Efeu - Die Kulturrundschau

Gladiatoren auf großer Bühne

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09.01.2016. In der Welt erklärt Richard Flanagan, warum große Verbrechen immer von großem Schweigen begleitet werden. Die SZ besingt Stars im Ensemble und begrüßt die Neuen Auftraggeber. Die NZZ bewundert Sonnendächer und Palmwedel in der neuen Nationalgalerie von Singapur. Der Standard sieht eine konsumkranke Nora in Klagenfurt.

Kunst

Singapurs neue Nationalgalerie. Foto: Studio Milou

Richtig toll fand es Samuel Moser (NZZ) im Weihnachtsgetümmel in Singapur, und noch schöner in der neuen National Gallery, für die Jean François Milou das ehemalige Gerichtsgebäude umgebaut und mit dem alten Rathaus verbunden hat: "Der Franzose, der nach einem Architekturwettbewerb den Auftrag erhielt, aus den zwei denkmalgeschützten Häusern ein Museum zu machen, hat sich vor allem im Raum zwischen den beiden Klötzen verwirklicht. Hier hat er eine Art Glaskasten errichtet, der von großen Metallsegeln beschattet wird, deren Lichtdurchlässigkeit an Sonnendächer aus Palmwedeln erinnert. Treppen und Passerellen verwandeln diesen Zwischenraum in einen luftigen, auf mehreren Etagen belebten Platz - ein Eindruck, der von den baumartigen Strukturen noch verstärkt wird, die das weite Glasdach stützen."

Georg Imdahl stellt in der SZ die "Neuen Auftraggeber" vor, die nach dem Vorbild der "Nouveaux Commanditaires" über öffentliche Kunst neu verhandeln: "Warum und in wessen Namen Kunst im öffentlichen Raum stattfinden soll, müsse ihnen zufolge 'nicht kulturpolitisch herbeigeredet werden', vielmehr sei dies von vornherein geklärt, weil das Verfahren 'vom Kopf auf die Füße gestellt' werde. Nicht die Kommune trete als Initiator auf, nicht eine Institution, auch kein reicher Mäzen - die Gemeinschaft selbst wird von Beginn an in die Produktion eingebunden."

Elsbeth Gugger berichtet in der NZZ, dass das Amsterdamer Rijksmuseum abfällige Bildtitel wie Hottentotte, Kaffer, Negersklave in seinen Ausstellungen revidiert: "Die Sklaven auf einem reichverzierten Spucknapf sind nun 'versklavte Männer', und das 'schwarze Negerlein' auf einer Fotografie von Hendrik Doyer ist jetzt ein 'surinamisches Mädchen'."

Weiteres: Anne Katrin Fessler besucht für den Standard die Ausstellung "Die Kräfte hinter den Formen" in der Innsbrucker Galerie im Taxispalais, die sich Materie und Erdgeschichte widmet, und versichert: "Die angesichts des Ernsts der Lage gebotene Tristesse verträgt sich aber mit Poesie." (Bild: Julian Charrière, Metamorphism 2015. Die Kräfte hinter den Formen, Galerie im Taxispalais © 2015 Bildrecht, Wien; VG Bild-Kunst.) In der Welt freut sich Dirk Schümer über die Wiederentdeckung des dalmatinischen Renaissancekünstlers Schiavone, dem Venedig eine Retrosepktive widmet. Sibylle Quack erinnert in der FAZ an den Kunstsammler Albert Kollmann.

Besprochen wird eine große Werkschau der Fotografin Germaine Krull im Berliner Gropiusbau (Welt).
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Musik

Voller Vorfreude über das Zusammentreffen von Julia Fischer und Igor Levits an diesem Wochenende in Zürich macht Harald Eggebrecht in der SZ deutlich, was es einem Solisten heute an Bescheidenheit abverlangt, im Ensemble zu spielen: "Der Solist als Kammermusiker muss einiges von dem lassen, was sonst unabdingbar zu ihm gehört und von ihm erwartet wird. Er muss all seine einzigartigen Qualitäten insoweit gleichsam verwandeln, dass er sie in die Intimität und Intensität des kammermusikalischen Miteinanders einbringen kann, ohne glänzend, aber falsch herauszuragen. Das ist nur durch Vorbereitung, Ausprobieren, Experimentieren und Vertiefen zu erreichen. Es ist also eine andere Vorgehensweise, ein anderes Verständnis notwendig als das des sieggewohnten Gladiatoren auf großer Bühne."

In der Welt unterhält sich Manuel Brug mit Antonio Pappano, dem Chefdirigenten der Royal Opera, der dabei ein ziemlich rationelles Verhältnis zu Multimedia und Publikum an den Tag legt: "Medien sind ein sehr wertvolles Spielzeug, deshalb hat mein Opernhaus ja mit Opus Arte sogar eine eigene Produktionsfirma erworben. Aber man muss wissen, was man davon realistisch erwarten kann. Man macht nicht wirklich viel Geld damit. Medien sind aber ungemein wichtig für die Popularität unserer Kunstform. Und man kann so Politikern und den Sponsoren zeigen, wofür ihr Geld ausgegeben wird."

