Efeu - Die Kulturrundschau

Geheimlehre und Partywissen

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20.02.2016. Die SZ erlebt Baukunst und Raumqualität im Düsseldorfer Untergrund. Der Perlentaucher feiert die Berlinale als bunten Flickenteppich des Weltkinos. So langsam finden die Kritiker Worte für Lav Diaz' achtstündigen Wettbewerbsbeitrag "A Lullaby to the Sorrowful Mystery". Die Welt singt den Komponisten Helmut Lachenmann, Friedrich Cerha, György Kurtág und Aribert Reimann ein Ständchen zum Dreihundertvierzigsten. Und große Trauer um Umberto Eco und Harper Lee.

Literatur

Heute Nacht ist Umberto Eco gestorben. Auf SZ Online schreibt Irene Helmes einen Nachruf auf den großen Schriftsteller und Semiotiker: "Der Italiener gehörte trotz seiner phänomenalen klassischen Bildung nie zu den Intellektuellen, die sich naserümpfend über alles erheben, was nicht in ihr abgesegnetes Curriculum passt... In Ecos Welt war für mittelalterliche Zeichenrätsel ebenso Platz wie für Comicdarstellungen und die ästhetische Wirkung von Supermodels. Ein Erfolgsrezept. Zu seinem 80. Geburtstag stellte die Welt fest: 'Mit ihrer Mischung aus Geheimlehre und Partywissen ebneten Ecos Romane eine Mystery-Straße, die mittlerweile von vielen Dan Browns erfolgreich, wenn auch weniger bildungsbeflissen befahren wird.'"

Auch Pierluigi Battista würdigt im Corriere delle Sera den Semiologen und Intellektuellen: "Wer ein wenig Umberto Ecos Schriften Revue passieren lässt, erkennt seine Avanciertheit, was das Verständnis der Massenkultur angeht, die zu jener Zeit noch ein unbekanntes Objekt war, machtvoll, aber intellektuell wenig begriffen. Dämonisiert von den großen Kirchen des intellektuellen Lebens, aber wenig verstanden in ihren Grundmechanismen." Und Philippe-Jean Catinchi erzählt in Le Monde nochmal, wie es zum unerwarteten Jahrhundertbesteller "Der Name der Rose" kam: "Alles fing mit einem Auftrag an. Ende der siebziger Jahre wollte eine Lektorin eine Sammlung kurzer Krimis von 'Nicht-Romanciers' lancieren." Auf NZZ.ch schreibt Maike Albath zum Tode Ecos.

Und noch ein Nachruf: In der NZZ schreibt Angela Schader zum Tod der Schriftstellerin Harper Lee, die sich nach dem Welterfolg ihres Debütromans "To Kill a Mockingbird" im Jahr 1960 weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte: "Dann und wann fand noch ein Essay oder eine pointiert formulierte Botschaft den Weg aus Harper Lees Haus an der South Alabama Avenue in Monroeville. Die Aufforderung etwa, im August 2007 wieder einmal vor Publikum zu sprechen, quittierte die Schriftstellerin knapp: Sie wolle 'lieber still sein als sich zum Narren machen'. Die Haltung, die sich hinter diesem Bescheid abzeichnet, ist vielleicht nicht minder achtens- und bedenkenswert als die Botschaft eines guten Buches." Auf SZ Online schreibt Christopher Schmidt, in der Printausgabe Fritz Göttler zum Tod von Harper Lee. Weitere Nachrufe in der Welt, im Tagesspiegel, auf Zeit Online und FAZ.net.

FAZler Thomas David besucht den von einer Borreliose schwer gezeichneten Literaturnobelpreisträger V.S. Naipaul. Für die taz spricht Uwe Rada mit der polnische Berlinromane verfassenden Schriftstellerin Magdalena Parys. Für die FAZ berichtet Andreas Rossmann von der Verleihung des Remarque-Friedenspreises an Adonis.

