Efeu - Die Kulturrundschau

Dieses Feuer der Liebe

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14.11.2015. Die modebewusste deutsche Frau der Dreißiger musste ein Chamäleon sein, erfährt die NZZ im Münchner Stadtmuseum. Bei "Eisler on the Beach" am Deutschen Theater erleben taz und FR die Musealisierung des Kommunismus. Der Freitag verfolgt gebannt die Genese des Bob-Dylan-Sounds. Die FAZ macht sich ernste Sorgen um den Macho auf der Bühne. Die NZZ interpretiert Bartolomeo Suardis Kreuzigungsszene in der Pinacoteca di Brera und "Star Wars".

Bühne


Der Kommunismus wird Goldstaub: Simone von Zglinicki, Michael Schweighöfer und Daniel Hoevels in "Eisler on the Beach" (Foto: Arno Declair)

Die Berliner Bühnen halten Rückschau auf den Kommunismus: Am Deutschen Theater versprechen Tom Kühnel und Jürgen Kuttner mit einem Hanns Eisler gewidmeten Theaterabend eine "kommunistische Familienaufstellung mit Musik", womit sie René Hamann allerdings ziemlich langweilen. Ihm kommt das "historisch sehr, sehr weit entfernt" vor, schreibt er in der taz, und warum die Schilderung von Eislers Konflikt zwischen Hollywood und seinen kommunistischen Überzeugungen "2015 jenseits der geschichtlichen Aufklärung noch von Interesse sein soll, bleibt unklar. Dabei steckte ja mehr Brisanz in dem Stoff: Kühnel und Kuttner haben brillante Ideen, was die Umsetzung angeht (die Kostüme von Daniela Selig seien auch noch genannt), konzentrieren sich aber auf einen Nebenaspekt. Und Eislers Musik hat inzwischen reichlich Staub angesetzt." Dirk Pilz von der FR hat die Intention des Abends zwar durchschaut: "Der Kommunismus soll Kunst werden, nicht die Kunst Kommunismus." Aber: "Der Kommunismus wird zum Museumsmaterial, wird Goldstaub ... Beiseite gespielt. Ins Museum gestellt."

Enttäuscht berichtet Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung vom Auftakt des Festivals "Marx' Gespenster", das am Berliner HAU begonnen hat: Bei Sylvain Creuzevaults "Das Kapital und sein Affe" entspanne sich zwar "ein Debattentheater (...), das als historische Lektion viel Interessantes bringt und durch die starken Schauspieler auch nie fad wird, doch bleibt es ganz in der Vergangenheit stecken."

Starke, furzende, an die Grenzen ihrer Physis gehende Frauen und sanfte Metro-Männer - beim Vorsprech-Marathon der Schauspielabsolventen in Neuss konnte man geradezu vertauschte Geschlechterrollen beobachten, berichtet Simon Strauss in der FAZ, der angesichts dessen allerdings Vorbehalte laut macht. Übertriebene Männlichkeit im Alltag infrage zu stellen, mag zwar angeraten sein, doch für die Bühne sei dies fatal: "Das Theater braucht kraftstrotzende, schwierige, auch manierierte Männertypen, um die uralten Geschichten von Rache, Betrug und Ehrenmord einigermaßen zu bewältigen, intellektuell und emotional begreifbar machen zu können."

Weiteres: Im Tagesspiegel berichtet Frederik Hanssen über den Stand der Renovierung des Berliner Theaters an der Parkaue, dem größten Kinder- und Jugendtheater Deutschlands. Im Standard unterhält sich Ronald Pohl mit Karin Bergmann, der Direktorin des Wiener Burgtheaters. Besprochen wird Oliver Pys Inszenierung der Urfassung von Richard Wagners "Der fliegende Holländer" am Theater an der Wien (Standard, Presse, Kurier, FAZ), Nora Schlockers Inszenierung von Marlowes "Edward II" am Theater Basel (Tages-Anzeiger) und die Performance-Installation "Söhne und Söhne" von der Künstlergruppe Signa am Schauspielhaus in Hamburg (Welt).
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Film

