9punkt - Die Debattenrundschau

Auf einer planetaren Ebene

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.03.2017. Nach Recherchen der taz wird es für ungewollt schwangere Frauen in Deutschland immer schwieriger, eine Abtreibungsklinik zu finden. Der Guardian berichtet, dass in einem ehemaligen Waisenhaus der Katholischen Kirche in Irland die Überreste von 800 Kinderleichen gefunden wurden. In den französischen Wahlen entscheidet sich Europas Zukunft, sagt François Hollande im Interview mit europäischen Zeitungen. Ljudmila Ulitzkaja (NZZ) und Judith Butler (FR) denken über einen transnationalen Kampf gegen den neuen Nationalismus nach.

Europa

Die taz hat über ein Thema recherchiert, das auch die Journalisten in Deutschland lieber meiden, und herausgefunden, dass es in Deutschland für ungewollt schwangere Frauen immer schwieriger wird, eine Abtreibung durchführen zu lassen. In vielen Landstrichen müssen Frauen um die hundert Kilometer fahren, und oft verlangen Kliniken, dass die Frauen die Klinik in Begleitung verlassen, so dass Diskretion unmöglich wird, berichtet Eiken Bruhn: "Besonders prekär ist die Lage in Bayern. Dort verweigern sogar kommunale Kliniken den Eingriff. Das geht aus der Antwort auf eine Anfrage an die bayerischen Landesregierung hervor, die die Grünen-Landtagsabgeordnete Verena Osgyan im Jahr 2015 stellte. Darin erklärt die Landesregierung, dass es in drei von sieben Regierungsbezirken keine einzige Klinik gibt, die Abtreibungen im Leistungskatalog hat."

Für ein Interview zum Thema fand Ina Bullwinkel nur den österreichischen Gynäkologen Christian Fiala, der mit Verve für die Rechte schwangerer Frauen eintritt: "Wenn Frauen ungewollt schwanger werden, sind sie unvorbereitet und brauchen innerhalb kürzester Zeit viele Informationen. Ich habe alles, was Frauen wissen möchten, online gestellt. Dazu gehört auch eine Liste - die einzige mit Ärzten und Abtreibungskliniken in Deutschland, die im Netz steht. Nach der Veröffentlichung wurde ich von einem religiösen Fundamentalisten bedroht, und auch die Rechtsabteilungen von zwei deutschen Landesärztekammern haben mir gedroht, mich anzuzeigen."

Bei anderen Gelegenheiten hatte die Katholische Kirche offenbar weniger Skrupel. Auf dem Grundstück des ehemaligen Waisenhauses Tuam in der Republik Irland fand eine Unterschungskommission die Überreste von bis zu 800 Kinderleichen, berichtet Jamie Grierson im Guardian: "Die Analyse der Daten offenbarte, dass die Kinder im Alter von 35 Wochen bis zu drei Jahren gestorben waren, berichtet die Kommission. Die meisten von ihnen wurden in den fünfziger Jahren geboren, als die Einrichtung als eines von mehreren Dutzend ähnlichen Häusern in Irland Waisen, unverheirateten Müttern und ihren Kindern Schutz bot. Das Tuam-Heim wurde 1961 geschlossen. Betrieben worden war es von den Bon Secours Sisters, einem katholischen Nonnenorden, der unverheiratete Schwangere zur Entbindung empfing. Die Frauen wurden von ihren Kindern getrennt, die an anderer Stelle im Heim verblieben und von den Nonnen aufgezogen wurden, in der Hoffnung, adoptiert zu werden."

Die nordirischen Wahlen haben - vor allem in Folge des Brexit - zu einem historischen Aufschwung für Sinn Fein und einer schweren Niederlage der protestantischen DUP-Partei geführt, berichtet Peter Geoghegan  in pollitico.eu. Das Dumme ist nur, dass das ganze System auf ein Power Sharing von Katholiken und Protestanten angelegt ist: "Wenn es keinen Deal gibt, könnte der britische Staatssekretär für Nordirland, James Brokenshire, entweder eine direkte Regierung von London aus einführen oder Neuwahlen ausrufen."

Frankreichs scheidender Präsident François Hollande ist sich im Interview mit einigen europäische Zeitungen, darunter der SZ, zwar sicher, dass die französischen Wähler Marine Le Pen nicht an seine Stelle wähle werden, aber die Bedeutung des historischen Moments ist ihm bewusst: "Wir wissen, dass die Wahl nicht nur das Schicksal unseres Landes entscheidet, sondern auch die Zukunft Europas. Denn falls die Kandidatin des Front National wider Erwarten die Wahl gewinnt, dann würde sie sofort mit dem Austritt aus der Euro-Zone beginnen - und sogar aus der EU. Das ist das Ziel aller Populisten: raus aus Europa, sich der Welt verschließen und sich eine Zukunft ausmalen voller Barrieren und Grenzen, die mit Wachtürmen verteidigt werden. Es ist meine letzte Pflicht, alles zu tun, dass Frankreich nicht eine derartig schwere Verantwortung auf sich lädt."
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Ideen

Im Interview mit der NZZ denkt die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja über das System Putin nach und Wege aus der weltweiten Misere der Geschichtsvergessenheit und des aufblühenden Nationalismus: "Ich hoffe auf etwas, das man eine kulturelle Globalisierung nennen könnte, wenn das Wort nicht verbraucht wäre. Viele finanzielle, wirtschaftliche und ökologische Probleme können nur auf einer planetaren Ebene gelöst werden. Unsere Regierung, die komplett rückwärtsgerichtet handelt, verneint die Tatsache, dass die Welt bereits global funktioniert. ... Jeder evolutionäre Schritt dauert lange, aber er kann nicht rückgängig gemacht werden. Ich bin ja von meiner Ausbildung her Genetikerin."

