9punkt - Die Debattenrundschau

Ein Projekt gegen Resignation

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.03.2016. Auf Zeit online bekräftigt Armin Nassehi die Vorwürfe gegen Peter Sloterdijk, fragt aber auch, ob der Philosoph seinen Cicero-Interviewern auf den Leim gegangen ist. In der FAZ überlegt Kathrin Röggla, mit welchen literarischen Techniken man sich dem Krieg nähern kann. In der FR diagnostiziert der Soziologe Heinz Bude ein Gefühl der verbauten Zukunft in Europa. Auf Spon erklärt der dänische Politiker Naser Khader, warum Islamisten in Dänemark so erfolgreich sind. In der FAZ führt uns Viktor Jerofejew durch die russische Zauberwelt.

Ideen

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat seinen Kritikern kürzlich in der Zeit vorgeworfen, sein - nicht online stehendes - Interview mit Cicero falsch gelesen zu haben. Armin Nassehi sieht das auf Zeit online ganz anders. Er überprüft seine Vorwürfe nochmal anhand der Sloterdijkschen Antworten und kommt zu dem Schluss, dass Kritik an Sloterdijk, die ihm identitäres Denken vorwirft, berechtigt ist: "Das Interview lebt davon, mit einer geschickten Andeutungs- und Undeutlichkeitstechnik deutlich zu insinuieren, worum es Sloterdijk am Ende geht. Das ganze Interview bedient genau jene Semantik, von der rechte und rechtsintellektuelle Invektiven derzeit leben. Sie betreibt eine Kulturkritik, die die Flüchtlingskrise geradezu genüsslich als eine Gelegenheit begrüßt, Sätze zu sagen, die in aller Deutlichkeit zu hässlich wären. [...] Am Ende besteht für mich ein wenig der Verdacht, dass er seinen Interviewern auf den Leim gegangen ist, denen es jedenfalls kunstvoll gelungen ist, Sloterdijk jene Sätze abzutrotzen, die sie gerne hätten. Wenn man weiß, um wen es sich bei den Interviewern handelt, wundert das nicht sehr ..."

Im Aufmacher der heute erscheinenden FAZ-Literaturbeilage fragt Kathrin Röggla am Beispiel verschiedener Texte, wie man den Kriegen und dem Elend rings um uns heute als Autor begegnen kann. Mit literarischen Verfremdungstechniken? Mit Realismus? Schwierig. "Vielleicht weil es in den realistischen Verfahren auch immer darum geht, sich ins Verhältnis zu setzen. [...] Dieses Sich-ins-Verhältnis-Setzen ist in gegenwärtigen Zeiten schwieriger geworden. Die Gründe dafür sind zahlreich und hängen stark mit einer politischen Öffentlichkeit, einer Vielzahl von medialen Mechanismen zusammen."

Die inflationäre Anrufung von Hochwertwörtern wie "Rechtsstaat" oder "Menschenwürde" dient vor allem dazu, in der Diskussion den Gegner mundtot zu machen, kritisiert in der NZZ der Verfassungsrechtler Andreas Kley: "Dabei setzen sich die Votanten nie mit 'dem' Rechtsstaat oder 'der' Gewaltenteilung auseinander, sondern sie benützen den Begriff bloß, um die Gegner ihres Anliegens zu beschmutzen. Denn wer gegen die heiligen Begriffe ist, der kann kein guter Mensch sein. Dieses Verfahren kann man daher als 'Sakralisierung' (von lat. 'sacer': heilig) bezeichnen. Damit ist eine ungünstige Folge der Verfahrensweise der Sakralisierung in der Politik schon angesprochen. Wer einem heiligen Wort widerspricht, der wird stigmatisiert, denn eine solche Person begeht ein Sakrileg und ist aus der Gemeinschaft auszuschließen."
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Europa

Schlechte Stimmung in Europa, überall herrscht ein "Gefühl der verbauten Zukunft", meint im Interview mit der FR der Soziologe Heinz Bude. Darauf reagieren die einen mit Endzeitstimmung, die anderen glauben, Unübersichtlichkeit ist kein Problem, sondern die Rettung, so Bude: "Es fehlt beiden an einer positiven Idee von Zukunft. Die Haltung derer, die sagen: 'Es wird schon werden', ist gefangen in einer Vorstellung von einer ewigen Gegenwart. Die Empörten wiederum blicken apokalyptisch auf die Welt. Der Neoliberalismus der vergangenen 30 Jahre hat ihnen zufolge einen Käfig errichtet, aus dem man nicht mehr herauskommt. Diese Konfrontation der Stimmungen kann man in den USA genauso erkennen wie in Frankreich oder in Polen. Die Flüchtlingsfrage bringt es nur noch stärker hervor."

