9punkt - Die Debattenrundschau

Zorn und Abscheu

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.11.2015. 120 Tote in Paris nach islamistischen Anschlägen. Eine normale Presseschau kann man nach diesem Horror nicht machen. Wir verlinken auf erste Reaktionen und erste Analysen. Außerdem: Emmanuel Todd in der Welt über Muslimfeindlichkeit, die angeblich der Grund für Antisemitismus bei Muslimen ist. Und ein Brief von taz-Autor Jan Feddersen an Necla Kelek.

Europa

Mindestens 120 Menschenleben hat der dschihadistische Wahn in dieser Nacht in Paris gekostet - so die wohl nur vorläufige Zahl. Wie soll man zu diesem Horror am Morgen danach (falls er überhaupt schon zu Ende ist) eine Presseschau machen? Unmöglich. Wir schnappen hier erste Reaktionen auf. Auf Twitter wird immer wieder der Livestream von France24 (auf englisch) als beste Nachrichtenquelle empfohlen.

Libération bringt eine Zusammenschau erster Zeitungsreaktionen: "Diesmal ist es Krieg", titelt zum Beispiel der Parisien. "Zorn und Abscheu: Das ist es, was die Terroristen, die gestern in Paris mit ihrer üblichen Feigheit zugeschlagen haben, auslösen", schreibt der Parisien in einem ersten redaktionellen Kommentar.

Slate.fr bringt wie viele Medien ein Liveblog. Um 6.35 resümert das Magazin die Zahlen: "Laut dem letzten offiziellen Bericht sind bei den Terrorattacken mindestens 120 Menschen ums Leben gekommen. Mindestens 82 Personen sind im Bataclan, dem Konzertsaal, umgekommen, wo die Terroristen um sich schossen und Geiseln genommen haben." Acht der Angreifer sollen selbst ums Leben gekommen sein.

Es gibt erste Analysen.

Thomas Guénolé meint in Slate.fr den Ablauf der kommenden Ereignisse vorauszusehen. "Die politische Klasse wird in schöner Einmütigkeit 1. bestürzte Trauer gegenüber den Opfern bekunden, 2. den Mut der Ordnungskräfte loben, 3. entschlossene Maßnahmen gegen den Terrorismus fordern und 4. die Einschränkung der Bürgerrechte im Namen der Sicherheit betreiben. Von 1 bis 3 ist alles ok, Etappe 4 ist ein Problem."

Im Guardian macht Jon Henley indirekt den französischen Laizismus verantwortlich und schaut auf die Zahlen der dschihadistischen Syrien-Touristen: "In Frankreich gibt es eine doppelt so hohe Zahl an Radikalen wie in Deutschland oder Großbritannien. Trotz der Regierungskampagnen gegen die Radikalisierung haben es die Behörden nicht vermocht, den beträchtlichen Anteil der 4,7 Millionen Muslime von einer Tendenz zu gewalttätiger Radikalisierung in Richtung Dschihad abzuhalten." Die Jugendlichen empfänden sich als sozial diskriminiert, "auch durch symbolische Maßnahmen in der starken säkularen Traditiion Frankreichs, die sie als gegen den Islam gerichtet empfinden, wie das 2010 verfügte Verbot des Ganzkörperschleiers".

Manu Saadia schreibt in dem Pop-Blog Fusion.net, dass die Anschläge im zehnten Arrondissement von Paris einem Zentrum der Pariser Jugendkultur galten: "Die Anschläge konzentrierten sich auf das rechte Ufer der Seine, auf Plätze und Straßen, die an einem Freitagabend vor Leben bersten. Hier treffen sich junge und hippe Pariser auf einen Drink und zum Plaudern. Le Carillon, La Belle Equipe, Le Petit Cambodge sind ganz normale Kiezrestaurants und Kneipen, wo man sich auf ein Bier und einen Snack verabredet, bevor man in die Nacht zieht."

Matthias Kuentzel schreibt in seinem Blog: "Das Grauen beginnt mit dem Selbstmordattentäter selbst, der in sich den Instinkt abtötet, der eigentlich allen Menschen gemeinsam ist: den Überlebensinstinkt. Wer aber entschlossen ist, sein Leben zu opfern, lässt sich durch nichts abschrecken und ist zu jedem Verbrechen bereit. Deshalb ist das Selbstmordattentat die schlimmste Bedrohung der freien Welt: Es nötigt uns, entweder die Freiheit zu opfern, um Sicherheit zu schaffen oder in Unsicherheit und Angst zu leben."

Twitter birst vor Kommentaren.

Bernd Ulrich:



Caroline Fourest: "Sie hassen das demokratische und laizistische Frankreich. Lieben wir es. Stärker als sie hassen."


Und auf Instagram bringt der französische Comiczeichner Joann Sfar eine ganze Reihe von Statements, darunter dieses: "Friends from the whole world, thank you for #PrayforParis, but we don't need more religion! Our faith goes to music! Kisses! Life! Champagne and Joy! #ParisIsAboutLife"
Archiv: Europa

Gesellschaft

Deutschland ist längst ein Einwanderungsland - auch vor den Flüchtlingen aus Syrien. Es wird Zeit, das endlich anzuerkennen und ihnen Chancengerechtigkeit und politische Teilhabe zu garantieren, fordert Jagoda Marinic in der FR: "In keinem OECD-Land arbeiten weniger Menschen mit Migrationsgeschichte im öffentlichen Dienst als in Deutschland. Im Bundestag sind es fünf Prozent. Verwaltung und Politik sind, bei aller Internationalität der Großstädte, weitgehend migrantenfreie Zonen."

