9punkt - Die Debattenrundschau

Nihilistisches Wüten

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.11.2015. Tag drei nach den Pariser Attentaten. Die Anhänger des Todeskults wählten die richtige Stadt, schreibt Ian McEwan in Edge.org, die Hauptstadt des Säkularismus. Alles, was sie hassen, stand den Attentätern an diesem fröhlichen Freitagabend vor Augen: "Männer und Frauen in lockerer Verbindung, Wein, freies Denken, Gelächter, Toleranz, Musik." Wir verlinken außerdem auf Texte von Pascal Bruckner, Bernard-Henri Lévy, Kenan Malik und viele andere.

Europa

Tag drei nach den Pariser Attentaten vom 13. November. Die Bilanz liegt im Moment bei 129 Toten und über 300 Verletzten. Viele sind noch in kritischem Zustand.

Ian McEwan, der gerade in Paris ist, schreibt auf Edge.org: "Der Todeskult wählte die richtige Stadt - Paris, die säkulare Hauptstadt der Welt, ist als Metropole so gastfreundlich, vielfältig und charmant wie nur denkbar. Und der Todeskult sucht sich seine Ziele mit makabrer, sich selbst entlarvender Akkuratesse. Alles, was sie hassen, stand an diesem fröhlichen Freitagabend ihnen vor Augen: Männer und Frauen in lockerer Verbindung, Wein, freies Denken, Gelächter, Toleranz, Musik, wilder und satirischer Rock'n'Roll und Blues."

Pascal Bruckner fordert in der NZZ eine ganze Reihe von harten Maßnahmen gegen Dschihadisten in Frankreich, hält zunächst jedoch fest, dass die Mörder von Paris ihre Taten nicht mal mehr rechtfertigen: "Pure Rhetorik: Sie töten uns nicht für das, was wir tun, sondern für das, was wir sind. Unser Verbrechen ist, dass wir existieren; unsere Schuld, dass wir in freien Gesellschaften leben, wo Gleichberechtigung herrscht. Der wahre Motor des Fundamentalismus ist weniger die skrupulöse Wahrung der Tradition (was eher Rigorismus wäre) als vielmehr die Angst vor einer Daseinsweise, die auf Autonomie gründet, auf permanenter Innovation, auf Schwächung der Autorität."

In Libération sieht Laurent Joffrin das ähnlich, und doch anders: "Es ist die Toleranz, auf die sie zielen, nicht Frankreich. Daher wäre es grundfalsch, selbst intolerant zu werden."

In der Presse liefert Bernard-Henri Lévy eine Gebrauchsanweisung für das, was ansteht: Krieg sei jetzt so notwendig wie in den dreißiger Jahren, schreibt Lévy einerseits und benennt den Islamofaschismus als Feind. Anderseits verlangt er strikte Differenzierung und großzügige Aufnahme der Flüchtlinge: "Wir müssen noch mehr die Arme öffnen für jene, die vor dem IS flüchten, und gleichzeitig unerbittlich gegenüber jenen sein, die unsere Prinzipientreue ausnutzen, um sich in Europa einzuschleichen und hier ihre Untaten zu begehen."

Kenan Malik betont, dass die Attentäter nicht gegen den französischen Staat wüteten, sondern gegen die Werte von Vielfalt und Pluralismus: "Solche Akte werden häufig rationalisiert, indem man sie zu unvermeidlichen Folgen eines Ungerechtigkeitsempfindens erklärt, das durch westliche Außenpolitik oder eine anti-muslimische Haltung im Westen erzeugt wurde. Doch die meisten Angriffe richten sich nicht gegen politische Ziele, sondern Cafés, Züge und Moscheen. Solchen Angriffen geht es nicht darum, einen politischen Punkt zu machen - wie zum Beispiel die IRA-Attentate in den 70er und 80er Jahren -, sie sind Ausdruck eines nihilistischen Wütens, ihr Ziel ist allein, Furcht zu verbreiten. Das ist kein Terrorismus mit einem politischen Ziel, sondern Terror als Selbstzweck."

In der Welt fordert der Soziologe Jean-Pierre Le Goff Selbstkritik von der französischen Politik: "Der radikale Islamismus baut sich auf Destruktion auf, die einen Teil der Jugend mitreißt und im Fanatismus und Terrorismus mündet. Der Antisemitismus erblüht in den abgelegenen Gegenden der Republik; man hat selbst ernannten Imamen aus fundamentalistischen Ländern erlaubt, Hass gegen die Demokratie, gegen die Juden und gegen die Christen zu predigen, gegen die 'Gotteslästerer' und alle 'Ungläubigen'. Da die diesbezüglichen Länder gleichzeitig Verbündete sind, ist man von staatlicher Seite nicht sonderlich daran interessiert, sich mit ihnen anzulegen."

Die Attentate auf Charlie Hebdo setzten noch auf Ressentiments gegen Karikaturisten und Juden, erinnert auch Andreas Fanizadeh in der taz, die Attentäter des 13. November agierten im Kollektivwahn: "Diese irre Blindwütigkeit könnte doch vielen von jenen die Augen öffnen, die bislang aus einem irgendwie gefühlten Abstammungs- und Gegenrassismus Sympathien für den Islamismus in Frankreich hegten. Wo Hunderte in den heiligen Krieg ziehen, gibt es ein Umfeld von Tausenden, die ähnlich denken, ohne deswegen gleich zur Tat zu schreiten."