Wieteres: Jürgen Kesting gratuliert in der FAZ der Wagner-Sängerin Waltraud Meier zum Sechzigsten. Stark, experimentell und schön enigmatisch findet Jens Uthoff in der taz David Bowies neues Album "Blackstar", im Standard empfiehlt Ronald Pohl es als "tiefenentspannt".
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Bühne







Raphaela Möst als "Nora" im Stadttheater Klagenfurt

Ziemlich heutig und überzeugend findet Michael Cerha im Standard, wie Mateja Koležnik in ihrer Klagenfurter Inszenierung Ibsens "Nora" an der Äußerlichtkeit der Liebe leiden lässt: "Von Anfang an lockt Nora der Klang einer ganz anderen Seinsweise. Bis Raphaela Möst nach knapp zwei Stunden dorthin aufbricht, mag sie Bonbons, ist ein bisschen konsumkrank und kann gelegentlich nicht nur dem eigenen Ehemann gegenüber ganz schön verführerisch sein. Grandios streift die Nestroy-Nachwuchspreis-Trägerin von 2014 dann aber diese Verschalungen ab und macht der Welt begreiflich, warum sie dieses Puppenheim verlassen muss."

In der Presse unterhält sich Barbara Petsch mit der Sängerin und Schauspielerin Angelika Kirchschlager über deren Rolle als zänkische Celia Peachum in der "Dreigroschenoper" und die Anforderungen des modernen Musiktheaters: "Es singt sich leichter mit ein paar Kilo mehr, man muss muskulär nicht so viel arbeiten."
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Stichwörter: Henrik Ibsen, Klagenfurt, Nora

Film

Bewegt berichtet Ursula Scheer in der FAZ von der Doku "Je suis Charlie" der Filmemacher Daniel und Emmanuel Leconte, in der sie die Karikaturisten nach dem Attentat lachend und weinend, zitternd und zeichnend erlebte: "Wenn der Blick auf die bebenden Füße des Zeichners 'Luz' Renald Luzier fällt, als er sein Titelbild für die Ausgabe der Überlebenden zeigt, sagt das mehr als Worte aus dem Off."

Weiteres: In der NZZ kann David Assmann dem TV-Doku-Drama "Der gute Göring" kaum etwas Positives abgewinnen, der dem höchst anständigen jüngeren Bruder von Hitlers Reichsmarschall ein offenbar verdientes Denkmal setzen will. In der FAZ erzählt Nina Rehfeld, wie die Nasa in Kooperationen mit Hollywood ihr Langweiler-Image aufbessert.

Besprochen werden Jonas Carpignanos engagierte Doku "Mediterranea" (Presse), Amy J. Bergs Janis-Joplin-Doku "Janis: Little Girl Blue" (taz), Sylvester Stallones Rocky-Fortsetzung "Creed" (SZ).
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Literatur

Der australische Autor Richard Flanagan spricht im Welt-Interview mit Wieland Freund über seinen Roman "Der schmale Pfad durchs Hinterland", der vom Bau der berüchtigten Thai-Burma-Bahn erzählt: "Große Verbrechen werden oft von großem Schweigen begleitet. Beim Bau der Thai-Burma-Eisenbahn sind mehr Menschen gestorben als in Hiroshima oder in Nagasaki. Aber nicht nur Europäer wissen wenig oder nichts davon. Die meisten Opfer der Todeseisenbahn stammten aus Asien und die Todeseisenbahn ist in Asien vergessen. In Australien war sie bis in die Sechzigerjahre nicht präsent. Die Betroffenen haben meist geschwiegen. Aus zwei Gründen. Der erste ist, dass sie nicht wussten, wie sie davon erzählen sollten, das Grauen schien nicht mitteilbar. Der zweite Grund ist, dass die Verdrängung Teil des Traumas ist."

Weiteres: Im taz-Interview mit Katharina Borchardt erzählt der Autor Peter van Donges, warum er seine Comics "Java" und "Celebes" über den niederländischen Kolonialkrieg gegen Indonesien einfach schreiben musste. Besprochen werden Martin Walsers neuer Roman "Ein sterbender Mann" (NZZ), Juan Carlos Onettis abgeschlossene Werkausgabe (NZZ), Lloyd Jones' "Geschichte der Stille" (FR), Bov Bjergs Coming-of-Age-Roman "Auerhaus" (SZ), Richard Swartz' "Wiener Flohmarktleben" (SZ), Kader Abdolahs Novelle "Die Krähe" (FAZ), Friedrich Kittlers nachgelassene Texten "Baggersee" (taz) und Victor Sebestyens Chronik "1946" (taz).
Archiv: Literatur