Efeu - Die Kulturrundschau

Dass man dafür Noten lesen muss

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11.05.2016. Heute Abend eröffnen die Filmfestspiele in Cannes. Mit wenigen Regisseurinnen, moniert die taz, dafür aber immerhin mit Maren Ade, seufzt die Welt und findet die Verachtung des deutschen Films an der Croisette ungerecht. Le Monde freut sich besonders auf die exquisiten Bizarrerien Bruno Dumonts. Die FAZ erlebt mit Mozarts früher Oper "Mitridate" in Brüssel eine schöne Allegorie auf Brüssel. Die NZZ erlebt das explosive Beirut in den stillen Fotografien Nikolaus Geyers. Und der Tagesspiegel lernt von William Kentridge den Erfolg zu fürchten.

Film

Heute Abend beginnen die Filmfestfestspiele in Cannes. Hier die Liste der Filme im Wettbewerb und in anderen Reihen. Die deutschen Filmkritiker stimmen aufs Programm ein: Tobias Kniebe von der SZ weiß, dass schon in der Vorfreude auf das Festival dessen allergrößter "Kick" liegt. Für Tim Caspar Boehme in der taz sind zu wenig Filmemacherinnen im Wettbewerb vertreten. Vincent Lowy kann in der HuffPo.fr mit reichlich Statistik belegen, dass Männer auch im französischen Filmgeschäft durch die Bank besser gestellt sind als Frauen. Mit Maren Ades Film "Toni Erdmann" ist allerdings zum ersten Mal seit 2008 wieder eine deutsche Produktion in Cannes' Königsdisziplin vertreten. Anke Westphal macht sich in der Berliner Zeitung erhebliche Sorgen, ob sich der Humor aus Ades Film "Toni Erdmann" dem internationalen Publikum an der Croisette überhaupt vermitteln lässt. In der Welt meint Hanns-Georg Rodek, dass der deutsche Film auch mit Regisseuren wie Romuald Karmakar, Christian Petzold, Thomas Arslan oder Nicolette Krebitz schon lange nicht mehr die Verachtung verdient, die ihm die Filme der achtziger Jahre in Cannes einbrachten. In der NZZ fürchtet Susanne Ostwald höchstens, dass politische Debatten die Filmkunst beeinträchtigen können.

Eröffnet wird das Festival mit Woody Allens "Café Society". In einem großen Interview mit Stephen Galloway vom Hollywood Reporter behauptet der Regisseur, nie auch nur eine einzige Zeile all dessen zu lesen, was über ihn geschrieben wird. Bruno Dumonts bizarre Tragikomödie "Ma Loute" wird mit großer Begeisterund vorab gefeiert, die französische Kritik liegt dem Regisseur seit seiner schrägen Serie "P'tit Quinquin" zu Füßen. In Le Monde berichtet Jacques Mandelbaum von den Dreharbeiten, bei denen er Dumont als eine Art "böser Geist im heute hypernormierten System der Filmproduktion" erlebte. In seinem neuen Film lässt er zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einem nordfranzösischen Seebad eine großbürgerliche Familie mit einer proletarischen Kannibalensippe aufeinanderkrachen.

Ryan Gilbey besucht für den Guardian die Dreharbeiten zu Olivier Assayas' neuem Film "Personal Shopper" mit Kristen Stewart, die er nur beim Spielen beobachten kann: "In the scene being shot this morning, she and Lewis's girlfriend, played by Sigrid Bouaziz, are discussing séances. After the fourth take, Assayas calls out: 'Pretty good.' After the fifth: 'A dernier.' In each one, Stewart brings her trademark minimalist intensity: the angular features, the tight mouth and piercing gaze contain infinite and mysterious tensions. Her antennae seem to never stop twitching."

Weiteres: Werner Bloch führt die Tagesspiegel-Leser durch das Museum "Chaplin's World" bei Montreux.

Besprochen werden Omar Fests Thriller "Remainder" (SZ), die britische Polizeiserie "Babylon" (FR, ZeitOnline), Adolf Winkelmanns Ruhrpottfilm "Junges Licht" (taz), die zweite Staffel der Serie "Gomorrha" (ZeitOnline, FAZ) und Matthew Browns "Die Poesie des Unendlichen" über den Mathematiker Srinivasa Ramanujan (FAZ).
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Kunst


William Kentridge: More Sweetly Play the Dance, 2015. Video still

Im Berliner Martin-Gropius-Bau eröffnet heute die große William-Kentridge-Schau. Im Tagesspiegel-Interview mit Christiane Peitz erklärt der Künstler: Erfolg ist immer ein Desaster. "Man ist, wer man ist, weil man mit diesem oder jenem scheiterte. Ich bin gescheitert bei meinen Versuchen, in Öl zu malen, Schauspieler zu werden, Filmemacher zu werden. Eines Tages fand ich mich im Atelier wieder, jetzt mache ich alles, malen, spielen, filmen. Ich profitiere von Dada, davon, dass diese Anti-Kunst den Raum der Kunst in alle Richtungen geöffnet hat. Mit 15 wollte ich Dirigent werden. Dann erfuhr ich aber, dass man dafür Noten lesen muss, also wurde es nichts. Jetzt inszeniere ich Opern, das ist fast wie Dirigieren, ohne Noten lesen zu können."


Nikolaus Geyer, aus der Serie Weder Freund noch Feind - Geschichten aus Beirut, 1997/1998, Museum für Fotografie.

