9punkt - Die Debattenrundschau

Das Istanbul, das es nicht mehr gibt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.03.2017. Deniz Yücel ist in ein Hochsicherheitsgefängnis mit besseren Bedingungen und interessanteren Mithäftlingen verlegt worden, berichtet die taz. Für Erdogan ist Yücel ein deutscher Spion und PKK-Aktivist, meldet der Tagesspiegel. Nicht Erdogan, sondern Merkel hat die Annäherung der Türkei an den Westen beendet, stellt die taz fest. Die NY Times freut sich über Papst Franziskus' Hinweise zum Umgang mit Bettlern. Und die FAZ vermisst beim Reisen in virtuellen Welten die bösen Überraschungen.

Europa

Recep Tayyip Erdogan hat sich in einer Rede in Istanbul zum Fall des inhaftierten Welt-Korrespondenten Deniz Yücel geäußert und schwere Vorwürfe erhoben, meldet der Tagesspiegel: "'Als ein Vertreter der PKK, als ein deutscher Agent hat sich diese Person einen Monat lang im deutschen Konsulat versteckt', sagte Erdogan nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu in Istanbul. 'Einen Monat lang haben wir gesagt, übergebt ihn uns, er soll vor Gericht gestellt werden.' Zu Bundeskanzlerin Angela Merkel habe er vor Yücels Festnahme gesagt: 'Wenn wir die Terroristen von Euch wollen, was sagt Ihr uns da? Ihr sagt: 'Die Justiz ist unabhängig und unparteiisch.' Im Moment vertrauen wir unserer unabhängigen und unparteiischen Justiz. Gebt ihn uns und er soll vor Gericht.'"

Yücel selbst ist inzwischen aus dem Gefängnis von Beşiktaş ins Hochsicherheitsgefängnis von Silivri verlegt worden, berichtet in der taz Doris Akrap, die dem Verfahren in Istanbul beiwohnt: "Es verging allein in dieser Woche, in der ich hier bin, kein Tag ohne Meldung über die Festnahme oder Verurteilung von Journalisten, Oppositionspolitikern, Sängerinnen, denen ähnliche und noch absurdere Vorwürfe wie Deniz gemacht werden. Und es werden schon Witze darüber gemacht: 'In Silivri sitzt das Istanbul, das es nicht mehr gibt. Dort triffst du mehr Journalisten und Intellektuelle als in der Innenstadt.'"

Den Konflikt mit der Bundesregierung hat Erdogan zur Sicherung seiner Basis geschürt, meint der türkische Oppositionspolitiker Mithat Sancar im Interview mit Christoph Schult und Christoph Sydow auf SpOn: Je heftiger die Reaktion aus Deutschland, desto erfolgreicher Erdogans Kalkül. Sancars Rat lautet: "Ruhig bleiben! Aber gleichzeitig die Werte von Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaat konsequent und klar betonen in allen Bereichen der Beziehungen mit der türkischen Regierung. So gesehen sind die Auftrittsverbote für türkische Minister in Deutschland jedenfalls völlig falsch. Ebenso lehne ich Forderungen nach einem Boykott ab. Unsere politische-moralische Grundhaltung ist eindeutig. Wir sind prinzipiell gegen Verbote und für die Freiheit, sowohl in der Türkei als auch in Deutschland. Mit diesen Methoden spielt man außerdem nur Erdogan in die Hände und damit bringt man ihn auch nicht zu Zugeständnissen."

Jürgen Gottschlich rekapituliert in der taz, wie sich die Türkei seit 1980 an den Westen angenähert hat. Diesen vielversprechenden Prozess "beendete nicht Recep Tayyip Erdoğan, sondern Angela Merkel, als sie nach ihrem Wahlsieg 2005 die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei de facto zu den Akten legte. Ob Erdoğan jemals ernsthaft die rechtsstaatlichen und freiheitlichen Kriterien der EU umgesetzt hätte, ist seitdem eine müßige Frage. Merkel und etwas später mit ihr der französische Präsident Sarkozy sorgten dafür, dass das nie auf die Probe gestellt wurde. Seitdem sind auch die deutsch-türkischen Beziehungen im Niedergang begriffen."
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Internet

