9punkt - Die Debattenrundschau

Diese Art von Strategie-Versteherei

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.03.2016. In einem flammenden Plädoyer auf Facebook verteidigt der französische Premierminister Manuel Valls den Autor Kamel Daoud gegen eine Petition von Akademikern. Daoud selbst hält in der Zeit an seinem umstrittenen Text zu Köln und zum muslimischen Frauenbild fest. In der NZZ macht sich der Politologe Xavier Bougarel Hoffnung auf eine friedlichen Islam auf dem Balkan. In der FAZ erklärt Shoshana Zuboff, "wie wir Sklaven von Google wurden". Ist Herfried Münkler das Megafon des in Gestalt von Angela Merkel wesenden Weltgeists? Peter Sloterdijk hat in der jüngsten Zeit so seine Zweifel daran. Und David Rieff wendet sich im Guardian gegen den Kult der Erinnerung.

Gesellschaft

Politiker können uns immer wieder überraschen. Erst Angela Merkel und ihre Flüchtlingspolitik, nun ein flammendes Plädoyer des französischen Premierministers Manuel Valls pro Kamel Daoud und gegen eine Petition von Akademikern (unsere Resümees), die Daoud Islamophobie vorwarfen und an deren Adresse Valls auf Facebook sagt: "Diese Art, die Debatte zu führen, ist Zeichen eines tiefen Problems der Intellektuellen, einer großen Schwierigkeit, in unserem Land, die Probleme und die Gefahren mit Gelassenheit zu reflektieren. Statt dessen werden jene abgewiesen, die es versuchen. Aber in einer Zeit wie der unseren, die immer schwieriger zu deuten und entziffern ist und die von Extremismen und Fanatismen überwältigt wird, können Analysen wie die von Kamel Daoud - und anderer mit ihm - für uns sehr hilfreich sein. Jenseits der Karikaturen, die über ihn gemacht wurden, liefert uns der algerische Autor einen erhellenden und konstruktiven Standpunkt, den eines Intellektuellen und eines Romanciers."

In einem Interview mit der Zeit macht Kamel Daoud noch einmal ganz klar, dass er keinen Millimeter von seiner Islamkritik abweicht: "In der arabischen Welt haben wir eine kranke Beziehung zur Frau. Trotz aller Unzulänglichkeiten beneide ich den Westen um die Rolle der Frau in seiner Gesellschaft. Wer aber eine kranke Beziehung zur Frau hat, hat auch eine kranke Beziehung zur Welt, was seine Kreativität, seine Freiheit, seinen Körper und seine Begierden betrifft. Wie können wir das Leben lieben, ohne die Frau zu lieben? Wie können wir Familien aufbauen, wenn wir die Frau nicht respektieren? Ich habe früher einmal geschrieben: Wer die Frauen einschließt, macht die Männer zu Gefangenen."

Sascha Lobo zeigt in seiner jüngsten Spiegel-online-Kolumne, das Hysterisierung keineswegs eine Spezialität der Lügenpresse-Fraktion ist. Sein aktuelles Beispiel: die von der CDU in Schlewig-Holstein angeblich geforderte "Schweinefleischpflicht", die in Twitter für viel Häme sorgte. Aber niemand hatte eine Pflicht gefordert, es ging nur darum, dass Schweinefleisch weiterhin in Schulkantinen angeboten werden soll. Begonnen hatte die Eskalation laut Lobo mit einer Überschrift der Lübecker Nachrichten. "Einem eher differenzierenden Artikel hatte jemand online die Überschrift 'Schweinefleisch-Pflicht in öffentlichen Kantinen?' gegeben, gefolgt von der Unterzeile 'Die Nord-CDU fordert eine Schweinefleisch-Pflicht für alle öffentlichen Kantinen im Land, vor allem für Kitas und Schulen.' Schon die Überschrift mit Fragezeichen war eine suggestive Unterstellung, die im Artikeltext explizit ausgeschlossen wurde. Die Unterzeile schließlich war falsch. Schlicht falsch. Wenn die Person, die sie schrieb, den Artikel gelesen haben sollte, könnte man auch sagen: eine Lüge. In der Presse." Der Artikel steht weiter ganz genau so im Netz.
Archiv: Gesellschaft

