Efeu - Die Kulturrundschau

Machtergreifung der Karotte

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21.12.2015. Wenig Beifall für Dieter Dorns und Daniel Barenboims "La Traviata": zu laut, zu ausbuchstabiert, zu gefroren. Nur Sonya Yoncheva als Traviata ist groß. Der Standard amüsiert sich königlich mit Jacques Offenbachs Grand opéra-bouffe-féerie "Le Roi Carotte" in Lyon. In der SZ beklagt der wegen Pornografie angeklagte Schriftsteller Ahmed Naji die Zensur in Ägypten, die heute noch stärker sei als unter Mubarak. Die NZZ schnuppert sich durch eine Ausstellung über erotische Accessoires. Und: Alle trauern um Kurt Masur.

Bühne


Sonya Yoncheva als Violetta in "La Traviata". Foto: Staatsoper Berlin

Viel Kritik erntet Verdis "La Traviata" an der Berliner Staatsoper. In der Welt könnte Manuel Brug heulen: Dieter Dorn erzählt in seiner Inszenierung einfach alles aus, die Nebenrollen klingen grün und Barenboim - du lieber Himmel! Dabei ist die bulgarische Sopranistin Sonya Yoncheva "eine, wenn nicht vielleicht die beste, gegenwärtig zu hörende Traviata. Noch vollkommener als selbst Diana Damrau". Doch "bei Barenboim gibt es nur laut und sehr laut. Und sehr langsam. Sonya Yoncheva richtet sich leider danach, auch sie verschmäht immer mehr die Zurücknahme, ist vokal überpräsent, erzwingt keinerlei Zurücknahme, Konzentration, Verglimmern, Dirnendämmerung. Dabei könnte sie es."

Im Orchestergraben lärmt es geradezu, schreibt ein gequälter Ulrich Ameling im Tagesspiegel: "Unter Daniel Barenboims Dirigat hat die Staatskapelle das hehre Ziel eines auratischen Musizierens komplett mit erratischem Exekutieren vertauscht. Gefrorene Sinnlichkeit, mechanischer Atem, wüste Ausbrüche, vom Maestro laut den Fuß aufstampfend abgefordert. In Verdi steckt sicher auch eine gute Portion Fatalismus, auskomponierte Beziehungslosigkeit war seine Sache nicht. Das aber ist das Problem dieser Premiere: Niemand ist hier Partner vom irgendwem, sei es auch nur für die nächsten drei Silben." Nur Peter Uehling (Berliner Zeitung) ist zufrieden: Barenboims "Lesart weiß um die rhythmischen Triebkräfte der Partitur, lässt sich aber davon das klangliche Feinschmeckertum nicht verderben", lobt er. Über seinen Werdegang im allgemeinen und die Inszenierung im besonderen hat sich Irene Bazinger von der Berliner Zeitung mit Regisseur Dieter Dorn unterhalten.


Szene aus Jacques Offenbachs "Le Roi Carotte" in Lyon. Foto © Stofleth

Einfach hin und weg ist Robert Quitta in der Presse von Jacques Offenbachs "Le Roi Carotte" an der Opéra de Lyon. Die sechsstündige Urfassung um den Putsch des Karottenkönigs (Libretto Victorien Sardou) wurde auf die Hälfte gekürzt, aber was soll's, meint Quitta. Wenigstens kommt diese Grand opéra-bouffe-féerie so überhaupt mal auf die Bühne: "Nicht anders als genial zu nennen ist auch Laurent Pellys Inszenierung. Dank seiner eigenen Kostüme und der detailverliebten Bühnenbilder bewahrt er in jedem Moment eben jene heikle ironische Balance: die Ahnenbilder von Fridolins Rittervorfahren, die nach der Machtergreifung der Karotte von Gemüseporträts ersetzt werden; die wetterwendischen Höflinge, die sich plötzlich die Haare orange färben; die verräterische Prinzessin, die sich dem unterirdischen Gespons mit einem ebenso orangen Ballkleid anpasst; des Karottenkönigs Thron als Gemüsekiste . . . einfach köstlich."
 
