9punkt - Die Debattenrundschau

Besser angezogen und sauberer

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.11.2015. Es gibt einen Daesh in schwarz und einen Daesh in weiß, schreibt Kamel Daoud in der New York Times. Und dem in weiß drückt der Westen die Hand. Saudi-Arabien hat den Lyriker und Kurator Ashraf Fayadh zum Tod verurteilt, meldet der Guardian. In der taz antwortet Necla Kelek auf Jan Feddersen. In politico.eu schildert der Fotograf Teun Voeten das deprimierende Leben in Molenbeek. In der NZZ schreibt Michi Strausfeld über Katalanen, die sich ganz und gar nicht mit dem Regionalchauvinismus identifizieren.

Politik

Den dunkelsten Debattenbeitrag der letzten Tage liefert Kamel Daoud in der New York Times, hier auf französisch, hier auf englisch: "Daesh in schwarz, Daesh in weiß: Der erste schneidet Köpfe ab, mordet, steinigt, hackt Hände ab, zerstört das Erbe der Menschheit, verabscheut die Archäologie, die Frau, den nicht muslimischen Fremden. Der zweite ist besser angezogen und sauberer, aber er tut genau dassselbe. Islamischer Staat und Saudi-Arabien. Im Kampf gegen den Terrorismus führt der Westen Krieg gegen den einen und drückt dem anderen die Hand."

"Ein palästinensischer Dichter und führender Akteur der entstehenden saudischen Kunstszene ist zum Tod verurteilt worden, weil er dem Islam entsagt habe", meldet David Batty im Guardian. "Ein saudisches Gericht ordnete am Dienstag die Exekution Ashraf Fayadhs an, der Kunstausstellungen in Jeddah und bei der Biennale von Venedig kuratiert hat. Dem Lyriker, der sagte, dass er keinen Rechtsbeistand hat, wurden dreißig Tage gegeben, um Einspruch einzulegen." Das Foto des Guardian zeigt Fayadh zusammen mit dem bekannten Kurator und designierten Volskbühnenchef Chris Dercon.
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Europa

Der Fotograf Teun Voeten hat lange Zeit in Molenbeek gewohnt, dem "letzten Stadtteil von Brüssel, den man sich leisten kann" und schreibt in politico.eu einen deprimierenden Bericht über seine Erfahrungen: "Über neun Jahre wurde der Kiez immer intoleranter. Alkohol war in den meisten Läden und Supermärkten nicht mehr zu haben. Ich hörte von Fanatikern an der Metrostation Comte des Flandres, die Frauen aufforderten, Schleier zu tragen. Islamische Buchläden florierten, und es wurde unmöglich eine normale Tageszeitung zu kaufen. Bei einer Arbeitslosenraten von 30 Prozent waren die Straßen bis in den späten Morgen wie leergefegt. Nirgends gab es ein Café, in dem sich weiße, braune und schwarze Menschen mischten."

Im Interview mit den taz-Redakteuren Peter Unfried und Andreas Fanizadeh nimmt Daniel Cohn-Bendit kein Blatt vor den Mund: "Es ist ein islamischer Faschismus. Es ist nicht der Islam, der faschistisch ist, aber es gibt den Islamofaschismus. Sie berufen sich auf einen Islam und handeln wie Faschisten. Da muss man nicht drum herumreden: Wir haben es mit einer aktiven terroristischen und faschistischen Mörderbande zu tun, einem Mörder'staat' in Anführungsstrichen, dem 'Islamischen Staat'."

Es wäre absurd, wenn die westlichen Gesellschaften jetzt nicht ihre Werte verteidigen, meint Ulrike Ackermann im Mannheimer Morgen. Nur deshalb kommen die Flüchtlinge doch! "Rechtsstaat, Marktwirtschaft, funktionierende repräsentative Demokratie und die Achtung der Menschenrechte sind so attraktiv, dass Hunderttausende ihr Leben riskieren, um hier neu anzufangen."

Necla Kelek
antwortet in der taz auf den Brief Jan Feddersens, der ihre Position in der Flüchtlingskrise kritisiert hatte: "Ich plädiere für bürgerschaftliche Beteiligung, aber gegen die politischen Islamverbände, die die Menschen in die Moscheen, aber nicht in die Freiheit lassen wollen. Ich fordere Stärkung der Rechte der Frauen bereits in den Notunterkünften, besondere Beratung und Betreuung, Aufklärung über ihre Rechte. Ich habe in dem von dir zitierten Interview für Patenschaften von Frauen zu Frauen gesprochen. Wir müssen unsere Grundrechte auf Selbstbestimmung und Gleichberechtigung nicht nur benennen, sondern praktisch durchsetzen. Das ist Dir zu wenig, zu kalt, zu schroff?"

In Le Monde zieht Kendal Nezan vom Institut kurde de Paris zieht eine kleine Zwischenbilanz: "Man glaubte, sich einen Krieg ersparen zu können, indem es zuließ, dass sich die Situation in Syrien immer mehr verschlimmerte. Nun finden wir uns mit einem massiven und destabilisierenden Flüchtlingsstrom, Kriegsakten, Massakern und anderen Ungücken im Herzen Europas wieder, die uns zwingen könnten, diesen Krieg in weit ungünstigeren Umständen zu führen."