Vor vierzehn Tagen hatte Necla Kelek in einem Kommentar für den Focus eine Begrenzung der Einwanderung gefordert. Einen Tag später fürchtete sie in einem Interview mit der Mainpost, dass die vielen neuen "meist männlichen, meist muslimischen Zuwanderer" sich schlecht integrieren und Parallelgesellschaften bilden werden. Sie macht auch noch einmal darauf aufmerksam, dass Frauen, die im Zuge der Familienzusammenführung nach Deutschland geholt werden, hier fast rechtlos sind: "Die Männer sind die Antragsteller auf Asyl. Vermutlich werden die Männer dann auch das Recht auf individuelle Freiheit, das der deutsche Staat ihnen bietet, durchaus in Anspruch nehmen. Ihren Frauen aber werden sie das nicht gestatten. Denn wenn die Männer ihre Frauen nachholen aus den Herkunftsländern, dann sind diese Frauen rechtlich nicht vom deutschen Staat geschützt. Da die nachgeholten Frauen keinen eigenen Asylantrag stellen, sind sie abhängig von dem Mann, der sie nachholt."

In der taz reagiert heute Jan Feddersen auf die Kommentare und schreibt einen Brief: "Liebe Necla, Deine Einschätzungen lassen mich frieren. Am Ende sagst Du: 'Das wird die Gesellschaft spalten. Ich sehe das so, dass sich Deutschland gerade selbst übernimmt.' Woher weißt Du es? Keine Antwort. Wir lesen auch nicht, was Dein Beitrag zum 'Wir schaffen das!' sein könnte. ... Warum beschwörst Du raunend Befürchtungen, wo es um Probleme geht, die lösbar sein könnten?"

In der FAZ fragt sich Boris Palmer, grüner Bürgermeister von Tübingen, warum es in der Flüchtlingsdebatte nur Extrempositionen gibt. Es muss möglich sein, über die anstehenden Probleme zu debattieren, ohne in die rechte Ecke geschoben zu werden, so Palmer und nennt sieben Leitlinien für eine solche Debatte. Wichtigster Punkt: Man muss wissen, worüber man eigentlich diskutiert. Dazu braucht es Fakten. "Die Statistik des zuständigen Bundesamtes erfasst derzeit nicht einmal die Hälfte der Flüchtlinge, verlässliche Aussagen sind so gut wie unmöglich. Wenn es keine Klarheit über die Fakten gibt, gedeihen Halbwahrheiten und Spekulationen. Die Gesellschaft kann nur angemessen diskutieren, wenn es klare Grundlagen gibt."

Höchst zweifelhaft findet in der NZZ Oliver Zimmer die Parallele, die die Schweizer Bundesrätin Simonetta Sommaruga in einer Rede zum Gedenken an die Reichskristallnacht zwischen den verfolgten Juden während der Nazi-Diktatur und den heutigen Flüchtlingen gezogen hat: Ab 1938 ging es in Deutschland "um systematische, rassenideologisch begründete Vernichtung. Dazu gehörten regelmäßig veranstaltete Treibjagden auf jüdische Männer, Frauen und Kinder, die sich in ukrainischen Wäldern versteckt hatten. Wer glaubt, die kürzlich in Ungarn aufgerichteten Grenzzäune taugten als Symbole für solche Greueltaten, verlässt die Sphäre vernünftiger Argumente."
Archiv: Gesellschaft

Ideen

Dieser Artikel steht seltsam quer zu den Ereignissen der letzten Nacht: Für die Welt besucht Martina Meister den Demografen Emmanuel Todd, dessen jetzt in Deutschland erschienenes Buch "Wer ist Charlie? Die Anschläge von Paris und die Verlogenheit des Westens" im Frühjahr in Frankreich für heftige Debatten gesorgt hatte (mehr hier). Todd beschimpft darin den angeblich so saturierten Mittelstand, der gegen die Charlie-Hebdo-Attentäter auf die Straße ging: "Im Gespräch bezeichnet Todd die Gemengelage in Frankreich als ein todsicheres Rezept für die Katastrophe: 'metaphysische Leere kombiniert mit einer Wirtschaftskrise'. Alles schon mal da gewesen. Deutschland 1932. Der neue Antisemitismus, sagt Emmanuel Todd, wird durch die Moslemfeindlichkeit der Mittelschicht gespeist, durch ihren verbohrten Laizismus. Es ist dieselbe, die einen Großteil der Jugend in den Vorstädten verfaulen lasse, ohne sich daran zu stören. 'Der neue Antisemitismus der Vorstädte hat mich traumatisiert', sagt Todd. 'Man hatte mir viel davon erzählt. Ich wollte es nicht hören.'" Besprochen wird "Wer ist Charlie?" außerdem im Tages-Anzeiger.
Anzeige
Archiv: Ideen

Medien

In der SZ fürchtet Christopher Schmidt, dass vor allem die kleinen Verlage durch die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs geschwächt werden, Verlage nicht mehr - wie in Deutschland üblich - zur Hälfte an den Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaften zu beteiligen: "Dass die Verlage nun Sturm laufen gegen das Urteil, klingt nach Besitzstandswahrung, ist aber tatsächlich im vitalen Interesse der Autoren. Schließlich stellt die Entscheidung einen weiteren Schritt in ihrer zunehmenden Enteignung dar. Deshalb protestieren auch Autorenverbände dagegen."

In der FR meint Christian Schlüter zu dem Urteil: "Sollte die VG Wort nun ihr Geschäftsmodell verlieren, stünde die Durchsetzung des Urheberrechts und damit das Urheberrecht selbst zur Disposition."
Archiv: Medien