Besprochen werden außerdem Yael Ronens Inszenierung ihres Stücks "Lost and Found" am Volkstheater Wien ("Besser (so schnell, so klug, so heiter) lässt sich unsere überforderte Gesellschaft derzeit kaum aufschlüsseln: ein Stück mit Zukunftspotenzial", lobt Margarete Affenzeller im Standard, "ein kleines Meisterwerk voller Gags", stimmt Norbert Mayer in der Presse zu), Schnitzlers "Anatol" am Wiener Josefstadt-Theater (Standard), Christoph Marthalers Inszenierung von Rossinis "Il Viggio a Reims" (Standard), Ramin Grays Inszenierung von Aischylos' "Die Schutzflehenden" in Bern (NZZ), der Tanzabend "Ritual & Secreto" von Flamencos en route in Bern (NZZ), Christopher Rüpings Münchner Inszenierung von Dostojewskis "Der Spieler" (taz) und eine "Jungfrau von Orleans" am Berliner Maxim Gorki Theater in der Regie von Mikaël Serre (Tagesspiegel).
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Architektur

Für die SZ bespricht Joseph Hanimann die Ausstellung "Straßburg 1200-1230. Die gotische Revolution" im Museum Œuvre Notre-Dame.
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Stichwörter: Straßburg

Kunst


Blick in die Ausstellung "Nirvana - wundersame Formen der Lust" im Gewerbemuseum Winterthur. Foto: Michael Lio

Eine Ausstellung über erotische Accessoires im Gewerbemuseum Winterthur hat Philipp Meier für die NZZ besucht. Besonders gefallen hat ihm der von Parfümeur Andreas Wilhelm inszenierte Nebenparcours zum Thema Duft: "So weiß er zu erzählen, dass die moderne Parfumerie aus der Behandlung von Lederwaren hervorgegangen ist. Für die Pariser Damen des 17. Jahrhunderts war es unabdingbar, dass geschmeidige Lederhandschuhe auch gut rochen."

Eher kurios findet Ingo Arend im taz-Kommentar das aktuelle Gewese um Kasimir Malewitschs vor 100 Jahren der Öffentlichkeit präsentiertes "Schwarzes Quadrat", das aus diesem Anlass auch per Infrarot auf darunterliegende Spuren von Vorbildern durchleuchtet wird (siehe dazu auch unseren letzten Efeu): "Mitunter beschleicht einen der Verdacht, dass die Akribie, mit der Forscher und Sammler solchen Spuren nachgehen, auch dazu dient, die geistige Herausforderung Malewitsch zu umgehen."

Weiteres: In der Berliner Zeitung stellt Philipp Fritz das Berliner Projekt Multaka vor, das arabischsprachige Kunstführungen für Flüchtlinge organisiert. Besprochen werden eine Ausstellung zum Werk des Architekten, Designers Josef Frank im Wiener Museum für angewandte Kunst (Standard) und eine Ausstellung über "Die Kunst der Frau" im Wiener Verein der bildenden Künstlerinnen (Presse).
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Literatur

In Ägypten muss sich derzeit der Schriftsteller Ahmed Naji vor Gericht verantworten. Beanstandet werden Passagen einer Erzählung, die nach Ansicht der Sittenwächter pornografisch seien. Eine Posse: "Die Staatsanwaltschaft versteht nicht, dass das ein Roman mit fiktiven Figuren ist", erklärt er gegenüber Mounia Meiborg in der SZ. "Sie behandeln es als Tatsachenbericht. Dabei hat das Buch surreale Elemente. Zum Beispiel verschwindet in einem Kapitel die Stadt Kairo im Sand." Von der einstigen Aufbruchstimmung im Land ist nichts mehr geblieben, meint er weiter: "Unter dem früheren Präsidenten Hosni Mubarak gab es zwar auch Angst, aber auch gewisse Freiräume. Jetzt gibt es die nicht mehr. Die Behörden akzeptieren keine Meinung, die ihnen nicht gefällt."

Besprochen werden Andreas Maiers "Jahr ohne Udo Jürgens" (Tagesspiegel), Neal Stephensons Science-Fiction-Epos "Amalthea" (taz), Eberhard Straubs "Das Drama der Stadt" (SZ) ein Band mit den gesammelten Gedichten Hannah Arendts (SZ) und neue Krimis, darunter Jeong Yu-Jeongs "Sieben Jahre Nacht" (FAZ).
 