Besprochen werden Heinz Strunks "Der goldene Handschuh" ("Dieser Roman ist richtig böse", staunt Dirk Knipphals in der taz), Hamed Eshrats Comic "Venustransit" (Jungle World), Michael Kumpfmüllers "Die Erziehung des Mannes" (SZ) und Shida Bazyars "Nachts ist es leise in Teheran" (FAZ).

Mehr über Literatur im Netz in unserem fortlaufend aktualisierten Metablog Lit21.
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Architektur

SZler Gerhard Matzig kommt aus dem Staunen nicht heraus: Ausgerechnet das "vielleicht etwas tantenhafte" Düsseldorf hat sich mit seiner neuen, heute eröffneten Wehrhahn-Linie ein architektonisches und künstlerisches Filetstück im U-Bahnnetz geleistet. Da bleibt der Kritiker sehr gerne unter Tage, denn "die Architekten [haben] den gesamten Raum, also Tunnel und Bahnhöfe, als 'Kontinuum' erdacht - einheitlich gestaltet und räumlich als Ganzes erlebbar. Das heißt: Die Bahnhöfe fungieren wie Ausweitungen, Raumöffnungen der auch in der Gestaltung und in den zurückhaltend gewählten Materialien erfahrbaren Tunneltechnik. Was anderswo als normierter Banalraum zu erleiden ist, Sperrengeschosse nach DIN-Norm, Brandschutz und ökonomischem Kalkül, hier ist es Licht, Form, Chiffre und Raum: Baukultur. Wo immer möglich, schaufeln die Architekten das Tageslicht bis auf den Grund der Gleisbetten. Wo immer sinnvoll, schaffen sie Aus- und Einblicke, Sichtachsen und Querbezüge. Die unterirdische Gefangenschaft veredeln sie in Raumqualität."

Weiteres: In der NZZ empfiehlt Jürgen Tietz eine dem chinesischen Architekten Chen Kuen Lee (1915-2003) gewidmete Ausstellung in der Berliner Galerie des Instituts für Auslandsbeziehung. Und im Tagesanzeiger unterhält sich Martin Suter mit dem spanisch-schweizerischen Architekten Santiago Calatrava, der auf dem Ground Zero in Manhattan einen Bahnhof gebaut hat.
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Film

Der Berlinale-Wettbewerb ist durch, alle Filme sind gezeigt - das Festival klingt für das Publikum gemächlich aus, für die Presse ist es vorbei. Lukas Foerster wagt sich im Perlentaucher noch vor den vergebenen Bären an ein Resümee, das erstaunlich positiv ausfällt: Die allgemeine Kritik kann er bestens nachvollziehen, doch "das Schaulaufen des internationalen - aber wie ja zuletzt immer öfter kritisiert fast ausschließlich männlichen und außerdem sehr überwiegend europäischen - Autorenkinos in Cannes interessiert mich, wenigstens aus der Ferne, weniger als der bunte, kaum auf einen Nenner zu bringende Flickenteppich des Weltkinos, als den sich die Berlinale präsentiert.


Universum abseits von Zeitökonomie: "A Lullaby to the Sorrowful Mystery" von Lav Diaz

Letzte Wortmeldungen zu einzelnen Filmen: Zu Lav Diaz' Wettbewerbsbeitrag "A Lullaby to the Sorrowful Mystery" gab es bereits gestern erste Wortmeldungen, doch für die meisten Kritiker war der Redaktionsschluss bei acht Stunden Laufzeit hoffnungslos gerissen, um noch rechtzeitig Texte einzureichen. Heute also die nachgereichten Texte: Für Diaz, schreibt ein schwer beeindruckter Ekkehard Knörer in der taz, ist Film "eine Kunst, die nicht Wissen und Zeit rafft, um daraus narrative Spannungsbögen zu schlagen; sondern eine Kunst, die sich alle Zeit nimmt, die sich eine eigene Zeit schafft, in der sich die historischen Zeichen und Spuren verdichten und dann wieder verlaufen. ... Vergangenheit [erscheint als] etwas, das jederzeit seine Präsenz, seine Schärfe, seine Umrisse zu verlieren droht. Gegen diesen Verlust filmt Lav Diaz an. Mit Leidenschaft und Sturheit, der ihm eigenen Radikalität."