Außerdem: Marc Reichwein bespricht in der Welt Heinz Budes neues Buch "Das Gefühl der Welt".

Warum gibt es ausgerechnet in Dänemark so viele Islamisten? Der dänische Politiker Naser Khader versucht es im Interview mit Spon zu erklären: Da sind erstens die liberalen dänischen Gesetze, die es sehr schwer machen, Hasspredigten zu verbieten. Und zum anderen die moderaten Imane, die oft einfach still halten, statt den Islamisten etwas entgegenzusetzen: "Ich finde das Verhalten vieler Vertreter jedenfalls fatal: Statt aufzustehen und sich von radikalen Predigern abzugrenzen, kritisieren sie jetzt den Fernsehsender, der die Hasspredigten enthüllt hat, und erfinden neue Verschwörungstheorien gegen Muslime. Wir brauchen etwas anderes: eine richtige Bewegung gegen die Radikalen. Ich beobachte aber auch in meinem persönlichen Umfeld eine Unlust. Einige sagen mir: Ich habe ein gutes Leben, warum sollte ich mir durch ein solches Engagement Probleme schaffen? Das ist ein großes Problem."

Die Russen leben nicht in der Geschichte, sie leben in einer Zauberwelt, die niemand besser versteht als Putin, erklärt der Autor Viktor Jerofejew in der FAZ. Putin "will die archaische Dekoration gar nicht ändern. Im Gegenteil, in der derzeitigen Kreml-Propaganda bei den staatlichen Fernsehsendern wird emsig am Märchen gebaut: Alles funktioniert nach dem Prinzip 'das Eigene - das Fremde', 'Freund - Feind', 'unser - nicht unser'. Feinde müssen vernichtet werden, man kann mit ihnen kommunizieren, wenn sie stark sind. Ein schwacher Feind ist ein toter Feind. Die Macht und die Bedeutung des archaischen russischen Märchens mit dem festen Glauben an unsere nationale Einzigartigkeit sind der Grund für die Unvorhersehbarkeit der Handlungen des heutigen Russlands."

Weiteres: Bahoz Destan schickt für die taz eine große Reportage über die PKK in Deutschland und der Türkei.
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Geschichte

Jan Feddersen kritisiert in der taz, dass manche mit Fritz Bauer befassten Historiker, etwa eine Gruppe, die jüngst in Berlin tagte und die im Forschungsjournal Soziale Bewegungen publiziert, lieber nicht erwähnt, dass Bauer schwul war - dabei war ihm die Kritik der "Sittlichkeitsgesetzgebung" der Nachkriegszeit selbst ein wichtiges Anliegen: "Niemand von den Historiker*innen des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt war geladen, um die hagiografische Weihestimmung in Sachen Fritz Bauer historisch zu balancieren. Diese Tendenz hatte sich bereits im Forschungsjournal gezeigt. Kein Text über das, was Fritz Bauer am stärksten nach 1949 bewegte: die Sittlichkeits- und Sexualstrafgesetzgebung in der BRD."

In der taz porträtiert Andreas Fanizadeh den Historiker Heinrich August Winkler, der nächste Woche auf der Buchmesse mit dem Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung 2016 ausgezeichnet wird, als Konservativen und Gegner von Merkels Flüchtlingspolitik: "Natürlich soll hier nicht unterschlagen werden, dass Heinrich August Winkler sich entschieden gegen rechte Populisten abgrenzt, gegen AfD oder Pegida. Winkler ist dem (westlichen) Antifaschismus verpflichtet. Doch haben seine mahnenden Wortmeldungen in den Medien, die er als 'Interventionen' versteht, auch etwas von den sich selbst erfüllenden Prophezeiungen eines Verteidigers des Status quo. So negierte er von Anfang an Merkels 'Wir schaffen das' und konterkarierte die - aus humanistischer Perspektive - alternativlose Grenzöffnung des Spätsommers 2015. Sie stelle einen illegitimen deutschen Alleingang in Europa dar, so Winkler."
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Gesellschaft