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Marcus Roloff über Rainer Malkowskis "Kugelgedicht":
 
 "Früh ein Gegenstand der Erkenntnis.
(Archimedes, in Syrakus)
Früh etwas, das fliegt,
..."
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Film

Im Interview mit Dominik Kamalzadeh vom Standard, spricht Filmregisseur Todd Haynes über sein Filmdrama "Carol", die Inspiration, die Saul Leiters Farbfotos für seine Darstellung des New Yorks der frühen 50er Jahre darstellten, und das Queer Cinema, dem es seiner Ansicht nach heute an Radikalität fehlt: "Als ich 'Poison' machte, war Jean Genet mein Referenzpunkt. Mir ging es um eine umkämpfte Schwulencommunity am Höhepunkt der Aids-Ära, nicht darum, Zutritt zur dominanten Kultur zu erhalten, nicht um ein Stück vom Kuchen. Ich habe Homosexualität als natürliche Kritik an Dominanz verstanden. Während es keinen Zweifel daran geben kann, dass der Fortschritt essenziell ist, dass sich das Klima für Coming-outs sehr viel zum Besseren gewandelt hat, vermisse ich heute etwas von dieser radikalen, militanten Perspektive." (Bild: Saul Leiter: Phone Call, ca. 1957 © Saul Leiter Courtesy Howard Greenberg Gallery, New York)

Weiteres: Hanns-Georg Rodek (Welt) sah die rausgeschnittenen Szenen aus Sebastian Schippers "Victoria". Roman Gerold stellt im Standard die Retrospektive der Filmemacherin Constanze Ruhm im Landesmuseum Niederösterreich vor.

Besprochen werden Todd Haynes "Carol" (Presse), Robert Kenners auf DVD veröffentlichter Dokumentarfilm "Merchants of Doubt" (SZ) und die Ausstellung "Best Actress" im Filmmuseum in Berlin (FAZ).

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Musik

Allseits große Trauer um Kurt Masur, den langjährigen Dirigenten des Leipziger Gewandhausorchesters und später der New Yorker Philharmoniker. Masurs Beharren auf humanistische Überzeugungen und sein Einsatz für Gewaltlosigkeit während der DDR-Wendetage, der ihm den Beinamen "Dirigent der Revolution" einbrachte, wird von allen Nachrufern mit größtem Respekt gewürdigt, so etwa von Frederik Hanssen im Tagesspiegel, von Kai Luehrs-Kaiser in der Welt, Georg-Friedrich Kühn in der NZZ, von Peter Uehling in der Berliner Zeitung und von Wolfgang Schreiber in der SZ. Peter Richter schreibt in der SZ zudem über die Wahrnehmung Masurs vor und nach 1989. Jan Brachmann dringt in der FAZ etwas tiefer ins ästhetische Schaffen des Dirigenten vor: "Seine Stärke als Dirigent war jener mitteleuropäische Misch-Klang, der alle Details farblich vermittelt und auf die Einheit des Widerstrebenden aus ist. Ein Klang, der inzwischen rar geworden ist, ähnlich wie das Sütterlin, das Masur noch immer schrieb."

In Beethovens wunderbarer Egmont-Ouvertüre meint man das wirklich zu hören:



Weitere Artikel: In der taz porträtiert Ulrich Gutmair das Deutschpunk-Urgestein Slime. Stefan Weiss unterhält sich für den Standard mit Harry Fuchs, dem Leiter des österreichischen Musikfonds, über die Musikförderung in Österreich. In der FAZ empfiehlt Eleonore Büning diverse Klassikeinspielungen als Geschenktipp für die letzte Sekunde, darunter eine Aufnahme von Haydns Streichquartett op.20 durch das Leipziger Streichquartett.

Besprochen werden ein Konzert von Florence + The Machine in Zürich (NZZ), ein Konzert der Antilopen Gang (Berliner Zeitung) und das Album "Songs in the Dark" der Wainwright Sisters (taz).
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