Efeu - Die Kulturrundschau

Das Chaos ist noch nicht aufgebraucht

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06.03.2017. Die Hölle, das sind die Global Player: An der Berliner Volksbühne gibt Frank Castorf seinen Abschied mit einer Wallfahrt auf den Mount Faust - die Kritiker liegen ihm zu Füßen. Die FAZ lernt von Marcel Broodthaers im Düsseldorfer K21, dass zu einem Kunstwerk auch Palmen und Kamele gehören. Die taz erkundet desn Symbolismus als Krisenphänomen. Der Tagesspiegel feiert Frank Gehrys Pierre-Boulez-Saal als reinstes Raumwunder.

Bühne


Die Hölle, das sind die Global Player: Castorfs Faust an der Volksbühne. Foto: Thomas Aurin

Zum Abschied von der Berliner Volksbühne gibt Frank Castorf Goethes "Faust". In der NZZ rühmt Christine Wahl die Inszenierung schon jetzt finales Meisterwerk. Bevor Castorf sein Haus Chris Dercon überlassen muss, zeige er den Gelehrten als "Global Player": "Die Inkarnation aller negativen Begleiterscheinungen der Moderne, quasi die Katastrophe der modernen Zivilisation schlechthin. Frank Castorf spitzt diese Perspektive gewissermaßen zu und erzählt das deutsche Intellektuellendrama - ausgehend vom Motiv der Landnahme - als europäische Kolonialismus-Tragödie (die natürlich auch eine veritable Männlichkeitstragödie ist). Der Volksbühnen-'Faust' spielt in Paris - über weite Strecken zur Zeit des Algerienkrieges. Der französische Vordenker der Entkolonialisierung, Frantz Fanon, ist an diesem Abend ein wichtiger Stichwortgeber."

In der Welt ist Eckhard Fuhr noch einmal völlig überwältigt von dieser Wallfahrt auf den Mount Faust, der Vitalität, dem Gebrüll, dem zarten Gesang und diesem gewaltigen Resonanzraum mit Frantz Fanon, Sartre, Zola, Lord Byron und Schuberts Winterreise: "Den trutzigen 'Ost'-Bau übernimmt ein Belgier. Diese Europäisierung und Globalisierung galt den Berliner Kulturpolitikern wohl als zeitgemäß. Wir wünschen Chris Dercon alles Gute. Aber er soll nicht meinen, er müsste uns in der Volksbühne endlich etwas über Europa und die große weite Welt erzählen. Darüber haben wir dort schon viel gelernt."

In der taz seufzt Eva Behrendt: "Zum Schluss, kurz vor der Erlösung, die es hier sicher nicht gibt, wird Bob Dylans 'It's all over now, baby blue' nach wenigen Takten abgewürgt, spuckt Wuttkes Faust sein 'Verweile doch, du bist so schön' dem Teufel vor die Füße und giftet vor der Sargbesteigung: 'Von dir lass ich mir nicht auf die Stulle furzen.' Wie wird man diese bitteren Kröten vermissen!" FAZ-Kritikerin Irene Bazinger erlebte, wie "der tolle, gefährliche, autonome 'Panzerkreuzer Volksbühne' noch einmal alles, was in ihm steckt". In der SZ schreibt Christine Dössel: "Ein Kunstwerk, aus dem Vollen geschöpft. Der Castorf-Kosmos noch einmal ausgeschritten (und durchlitten) - vom Himmel durch die Welt zur Hölle. Das Chaos ist noch nicht aufgebraucht." Und im Standard lobt Ronald Pohl: "Auch das ist das Prinzip Castorf: Der verstockten Menge hilft er mit zärtlichen Kopfnüssen beim Denken. Das ist grandios."

Besprochen werden Andreas Kriegenburgs "ländlich handfeste" Inszenierung "Drei Tage auf dem Land" nach Patrick Marber und Iwan Turgenjew im Schauspiel Frankfurt (Nachtkritik, FAZ), Puccinis "La Bohème" am Landestheater Salzburg (SZ) und der Inszenierungsreigen "Eurotopia" am Theater Freibug (Nachtkritik).
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Film

Besprochen werden Kelly Reichardts "Certain Women" mit Kristen Stewart (Standard, unsere Kritik hier), Paul Schraders auf DVD erschienener Thriller "Dog Eat Dog" mit Nicolas Cage und Willem Dafoe (SZ), die neue Serie "Legion" (Zeit) und die israelische Serie "Fauda" (taz).
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Literatur

Im Radioessay des Deutschlandfunk befasst sich die österreichische Autorin Kathrin Röggla mit der Frage nach der Fiktion im postfaktischen Zeitalter. Tell-Kritiker Johannes Spengler lernt von Hans Henny Jahnn, wie man eine Sekte gründet. Gerrit Bartels (Tagesspiegel) und Andreas Platthaus (FAZ) schreiben Nachrufe auf die Schriftstellerin Paula Fox. Die FAZ bringt das von Jürgen Kaube verfasste Nachwort zu Rex Stouts Krimiklassiker "Es klingelte an der Tür", der am 11. März erscheint. Und beim WDR kann man eine Hörspielbearbeitung von Abbas Khiders Roman "Ohrfeige" nachhören.

Besprochen werden Takis Würgers "Der Club" (Tagesspiegel), der neue Band des SF-Comics "Valerin und Veronique" (Tagesspiegel), Tim Krohns "Herr Brechbühl sucht eine Katze" (SZ) und Luca D'Andreas "Der Tod so kalt" (FAZ).