In der Welt schildert Eva Quistorp ihre Erfahrungen aus sechs Monaten Arbeit in einem Flüchtlingsheim. Und langsam bricht das Gefühl "auch bei mir durch: Die Welt ist aus den Fugen. Es muss ein Ende des Flüchtlingsstromes absehbar sein, sonst kommt einem jede Arbeit an der Integration vergeblich vor. Es fehlen Orte des langsamen Erklärens, des Einübens gewaltfreien Streitens, der Kompromissfindung, was früher in vielen Kirchen, Gewerkschaften und Vereinen geschah. Die Kulturszene und die Wissenschaft sind zu sehr in ihren Milieus abgekapselt. Auch viele Flüchtlinge kämpfen damit, dass sie Illusionen erlagen, Schleppern und Facebook geglaubt haben."
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Politik

Nein heißt Nein. Nach diesem Motto forderte kürzlich die feministische Aktivistin Kristina Lunz eine Reform des Sexualstrafrechts, die jede unerwünschte sexuelle Handlung wie Begrabschen zur Straftat erklärt. Der Kriminologe Arthur Kreuzer lehnt das auf Zeit online ab. Er wünschte sich zwar, dass Begrabschen künftig als Beleidigung gewertet wird (was nach einem BGH-Urteil derzeit nicht der Fall ist). Doch die weitergehende Forderung der Reformbefürworter bedeutet seiner Ansicht nach ein Verzicht auf jedes objektive Tatmerkmal. Allein der kaum zu beweisende "entgegenstehende Wille" gälte dann: "Beweisnot, Denunziationspotenzial, das Risiko von Fehlentscheidungen nähmen beträchtlich zu. Namentlich Prominenten könnten verschmähte Liebhaberinnen leicht eine Sexualstraftat mit notwendigerweise folgenden Ermittlungsverfahren anhängen. Das genügt bekanntlich, um jemanden sozial zu erledigen. Die Mehrzahl der vielen tatsächlich in einer Beziehung Gedemütigten müsste sich jedoch noch weiter erniedrigt, womöglich geängstigt fühlen, weil die Verfahren gegen ihre Peiniger in aller Regel mangels Beweisen eingestellt, zumindest mit Freispruch enden würden."
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Kulturpolitik

Der neuen polnischen Regierung zum Trotz wird sich Breslau mit seinem Kulturhauptstadt-Programm als "multi-konfessionelle, multi-ethnische" Stadt in Szene setzen, schreibt Jens Bisky in der SZ nach einem Besuch. "Interessant ist es dort, wo es die urbane Kultur stärkt. Eine neue Konzerthalle wurde gebaut, ein gewaltiger Klotz; neben der Jahrhunderthalle, Max Bergs Stahlbeton-Pionierbau von 1913, einer 'Kathedrale der Demokratie', steht Hans Poelzigs vornehmer Vier-Kuppel-Pavillon. Von April an wird das Nationalmuseum dort zeitgenössische Kunst zeigen. Ein Programm fördert künstlerische Interventionen in fast vergessenen, heruntergekommenen Vierteln der Stadt: gemeinsam mit den Bewohnern wird versucht, Farbe und Grün in Höfe zu bringen, ein Projekt gegen Resignation."
Stichwörter: Breslau, Kulturhauptstadt

Medien

Mehr Fakten wünscht sich Jaafar Abdul Karim von den Medien. Gerade auch über Flüchtlinge, betont Karim, Moderator von "Shabab Talk", einer Talkshow im arabischen Programm der Deutschen Welle, im Gespräch mit der taz: "Es gibt zurzeit fast mehr Kommentare als Hintergründe und Fakten. Das wurde bei der Berichterstattung über die Kölner Silvesternacht besonders deutlich. Manchmal wünsche ich mir, dass alles ein bisschen lösungsorientierter wäre. ... Einfach unvoreingenommen beide Seiten zeigen. Das fehlt manchmal."

Außerdem erfährt man, dass nach SZ und Zeit jetzt auch die taz eine Medienkooperation mit den Öffentlich-Rechtlichen eingegangen ist: "Nun kooperieren wir erstmals auch mit Kollegen des ARD-Magazins Monitor. Am kommenden Donnerstag sendet das Magazin eine Reportage und parallel dazu erscheint die Geschichte in der taz. Solche Kooperationen erhöhen Reichweiten und Wirkung, und das ist gut", annonciert Kai Schlieter.

Außerdem: Viola Schenz porträtiert in der NZZ die Journalistin Ann Wroe, die die Nachrufe für den Economist verfasst.
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