In einer Reportage, die der Freitag von Guardian übernommen hat, beschreibt Martin Chulov die IS-typische Kombination von Wahn und Effizienz: "Die Dschihadisten betrachten Assad zwar als Teil des Problems, verfolgen aber ein weitreichenderes Ziel. Deshalb hintertreiben sie die Sache der Rebellen. Wo sie können, verwandeln sie den Kampf gegen das Regime in ein nihilistisches Alle-gegen-alle."

Um die ewige Diskussion zu vermeiden, ob "das etwas mit dem Islam zu tun hat", schlägt Henri Tincq in Slate.fr im Licht einiger Studien vor, den Begriff der sektenähnlichen Mobilisierung auf die Dschihadisten anzuwenden: "In der Tat finden sich in allen, von den Spezialisten studierten Fällen islamistischer Radikalisierung Muster, die auch außerhalb des Islams benannt worden sind: Gehirnwäsche, Bruch mit der schulischen, familiären und sozialen Umgebung, Indroktinierung per Internet, Anwerbug von Jugendlichen und Kindern, antisozialer Diskurs, Verstöße gegen die öffentliche Ordnung, Vorstrafen, große Geldsummen."

Im Gespräch mit Lena Bopp in der FAZ sagt der französische Politologe Asiem El Difraoui: "Diese Terroristen sind keine Flüchtlinge. Leute, die sich solche Ziele aussuchen, kennen das Viertel ganz genau. Sie sind schon lange hier, nicht erst seit zwei Wochen. Um zu verhindern, dass (die Flüchtlinge) den Islamisten in die Hände fallen, muss man eine europaweite Debatte anstoßen: Was ist unsere Identität? Wie vermitteln wir den jungen Leuten, dass diese Gesellschaften die besten sind, die es gibt?"

Außerdem: In der Welt schildert Bodo Mrozek aus eigener Anschauung den Terror am Boulevard Lenoir. In der FAZ versucht der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze ein Psychogramm der "Ultraislamisten" mit ihrer "Tunnelrationalität" und "Vergeltungsreligiosität". Claus Leggewie schickt einen Brief aus Paris. Die SZ findet bei ihren Recherchen im Umfeld der Täter heraus: "Junge Menschen wollten vor allem junge Menschen töten." Gila Lustiger spricht im FAZ-Interview über die Stimmung in Paris.
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Ideen

Viele französische Intellektuelle haben zum ersten Mal von den Ereignissen gehört, als sie nach der Trauerfeier für André Glucksmann auf dem Fiedhof Père Lachaise noch zusammensaßen. Michel Crépu schreibt in Le Monde über "die Musik Bachs, von der Cioran einst sagte, sie sei die 'einzige Entschuldigung des Universums, denn irgendeine braucht es ja'. Und nachdem die Überreste André Glucksmanns verbrannt waren und die Musik Bachs alles mit sich genommen hatte, kehrte man mit einem Gefühl des Friedens heim - um gleich wieder mitten im Alptraum zu landen."

In Wien wurde dem Schriftsteller und Historiker Doron Rabinovici am Freitag der Ehrenpreis für Toleranz in Denken und Handeln verliehen. In seiner Dankesrede, nachzulesen im Standard, beschreibt er die "die schillernde Ambivalenz" der Toleranz und resümiert: "Vielleicht ist das, was von der einstigen Idee der Toleranz bleibt, nachdem viele ihrer Aspekte verrechtlicht und mit gutem Grund durch Gleichberechtigung, Menschenrechte, Antidiskriminierung, Verhetzungsverbot und Minderheitenschutz ersetzt wurden, der Zweifel an der eigenen Weltanschauung und die Verteidigung der Vielfalt als Prinzip. Das ist nicht nur die Einsicht, nicht in allem übereinstimmen zu müssen, sondern der Gedanke, die Verschiedenheit sei ein Wert an sich, wobei die Debatte über die richtigen Antworten dadurch nicht beendet, sondern im Gegenteil erst angeregt und angereichert wird."

In der Jungle World stellt Jacob Hayner ein Buch des aus dem Iran stammenden Wiener Psychoanalytikers Sama Maani vor: "Respektverweigerung. Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten. Und die eigene auch nicht". In sechs Essays denke Maani über die neue Religiosität und die moralischer Diskurskontrolle nach: Warum zum Beispiel ist es "unmöglich, über den Islam zu sprechen? Maani sieht die Ursache in einer Verkehrung des Sprechens, bei der sowohl rechte wie linke Argumentationen die Gleichsetzung von Islamfeindlichkeit und Rassismus benutzen, in je unterschiedlicher Absicht zwar, in beiden Fällen aber mit den gleichen fatalen Konsequenzen. Denn diese Gleichsetzung, die Identifikation einer Religionszugehörigkeit als quasi-rassisches Merkmal, hat das Konzept des kulturellen Rassismus zur Folge, wobei nicht nur das Individuum der Kultur einverleibt wird und somit Kulturen zum Objekt eines vermeintlichen Rassismus werden, sondern eben die Unveränderlichkeit veränderbarer Merkmale wie Religion behauptet wird."
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Medien

In der NZZ stellt Paul Schneeberger mit einiger Begeisterung die niederländische Platttform Ruimtevolk vor, auf der Fachleute Fragen von Stadt- und Raumplnung diskutieren. Ebenda porträtiert Rolf Hürzeler den Comic-Autor Joe Sacco, der seine nicht unbedingt journalistisch ausgewogenen Reportagen mit äußerst feinem Strich zeichnet.
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