9punkt - Die Debattenrundschau

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Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.12.2015. Le Monde erzählt, wie Gilles Kepel die Front-national-Chefin Marine Le Pen zur Weißglut brachte. In der taz erklärt der Soziologe Michael Hartmann den Erfolg des Front national mit der Abschottung der französischen Eliten.  In der FAZ rät Paul Scheffer den Deutschen, über Grenzen nachzudenken. In Politico.eu erklärt Peter Pomerantsev  die chaotische Lage der Stadt Charkiw aus der Geschichte. Und endlich: Die SZ erklärt das Perlentauchen zum allerheißesten Medientrend.

Europa

Der niederländische Politologe Paul Scheffer rät den Deutschen in der FAZ zu Verantwortungs- und nicht zu Gesinnungsethik in der Flüchtlingsfrage - und damit zu einer Begrenzung der Aufnahme: "Wenn Menschen mit einer liberalen Haltung nicht über Grenzen nachdenken wollen, dann ziehen am Ende Menschen mit autoritären Einstellungen die Grenzen. Darin liegt die Gefahr, und deshalb ist eine Moral, die die eigene Gewissensnot als Ausgangspunkt wählt, keine dauerhafte Moral. Dies gilt insbesondere im deutschen Kontext: Eine Willkommenskultur, die zu sehr eine Wiedergutmachungskultur ist, wird scheitern."

In der taz erklärt der Soziologe Michael Hartmann den Erfolg des Front national mit der Abschottung der französischen Eliten: "Die Wirtschaft ist wie in allen anderen Ländern am exklusivsten. Kommen in Deutschland oder Großbritannien schon vier von fünf Topmanagern aus den oberen vier Prozent der Bevölkerung, bürgerlichen oder großbürgerlichen Familien, so sind es in Frankreich sogar neun von zehn. Nicht ganz so elitär ist es in der Politik. Neben Staatspräsident Hollande stammen aber sowohl Premierminister Valls als auch vier der sechs wichtigsten Kabinettsmitglieder aus diesem Milieu. Einzig die Ministerin der Justiz und der Verteidigungsminister kommen aus der Normalbevölkerung. Ähnlich sieht es in den oberen Etagen von Verwaltung und Justiz aus."

Gilles Kepel hat es geschafft, dass sich Marine Le Pen demaskiert. Sein neues Buch, "Terreur dans l'Hexagone" ist gerade erschienen. Darin zieht er eine Parallele zwischen Islamismus und der identitären Abschottung des Rechtsextremismus, erzählt Juliette Harau in Le Monde: "'Natürlich ist es nicht das gleiche..., aber die Phänomene ähneln sich', hat der Autor im Interview mit Jean-Jacques Bourdin wiederholt. Um diese 'Gleichsetzung' zwischen zwischen ihrer Partei und dem Islamischen Staat anzuprangern, hat die Präsidentin des Front national extrem gewalttätige Propaganda-Fotos von Daech weitergetwittert und geschrieben: 'Das hier ist Daech.' 'Ich empfehle ihr, das letzte Kapitel meines Buchs zu lesen, wo ich über die identitäre Verkrampfung nachdenke', antwortet Kepel an die Adresse der Parteiführerin."

Im FR-Gespräch mit Michael Hesse gibt der Historiker György Dalos der wirtschaftlichen Misere die Schuld am anhaltend erfolgreichen Populismus in Osteuropa, sieht aber auch politische Unterschiede: "Selbst die Kaczynski-Zwillinge waren in ihrer vormaligen Regierung darum bemüht, die tatsächlichen Beziehungen zu Deutschland keineswegs zu zerstören. In Ungarn ist man weniger darum besorgt. Die Politiker sind kurzsichtiger und in ihrem Provinzialismus eingeschlossen. Polen ist ein mittelgroßes Land und die Opposition ist stärker, was für ein anderes politisches Bewusstsein sorgt."

Peter Pomerantsev schildert in politico.eu die ziemlich chaotische politische Lage von Charkow im Osten der Ukraine und erklärt sie auch aus der Geschichte: "Versuche, Charkiw einen Status zu verschaffen, scheitern immer wieder. Die Zaren verboten ukrainische Bücher und Erziehung. Aber die Universität von Charkow wurde zu einem Schmiedeofen des ukrainischen romantischen Nationalismus. Die Sowjets versuchten dann, den ukrainischen Nationalismus einzubinden und machten Charkow zur Hauptstadt der sowjetischen Ukraine von 1927 bis 35. Sie protegierten eine Generation kommunistisch-nationalistischer Avantgarde-Intellektueller, die Charkow zur Hauptstadt der proletarischen Zivilisation machen wollten, der Partei aber bald nicht mehr gehorchten und in den Zwanzigern exekutiert wurden. Diese Intellektuellen sind heute Helden der antisowjetischen ukrainischen Diaspora im Westen."

