9punkt - Die Debattenrundschau

Ein unfassbarer Lärm

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.02.2016. Religionen operieren vor allem mit Furcht, um die Menschen zum Guten anzuhalten, fürchtet Spiegel online nach Lektüre von Nature. Auch Vice ist bewegt von Dunja Hayalis Rede zur Goldenen Kamera, findet aber, dass ihre Facebook-Postings nicht immer journalistischen Kriterien genügen. Misstrauen in Medien kann auch Beleg funktionierender Pressefreiheit sein, meint der Medienforscher Carsten Reinemann in der SZ. In einer E-Mail an Zeit online schildert der syrische Journalist Zouhir al Shimale die Zustände in Aleppo. In der Zeit nennt Herfried Münkler Peter Sloterdijk "unbedarft".

Religion

Der zivilisatorische Beitrag der Religionen erklärt sich vor allem aus der Furcht, hat laut Spiegel-Online-Autor Frank Patalong eine Studie herausgefunden, die jetzt in Nature veröffentlicht wurde: "Demnach steigt die Bereitschaft zu altruistischem Handeln deutlich, wenn Probanden sich von einem allmächtigen Gott beobachtet fühlen, der entsprechende moralische Regeln vorgibt und den Verstoß dagegen mit Strafe bedroht. Das Versprechen auf Belohnung für gutes, moralisches Handeln wirkte im Vergleich weit weniger motivierend."
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Politik

Wladimir Putin hört nicht auf, die Zivilbevölkerung aus Aleppo wegzubomben, während syrische Bodentruppen zusammen mit Hisbollah und pro-Assad-Milizen das Terrain zurückerobern, schreibt Andrea Backhaus auf Zeit online und zitiert aus einer E-Mail des Journalisten Zouhir al Shimale, der in Aleppo ausharrt: "Ich wohne gerade mit einigen Aktivisten in einem Haus zusammen, viele arbeiten als Journalisten oder Menschenrechtler. Wir wachen morgens schon mit dem Geräusch der Luftangriffe auf. Es ist ein unfassbarer Lärm, wenn die Militärflugzeuge im Tiefflug über uns hinwegdonnern. Nach den Bombenangriffen ist es erst totenstill. Dann beginnt das Geschrei der Menschen."

Im politischen Teil der Print-Zeit wird Putins zynische Politik in Syrien beleuchtet, über die im Interview auch Ursula von der Leyen spricht.
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Ideen

Soziale Freiheit ist keine Freiheit, antwortet in der NZZ Robert Nef auf Georg Kohlers positive Besprechung von Axel Honneths Buch "Die Idee des Sozialismus. Versuch einer Aktualisierung": "Freiheit besteht, nach liberaler Auffassung, auch ohne Adjektive nicht in der Befugnis, anderen Menschen zu schaden. Das soziale Element, das es für die Befürworter einer 'sozialen Freiheit' zusätzlich einzubringen gilt, betrifft also nicht das Verbot einer Schädigung, sondern das Gebot eines offenbar objektivierbaren Nutzens. Wenn es um Gebote geht, stellt sich freilich sofort die Frage, wer sie erlässt und wer sie allenfalls gegen unbotmäßig Handelnde durchsetzt."

Ob sich Peter Sloterdijk schon mal "unbedarft" nennen lassen musste (so heißt es in der Unterzeile des Artikels)? Schnippisch antwortet Herfried Münkler im politischen Teil der Zeit auf die "Grenzschließer unter den Intellektuellen" und beharrt auf der Vernünftigkeit von Angela Merkels Politik: "Es ist nicht auszuschließen, dass die EU unter dem Druck der Flüchtlingskrise zerbrechen wird, aber es ist ein Essential der deutschen Politik, dass dies erst eintritt, nachdem man in Berlin alles versucht hat, das zu verhindern. Die Regierungen, die den deutschen Beitrag zur Rettung des Europaprojekts jetzt diskreditieren, verfolgen dabei nationale Interessen: Sie wollen hernach unschuldig dastehen. Einige deutsche Intellektuelle spielen ihnen dabei unbedacht in die Hände."