Sehr eindringlich findet Bettina Maria Brosowsky in der NZZ eine Ausstellung des 2005 verstorbenen Fotografen Nikolaus Geyer im Museum für Fotografie in Braunschweig, die sie als einen Essay der leisen Töne über Beirut schätzt: "'Wem gehört die Stadt?', mögen heute Aktivisten in den satten Metropolen fragen. Im Beirut Ende der 1990er Jahre stellte sich die Frage auf existenzielle Weise. Palästinenser etwa waren lediglich geduldete Flüchtlinge, in Elendsquartieren von Bildung und Arbeit ausgeschlossen. Nur die Amerikanische Universität Beirut, eine private Elite-Einrichtung, nahm Palästinenser als Studenten auf ... Eine städtische Gesellschaft in nach wie vor explosiver Heterogenität, von den Medien jedoch bereits wieder vergessen."

Weiteres: Schon etwas länger im Gropiusbau zu sehen ist die dem Wiener Aktionisten Günter Brus gewidmete Ausstellung, für die sich Ingeborg Ruthe in der FR zumindest aus historischer Sicht begeistern kann. Besprochen wird außerdem eine Ausstellung über den "Kulturkampf" zwischen deutschem Bauhaus und französischem Art déco im Berliner Bröhan Museum (Welt).
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Literatur

Besprochen werden Joël Dickers neuer Roman "Die Geschichte der Baltimores" (NZZ), Robert Darntons Studie "Die Zensoren" (NZZ)., Don DeLillos "Zero K" (online nachgereicht von der FAS), Anthony Marras "Letztes Lied einer vergangenen Welt" (FR) ,Joachim Lottmanns Novelle "Hotel Sylvia" (Tagesspiegel) und Saša Stanišićs Erzählsammlung "Fallensteller" (Tagesspiegel). Und Krimi-Kritiker Thomas Wörtche hat außerdem seinen aktuellen Leichenberg online gestellt.
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Stichwörter: Joachim Lottmann

Musik

"Denkwürdig" war das Konzert des WDR-Sinfonieorchesters beim Kölner Festival "Acht Brücken" für Neue Musik, schreibt Josef Oehrlein in der FAZ. Gespielt wurde beinahe das komplette noch erhaltene Werk der russischen Komponistin Galina Ustwolskaja, das "von elementarer Wucht, ja Brutalität" sei, ja geradezu "der Aufschrei einer gequälten Seele, die sich von ihrem Gott nicht verstanden fühlt". Ein mit Klangbeispielen unterfüttertes Radioporträt der Komponistin kann man beim WDR nachhören. Und anlässlich der Uraufführung ihres Requiems hat sich Maria Riederer fürs DRadio Kultur mit der Komponistin Christina Cordelia Messner unterhalten.

Weiteres: Im Jazzblog der taz porträtiert Franziska Buhre die derzeit in Deutschland tourende Musikerin Leyla McCalla. Im Tagesspiegel gratuliert Christian Schröder dem Sänger Donovan zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden das neue Radiohead-Album (Spex, ZeitOnline, Welt, mehr dazu im Efeu von gestern) und Jörg Heisers Buch "Doppelleben - Kunst und Popmusik" (FAZ).
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Architektur

Andreas Kilb durfte für die FAZ monströsen BND-Bau besichtigen, dem Architekt Jan Kleihues nicht ganz die "erhoffte Kleinteiligkeit" verleihen durfte: "In der Abfolge von geraden und abgewinkelten Gebäudeflügeln, die Jan Kleihues zur Chausseestraße hin entworfen hat, erkennt man Elemente des klassischen Vaubanschen Festungsbaus, Bastionen, Kurtinen und Kontrescarpen aus meterhohem Stahlbeton, die den achtstöckigen Überbau stützen."

Für die FR bespricht Martín Steinhagen eine Ausstellung über das Studio Mumbai im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt.
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Bühne


Politiker treffen sich und bewältigen Krisen: Mozarts "Mitridate" an der Brüsseler Oper La Monnaie. Foto: B. Uhlig.

Der Versuch des französischen Regiekolletivs le lab, in Brüssels Palais de la Monnaie Mozarts frühe Oper "Mitridate, rè di Ponto" als Allegorie auf die EU zu inszenieren, ist gelungen, verkündet Christopher Warmuth erfreut in der FAZ: "Viel zu selten, dass große Oper so glückt, und zwar in fast jeder Hinsicht ... Diverse Installationen irritieren die Erwartungshaltung: Gehört der Glaspavillon mit Taschenkontrolle denn schon zur Inszenierung, oder ist er eine Reaktion auf die politische Lage des Landes? Und was bedeutet es heute, Europäer zu sein? Von Anfang an lösen sich die Grenzen auf zwischen dem Zuschauer als Kunstgenießer und dem als Bürger und Sozialwesen."

In der SZ spricht Christine Dössel mit Wilfried Schulz, dem neuen Intendanten des Schauspielhauses Düsseldorf, der von Dresden noch Nordrhein-Westfalen wechselt. Über seine letzten Jahre im Osten, die im Zeichen von Pegida standen, sagt er: "Die letzten zwei Jahre waren für mein Theaterverständnis noch einmal sehr wichtig: Man wusste, was man tat und warum. Wir sind da letztlich für die Politik in die Bresche gesprungen. Mir hat das wieder gezeigt, dass die gesellschaftliche Verantwortung von Theater völlig außer Diskussion steht. Aber es war auch zermürbend."

Weiteres: Katrin Bettina Müller berichtet in der taz von der Tagung "Theater und Netz". Für die taz porträtiert Wolf-Dieter Vogel die Tänzerin Yanel Barbeito, die wegen einer infantilen Zerebralparese erst im Alter von sieben Jahren sprechen und gehen gelernt hat.
Archiv: Bühne