Auch Verena Lueken schwärmt in der FAZ nur in höchsten Tönen von dieser Kinoerfahrung: "Diaz hat ein Paralleluniversum geschaffen, in dem unsere Erzählkonventionen nicht gelten. Ein Universum abseits von Zeitökonomie. Einen Raum, den es nur im Kino geben kann, der aber angefüllt ist mit einem Leid und einer Sehnsucht und einer Lust, die aus der Welt jenseits des Kinos kommen - und all dies bezogen auf das Einzige, wofür es sich zu kämpfen lohnt: die Freiheit." Außerdem besprechen Michael Kienzl (critic.de), Hannah Lühmann (Welt) und Kerstin Decker (Tagesspiegel) den Film. In der taz spricht Barbara Wurm mit dem Regisseur.

Tomasz Wasilewskis spät im Wettbewerb gezeigter Episodenfilm "United States of Love" über drei trübe Frauen in einem tristen Hochhaus rührt die Kritik indessen kaum. Hier sind "alle Klischees versammelt, die einen Kunstfilm ausmachen", stöhnt Peter Uehling in der Berliner Zeitung. Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel findet sich in den "global visafreien Vereinigten Staaten der Einsamkeit, der Lieblosigkeit" wieder. Der Film rücke zuweilen "gefährlich nahe an den Kitsch", seufzt Dominik Kamalzadeh in der taz.

Mit dem iranischen Wettbewerbsbeitrag "A Dragon Arrives" von Mani Haghighi gab es im Wettbewerb auf der Zielgeraden nochmal einen aussichtsreichen Bärenkandidaten zu sehen, freut sich David Steinitz in der SZ. Im Tagesspiegel porträtiert Kerstin Decker den im Forum mit einem Porträtfilm gewürdigten Regisseur Rudolf Thome, der darüber allerdings ganz und gar nicht begeistert ist. Brigitte Werneburg resümiert in der taz das Forum Expanded, wo Perlentaucher Nikolaus Perneczky bei "Visionary Archive" am Beispiel von Indonesien und Nigeria erfährt, wie man mit schwer beschädigtem Filmmaterial umgehen kann. Rosa von Praunheim gratuliert im Tagesspiegel den Teddy Awards zum 30-jährigen Bestehen. Dieser Festivaljahrgang bot starke Frauen-, aber wenig schmeichelhafte Männerbilder, stellt Wenke Husmann auf ZeitOnline fest. Für die taz berichtet Thomas Groh von einer Veranstaltung mit Alva Noto bei den Berlinale Talents. Im Tagesspiegel porträtiert Christian Schröder die Schauspielerin Trine Dyrholm aus Thomas Vinterbergs "Kollektivet" (hier unsere Kritik). In der FR hebt Harald Jähner zum Loblied auf die Stars an. Und in der Welt macht sich Hanns-Georg Rodek Sorgen, dass VoD-Dienste wie Amazon und Netflix den Festivals die Filme abspenstig machen.

Im einzelnen besprochen werden "Saint Amour" von Benoît Delépine und Gustave Kervern (taz, Tagesspiegel), Don Cheadles Biopic über Miles Davis (SZ), Dominik Molls "Des nouvelles de la planète Mars" (taz), die Tänzer-Doku "Strike a Pose" (Tagesspiegel), Reza Dormishias "Lantouri" (Tagesspiegel) und die rekonstruierte Fassung des Remarque-Films "The Road Back" von 1937 (Tagesspiegel).

Unsere eigene Berlinale-Berichterstattung finden Sie gesammelt in unserem Festivalblog. Für einen allgemeinen Rückblick durchstöbern Sie einfach den Schwerpunkt "Film" unserer Kulturrundschau.