Außerdem in der Zeit: Jens Jessen macht sich auf einer Doppelseite Gedanken über Vorurteile an und für sich. Thomas Assheuer muss auf einer weiteren Seite ohnmächtig mit ansehen, wie die Zeitläufte den populistischen und extremen Rechtsparteien in die Hände spielen.
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Medien

Die ZDF-Reporterin Dunja Hayali, die gerade die Goldene Kamera bekommen hat und sich in bewegenden Worten gegen Hate Speech aussprach, hat alles Recht der Welt, gegen beleidigende oder bedrohende Posts auf ihrer Facebook-Seite mit rechtlichen Schritten vorzugehen, schreibt Stefan Lauer auf Vice. Allerdings entsprechen auch einige ihrer Posts auf Facebook nicht gerade journalistischen Kriterien, findet Lauer, etwa eine antizionistische Karte, die zeigen soll , wie Israel den Palästinensern Land wegnahm, oder ein Bild, das einen israelischen und einen palästinensischen Jungen Arm in Arm zeigt und zu dem sie schrieb: "kids arent born with hate, they are taught to hate. sad. much more than sad". Lauer dazu: "Tatsächlich sind die beiden Jungs Teil einer Demo von Neturei Karta, wie man auf diesem Bild, das aus einer etwas anderen Perspektive aufgenommen wurde, sehen kann. Neturei Karta ist eine jüdische ultraorthodoxe Sekte, die nichts anderes will, als Israel von der Landkarte zu tilgen, weil es ihrer religiösen Auffassung widerspricht, dass Israel als Staat überhaupt existieren sollte."

Über das viel zitierte "Misstrauen in die Medien" sagt der Medienforscher Carsten Reinemann im Gespräch mit Katharina Riehl und Ralf Wiegand und der SZ ein paar beruhigende Worte: "Grundsätzlich muss man fragen: Welches Level an Misstrauen ist in der Demokratie gefährlich - und welches ist eine Auszeichnung? Studien belegen, dass der Grad an Pressefreiheit und der Grad an Misstrauen zusammenhängen. Je höher die Pressefreiheit, desto größer ist auch das Misstrauen."

Außerdem: Auf einer Seite im Feuilleton der Zeit erinnern Iris Radisch und Moritz Müller-Wirth und Fischer-Verlleger Jörg Bong an Roger Willemsen, der auch ein regelmäßiger Autor der Zeit war.

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Gesellschaft

Sehr interessant berichtet in der taz der Sozialarbeiter Younis Kamil über seine Arbeit mit muslimischen Jugendlichen, deren Abdriften in die Religion er als einen bequemen Weg aus einem Dilemma bescheibt: "Mit der Zeit lernte ich die Fragen und Ängste muslimischer Jugendlicher kennen: 'Ich respektiere diese Leute, die Bart und Sunna-Klamotten tragen, aber ich weiß, dass ich zu schwach bin, um so zu leben wie die.' (...) Viele vergessen dabei, dass Andersartigkeit etwas völlig Natürliches ist und sie auszuhalten und sich ihr konstruktiv zu stellen viel mehr Kraft und Überzeugung bedarf als das Abkapseln in Parallelwelten, in der alle die gleiche Weltanschauung teilen."

Die Juristin Monika Frommel will in der SZ zwar kulturelle Prägungen bei den Vorfällen in Köln nicht leugen, macht aber auf einen ihrer Meinung nach wichtigeren Kontext aufmerksam - die Dynamik krimineller Milieus: "Alle bekannten kriminellen Subkulturen sind extrem patriarchal geprägt. Für diese in Gruppen gelernte Kriminalität ist es nun einmal typisch, dass man Männlichkeit nur in marginalisierter Form erreichen kann. Das Leben eines Underdog ist anstrengend. Er orientiert sich an dominanten Männern. Frauen werden in Schubladen wie Mutter, Sexobjekt oder Ehefrau/Geliebte gesteckt."
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Internet

Für Spiegel-Online-Autor Sascha Lobo ist es das Netz, das Leute wie Donald Trump möglich macht: "Er ist der Protopolitiker des Netzkommentariats, das Ergebnis einer dumpf anpolitisierten Masse, die im Internet anders auftritt, als man das zuvor erwartet oder gehofft hatte."

Google greift zur Selbstzensur, um die Vorgaben europäischer Datenschützer in Bezug auf das "Recht auf Vergessen" zu erfüllen, berichtet im FAZ.net Stefan Tomlik unter Bezug auf einen Artikel in Le Monde: "Der Internetkonzern wird Mitte dieses Monats ein sogenanntes Geoblocking einführen, um beanstandete Ergebnisse bei allen Suchanfragen aus dem betroffenen Staat zu unterdrücken."

Weiteres: In der FAZ mokiert Jürgen Kaube über das Programm "Bandito", mit dem man in der Washington Post per Algorithmus die wirksamste Präsentationsform eines Artikels ermitteln will.
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