Ausßerdem: Für die Basler Zeitung berichtet Hansjörg Müller aus dem zerstrittenen Polen und spricht mit einem zum Abwiegeln geneigten Adam Krzeminski: "Es ist nicht einmal ein Kalter Krieg. Die Demonstranten beider Lager werfen sich dieselben Schlagworte an den Kopf und schwenken die gleichen Fahnen." Thomas Schmid macht sich in der Welt Hoffnungen auf Europa und die interne polnische Opposition, um die Orbanisierung des Landes abzuwenden.
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Ideen

Eckhard Fuhr kritisiert in der Welt die von der Uni Salzburg beschlossene posthume Aberkennung der Ehrendoktowürde für Konrad Lorenz, dessen pro-Nazi-Äußerungen man jetzt erst entdeckt haben will. Ebenso Patrick Bahners in der FAZ.
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Stichwörter: Konrad Lorenz

Kulturmarkt

Das Buchhaus und Antiquariat Stern-Verlag in Düsseldorf, die größte Buchhandlung Deutschlands, die allerdings nicht konzerngebunden war, wird schließen, melden buchreport.de und andere Medien: "Mitten in der Hochphase des Weihnachtsgeschäfts hat Inhaber Klaus Janssen (80) seinen Mitarbeitern die Schließung des Düsseldorfer Buchhauses für Ende März angekündigt. Die Mitarbeiter sollen laut Rheinischer Post einen Ausgleich in Form eines umfangreichen Sozialplans erhalten."
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Archiv: Kulturmarkt

Politik

Terrorismus und Drogenhandel sind in einander verschmolzen, schreibt Krimiautor Don Winslow in einem Text in The Daily Beast, den die FAZ am Sonntag übernommen hat (hier das Original). Das gilt auch für die Kombination von Schrecken und Sozialpolitik: "Wer ein Territorium kontrollieren will, muss die lokale Bevölkerung kontrollieren, und um das zu erreichen, haben beispielsweise die mexikanischen Kartelle klassische terroristische Taktiken eingeführt, allen voran einen zweigleisigen strategischen Ansatz: Die eine Hand, die offene, verteilt großzügig Wohltaten an die Gemeinschaft. Die andere Hand, die zur Faust geballt ist, bringt Einschüchterung, Folter und Mord."
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Medien

Gottseidank gibt es Adblocker!, ruft im Niemanlab Celeste LeCompte von der stiftungsfinanzierten Website Propublica.org. Sie verzeichnet eine kreative Explosion der Formen von Journalismus im Netz und hofft nun auf eine ähnliche Erfindungskraft auf der geschäftlichen Seite: "Einkommensmodelle brauchen eine ähnliche Transformation. Anzeigen und Sponsoren sind nicht mehr die einzigen Wege, um den Wert unserere Berichterstattung darzustellen. Mehr darüber nachzudenken, was durch neue Technologien auf der geschäftlichen Seite ermöglicht wird." Leider macht die Expertin keine Andeutung darüber, wie diese Gschäftsmodelle aussehen sollen.

In der SZ stößt Kathrin Hollmer auf den allerheißesten Medientrend: Artikel nicht nur Algorithmen und Freunden, sondern von Experten empfehlen lassen. Miriam Meckel und Wolfgang Blau sind wie immer ganz vorne weg und "kuratieren" freiwillig für Blendle. (Bei Beratungsbedarf steht der Perlentaucher gern zur Verfügung. Unsere Tagessätze sind angemessen.)

Der Guardian hat den Griechen Yannis Behrakis zum Fotografen des Jahres gekürt und stellt seine Bilder zu Flüchtlingen und Finanzkrise online.
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Religion

Slate.fr holt noch einmal Christopher Hitchens berühmten Text über Mutter Theresa aus dem Archiv, die der Papst nächstes Jahre heilig besprechen will. Für Hitchens war sie eine Fanatikerin und Hochstaplerin und schon ihre Seligsprechung eine Unterwerfung unter Aberglauben und Showbiz: "Mutter Teresa war keine Freundin der Armen, sie war eine Freundin der Armut. Sie hielt das Leiden für ein Geschenk Gottes."
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Stichwörter: Mutter Teresa, Aberglaube