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Stichwörter: Postfaktisch, Wdr, Sekten, Meta

Musik


Pierre Boulez Saal. Foto: Volker Kreidler

Der Pierre-Boulez-Saal der Berliner Barenboim-Said-Akademie ist eröffnet - und die Kritiker können sich sehr für ihn begeistern (auch wenn die Muster der Sitzmöbel das Geschmacksempfinden manches Rezensenten doch sanft beleidigt). Hier sei Boulez' Vision einer "salle modulable", die die Raumverhältnisse immer wieder neu gestalten kann, endlich umgesetzt, schreibt Frederik Hanssen im Tagesspiegel: "Was Frank Gehry (...) hier geschaffen hat, ist ein kleines Raumwunder. Der klassischen Schuhkarton-Kubatur, die von der denkmalgeschützten Gebäudeform vorgegeben war, setzt er auf mehreren Ebenen elliptische Formen entgegen."

Julia Spinola lobt in der SZ, dass man sich in diesem Saal nicht nur stets nahe den Musikern befindet, sondern dabei auch weite Teile des Publikums vis-à-vis im Blick hat: "Die Intimität des Saales gehört zum ästhetischen Gesamtkonzept einer humanistischen Idealen verpflichteten Ausbildungsstätte, die Musik als geistige Kraft im Kontext von Philosophie und Geisteswissenschaften begreifen möchte. Alles ist auf Kommunikation, auf genaues Hinhören, auf das Ermöglichen vielfältigster Perspektiven hin angelegt."

Und wie klingt der Saal? Pierre Boulez' "Initiale" klang schon mal "klar und prägnant, mit samtiger Resonanz", schreibt Juan Martin Koch in der NMZ. Manuel Brug von der Welt, der bei der Eröffnung der Elbphilharmonie viel leiden musste, ist sehr zufrieden mit dem Klang: "Von den Längsseite des Ranges aus wirkt die Akustik ganz normal. Nicht so hell getunet wie sonst bei Toyota, auch nicht so penetrant hellhörig wie in der Elbphilharmonie." Allerdings werde der Saal manchmal "schnell hallig." Verblüffende, durchweg delikate Mischungen genoss Jan Brachmann von der FAZ: "Einschwingvorgänge werden überblendet und machen die Klangherkunft unkenntlich; Ausklingzeiten geben Raum für spektrale Aromawechsel, als würden die Töne, während sie deckenwärts durch den Sauerstoff steigen, dekantiert. Wirklich schön!" Wobei der Kritiker für diesen Genuss nur die unteren Plätze empfehlen kann.

Für Bläser eigne sich der Saal hervorragend, konstatiert Katharina Granzin in der taz, schwierig werde es in dem holzvertäfelten Raum allerdings für den Gesang. Kritischer betrachtet Clemens Haustein von der Berliner Zeitung den Saal, der seiner Ansicht nach die Distanz zwischen Publikum und Musik zulasten der Dynamik abbaue: Fraglich bleibe, "ob die Nähe nicht gerade jenes 'denkende Hören' behindert, das die Programmmacher des Saals künftig hier ermöglichen wollen." Auch fragt er sich, welche Lücke dieser Saal im reichen Berliner Klassikangebot überhaupt füllen soll. Und kommt zu dem Schluss: Hier habe sich Barenboim einfach eine persönliche Wirkungsstätte auf den eigenen Leib geschneidert. Das Eröffnungskonzert kann man sich online hier ansehen.

Weiteres: Andreas Müller erinnert im Tagesspiegel an die vor 100 Jahren erste aufgenommene Jazzplatte, für das die Original Dixieland Jass Band aus New Orleans verantwortlich zeichnete (hier von Originalpressung und -equipment wiedergegeben). In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Jan Wiele über "New Slang" von The Shins:



Besprochen werden das Album "Gang Signs & Prayer" des Grime-Rappers Stormzy (taz), ein Auftritt der Antilopen Gang (Tagesspiegel), das neue Album der Sleaford Mods (Standard), ein von David Zinmann dirigierter Mahler-Abend in der Tonhalle Zürich (NZZ), das Album "50 Song Memoir" von The Magnetic Fields (Spex) und das neue Album von Tokio Hotel (ZeitOnline),

Außerdem neu im Logbuch Suhrkamp: Thomas Meineckes aktuelle Lieferung zur "Clip//Schule ohne Worte".
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Kunst

In der taz berichtet Brigitte Werneburg von der fantastischen Ausstellung "Wasserzaubereien" in der Fondation Pierre Arnaud im Schweizer Bergdorf Lens im Wallis, die den Symbolismus als Krisenphänomen aufgreift, diesen Willen antiken Göttern, erhabener Natur, Medusen, Nereiden und Nymphen ("Nicht nur jede Quelle, auch jede Welle ist eine Frau"): "Im Kontext eines rückwärtsgewandten und wissenschaftsfeindlichen Populismus, der als großer Abwehrzauber auf die Herausforderungen des globalen 21. Jahrhunderts immer mehr an Zuspruch gewinnt, ist die Begegnung mit dem Symbolismus als spirituelle, esoterisch künstlerische Verklärung der Krisenerfahrung und des Versuchs ihrer Bewältigung zugleich Schock und Erlebnis."

Kein Künstler hat so präzise erforscht wie Marcel Broodthaers, was es heißt, ein Werk zu schaffen, meint in der FAZ Kolja Reichert und ist ganz begeistert von der Düsseldorfer Ausstellung im K21: "Zu einem Kunstwerk gehört noch ein ganzes Arsenal an unsichtbaren Bedingungen. Letztlich führt auch das Imperium mit seinen kolonialen Unternehmungen die Hand des Künstlers, und durch das Auge des Betrachters blickt die Gesellschaft, der er angehört. Daran erinnerte Broodthaers, indem er Palmen in seine Ausstellungen stellte wie in den Tropenhäusern des 19. Jahrhunderts oder ein lebendes Kamel hereinführte."
Archiv: Kunst