAZ), Lena Goreliks "Mehr Schwarz als Lila" (Tagesspiegel), Carlos Ruiz Zafóns "Labyrinth der Lichter" (SZ), Karl-Markus Gauss' "Zwanzig Lewa oder tot. Vier Reisen" (NZZ), Paul Theroux' "Ein letztes Mal in Afrika" (FR), die Ausstellung "Rilke und Russland" im Literaturmuseum der Moderne in Marbach (FAZ) und Hans Blumenbergs "Schriften zur Literatur - 1945 bis 1958" (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Archiv: Literatur

Musik

Für die taz bespricht Philipp Weichenrieder neue House-Platten von Jlin und Actress, deren düstere Klanggebilde sehr gegenwartsgesättigt seien. Bei Jlin "bäumen sich unzählbare Schläge zu hyperaktiven Beats auf... Die US-Produzentin erforscht klangliche Dunkelheit ohne negative Vorzeichen", schreibt Weichenrieder. "In der futuristischen Maschinenmusik von Actress trifft Licht auf Metall, wird gebrochen reflektiert und verschwindet wieder im Dunkel. Auf dem Cover von Actress' Album berühren sich zwei Hände, eine aus Fleisch und Blut, die andere verchromt. In der Spiegelung verschmelzen sie, die Grenze zwischen Mensch und Cyborg löst sich auf. Das Humanistische begegnet dem Posthumanen." Hier eine Hörprobe aus "AZD":



Weiteres: In der FR schreibt Harry Nutt über die kruden Verschwörungstheorien, mit denen sich Xavier Naidoo in seinem neuen Song mal wieder zu Wort meldet. Für The Quietus referiert Timothy Archer die Geschichte der um 2000 gefeierten Postpunk-Band At the Drive-In, die mit "Inter Alia" gerade ein Comeback-Album veröffentlicht hat. Christopher Warmuth berichtet in der FAZ von den Badenweiler Musiktagen (mehr dazu in der Badischen Zeitung hier und hier).

Christian Schröder (Tagesspiegel), Heide Sobottka (Jüdische Allgemeine), Jan Feddersen (taz) und Harry Nutt (Berliner Zeitung) schreiben zum Tod der Schauspielerin und Sängerin Daliah Lavi. Hier ihr Klassiker "Wär' ich ein Buch":



Besprochen werden das Album "Pleasure" von Feist (taz), "No Shape" von Perfume Genius (Pitchfork) und das Soli-Konzert am Brandenburger Tor für Deniz Yücel und andere inhaftierte Journalisten (taz).
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Architektur


"Maison d'homme", 1967 von Le Corbusier im Auftrag Heidi Webers entworfen (Foto: Georg Aerni)

Gabriele Detterer besucht für die NZZ die zum fünfzigsten Geburtstag von Le Corbusiers "Maison d'homme" in Zürich ebendort veranstaltete große Ausstellung von Schweizer Pavillons: "Der Fokus der Ausstellung liegt auf dem 'Jetzt', wobei das Adverb 'forever' weit mehr als ein Anhängsel ist. Denn als dauerhafter Pavillon umschließt die im Auftrag Heidi Webers von Le Corbusier entworfene und 1967 eingeweihte 'Maison d'homme' die ganze Vielfalt der in seinem Inneren präsentierten Bauten, von denen einige nur kurz existierten - etwa die Expo-Wolke in Yverdon von Diller und Scofidio oder der 2016 von Tom Emerson und seinen ETH-Studenten für die Manifesta 11 realisierte 'Pavilion of Reflections' in Zürich."

Zuwachs wird die Schweizer Pavillon-Landschaft demnächst in der Nähe von Basel erhalten: wie Andres Herzog im Tages-Anzeiger vermeldet, wird Peter Zumthor die Fondation Beyeler in Riehen um einen "Dreiklang aus Stampfbeton und Glas" erweitern: "Ein kleines Betriebsgebäude, ein Pavillon für Veranstaltungen und ein Ausstellungshaus. Sein Projekt macht sich klein, damit der Piano-Bau und die Natur weiterhin die Hauptrolle spielen: Der verglaste Pavillon senkt sich in die Erde, das Ausstellungshaus winkelt sich dreiflügelig ab."
Archiv: Architektur