9punkt - Die Debattenrundschau

Die tägliche Dosis Hitlertainment

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.01.2016. Die Vorfälle von Köln schlagen weiter hohe Wellen. Anstatt über sexuelle Gewalt gegen Frauen reden wir über muslimische Männer, ärgert sich die taz. Der Guardian sucht nach Parallelen zwischen Köln und Rotherham. Der Tagesspiegel verabschiedet sich vom barrierefreien Europa. Philipp Ther denkt in der FR über mögliche Reaktionen der EU auf den polnischen Rechtsruck nach. Und alle begrüßen die editorische Großtat des IfZ, das den Originaltext von "Mein Kampf" mit 3500 Fußnoten entmystifiziert und eingehegt hat.

Europa

Dass nach den massenhaften sexuellen Übergriffen auf Frauen in Köln und Hamburg Sexismus und Misogynie plötzlich von allen Seiten angeprangert werden, findet Khola Maryam Hübsch (taz) reichlich heuchlerisch. Das Thema stünde doch nur deshalb auf der Agenda, weil es sich um muslimische Täter handele und somit das rassistische Klischee vom "triebhaften Orientalen" bedient werde: "Deswegen diskutieren wir jetzt nicht über sexuelle Gewalt gegen Frauen, wie es dringend geboten wäre. Wir diskutieren über den muslimischen Mann... Die Debatte wird ohnehin vor allem von Stereotypen bestimmt, die jetzt aktiviert werden: Von 1001 Nacht, vom Orient, der schon seit jeher als Projektionsfläche für sexuelle Ausschweifungen dient. Der fremde Barbar, der die unschuldige weiße Frau bedrängt, das ist ein klassisches, ein uraltes Stereotyp."

Fremde, die deutsche Frauen vergewaltigen: Das ist endlich mal wieder eine Krise, mit der das nach simplen Antworten suchende rechte Spektrum etwas anfangen kann, meint der Soziologe Armin Nassehi im Gespräch mit Sabine am Orde in der taz: "Kurz vor der Flüchtlingskrise haben wir über Griechenland diskutiert; das war so kompliziert, dass es kaum jemand verstanden hat. Für die Beschreibbarkeit der Welt war die Flüchtlingskrise geradezu ein Geschenk - und für Pegida oder die AfD wäre es ohne die Flüchtlinge gar nicht weitergegangen."

In Britannien ist man in der Diskussion deutlich weiter. Die trotz zahlreicher Anzeigen durch keine Behörde aufgehaltene massenhafte Vergewaltigung und Prostituierung junger Mädchen in Rotherham hat auch britische Journalisten gelehrt, dass Verschweigen oder Beschönigen in solchen Fällen die schlechteste Politik ist: So schreibt Gaby Hinsliff im Guardian: "Indem man versucht, den Rassisten nicht in die Hände zu spielen, riskieren wir eine erbärmliche Selbstzensur und geben der 'warum können wir nicht über Immigration sprechen'-Brigade Munition für ihre Verschwörungstheorien. Journalismus ist kein Journalismus mehr, wenn er Geschichten unterschlägt aus Angst, welche Reaktionen sie auslösen könnten. Die Parallelen zwischen dem Unbehagen deutscher Politiker in Köln und Britanniens Antwort auf die sexuelle Ausbeutung von Mädchen durch hauptsächlich asiatische Gangs in Rotherham, sind nicht völlig exakt, aber beide beinhalten Lektionen, die gelernt werden müssen."

Im Tagesspiegel regt der Kölner Politologe Heinz Theisen an, Flüchtlingen den Weg nach Europa mit mehreren "Schwellen" zu erschweren: "Die erste Schwelle läge in der Abschaffung von Migrationsanreizen, die zweite in einer Differenzierung der Flüchtlinge in Aufnahmezentren, die dritte in einer konsequenteren Rückführung, die vierte in einer besseren Sicherung der EU-Außengrenzen und die fünfte in Flüchtlingshilfe für 'Pufferstaaten' wie die Türkei, Libanon und Jordanien. Die letzte Schwelle wäre die militärische Sicherung."

In der SZ riskiert Johannes Boie einen Blick in die Abgründe, die sich in den Online-Debatten über die Kölner Vorfälle auftun: "Auf diversen Nachrichtenseiten, die aus purer Not den Kommentarbereich unter Texten zu Köln geschlossen halten, lässt sich beobachten, wie die Kommentatoren ihren Hass auf Ausländer und Migranten auch unter einem Bericht zur Schwangerschaft der britischen Herzogin ablassen: 'Eine schwangere Kate ist ja wunderbar, aber ... die Afrikaner, die Europa überfluten, sind der Müll Afrikas.'"

In der FR spricht der Osteuropa-Historiker Philipp Ther mit Peter Riesbeck darüber, wie die EU auf den Rechtsruck in Polen reagieren könnte: "Europa sollte alles vermeiden, was nach Bevormundung aussieht. Die EU sollte aber in Polen nicht so lange zögernd zuschauen wie in Ungarn. Sie hat mit dem Rechtstaatsmechanismus erhebliche Mittel zur Verfügung. Wirksamer als rechtliche Sanktionen wäre jedoch der Hebel über die Transfermittel beziehungsweise die EU-Fördergelder. Die PiS hat ein Faible für nationalistische Symbolpolitik. Wenn jetzt bei Pressekonferenzen und anderen Gelegenheiten die EU-Flaggen abgehängt werden und die EU sogar als eine Art neue Sowjetunion beschimpft wird, dann könnte Brüssel vielleicht eine finanzielle Antwort darauf finden. Ich glaube, das würde in Warschau und Budapest rasch verstanden."