Europa

Eine "neue Islamisierung des Balkans" gibt es trotz neuer salafistischer Gruppen nicht, erklärt der Politologe Xavier Bougarel im Interview mit der NZZ. "Die größte Rolle spielen die Geldüberweisungen, die für den Bau von Moscheen und humanitäre Zwecke verwendet werden. Bisher haben dogmatische Einflüsse aus der Diaspora keine große Rolle gespielt. Aber das ändert sich. Es gibt im Westen eine Reihe prominenter Muslime, die aufgeklärt und ohne Komplex ihren Glauben praktizieren und enge Beziehungen zur alten Heimat aufrechterhalten. Sie könnten eine Rolle bei der Modernisierung des Islam auf dem Balkan spielen. Auf der andern Seite gibt es die marginalisierten, radikalen Diaspora-Muslime, die der Kontrolle der offiziellen Gemeinschaften entglitten sind. Beide Gruppen versuchen, ihren Einfluss auf dem Balkan zu vergrößern. In welche Richtung sich der Islam auf dem Balkan schließlich entwickelt - das ist eine Auseinandersetzung mit offenem Ausgang."
Archiv: Europa
Stichwörter: Balkan, Xavier Bougarel, Islam

Politik

In einem von der Welt übernommenen Artikel für Project Syndicate erklärt Mohammed Bin Rashid al-Maktum, Vizepräsident und Premier der Vereinigten Arabischen Emirate und Herrscher des Emirats Dubai, dass man künftig gern mehr für die Jugend tun möchte und Toleranz unterstützt: "Wir müssen Toleranz lernen, weitergeben und praktizieren - und diesen Gedanken sowohl durch Bildung als auch durch unser Vorbild unseren Kindern einpflanzen. Aus diesem Grund haben wir auch eine Staatsministerin für Toleranz ernannt." (Mit oder ohne Schleier?)
Anzeige
Archiv: Politik

Internet

Unter der reichlich melodramatischen Überschrift "Wie wir Sklaven von Google wurden" (die trotz allem vom Artikel nicht gedeckt wird) wendet sich die Ökonomin Shoshana Zuboff in der FAZ gegen einen Kapitalismus, der auf den Überwachungspotenzialen des Internets beruht und als dessen treibende Kraft sie Google ansieht: "Wir sind jetzt die Ureinwohner, deren Ansprüche auf Selbstbestimmung stillschweigend von den Karten unseres eigenen Verhaltens verschwunden sind. Sie wurden getilgt durch einen verblüffenden, dreisten Akt der Enteignung durch Überwachung, der das Recht beansprucht, in seinem Hunger nach Wissen und Einfluss auf unsere Verhalten keinerlei Grenzen zu achten. "

Sehr viel gelassener klingt der Philosoph Markus Gabriel, der im Interview mit Johan Schloemann in der SZ sagt: "Der Gesetzgeber muss sicherstellen, dass neue Technologien, die ja zum Teil sehr zu begrüßen sind, nicht mehr Schaden anrichten, als sie Nutzen bringen. Das selbstfahrende Auto sollte also dann zugelassen werden, wenn klar ist, dass es keinen mehr gefährdet als ein herkömmliches."
Archiv: Internet

Ideen

In der Zeit staunt Peter Sloterdijk, wie sich Herfried Münkler kürzlich in der Zeit "als Mitwisser einer an der Spitze des deutschen Staatswesens waltenden strategischen Vernunft" gerierte und die Flüchtlingspolitik Angela Merkels verteidigte: "Ich frage mit Blick auf die jüngeren Beispiel von Strategen-Scheitern: Waren nicht auf der weltpolitischen Bühne seit Jahrzehnten die stolzen Konfliktberater und Strategien-Schmiede regelmäßig die Blamierten, vom Vietnamkrieg bis zu den irakischen und syrischen Debakeln? War nicht die 'strategische Rationalität', vor allem in der münklerisch gedeuteten imperialen Außenpolitik der USA, das Einfallstor der fatalsten Fehlleistungen? Diente 'Strategie' nicht stets als Ausrede für zukunftsblinden Interventionismus, beginnend mit der Destabilisierung unwillkommener Regime, endend mit der Überlassung ruinierter Staaten an Chaos, Terror und nie beendbaren Bürgerkrieg? Diese Art von Strategie-Versteherei auf der Basis von forscher Imperiophilie möge uns weiterhin erspart bleiben."