Die SZ startet eine Serie zur Frage, was deutsch sei. Als erster antwortet der Soziologe Armin Nassehi: "Was also ist das Deutsche? Hier zu leben. Mehr sollte man darüber nicht sagen müssen. Es kann heute, in einer pluralistischen, globalisierten Gesellschaft keine starke und exklusive Selbstverortung mehr sein. Das 'Hier' wird zu einem 'Wir' nicht durch kulturelle Oktroys, sondern durch gesellschaftliche Selbsterfahrung."
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Medien

Greg Miller and Souad Mekhennet haben für die Washington Post vielen abtrünnige oder inhaftierte Kameraleuten des Islamischen Staats getroffen und einen tiefen Einblick in die sürreale und perfektionierte Medienarbeit der Terrortruppe gewonnen: Was diese Kameraleute beschreiben, "kommt einer mittelalterlichen Reality Show gleich. Kameracrews schwärmen jeden Tag ins Kalifatgebiet aus. Ihre Allgegenwart verzerrt die Ereignisse eher als dass sie sie dokumentiert. Schlachtszenen und öffentliche Köpfungen sind so penibel inszeniert, dass Kämpfer und Henker oft in mereren Takes gefilmt werden und ihre Texte von Spickzetteln ablesen."
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Religion

Dieses Argument fehlte noch: Für Mathieu Slama in der huffpo.fr ist der westliche Hedonismus Schuld am spirituellen Elan, den er trotz allem im Islamismus erblickt: "In ihrem Konsumdenken und Individualismus (die zwei Seiten einer Medaille sind) schaffen es Europa und Frankreich nicht mehr die spirituellen Mechanismen zu verstehen, die hinter der dschihadistischen Radikalisierung stehen. Wir betrachten nur die sozialen, ökonomischen oder psychologischen Faktoren und weigern uns das Phänomen in seiner geistlichen Dimension wahrzunehmen und das geistliche Bedürfnis einzuschätzen, das es ausdrückt." Es mag ein Trost für die Biertrinker auf der Terrasse sein, dass sie aus geistlichen Gründen ermordet werden!
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Überwachung

Für all jene, die nun mehr Überwachung fordern, liest Andrea Jonjic in Netzpolitik amerikanische Regierungdokumente, die auf The Intercept veröffentlicht wurden und ein wenig günstiges Bild auf die Erkenntnis auf pauschale Abhörmaßnahmen werfen: "Im Dezember 2013 schlussfolgerte der Arbeitskreis des Weißen Hauses, der die Überwachung durch US-Geheimdienste überprüfen sollte, dass die Massenüberwachung der NSA 'nicht essenziell bei der Verhinderung von Angriffen' war. Es gebe 'keinen Fall, in welchem die NSA mit Zuversicht sagen kann, dass der Ausgang [einer Terror-Untersuchung] nennenswert änders gewesen wäre' ohne das Überwachungsprogramm."
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Internet

Spiegel online meldet, dass der syrische Internetaktivist Bassel Khartabil, der sich für Open Source und gegen das Regime im Land engagiert hatte, zum Tode verurteilt wurde.
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Gesellschaft

In der NZZ berichtet Michi Strausfeld, dass immer mehr Autoren gegen Katalaniens Nationalismus aufbegehren, denn die Regierung betreibt ihre rigide Sprachpolitik ohne Rücksicht auf spanische Verluste: "Auch die mittlerweile nach Madrid umgezogenen Katalanen finden deutliche Worte, so der Theaterregisseur Alberto Boadella, der die angebliche 'Andersartigkeit' leugnet, oder der Essayist Félix de Azúa, der schon Mitte der achtziger Jahre die kulturelle Entwicklung mit der 'Titanic' verglich. Der in Barcelona lebende Autor Juan Marsé befindet, dass die 'katalanische Vergangenheit, die man erfindet, reine Lüge' sei. In den Medien tobt der Kampf um die korrekte Deutung des 'Procès'. Staatsrechtler, Philosophen, Essayisten, Ökonomen, Autoren: Alle ergreifen das Wort. Aber es ist ein ungleicher Kampf: dokumentierte Artikel gegen subventionierte Propagandakampagnen."

Weiteres: Peter Stäuber erinnert sich bei einem Spaziergang durch das traditionelle Londoner Einwandererviertel Spitalsfield daran, dass die britische Regierung schon im 18. Jahrhundert die Hugenotten als "Froschplage" geißelte. Hannes Stein streift in der Welt fröhlich und mit einem riesigen Einkaufskorb durch New Yorks Parallelgeselschaften: "Schließlich ist der Staat, in dem alle Parallelgesellschaften ausgemerzt wurden, eine Utopie, die bisher nur in einem Land verwirklicht wurde: Nordkorea."
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