9punkt - Die Debattenrundschau

Biblisch nicht begründbar

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.02.2016. In der huffpo.fr skizziert Liliane Kandel den alten Konflikt zwischen Feminismus und multikulturellen Ideen. Der New Yorker tanzt im Rhythmus der Gravitationswellen. Warum gibt's in Deutschland eigentlich nur "eingetragene Partnerschaften", aber keine Ehen für Schwule und Lesben, fragt die taz. In der NZZ wendet sich der Buchhistoriker Michael Hagner gegen die Idee einer Bibliothek ohne Bücher. Die Inder vergleichen Mark Zuckerberg laut Atlantic mit den britischen Kolonialherren. Und taz und Welt erzählen, wie Auslandskorrepondenten von türkischen Staatsmedien attackiert werden.

Gesellschaft

Die Feministin Liliane Kandel macht in der huffpo.fr darauf aufmerksam, dass der Konflikt zwischen Feminismus und multikulturellen Ideen schon vor langer Zeit ausbrach - bis in die siebziger Jahre führt sie ihn zurück. An die Adresse postkolonialer Feministinnen, die eine Internationale der Vergewaltigungen jenseits aller kulturellen Unteschiede beklagen und dies mit Zahlen über Vergewaltigungen hierzulande belegen, sagt sie: "Diesen jungen Aktivistinnen sei gesagt, dass diese Zahlen immerhin existieren, dass sie öffentlich sind und dass sie eine Bewusstwerdung und Mobilisierung erlauben. In anderen Ländern sind derartige Statistiken schlechthin undenkbar. Hier wird Vergewaltigung weder benannt noch anerkannt und noch weniger bestraft. Für einige - und nicht nur Daesh-Kämpfer - wird sie vom Koran empfohlen. In anderen Fällen riskiert eine vergewaltigte Frau den Status des Paria... Glauben diese Aktivistinnen, dass es für eine vergewaltigte Frau wirklich gleichgülitg ist, ob sie darüber sprechen, es anklagen kann in der Hoffnung, dass der Täter bestraft wird, oder ob sie zum Schweigen oder gar einem grauenhaften Tod veruteilt wird, wenn es herauskommt?"

Vor fünfzehn Jahren wurde in Deutschland die "Eingetragene Lebenspartnerschaft" geschaffen, die es auch Schwulen und Lesben ermöglicht, sich auch rechtlich als Paar zu definieren. Aber warum nicht das Wort und die Institution "Ehe"?, fragt Jan Feddersen in der taz: "Deutschland hinkt diesem Schritt der vollständigen Säkularisierung des Eherechts hinterher, und das mit christlich-grundierter Absicht. Die Argumente aus der Union - aus der AfD ohnehin, die will in puncto Geschlechterdemokratie die Uhren lieber gleich sechzig Jahre zurückstellen - sind immer die gleichen: Die Ehe sei biblisch für zwei Personen gleichen Geschlechts nicht begründbar. (Unfug, nebenbei: In der Bibel steht zur Ehe gar nichts.)"

Weiteres: Andrea Köhler fragt in der NZZ, was es mit den neuen Proportionen der Barbie-Puppe auf sich hat.
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Europa

Der Brexit droht. Anne McElvoy vom britischen Economist kramt in der Welt ihre ältesten Deutschen-Klischees aus der Mottenkiste - alle so ordentlich und sauber hier und alle halten sich an die vielen, vielen Vorschriften -, betont Gemeinsamkeiten - wir sind doch alle nur auf unseren Vorteil aus - und wendet sich dann an "Angie": "Es wäre also lieb, wenn Sie Europa einen kleinen Ruck geben könnten, damit wir nicht völlig von Donald Tusk abhängig sind. Jedes bisschen zählt, Frau Bundeskanzlerin. Im Gerangel um ein Ergebnis, das Dave irgendwie als Erfolg verkünden kann, sind Sie die Verbündete, auf die es ankommt."

Weiteres: In der FAZ erzählt Josoph Croitoru, wie katholische Fundamentalisten nun die Macht in renommierten Kultursendungen polnischer Staatssender übernehmen. Fleur Pellerin glaubt einen sicheren Posten als franzöische Kulturiministerin zu haben, schreibt das Journal du Dimanche, aber nun wurde sie bei der jüngsten Kabinettsumbildung doch von der Hollande-Beraterin Audrey Azoulay ersetzt.
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Wissenschaft

Sehr streng antwortet der Buchhistoriker Michael Hagner auf ein Interview des Zürcher Universitätsbibliothekars Rafael Ball, der in der NZZ am Sonntag Bibliotheken ohne Bücher gefordert hatte: "Ein Bibliothekar, der die Forderung aufstellt, man solle endlich die Hemmungen vor elektronischen Büchern überwinden, und der darüber hinaus Bibliotheken zu quasi bücherfreien Zonen erklärt, hat nicht nur seinen Beruf verfehlt, er mischt sich auch in Forschungspraktiken ein, die ihn gar nichts angehen. Käme irgendein Universitätspräsident auf die Idee, von Physikern oder Chemikern zu fordern, auf Experimente zu verzichten und nur noch Simulationen durchzuführen?"

Ganz großes Thema heute überall: der Nachweis der Gravitationswellen. Nicola Twilleey erzählt im New Yorker, was geschehen musste, damit der Nachweis geführt werden konnte: "Vor gut einer Milliarde Jahre kollidierten einige hundert Millionen Galaxien von hier entfernt zwei schwarze Löcher. Sie hatten sich seit Äonen in einer Art Balztanz umkreist, kamen sich immer näher. Als sie nur noch weniger hundert Meilen voneinander entfernt waren, gerieten sie in annähernder Lichtgeschwindigkeit ins Schlingern und setzten große Mengen Gravitationsenergie frei."
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Medien

Der ehemalige taz- und heutige Welt-Korrespondent Deniz Yücel hat auf einer Pressekonferenz bei der Türkei-Reise der Kanzlerin die kritische Frage gestellt, warum der türkische Krieg gegen die Kurden gar nicht mehr angesprochen werde. Seitdem wird er von der türkischen Staatspresse angegriffen, schreibt Jürgen Gottschlich in der taz: "Die Angriffe auf Yücel sind ein weiteres Indiz dafür, dass die türkische Regierung, nachdem die inländische Oppositionspresse nahezu mundtot gemacht wurde, jetzt auch gegen ausländische Korrespondenten schärfer vorgeht. Als Erstes werden dabei Journalisten, die die türkische Staatsbürgerschaft haben und für ausländische Medien arbeiten, angegriffen." Auch die Welt berichtet.
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Internet

Mark Zuckerbergs Indien-Reise war ein gewaltiger Flop, schreibt Adrienne LaFrance in Atlantic. Dort wollte er eine abgespeckte Version des Internets verbreiten, die den Indern vor allem Handy-Zugang zu Facebook geben sollte. Dann kam noch der Tweet von Facebook-Investor Marc Andreessen, der den Indern ihren Antikolonialismus vorwarf. Adrienne LaFrance erzählt die Geschichte nochmal für den Atlantic und vor allem zitiert sie die Parallelen, die die indische Autorin Deepika Bahri zwischen Facebook und den britischen Kolonialherren zog:

"1. Reite ein wie ein Retter
2. Gebrauche Wörter wie Gleichheit, Demokratie, Grundrechte
3. Maskiere die langfristigen Gewinnabsichten
4. Rechtfertige die Logik der reduzierten Verteilung als besser als gar nichts
5. Schließe eine Partnerschaft mit lokalen Eliten
6. Beschuldige Kritiker der Undankbarkeit."
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