9punkt - Die Debattenrundschau

Sowieso besser als hier

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.11.2015. Der Libération-Journalist Philippe Lançon, der beim Charlie-Hebdo-Attentat verletzt wurde, beschreibt, wie sich die Wiederbelebung eines Traumas durch neue Attentatsbilder anfühlt. Auch Herta Müller beschreibt in der SZ eine Innenperspektive - die eines Flüchtlings. Der Guardian erklärt, warum die anglikanische Kirche einen Werbespot, der zum Gebet aufruft, nicht in die Kinos bringen kann. Ebenfalls im Guardian fragt Kenan Malik: Was macht die Dschihadisten so sadistisch?

Europa

Philippe Lançon, Journalist bei Libération, gehört zu den Schwerverletzten des Charlie-Hebdo-Attentats. Er beschreibt, wie die Attentatsszene ihn im Traum nicht verlässt und wie er in New York, wo er zwischen zwei Operationen ein wenig ausspannen wollte, die Meldung vom neuen Attentat erlebte: "Sofort hatte ich das sehr konkrete Gefühl neben mir zu laufen. Eine Art grauer Nebel umgab mich, ein ewiger schwerer und kalter Smog, etwas Dumpfes, Muffiges, Abgeschlossenes. Das Leben war seit einiger Zeit mit Mühe in eine umhegte Normalität zurückgekehrt: Ich schlief immer noch schlecht, aber machte mir meinen Kaffee jeden Morgen selbst. Nun war dieses Leben von neuem ein Traum, wie am 7. Januar."

Im Guardian versucht Kenan Malik den unfassbaren Sadismus der Dschihadisten zu erklären: "In ihren Augen ist der Westen nicht eine Gruppe von Staaten, die für ein bestimmtes Handeln verantwortlich ist, sondern ein mythisches Monster, die moderne Version einer Chimäre oder eines Basilisk, Quell aller Arten von Horror und Schrecken. Gegen ein solches Monster ist alles erlaubt. Jedes moralischen Rahmens beraubt, der einst die Antiimperialisten leitete, getragen von einem Schwarzweiß-Denken, das in ihren Vorstellungen göttlichen Beifall erwarten kann, getrieben vom Zorn auf Nicht-Muslime und dem Glauben an einen existenziellen Kampf zwischen Islam und dem Westen, leben Dschihadisten in einem anderen moralischen Universum, in dem sie die unmenschlichsten Taten verüben und für gerechtfertigt halten."

Der Schutz, den Flüchtlinge brauchen, kann nicht begrenzt werden, nur weil ihn so viele brauchen, sagt Herta Müller in einer bewegenden, in der SZ abgedruckten Dankesrede zum Heinrich-Böll-Preis, in der sie auch an ihre eigene Flucht aus Rumänien erinnert: "Die allgemeinen Ursachen brauchen gar keine Verstärkung durch die persönlichen, um die Flucht wahr zu machen, wenn es endlich einmal möglich wird. Die allgemeine, immer vorhandene Ursache reicht, die kollektive Aussichtslosigkeit und Verbitterung. Sie ist allen in den Kopf gewachsen. Und sie ist eine Obsession, eine Sowieso-Ursache, denn sie besagt: An jedem anderen Ort ist es sowieso besser als hier. Dieses Fazit war über die Jahrzehnte in Osteuropa selbstverständlich geworden. Es war allgegenwärtig. Mit diesem Fazit machen sich auch heute wieder Menschen auf die Flucht. In diesem Fazit sitzt die totale Resignation."

Autor Michael Kleeberg plädiert im Gespräch mit Andrea Seibel in der Welt zwar gegen Krieg - aber Frieden ist das, was er beschreibt auch nicht: "Ich als Privatmann darf meinen Feinden vergeben und mich eventuell auch opfern. Der Staat, verantwortlich für die Sicherheit von Millionen, darf das nicht. Wir haben es beim IS nicht mit einem feindlichen Volk, sondern mit Mördern zu tun, die gejagt, bekämpft und eliminiert werden müssen."
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Gesellschaft

Nach der Brandkatastrophe im Bukarester Musik-Club Colectiv musste nicht nur Ministerpräsident Victor Ponta zurücktreten, auch die orthodoxe Kirche hat herben Gegenwind von der protestierenden Jugend zu spüren bekommen, berichtet Markus Bauer in der NZZ: "Einige Priester und auch Patriarch Daniel hatten den Auftritt der Heavy-Metal-Band mit Halloween verbunden und in die Nähe des Satanismus gerückt. Der kirchliche Aberglaube erhielt nun die Antwort: '18 000 Kirchen, 425 Spitäler, und wir schauen zu, wie unsere Freunde auf dem Trottoir sterben . . .' oder 'Wir wollen keine Kirchen, sondern Spitäler' stand auf einigen Pappschildern."