David Rieff legt im Guardian einen Essay zur Frage vor, ob historische Erinnerung Konflikte nicht eher verschärft, statt sie zu versöhnen. Das beste Beispiel ist natürlich der Nahostkonflikt, in dem Rieff Israel eine Politisierung der Geschichte vorwirft - der muslimischen Seite aber ebenso. "Nach dem britischen Sozialhistoriker Paul Connerton 'hat ein immer größerer Teil der arabischen Geschichtsschreibung ab dem 19. Jahrhundert die Kreuzzüge zum Thema gemacht'. Der Begriff wurde zum 'Codewort für die bösen Absichten des Westens, die in der Gründung des Staats Israel gipfelte'. Nach Connerton war eine der Effekte des arabisch-israelischen Konflikte, dass er immer neue Studien zu den Kreuzzügen beflügelte."
Archiv: Ideen

Medien

Die Zeit hat auszugsweise einen Text übersetzt von Martin Baron, der ab 2001 als Chefredakeur des Boston Globe maßgeblich für die mit einem Pulitzerpreis ausgestattete Berichterstattung über die Missbrauchsfälle und systematischen Vertuschungen in der Katholischen Kirche war. Baron hofft, dass der oscarprämierte Film "Spotlight" über den Boston Globe künftige Zeitungsbesitzer, Herausgebeber und Chefredakteure bestärkt, wieder mehr investigative Recherche zu betreiben.

Lena Dunham badet mit ihrem Newsletter Lenny Letter, der durchaus kontroverse Fragen wie Abtreibung anspricht, in Erfolg, schreibt Laura Hazard Owen im Niemanlab: "Überdies gibt es ein richtiges Gschäftsmodell jenseits des Starfaktors von Lena Dunham. Lenny Letter wird von einer anzeigenpartnerschaft mit Hearst getragen, und Hearst promotet das Produkt in Magazinen wir Cosmopolitan und Hearst. Dieser Mix war es, der half Lenny Letter auf 400.000 Abonnenten zu bringen." Dem Newsletter folgte erst später die Website.

In der SZ schildert Paul-Anton Krüger die Härte, mit der die ägyptische Justiz gegen Autoren, Intellektuelle und Journalisten vorgeht: So wurde jetzt der Schriftsteller Ahmed Naji wegen einer Sexszene in einem Roman zu zwei Jahren Haft verurteilt. "'Mit Sorge sehen wir die Zunahme unterdrückerischer Praktiken, die Attacken auf öffentliche, persönliche, akademische und künstlerische Freiheiten', heißt es in einer Solidaritätserklärung, die mehr als 500 Künstler und Schriftsteller unterzeichnet haben. Es herrscht ein Klima der Angst, auch unter Journalisten und Aktivisten der Zivilgesellschaft, das es so selbst unter Diktator Hosni Mubarak nicht gab. Seit Monaten läuft gegen sie alle eine vielschichtige, systematische Einschüchterungskampagne, in der Justiz, Sicherheitsapparat und andere Teile des vom Militär kontrollierten Regimes Hand in Hand spielen. Die Dimension erschließt sich erst, wenn man einen Schritt zurücktritt. Dann fügen sich scheinbar unterschiedliche Fälle zu einem erkennbaren Muster. Es gibt in Ägypten keinen Rechtsstaat. Es herrscht Willkür."

Weiteres: Für die Medienseite der SZ besucht Claudia Tieschky die Redaktion der inzwischen nach Insolvenz udn Verkauf vor zwei Jahren wieder profitablen Münchner Abendzeitung.
Archiv: Medien