Efeu - Die Kulturrundschau

Wer drin ist, kann einpacken

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15.10.2016. Die Niederlande und Flandern sind Schwerpunkt der Buchmesse. In der NZZ besingt Pauline de Bok in adrettem Niederländisch das fluchende, ferkelnde Flämisch. In der Literarischen Welt folgt Ernst-Wilhelm Händler der Spur des Geldes in der Kunst. Die NZZ lernt in Hamburg, wann Sport aufhörte, Chic zu sein. Der Freitag feiert das moderne, sympathische Nachkriegsdeutschland. The Quietus hätte lieber auf einen Nobelpreis für die Popmusik verzichtet. Auch die taz fragt bang: Ist Bob Dylan jetzt von gestern?

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Bild: Paul Schietekat, High Tide Heels, Gent, 2006

In der NZZ besucht Bettina Maria Brosowsky die Ausstellung "sports / no sports", die sportliche Kleidung in der Mode erkundet. Mit Lockerheit hat sportlicher Chic längst nichts mehr zu tun: "Die ästhetische Revolte, der Befreiungsgestus, ist zum lukrativen Kommerz geworden, Sportartikelhersteller beschäftigen Modedesigner für sogenannte Kapselkollektionen, die Haute Couture zitiert Sportattribute, Sportler haben eigene Modelllinien. Und selbstverständlich folgen wir alle, mehr oder weniger getrieben, dem gesellschaftlichen Imperativ des schlanken, durchtrainierten und permanent selbstoptimierten Körpers, denn nur er gilt als gesund. Die Industrie liefert passende Hightech-Funktions-Textilien: Anzüge zur Leistungssteigerung durch Körperkompression oder zusätzliche, elektronisch stimulierte Muskelkontraktion, per Smartphone zu steuern.
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Literatur

Bei der in wenigen Tagen beginnenden Frankfurter Buchmesse steht die Literatur aus den Niederlanden und Flandern im Fokus. Die NZZ widmet ihre ganze Beilage Literatur und Kunst den beiden Ländern. Die niederländische Autorin Pauline de Bok besingt  das saftige Flämisch: "Flämisch! Ich höre Raymond van het Groenewoud, den Barden mit der leicht brüchigen Stimme, wie er singt, heult und brüllt: 'Je veux l'amourrrrr' - auch dieser französische Touch ist ach so flämisch. Ich lasse mich überwältigen von den Bildern und Klängen flämischer Filme wie dem Kriminalfilm 'Rundskop', in dem es um die Hormonmafia und das persönliche Schicksal eines Viehhalters geht, das einem langsam die Kehle zuschnürt. Und ich freue mich über die literarischen Nachfolger von Hugo Claus und 'Boontje' (wie Louis Paul Boon liebevoll genannt wurde): Erwin Mortier, Dimitri Verhulst und Newcomer Griet Op de Beeck, Lize Spit. Ach, ihr Flämisch, das flüstert - lockend, bang oder lästerlich -, flucht, betet, flennt, große Töne spuckt, ferkelt, fleht und liebkost, hör, wie es auf die Knie fällt, hör, wie es die Götter versucht. Diese Sprache aller Sinne, aus Fleisch und Blut - von der sich das Niederländische adrett blass blitzsauber abhebt."

Außerdem erklärt Diane Broeckhoven in der NZZ, wie sich Flämisch und Niederländisch unterscheiden: "Die Basis ist dieselbe, aber man spricht es ganz anders aus." Andrea Gill bekennt in der NZZ ihre Liebe zum niederländischen Autor Frans Kellendonk.

Die Literarische Welt erscheint heute als Literaturbeilage zur Buchmesse. In einem Essay erkundet Ernst-Wilhelm Händler, was das Geld mit der Kunst macht und wie sich Kunstszene und Literaturbetrieb unterscheiden: "Geld hat modische Folgen. Etablierte Galeristinnen tragen bevorzugt Céline und vermeiden auf dem Messestand ins Auge fallende teure Handtaschen wie Prada, Hermès oder Luis Vuitton. Die Dienstleistungsfunktion soll unterstrichen werden. Beim Dinner sind die Marken durchaus präsent, man möchte den ökonomischen Erfolg der Galerie demonstrieren. Die Mode hat hier nur in geringem Maß persönlichkeitsbezogene Funktion..."