Wei Zhang erzählt in der NZZ, wie emanzipierte unverheiratete Frauen in China diskriminiert werden: "Für diese Gruppe von Frauen wurde 2007 ausgerechnet vom Nationalen Frauenverband die Bezeichnung 'übrig gebliebene Frauen' (shengnü) geprägt."
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Geschichte

In der Welt resümiert Igor Mitchnik eine Berliner Tagung über die Zukunft des Holocaustgedenkens.
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Internet

Der Hacker Stephan Urbach steht zwar kritisch zu Anonymous, aber die jüngste Initiative der Gruppe gegen den Islamischen Staat unterstützt er, wie er im Gespräch mit Ulrich Hottelet in der Welt darlegt: "Ich erhoffe mir vor allem effektive Gegenpropaganda von Anonymous, denn das können sie, wie ihre Videos zum Beispiel gegen Scientology gezeigt haben. Der IS arbeitet viel mit Propaganda, um Menschen ohne Perspektive anzusprechen. Ich bin daher für das Herunternehmen der IS-Propagandaseiten und finde es gut, dass das nicht der Staat gemacht hat, denn die rechtsstaatlichen Grundsätze müssen bestehen bleiben."
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Medien

Der seit einiger Zeit festgehaltene Washington-Post-Reporter Jason Rezaian ist vom Iran zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden, meldet die Washington Post: "Die von iranischen Staatsmedien zitierte Anklage nennt Rezaian einen 'amerikanischen Spion' und beschuldigt ihn, Informationen über Personen und Firmen innerhalb des Irans gesammelt zu haben. Die Anklage beschuldigt ihn auch, Informationen an die amerikanische Regierung weitergegeben zu haben." Wie lange die Strafe dauern soll, melden die iranischen Staatsmedien nicht.
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Urheberrecht

Die Anne-Frank-Biografin Melissa Müller kommentiert in der FAZ ziemlich empört die neueste Politik des Anne-Frank-Fonds, der dem Vater Anne Franks eine Mitautorschaft an Anne Franks Tagebuch andichtet, um die Urheberrechte zu behalten (die laufen sonst am 31. Dezember ab): "Ob seine Vorstandmitglieder das selbst glauben? Solange niemand sie gerichtlich in Frage stellt, etwa in Form einer Feststellungsklage, kann der Fonds auf Basis dieser Behauptung weiter agieren, weiter Rechte vergeben, weiter Tantiemen verdienen."
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Ideen

Hat es noch Sinn, auf Michel Onfray einzugehen? Jürg Altwegg trägt heute in der FAZ einige der Ideen Onfrays über den 13. November zusammen, die alle darauf hinauslaufen, dass er eine Antwort auf westliche Aggression sei (hier eines der von Altwegg zitierten Interviews). Laurent Joffrin antwortet darauf in Libération: Onfray "übernimmt in naiver und gefährlich masochistischer Weise den Diskurs der Fundamentalisten, die ihre Verbrechen immer schon als eine Antwort auf die Agression des Westens darstellen. Er macht aus Daesh - welche Ehre! - das Herz der Umma und verleiht der obskurantistischen Miliz den Status eines legitimen Repräsentanten des Islam."
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Stichwörter: Michel Onfray

Religion

Mouhanad Khorchide sucht auf der Gegenwartsseite der FAZ im Koran Spuren, die es erlauben im Text selbst zwischen dem religiösen und dem politischen Propheten zu unterscheiden: "Mohammed zog eine klare Trennlinie zwischen dem, was er als Gottes Gesandter verkündete, und dem, was er als seine Meinung vortrug. Ähnliche Situationen wiederholten sich oft. Für die Gefährten des Propheten war diese Unterscheidung zwischen beiden Funktionen selbstverständlich. Dagegen betrachten islamische Gelehrte heute die Bemühungen Mohammeds in seiner Funktion als Staatsoberhaupt als Teil seiner göttlichen Verkündung."

Drei große britische Kinoketten weigern sich, vor dem neuen "Star-Wars"-Film einen Werbespot der anglikanischen Kirche abzuspielen, weil darin das "Vaterunser" zitiert wird, berichten Haroon Siddique and Harriet Sherwood im Guardian. Die Begründung der Kinoketten: Es bestehe ein Risko, dass der Spot Teile des Publikums aufrege oder beleidige. "Die Werbung soll eine neue Website der anglikanischen Kirche, JustPray.uk, promoten und will die Menschen zum Gebet aufrufen. Der Film zeigt Christen, die einen Vers des Vaterunsers sagen, darunter Gewichtheber, einen Polizisten, einen Fahrgast in der U-Bahn, Flüchtlinge in einer Notunterkunft, Schulkinder, einen Trauernden an einem Grab, einen Festivalgast und den Erzbischof von Canterbury."

In einem zweiten Artikel zitiert der Guardian einige Reaktionen, darunter die des bekannten Atheisten Richard Dawkins, der die anglikanische Kirche in diesem Fall unterstützt: "Wenn sich irgendjemand von so etwas Trivialem wie einem Gebet beleidigt fühlt, dann hat er es verdient."
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