Weiteres

Für die Berliner Zeitung unterhält sich Patrick Heidmann mit den Coen-Brüdern über deren neuen, im Freitag von Lukas Foerster besprochenen Film "Hail, Caesar" (unsere Kritik hier). Besprochen wird Florian Gallenbergers Politthriller "Colonia Dignidad" (FAZ).
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Archiv: Film

Musik

In der Welt singt Manuel Brug ein Geburtstagsständchen auf die Komponisten Helmut Lachenmann (wurde Ende Oktober achtzig), Friedrich Cerha (wurde am Mittwoch neunzig), György Kurtág (wurde gestern neunzig) und Aribert Reimann (wird Anfang März achtzig): "Sie waren die erste, vielleicht auch die eineinhalbte Generation, die sich gut genährt hat von einem, vor allem im deutschsprachigen Raum ergiebig sprießenden, Subventionsbetrieb aus Rundfunkanstalten, Theatern und angeschlossenen Institutionen der Stipendienausgießer und Preiseverteiler, die nach dem Nazikulturschock, die Moderne förderten. Radikal. Kompromisslos. Egal, ob jemand zuhörte. Wurscht, ob man breitere Öffentlichkeiten erreichte. So sind diese Großmeister aus Deutschland, Österreich und Ungarn in die Jahre gekommen, schließlich selbst zu Dinosauriern geworden."

Weiteres: Für die taz porträtiert Michael Freerix die in Berlin lebende, mit Analogtechnik arbeitende Experimentalmusikerin und Klangkünstlerin Marta Zapparoli. In der taz erinnert Daniel Kastner an die Caufner Schwestern, die 1978 in der DDR einen Discohit landeten.

Besprochen werden eine konzertante Aufführung von Giuseppe Verdis "Oberto" (FR) und ein Konzert von Car Seat Headrest (taz).

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Kunst

Für die taz besucht Klara Fröhlich das auf StreetArt spezialisierte Kunstzentrum 104 in Paris. Besprochen wird die Rodney-Graham-Schau in der Sammlung Goetz in München (FAZ).
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Stichwörter: Rodney Graham

Bühne


Typisch: Royale Marthaler-Tristesse. Foto: Walter Mair.


Umgestürzte Dinosaurier, Zäune, DDR-Nostalgie, ein trauriger Bär und ganz viel Countrymusik zum Mitsingen: An der Berliner Volksbühne hatte Christoph Marthalers Theaterabend "Hallelujah (Ein Reservat)" unter reichlich Kritikerandrang Premiere. Ulrich Seidler war für die Berliner Zeitung im Haus und wurde mehr als nur einmal von Ost-Erinnerungen gepackt: "Lauter Heimatgefühle! ... Das Beunruhigende der so wonnigen wie giftigen nostalgischen Anwandlungen [besteht] darin, dass sie als Metapher für die Gegenwart taugen: Diese Mischung aus Überwachung und Unterhaltung, bei gleichzeitiger Ermüdung, Erstarrung und Massenvereinsamung."

Simon Strauss schwärmt in der FAZ von "phantastischen Szenen" und ist sich im Anschluss sicher: Dieser Abend war ein "Theatereignis, weil er an keiner Stelle weinselig wird, sich nie in der reinen Sentimentalität gefällt, sondern immer von scharf umrissener Melancholie gezeichnet bleibt. Tristesse Royale."

Ja doch wohl eher "typische Marthaler-Tristesse", hält dem Rüdiger Schaper im Tagesspiegel genervt entgegen, "nur verschärft. Niemand erzählt einen brauchbaren Witz." Alles in allem "ein müder Marthaler. ... Trübsinn, Blues, Phantomschmerz. Und wieder spielt die Volksbühne ein Requiem auf sich selbst. Das 'Hallelujah' gilt dem Haus." In der NZZ hat Sieglinde Geisel "eine seltsam apolitische Show" gesehen, "die weder Sinn vermittelt noch Unterhaltung bietet." Und Katrin Bettina Müller bekennt glänzend aufgelegt in der taz, sich "ein wenig wie die Dauerkartenbesitzerin im Spreewaldpark [gefühlt zu haben], die noch 3.508 Tage lang Zuckerwatte essen muss."

Besprochen wird außerdem ein großer Band über Walter Felsenstein, den Gründer der Komischen Oper in Berlin (NZZ).
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