"Die Demokratie in Polen ist (trotz alarmierender und furchterregender Medienberichte) keinesfalls in Gefahr." So steht es jedenfalls in einer Email, die Brüssels Abgeordneten seit Jahresbeginn massenweise zugeht, meldet Markus Becker auf SpOn. Manche Politiker berichten von mehreren Hundert Emails pro Tag. "Wer hinter der Briefkampagne steckt, ist unklar. Als eine Quelle kommt die rechtskonservative Webseite Niezalezna infrage. Auf ihr findet sich das Schreiben auf Polnisch, Englisch, Deutsch, Französisch und Spanisch, versehen mit dem Aufruf, den Brief an ausländische Politiker und Medien zu senden. Um die Sache bequemer zu machen, folgt eine lange Liste mit Namen und E-Mail-Adressen."
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Religion

Sexuelle Belästigung in islamischen Ländern ist eng mit der zunehmenden Islamisierung der Länder verknüpft, führt Hamed Abdel-Samad bei Cicero aus: "Die junge Generation in der islamischen Welt ist in einer Dualität aufgewachsen. Zuhause und in der Moschee wird sie moralisch streng erzogen. Männer und Frauen haben kaum eine Chance, eine gesunde, symmetrische Beziehung zueinander aufzubauen. Im Internet dagegen erleben sie eine Welt, in der es keine Grenzen zwischen Mann und Frau, in der es keine festgeschriebene Moral gibt. Islamische Länder sind beim Konsum von Porno-Videos ganz oben auf der Liste. Diese Dualität schafft ein gestörtes Verhältnis der Männer zu Frauen."

Etwas anders sieht es der Psychologe Ahmad Mansour, der im Gespräch mit Matthias Drobinski (SZ) vor allem die traditionellen Geschlechterrollen in arabischen Gesellschaften verantwortlich macht: "Es beginnt ja nicht damit, dass die Jungs auf offener Straße Frauen belästigen. Es beginnt mit den Vorstellungen von Reinheit und Ehre, dass eine Frau ihre Jungfräulichkeit bewahren muss und sich öffentlich nicht zeigt. Und wenn sie sich nicht daran hält, hat sie eine verminderte Würde. Für die Männer gilt das alles natürlich nicht."
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Geschichte

Am Freitag wurde in München die kritische Edition von Hitlers "Mein Kampf" vorgestellt - dass der Originaltext darin auf knapp 2000 Seiten von rund 3500 Fußnoten regelrecht "umzingelt" wird, war das erklärte Ziel der Herausgeber (so die federführenden Historiker Andreas Wirsching heute in der SZ und Christian Hartmann unlängst im SZ Magazin). Die große Aufregung um das Erscheinen erklärt sich Nils Markwardt auf Zeit Online damit, dass "das faschistische Buch in der deutschen Nachkriegsdemokratie hermeneutisches Neuland darstellt. Anders gesagt: originale Film-, Ton- und Bildaufnahmen des Nationalsozialismus gehören hierzulande zur täglichen Dosis Hitlertainment, mit Originaltexten gibt es in der Masse jedoch wenig Erfahrung." Klaus Hillenbrand gibt in der taz zu bedenken: "Ob das breite Publikum, an das sich die Ausgabe richtet, nun eher die Fußnoten oder den Originaltext oder beides zur Kenntnis nehmen wird, weiß niemand - das mussten auch die Editoren eingestehen."

"Kritische Aufklärung schadet nie", meint Peter von Becker im Tagesspiegel, fragt sich jedoch, ob der enorme editorische Aufwand überhaupt nötig war - "gegenüber einem wegen seiner Geschraubtheit und rassistischen Besessenheit kaum noch lesbaren Text". Durchaus, glaubt Sven Felix Kellerhoff in der Welt: "Wenn es eine solche Ausgabe schon vor fünf, zehn oder 20 Jahren gegeben hätte, hätte es die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit sicherlich befördert." Weil es die Ausgabe nicht bei trockenen Sachhinweisen belasse, so Jürgen Kaube in der FAZ, handle es sich bei ihr vielmehr um "eine gedruckte historische Vorlesung über 'Mein Kampf', die in die Binnenstruktur der autobiografischen und politischen Verlogenheit ebenso eindringt, wie sie den völkischen Gedankensumpf analysiert, aus dem sie sich entwickelte, samt der furchtbaren Wirklichkeit, zu der die Phrasen führten. Bei all dem setzt sie ein Publikum voraus, das nicht aus Hitlerforschern besteht. Der Kommentar ist eine Form, dem historischen Wahnsinn ins Auge zu schauen und die Methode, die er hatte, darzustellen." Ebenfalls in der FAZ referiert Rainer Blasius noch einmal die wechselhafte Entstehungs-, Rezeptions- und Editionsgeschichte des berüchtigten Buches.
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Archiv: Geschichte

Medien

Internet-Konzerne wie Google und Facebook umgarnen Medienhäuser mit Technik und Geld. In der taz beschreibt Daniel Bouhs am Beispiel von Spiegel Online und Zeit Online die Entscheidungen, die die Medienhäuser dabei treffen müssen: "Dass sich Unternehmen wie Facebook und Google für sie interessieren, schmeichelt den Medienmachern allerdings sichtlich. Kein Wunder: Das Umtriebige und Innovative der noch jungen Tech-Konzerne färbt auf traditionelle Häuser ab. Aber es bleibt eine Gratwanderung: Einerseits will jeder bei Experimenten dabei sein und technologisch vorne mitspielen. Andererseits will aber niemand in eine Falle tappen. Und schon gar nicht will sich eine Redaktion nachsagen lassen, sie sei käuflich."
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