Als eine "ganz außergewöhnliche, auf religiösem Fundament und höchster Liebe zum Detail errichtete Zukunftsvision" beschreibt Björn Hayer in der NZZ die "Star Wars"-Saga und hebt in seiner Analyse insbesondere ihre "psychologische Tiefenbedeutung" hervor: "Die galaktischen Weiten des Lucas-Universums sind vor allem eines: ein Abbild unseres Bewusstseins, worin widerstrebende Kräfte, Unmoral und Tugend, Lust und Vernunft in dauerhaftem Wettstreit stehen. 'Stars Wars' ist und bleibt ein Menschheitsdrama, in dem wir aber immerzu unsere ganz eigene Geschichte entdecken."

Auf Artechock resümiert Ulrich Mannes eine Münchner Filmreihe mit PreCode-Hollywoodfilmen. Besprochen werden der japanische Animationafilm "Erinnerungen an Marnie" von Hiromasa Yonebayashi (Artechock, Perlentaucher), Woody Allens "Irrational Man" (FAZ) und der ARD-Film "Die Diplomatin" (Welt).
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Kunst

Bartolomeo Suardi ist einer der wenigen Mailänder Renaissancemaler, die sich der überwältigenden Wirkung Leonardos entziehen. In der NZZ unterziehen Peter und Christa Bürger seine Kreuzigungsszene in der Mailänder Pinacoteca di Brera einer interpretierenden Analyse. Dabei stellen sie fest, dass sich der Rotton von Maria Magdalenas Umhang auch im Gewand des Engels und dem Sonnengesicht darüber wiederfindet: "Sie hebt das rote Tuch sehnsuchtsvoll zu dem Sterbenden am Kreuz empor, das die schlaffe Hand der Gottesmutter nicht erreicht. Die Hand des Engels ist rot bestrahlt von der Sonne, ja sie scheint zu glühen... Dieses Feuer der Liebe, das von dem Umhang Maria Magdalenas ausgeht und in der Hand des Engels glüht, erfasst mit seinem Glanz bereits den Teufel, dessen Antlitz und Brust zu leuchten beginnen vor dem dunklen Flügel hinter ihm. In dem Bild vollzieht sich so die Wiederbringung aller."

Weitere Artikel: Ebenfalls in der NZZ schreibt die Zürcher Kunsthistorikerin Claudia Bertling Biaggini über Tizians Lichtsymbolik. Für die taz spricht Alina Leimbach mit der Künstlergruppe Frankfurter Hauptschule, deren gentrifizierungskritische "Heroin Performance" nach Protesten seitens der Behörden abgesagt wurde.

Besprochen werden die Joan-Mitchell-Retrospektive im Museum Ludwig in Köln (Freitag), die Ausstellung "Poesie der Farbe" in der Staatsgalerie Stuttgart (FR) und die Markus-Lüppertz-Ausstellung im Bode-Museum in Berlin (Tagesspiegel).
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Literatur

Der Perlentaucher dokumentiert Arno Widmanns Laudatio auf taz-Reporterin Gabriele Goettle: "Seit dreißig Jahren porträtiert sie Menschen, zeigt uns, dass es nichts Uninteressantes gibt, dass, wer für das System, in dem wir leben, irrelevant ist, in einem anderen systemrelevant sein könnte."

Weitere Artikel: In der FAZ schreibt Najem Wali über den Wandel der intellektuellen Schriftsteller in Guatemala, El Salvador und Nicaragua: Wo früher Zensur und Unterdrückung herrschte, liegt heute eine liberalere, aber uneindeutigere Situation vor - und viele der Schriftsteller befinden sich heute im offenen Widerspruch zu ihren früheren politischen Weggefährten. Für die SZ besucht Peter Richter die New-Journalism-Legende Gay Talese. In der Literarischen Welt unterhält sich Frédéric Schwilden mit dem Comiczeichner Ralf König über dessen neues Werk "Pornstory". In Italien erfreut sich die Geschichte Pinocchios ungebrochener Popularität, berichtet Thomas Steinfeld in der SZ. Die NZZ druckt die Laudatio des Schriftstellers Martin Mosebach auf seinen Kollegen Hans Magnus Enzensberger zur Verleihung des ersten Frank-Schirrmacher-Preises. Und das Verlagsblog Hundertvierzehn bringt den dritten Teil des Webcomics "Der Sommer ihres Lebens" von Thomas von Steinaecker und Barbara Yelin.