Auch Judith Butler setzt im Interview mit der FR auf eine "transnationale Bewegung" im Kampf gegen wachsenden Rassismus und Nationalismus: "Solche Bewegungen schließen einen lokalen Kampf gegen nationale rassistische Agenden ebenso ein wie übergreifende Formen der Solidarität. Wir müssen zudem darüber nachdenken, wie die sogenannte 'Flüchtlingskrise' massive Verteilungsfragen zwischen Nord- und Südeuropa, aber auch zwischen Europa und seiner Peripherie, die Türkei und die Balkanländer inbegriffen, erzeugt hat. Ich fürchte, dass die gegenwärtige Krise in den USA unsere Aufmerksamkeit ausschließlich auf uns selbst richtet und uns bindet, während die steigenden Gezeiten des Rassismus eindeutig einen transnationalen Charakter haben."

Weiteres: Abgedruckt ist in der NZZ außerdem das Nachwort des amerikanischen Ideengeschichtlers Mark Lilla aus seinem neuen Buch "The Shipwrecked Mind: On Political Reaction". Es geht um das Denken in Epochen und die gute alte Zeit. Die Zeit hat Jens Jessens Artikel über die Elite online nachgereicht: "Der neue Elitenhass ist im Kern vorpolitisch: Er ist Zivilisationshass."
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Überwachung

Düstere Szenarien stellt Constanze Kurz in ihrer FAZ-Kolumne heute über Roboter in Aussicht: "Neben den physischen Gefahren, die in Filmen gern aus dramaturgischen Gründen aufgegriffen werden, können Roboter auch zu praktischen Datendieben umfunktioniert werden: Mit all ihren Sensoren und Speichern und wegen ihrer Interaktion mit Menschen eignen sie sich gut als wandelnde Überwachungsmaschinen - zumindest in den Händen Böswilliger."
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Stichwörter: Roboter

Gesellschaft

Adrian Schulz wendet sich in der taz gegen den Vorschlag einer Katzensteuer (ohje, hoffentlich wird das nicht zu einem Wahlkampthema!) und stützt sich auf die Argumente des  Jagdökologen Sven Herzog  und des Vogelschutzexperten Lars Lachmann: "Eine Katzensteuer wäre unwirtschaftlich, selbst der Steuerzahlerbund lehnt sie ab. Und sogar schädlich: Mehr unverantwortliche (oder arme) Halter würden ihre Katzen dann aussetzen. Mehr davon verwildern. Mehr Vögel sterben. Zumal ein Großteil der Katzen ja innerhalb von Siedlungen lebe und sich wegen der hohen 'Katzendichte', wie Herzog es nennt, die Reviere schon wie nach einem Stundenplan aufteile. Doch in der freien Natur ist häufig kein Platz mehr für Vögel: 'Der Hauptgrund für den Rückgang von Vogelarten ist der Verlust von geeignetem Lebensraum, insbesondere in der Agrarlandschaft', sagt Lachmann - wohingegen die Vogelbestände in Siedlungen, im Gegenteil, sogar eher zunähmen."
Archiv: Gesellschaft
Stichwörter: Katzen, Katzensteuer

Internet

Mit einer einfachen Gegenfrage beantwortet eine Autorengruppe von algorithmwatch.org einen Artikel Steven Hills in der Zeit, der gefordert hatte, gewisse Fortschritte in Software und KI schlichtweg zu verbieten: "Warum sollten wir die Frage, wer etwa von automatisierten Entscheidungssystemen profitieren kann und darf, als eine Frage der Technologieregulierung diskutieren, anstatt sie als das zu formulieren, was sie ist: als eine Frage der gerechten Verteilung von Ressourcen?"
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Medien

(Via golem.de) Die Deutschen sehen relativ wenig Filme und Serien illegal, behauptet Netflix-Chef Reed Hastings im Interview mit Tobias Jochheim von der Rheinischen Post: "Andererseits sind sie es auch gewohnt, nichts für relativ gutes Programm bezahlen zu müssen. ARD, ZDF und Co. sind ja mit Milliarden Euro besser finanziert als die BBC, so gut wie kein anderer öffentlich-rechtlicher Rundfunk der Welt! Aber die Deutschen hassen auch Werbeunterbrechungen mehr als die Menschen im Rest der Welt." Wenn acht Milliarden Euro "nichts" sind!
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Politik

Und dann noch die neueste Fake News aus Donald Trumps Twitterkonto - angeblich hätte Barack Obama ihn in seinem Trump Tower abgehört: "Wenn  ein Präsident den anderen anschwärzt", schreibt das Editorial Board der New York Times dazu: Trump kann keinen Beweis vorlegen. "Anderenfalls würde das Weiße Haus nicht so strampeln um herauszufinden, ob es wahr ist, was er sagte."
Archiv: Politik
Stichwörter: Fake News, Donald Trump