Weitere Artikel: In der Literarischen Welt erklären SchriftstellerInnen (mit und ohne MgH), was ihnen der deutsche Geist gebracht hat. In der taz schildert Ulrich Faure das komplizierte Verhältnis zwischen den beiden Regionen - untereinander haben sich die beiden Nachbarn wenig zu sagen: "Den Namen des angesagtesten Amsterdamer Autors hat man in Antwerpen noch nie gehört, und wer als Debütant gerade in Antwerpen durchstartet, findet keinerlei Beachtung in Amsterdam. 'Die Länder wachsen auseinander', so befürchtet Reugebrink." Und Djamilia Prange de Oliveira spricht mit dem spanischen Schriftsteller Heleno Saña über die anarchische Revolte in Spanien und die Franco-Zeit. Die FAZ bringt eine Erzählung von Melanie Mühl aus der Anthologie "Unbehauste". Im Standard unterhält sich Bert Rebhandl mit dem niederländischen Autor Arnon Grünberg über sein Schreiben und die Lakonie: " Das Drama soll nicht zu deutlich werden. Das habe ich auch von meiner Mutter. Sie hat so gesprochen, mit Humor und Aggression, aber doch lakonisch."

Und hübsch: Die taz hat der neuen Simultanübersetzung von Skype den Beginn von Kafkas "Der Prozess" in verschiedenen Sprachen vorgelesen - hier die Ergebnisse, unter anderem die aus dem Spanischen: "Sie mussten aluminado öffnen? Alpha alpha. Nun, ich habe einen guten Morgen, ohne etwas mehr getan."

Besprochen werden Reinhard Kaiser-Mühleckers "Fremde Seele, dunkler Wald" (taz, FR), Thomas Meineckes "Selbst" (online nachgereicht aus der FAS), Niña Weijers' "Die Konsequenzen" (taz), Arnon Grünbergs "Muttermale" (taz), Thomas Melles "Die Welt im Rücken" (SZ) und John Wrays "Das Geheimnis der verlorenen Zeit" (FAZ).

Außerdem erschein heute die Literaturbeilage der FAZ. Im Aufmacher bespricht Andreas Platthaus Don DeLillos neuen Roman über letzte Dinge "K".
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Kunst


Johannes Heile: Deutschland 1962.

Einen völlig neuen Blick aufs Nachkriesgdeutschland gewinnt Christine Käppeler vom Freitag in der ifa-Galerie, die gerade Johannes Hailes Berlin-Fotos aus den sechziger Jahren zeigt: "Es sind sanfte Aufbruchs- und Umbruchsbilder, die von einer ungeheuer präzisen Beobachtungsgabe zeugen...  Eine Brise San Francisco auf dem Ku'damm. Deutschland 62 - war das wirklich dieses grundsympathische, der Zukunft zugewandte Land, das wir hier sehen?"

Besprochen wird die Willem de Rooij gewidmete Ausstellung im MMK2 in Frankfurt (FR).
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Film

Besprochen werden Andrea Arnolds "American Honey" (Freitag, SZ), die neue Dan-Brown-Verfilmung "Inferno" (Freitag) und die neue HBO-Serie "Insecure" (ZeitOnline).
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Bühne

Besprochen werden die Neuinszenierungen von Giacomo Meyerbeers "Hugenotten" in Kiel und Würzburg (FAZ).
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Stichwörter: Kiel, Giacomo Meyerbeer

Musik

Gestern herrschte große Begeisterung über den Nobelpreis für Bob Dylan, heute melden sich dagegen die kritischen Stimmen zu Wort. Auf The Quietus hält ein beeindruckend wütender David Bennun den Preis sogar für einen Fehdehandschuh in Richtung Popkultur, die auf solche Nobilitierungsgesten dankend verzichten könne: "Wenn Poptexter denn so regelmäßig für den Preis in Betracht gezogen werden würden wie Schriftsteller und Poeten, dann würde ich die Entscheidung immer noch für falsch halten, aber es würde mich nicht weiter stören. Doch ich bin mir ziemlich sicher, dass, nur zum Beispiel, Joni Mitchell und Leonard Cohen, beide Dylan nahezu gleichauf als Texter, nie im Rennen waren und es auch nie sein werden. Der Preis ist kein Affront gegenüber der Literatur - er beleidigt die Popmusik. Man tätschelt Pop ein wenig die Haare und reicht noch einen Lolli."

Der Nobelpreis für Dylan lasse Dämme brechenfürchtet Klaus Kastberger auf ZeitOnline: "Ab jetzt ist alles möglich." In der Welt verbucht Alan Posener Bob Dylan als einsamen großen und religiösen Konservativen in einer progressiven Zeit: "Radikaler hat noch nie jemand zuvor oder danach das Juste Milieu provoziert." Ulrich Gutmair von der taz hat in Erfahrung gebracht, wie Dylans erstes Konzert (hier die Setlist) nach der Bekanntgabe lief. Fazit: Keine Reaktion, kein Kommentar auf der Bühne. "Man kann es verstehen. Die Aufnahme in den Kanon tut schon Schriftstellern weh, wie soll ein Popkünstler das aushalten? Wer drin ist, kann einpacken, ist von gestern, Sediment, Staub in einem versiegelten Sarkophag. Wer feiert sich da schon gern."

Weiteres: Nana Heymann spricht im Tagesspiegel mit Fritz Kalkbrenner. Besprochen wird das Berliner Abschiedskonzert von José Carreras (Tagesspiegel).
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