Anbieter von Datenbrillen locken mit dem Versprechen, die Welt zu sehen, ohne die Wohnung zu verlassen, berichtet Melanie Mühl in der FAZ. Das Reisen ohne Risiko ist die logische Weiterentwicklung von Internetportalen wie Airbnb, Booking.com oder Tripadvisor: "Welche böse Überraschung kann noch in der Ferne lauern, wenn man sich bei Tripadvisor durch Hunderte von Fotos geklickt und jeden Zentimeter des Resorts vorab besichtigt hat? Nicht, dass die im Katalog unterschlagene Schnellstraße, die direkt am Hotel vorbeiführt und auf dem Weg zum Strand überquert werden muss, einen Erlebnisgewinn darstellt oder den Urlaub zum Abenteuer macht - aber ein auf die Spitze getriebenes optimiertes Reisen verengt unseren Blickwinkel und untergräbt die Entdeckerlust."
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Gesellschaft

"Die amerikanische Sprache ist krank", konstatiert Ulf Erdmann Ziegler in der FAZ und meint damit die in der Umgangssprache eklatante Häufung des Wortes "like". Dieses Modewort hat nichts mit dem Facebook-Daumen zu tun, sondern es "hat seine Wurzel im Vergleich. Das Verwirrende jedoch: Der Vergleich ist ausgesetzt. Erst denkt man, er käme noch. Dann wird klar: Er kommt gewiss nicht. Zehntausende von Proben, makellose Ketten von Anwendungen belegen: Es handelt sich um eine komplette semantische Inversion. Nichts von dem, was erzählt wird, ist jemals 'wie' oder 'so wie' oder 'in der Art, dass...'; denn es kann sprachlich ja nicht sein, dass jemand 'wie um die Ecke kommt' oder 'so wie das gesagt hat' oder 'wie ganz nett war'."
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Stichwörter: Ulf Erdmann Ziegler

Kulturpolitik



Bei Wassily Kandinskys Gemälde "Das Bunte Leben" aus dem Jahr 1907, zurzeit im Besitz der Bayerischen Landesbank und im Münchner Lenbachhaus-Museum ausgestellt, handelt es sich offenbar um Raubkunst, schreibt Christoph Scheuermann auf SpOn. Von den Nachfahren der früheren jüdischen Amsterdamer Eigentümerfamilie mit dem Vorwurf konfrontiert, seien die Anwälte des Geldinstituts "unversöhnlich bis geschmacklos" aufgetreten: "Der Streit um den Kandinsky zeigt wieder einmal, wie schwierig es für Hinterbliebene von jüdischen Holocaust-Opfern bis heute sein kann, im Freistaat Wiedergutmachung zu erfahren. Allzu oft werden Gespräche abgeblockt, Kompromisse verhindert, Rechtsstreitigkeiten verschleppt. Die verbreitete Haltung gegenüber Hinterbliebenen von jüdischen Familien ist: Die sind doch nur auf Geld aus. Viele Nachfahren von Nazi-Opfern schrecken schon aus Angst vor dem hohen Aufwand davor zurück, ihre Ansprüche geltend zu machen."

Religion

Im Interview mit der Mailänder Obdachlosenzeitung Scarp de' Tenis hat Papst Franziskus Leitlinien für den Umgang mit Bettlern gegeben, freut sich die NY Times im Leitartikel. Grundsätzlich gelte: Geben ist immer richtig. "But what if someone uses the money for, say, a glass of wine? (A perfectly Milanese question.) His answer: If 'a glass of wine is the only happiness he has in life, that's O.K. Instead, ask yourself, what do you do on the sly? What 'happiness' do you seek in secret?' ... Then he posed a greater challenge. He said the way of giving is as important as the gift. You should not simply drop a bill into a cup and walk away. You must stop, look the person in the eyes, and touch his or her hands. The reason is to preserve dignity, to see another person not as a pathology or a social condition, but as a human, with a life whose value is equal to your own."
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Stichwörter: Papst Franziskus