Besprochen werden eine Neuübersetzung von Pierre Bosts in den 20ern erstveröffentlichtem Roman "Bankrott" (FR), der Briefwechsel zwischen Fritz Bauer und Thomas Harlan (taz), Eimear McBrides "Das Mädchen ein halbfertiges Ding" (taz), Anna Baars "Die Farbe des Granatapfels" (FAZ, mehr dazu hier), Ulrich Raulffs "Das letzte Jahrhundert der Pferde" (SZ, mehr dazu hier) und eine dem Comicjournalist Joe Sacco gewidmete Ausstellung im Cartoonmuseum Basel (FAZ).

Mehr aus dem literarischen Leben im Netz in unserem mehrfach täglich aktualisierten Meta-Blog Lit21.
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Design

Unter dem Titel "Gretchen mag's mondän" zeigt das Münchner Stadtmuseum deutsche Damenmode der Dreißigerjahre. Ihre ideale Trägerin musste ein Chamäleon sein, stellt Karin Leydecker in der NZZ fest: "Vier- oder fünfmal am Tag sollte sie - je nach Anlass und Aktivität - ihre Garderobe wechseln. Auf 'Pantöffelchen und Schlafrock' folgten 'Sportdress' und 'Laufkleid', dann das 'Komplet' oder das elegante Nachmittagskleid mit Pelz, schließlich die große Robe bis hin zum raffinierten 'Tagesendkleid' und dem Seidennégligé. Sich immer neu erfinden vom sportlichen Kumpel bis zur Femme fatale war eine anstrengende und teure Angelegenheit. Aber vor allem war es ein cleveres Spiel mit den Metaphern der feudalen Welt: reich und schön und Hauptsache blond mit Wasserwelle." (Foto: Hosenmode, aus der Zeitschrift Das Magazin, 1931)
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Stichwörter: 30er, Damenmode, Drittes Reich, Pelz

Musik

Im Freitag singt Jörg Augsburg vom stillen Glück des entzückten Dylanologen. Den Anlass bietet ihm die 12. Lieferung von Bob Dylans "Bootleg Series", die den Entstehungsprozess des Albums "Highway 61 Revisited" nachvollziehen lässt: "Selbst als Verfechter der reinen Lehre vom finalen Kunstwerk als Willen des Künstlers lässt sich kaum anderes feststellen: Das ist großartig. Bis heute entwickelt gerade [dieses Album] eine Wirkmächtigkeit, die durch die Sektion seiner Entstehung noch gestärkt wird. Keine Spur von Langeweile, während man sich durch gleich mehrere Versionen der ja altbekannten Songs hört, die sich zum großen Teil während der verschiedenen Sessions spürbar verändern, meist weg vom anfangs immer noch dominanteren Folk-Gestus hin zum komplett neuartigen Bob-Dylan-Sound".

Besprochen werden das neue Album "Garden Of Delete" von Oneohtrix Point Never (The Quietus), ein Slayer-Konzert (Tagesspiegel), die Autobiografie des Proto-Punks Richard Hell (taz), das neue Album vom Electric Light Orchestra (Pitchfork), Tim Heckers "Norberg/Apondalifa" (Pitchfork), die Wiederveröffentlichung von A Tribe Called Quests "A People's Instinctive Travels and the Paths of Rhythm" (Pitchfork), die neuen Alben von Justin Bieber und One Direction (Welt) und "Art Angels" von Grimes (SZ, mehr dazu hier).
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